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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 32.

Samstag, den 21. April 1906.

57. Jahrgang.

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lern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Zum Osterfest war die kaiserliche Familie in Berlin und Potsdam versammelt. Es wurde der Gottesdienst besucht, ein Eiersuchen verunstaltet, auch fanden Ausflüge bei schönem Frühlingswetter statt.

Der Kaiser nimmt an den Herbstjagden des Herzogs von Ratibor teil.

Der Reichskanzler Fürst Bülow hat das Oster­fest bei gutem Befinden verbracht. Auf Wunsch des Geheimrats v. Renvers hat der Patient das Bett bis heute noch nicht verlassen; wahrscheinlich aber wird ihm schon in der allernächsten Zeit die Erlaubnis zum Verlassen des Krankenzimmers gegeben werden.

Nach einem Erlaß des Eisenbahnministers v. Budde ist die Gewährung von staatlichen Baudarlehen an Eisenbahnbeamte und Arbeirer zur Herstellung von Eigenhäusern in Aussicht genommen. Das Baudar- lehn soll mehr als drei Viertel der Gebäudeselbstkosten bei einem Zweifamilienhaus den Betrag von 6000 Mk. nicht übersteigen. Der Darlehnsnehmer hat mindestens 6 v. H. des empfangenen (ursprünglichen) Darlehnsbetrages jährlich zu entrichten und zwar 3*/2 v. H. zur Verzinsung des jeweilig noch ungetilgten Darlehnsteiles und den Rest zur Tilgung des Dar- lehns. Voraussetzung für die Gewährung eines solchen Darlehns ist, daß der Grund und Boden bereits schulden- und lastenfrei im Besitz des Darlehnsnehmers ist; da das Staatsdarlehen im Grundbuch an erster Stelle eingetragen werden muß.

Ueber den Entwurf des Automobilhaftpflicht­gesetzes hat Dr. Olshausen, Rat bei der Polizeibehörde in Hamburg, in derDeutschen Juristen-Zeitung" einen Aufsatz veröffentlicht, der zu folgendem Schluß kommt: Der vorliegende Entwurf entspricht im wesent­lichen durchaus den berechtigten Erwartungen, indem sowohl die Grundlage, auf der er sich aufbaut, wie die

große Mehrzahl der einzelnen Bestimmungen Billigung verdienen und angenommen werden darf, daß er nicht nur in der Richtung des Ausgleichs von Schäden wirken, sondern auch zur Vorsicht mahnen und der Entstehung von Schäden vielfach vorbeugen wird. Eine weitere sorgfältige Erwägung erscheint aber noch inso­weit geboten, als es sich um die im Entwurf vorge­schlagenen Ausnahmen von der Anwendung des Gesetzes handelt.

Ein trauriges Zeichen der zunehmenden Ver­rohung in den Großstädten sind folgende Zahlen: Mord und Totschlag sind in der Berliner Todes- ursachen-Statistik des Jahres 1905 mit zusammen 30 Fällen aufgeführt. Die Zahl weicht nur wenig ab von den Zahlen aus den beiden vorhergehenden Jahren ; denn für 1904 und 1903 hatte die Todesursachen- Statistik 28 bezw. 32 Fälle gebucht. Die drei Jahre 1905, 1904, 1903 stehen aber in einem Gegensatz zu früheren Jahren, von denen keines eine auch nur an­nähernd so hohe Zahl aufweist. In den zehn Jahren von 1902 zurück bis 1893 endeten in Berlin durch Mord oder Totschlag 11, 13, 11, 18, 12, 19, 19, 14, 15. 8 Personen.

Eine sozialdemokratische Dienstmädchen-Organi­sation, die sich über das ganze Reich erstrecken soll, beabsichtigt die Sozialdemokratie zu gründen. In Nürnberg ist der erste Verein durch die Arbeitersekre- tärin, Frl. Grünberg, gegründet worden. Der neuen Organisation sollen bereits über hundert Dienstmädchen beigetreten sein. Waschfrauen und Aufwärterinnen will der neue Verein auch aufnehmen, kurzum das ganze weibliche Dienstpersonal organisieren. Von Nürn­berg will sich dann Helene Grünberg auf Reisen be- gÄen, um für die neue Organisation iu ganz Deutsch­land Stimmung zu machen. Die gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft hat angeblich bereits erklären lassen, daß sie die weitergehendste Unterstützung der neuen Organisation entgegenbringen will. An die Schaffung eines eigenen Organs soll auck demnächst gedacht werden. So greift die sozialdemokratische Ver­hetzung immer weiter um sich. Natürlich wird dann auch in keiner Küche derVorwärts" mehr fehlen dürfen.

Ausland.

Vom Anfstande in Deutsch-Ostafrika wird weiterhin berichtet, daß die Truppen im Süden das Beruhigungswerk fortsetzen, und daß die Verbindungen unter dem bedrohten Stationