SchluchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich IM. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
<M 34. Samstag, den 28. April 1906. 57. Jahrgang.
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Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
Incattüia finden in der Schlüchterner IlldUlO Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- ttrn erscheinenden Zeitungen besitzt.
Oeffenüicher Wetter-Nachrichtendienst.
Im bevorstehenden Sommer gelangt ein öffentlicher Wetterdienst zur Einführung, der durch Ausgabe von Wettervorhersagen und rasche Verbreitung von Witterungsnachrichten in erster Linie den Landwirten Gelegenheit geben soll, das jeweils bevorstehende Wetter bei ihren Arbeiten besser zu beachten als bisher.
Das Gebiet Norddeutschlands wird zu diesem Zwecke in neun Bezirke geteilt, deren jeder eine Wetterdienstelle erhält; vorläufig sind dafür in Aussicht genommen die Orte Königsberg i. Pr., Bromberg Brtslau, Berlin, Magdeburg, Hamburg, Weilburg, Aachen und Ilmenau. Alle diese Dienststellen werden an jedem Morgen durch Vermittelung der Hamburger Seewarte telegraphisch die Wetterbeobachtungen em pfangen, welche um 8 Uhr morgens an etwa 70 über ganz Europa verteilten Wetterstationen angestellt sind. Außerdem erhalten die Dienststellen telegraphische Morgeuberichte von einigen wichtigen Orten ihres Bezirks und Postkarten von (im Sommer) etwa 30 über Deutschland verteilten Stationen, welche das Wetter des Vortages melden.
— Mittels dieser verschiedenen Angaben werden Karten über die Witterungsverteilung in Europa hergestellt. Auf Grund von Vergleichungen dieser Karten mit denen der vorangegangenen Tage sowie aus Grund genauer Beobachtungen der Witterungsvorgänge am Orte der Wetterdienststelle werden alsdann „Wettervorhersagen" für den Nachmittag und den nächsten Tag aufgestellt. Diese Vorhersagen, welche nach den klimatischen Unterschieden innerhalb des Bezirks für verschiedene Gebietsteile eine verschiedene Fassung erhalten können, werden der nächst gelegenen Telegraphenanstalt bis 11 Uhr vormittags mitgeteilt, sofort
N-wegle- Keöe«.
Roman von Max von Weißenthurn. 66
„Ich überlasse Dir, es zu tun. Verzeihe derMutter,welche schwer gefehlt hat. Jchbin zu der Erkenntnis gekommen, daß jede» begangene Unrecht seine Strafe in sich birgt, die es hin- dert, daß man zum Vollgeunsse dessen gelange, wa» man anstrebte. Wenn eS möglich ist, so erspare dem Fürsten da» Peinliche meine» Bekenntnisses. Wie ich ihn kenne, würde dasselbe ihm zur blutenden Wunde werden, die ihn vielleicht hindert, sich an der Wiedcrauffiudung seines Kin- de» so schrankenlos zu freuen, wie ich eS wünsche. Gott gebe, daß eS Dir gelingen möge, ihm Dolore» in die Arme zu legen. So unwürdig ich auch sein mag, als Mutter steht mir sicherlich da» Recht zu, den Segen der Himmel» auf die Häupter meiner Kinder herniederzubeschwören. Möge dieser Segen Dich geleiten, Dich zum Ziele führen und Dein Herz so weich stimmen, daß Du verzeihen lernst. Ich fühle, daß mir mein Herz bricht unter der Last meiner großen Schuld, ich höre es kaum noch schlagen. Gott möge mir gnädig sein. Deine unglückliche Mutter."
In wortloser Erschütterung schlug Graf Walter die Hätide vor da» Gesicht, nachdem er dieses Schreiben gelesen. Eine kleine Weile saß er stumm und regungSlo», dann aber sagte er sich, daß jetzt die Zeit der raschen Handeln» sei, nicht jene, schmerzvoll zu grübeln. Hastig ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier werfend, befahl er, an- zuspannen und schickte da» Billet, welche» er geschrieben, Su dem Hausarzte de» Fürsten, dem Hofrat Günther, mit er Bitte, sich unverzüglich zu ihm zu begeben.
In unglaublich kurzer Zeit wurde das Eintreffen de» Hofrat» dem Grasen angemeldet und mit jener Haft, welche rasche» Handeln erforderte, begaben sich die beiden Herren nach dem Palais LichtenfelS.
Hofrat Günther konstatierte einen Herzschlag und Fürst *^“- -“fc <•* t>-— (RAmetie bin den der Verlust des von
telegraphisch an alle Telegraphenanstalten des Bezirks weitergegeben und dort vor 12 Uhr mittags öffentlich ausgehängt. Sie sollen außeroem gegen mäßige Abonnementsgebühren durch Telephon oder Briefträger verbreitet werden Die Vorhersagen sollen das Wetter kurz kennzeichnen und außerdem regelmäßig aussprechen, ob bis zum nächsten Mittwoch Mittag Niederschläge zu erwarten sind. Dabe» wird in den Angaben über Eintrittszeit, Dauer und Stärke der erwarteten Nieder- sckläge immer größere Bestimmtheit angestrebt werden.
Außer der Vorhersage wird noch eine gedruckte „Wetterkarte" in den Vormittagsstunden hergestellt und baldmöglichst durch die Post verbreitet. Die Wetterkarte ist eine Landkarte, welche mit einfachen und auf jedem Blatt erklärten Zeichen die Verteilung des Luft drucks über Europa barstest und Angaben über Temperatur, Bewölkung, Niederschlag und Wind an den einzelnen Beobachtungsstationen enthält. Sie gibt also einenen Ueberblick über die Wetterlage in Europa um 8 Uhr vormittags. Außerdem enthält die Karte eine kurze sachliche Schilderung der Witterungsverteilung und eine allgemein gehaltene Wettervorhersage. Diese Karten erleichtern somit dem Leser das Verständnis für die am eigenen Wohnorte beobachteten Witterungsvorgänge und geben ihm die Möglichkeit, seine eigenen Anschauungen über das kommende Wetter zu vervoll- kominen. Es wird erstrebt, die Wetterkarte an allen Telegraphenanüalteu, Amtshäusern, Schulen u. s w. öffentlich auszuhängen und außerdem durch ein billiges Aöonne^-nt (monatlich 0,50 Mk.) möchlichst weit zu verbreiten.
Es muß ausdrücklich hervorgehoben werden, daß der neu einzurichtende Vorhersagedienft zunächst einen Versuch barstellt; die hierbei zu fammelden Erfahrungen werden dazu beitragen, d-e Einrichtung allmählich zu vervollkommen. So werden die Größe der Bezirke, welche von den einzelnen Dienststellen mit Nachrichten versorgt werden, die gegenseitige Abgrenzung dieser Bezirke, ihre Einteilung in kleinere Gebiete mit verschiedenen Vorhersagen und vielerlei andere Dinge erst auf Grün der noch zu gewinnenden Erfahrungen in immer zweckmäßigerer Weise angeordnet werden können.
Wenn also nicht schon von der nächsten Zukunft erwartet werden kann, daß der Wettervorhersagedienst als eine durchweg einwandfreie Einrichtung sich erweist so wird doch dies Ziel um so eher und um so vollständiger erreicht werden, je mehr die beteiligte Bevölkerung durch verständnisvolles Eingehen auf die geschilderten Verhältnisse zur Förderung des Gelingens beiträgt.
Der Tag, an welchem die Fürstin Lenore LichtenfelS au» dem Leben geschieden, war auch jener, au welchem in der Notariatskanzlei des Doktor Klob die Unterzeichnung des Vertrages hätte stattfinden sollen, laut welchem gegen den Empfang eines namhaften Vermögens, Emil Sternau alle in seinen Händen befindlichen, kompromit- tierenben Papiere auSlieferte und sich verpflichtete, die Heimat für immer zu verlassen.
Wie die Dinge nun standen, wollte Graf Auleuhof sich natürlich nicht zu allen Opfern Herbeilaffen. zu welchen er sich bisher bereit gefunden hatte.
Galt es ja doch vor allem ztvei Dinge streng zu scheiden, die nichts mit einander gemein hatten und zwar die gefälschten Unterschriften einerseits, die Geschichte deS Kindes andererseits, welche, wie Walter angesichts der rück- haltslosen Mitteilungen seiner Mutter, fest überzeugt war, nur auf Lüge und Verleumdung beruhten, die Sternau gewissenlos ersonnen, um sich einen höheren Geldbetrag zu erpressen. Damit er über jenen vollständige Gewalt erlangen und ihn,wenn nichtöffentlich, so doch unter vier Augen entlarven könne, galt e« aber vor allem Zeit zu gewinnen. Wenn er auch den Fürsten nicht inS Vertrauen ziehen wollte, so mußte er doch, wenn nicht anders, durch dessen Vertreter den Trauschein d-r Fürsten wenigsten» auf Stunden in die Hand bestimmen, muffte eS ihm gelingen, nachzuweise», daß deffen Kind zweiter Ehe in Döbling geboren, daß eS dem Ehepaar Sternau über- geben worden fei, mußte er festste»«», daß diese» Kind identisch war mit dem Mädchen, welche» im Kloster der Schwestern zum armen Kinde Jesu erzogen und nun al» Gesellschafterin der Fürstin LichtenfelS in Jolowitz welle.
Um alle diese Nachforschungen in gründlicher Weis« durchzuführen, bedurfte er Zeit, möglichst viel Zeit. ES blieb also nicht» andere» zu tun übrig, als Sternau hin- zuhalten, ohne seinen Verdacht zu erwecken. E» war ihm die, leichter möglich, wenn er dem Schurken mcht gegen-
.....—K — «..c*r„6 fnmit heil ersten Augenblick,
Deutsches Reich.
— König Oskar von Schweden ist Urgroßvater geworden. Prinzessin Gustav Adolf von Schweden, die Gemahlin des ältesten, seit dem vorigen Jahre vermählten Sohnes des Kronprinzen von Schweden, wurde von einem Prinzen entbunden.
— Eine Jahrhundertfeier begeht am 27. April d. I. das Fürstenhaus von Reuß j. L., deffen Hauptsitz in Sera ist, wo Erbprinz Heinrich XXVII. für seinen Vater, den Fürsten Heinrich XIV., die Regierung führt, während Fürst Heinrich XIV. seit 1902 Regent von Reuß ä. L. ist. Die Jahrhundertfeier der jüngeren Reußenlinie bezieht sich auf die im Jahre 1806 zu Wien erfolgte Erhebung in den Rechtsfürstenstand. Die Reußische Fürstenfamilie entstammt einer der ältesten Thüringischen Dynastien und führt ihre Abstammung auf Erkenberl, den Herrn von Weida, bis in daS Jahr 1122 zurück. Im Laufe der Jahrhunderte haben mehrere Gebietsteilen und Abzweigungen stattgefunden. Bis in unsere Zeit hinein bestehen die beiden regierenden Linien Reuß ä. L. und Reuß j. L., von denen die ältere Linie mit Fürst Heinrich XXIV. ausstirbt.
— Der Hamburger Seemannsstreik hat seine Bedeutung vollständig verloren. Zahlreiche Hamburger Seeleute gingen mit dem Dampfer „Hansa" nach der Unterelbe znm anheuern, weil sie bei dem reichlichen Leuteangebot sonst stellungslos zu bleiben fürchten.
— Am vergangenen Montag früh 5 Uhr hat der größte Dampfer der^Welt „Kaiserin Augusta Viktoria" den Stettiner ^afes verlassen Da der Dampfer seine eigenen Maschinen bis nach Swinemünde nicht ge- brauchen kann, mußte der Dampfer durch 8 Hebeprähme gehoben werden. 4 Eisbrecher und 2 Bug- sierdampfer werden den Koloß nach der Ostsee schaffen und Hunderte von Arbeitern werden die Fahrt nach Swinemünde mitmachen, um die innere Einrichtung des Dampfers zu beendigen.
— Man glaubt, wie die Neue mil-pol. Korespondenz mitteilt, annehmen zu können, daß der kommandierende General des 11. Armeekorps in Casfel, Linde als Nachfolger des verstorbenen Generals Her Infanterie Slötzer nach Metz gehen wird. Nach Casfel soll dafür der Kommandeur der 26. (1. Königl. Württemberg ) Division, Generalleutnant Albrecht Herzog von Württemberg, bestimmt sein.
- In der Zeit vom 1. bis 28. Mai d. Js. wird auf Veranlassung des Ministers für Handel und 'Gewerbe ein zweiter Unterkursus zur Ausbildung von Lehrern an gewerblichen Fortbildungsschulen in Berlin
ten Fürsten beschäftigt war, dazu zu benutzen, um ein Billet an Sternau, unter Einschluß an Doktor Klob schicken, bei welchem dieser sich zweifelsohne schon eingefunden haben würde.
Dasselbe war so kurz und geschäftsmäßig als möglich verfaßt. Es lautete: „Euer Wohlgeboreu! Der plötzlich eingetretene Tod meiner Mutter, der Fürstin Lichtenfel» macht es mir unmöglich, der mit Ihnen getroffenen Ber- eiilbarling heute ober in den nächsten Tagen nachkommen zu sönnen, da es sich bei Ihnen aber schließlich um ein Geschäft handelt und ich Sie nicht in momentane Verlegenheit zu bringen beabsichtige, beauftrage ich unter einem Herrn Doktor Klvb, Ihnen auf die auSzufolgen- den Schriftstücke eine Konto-Zahlung von vierzigtausend Kronen zu leisten, mir vorbehaltend, sobald die Tage der ersten Aufregung vorüber, auf unseren Vertrag zurückzu- kvmmeu. Ich fühle mich verpflichtet. Ihnen davon Mit- teilung zu machen, daß die» feüteSfuH» früher al» in vierzehn Tagen wird geschehen können, wonach ich Sie sich zu richten bitte. Graf Walter Aulenhof." 131,18
Den Notar seinerseit» setzte Graf Aulenhof ebenfall« in kurzen Worten von dem Geschehenen in Kenntui», ihn gleichzeitig auffordernd, Emil Sternau die genannt« Summe anzuweise». Damit war Zeit gewonnen und da» galt viel! Schmerzlich war er ihm, sich eben wegen all dem, was es nun, nicht nur anläßlich des Todesfälle», sondern auch wegen der zu pflegenden, wichtigen Nachforschungen zu tu» gab, nicht so, wie er e» gewünscht haben würde, seinem Stiefvater widmen zu können, der in geradezu beängstigender Weise seinem Schmerze verfiel.
Walter war angesichts desselben ratlos, um so mehr, al» der Fürst seinen Vorschlag, er möge sich nicht an den Tranerfeierttchkeiten beteiligen, sondern nach Jolowitz zu seiner Mutter fahren, mit geradezu heftiger Entrüstung von sich gewiesen hatte, inbem er erklärte, keine Mach» des Himmels und der Erde werde ihn daran hindern,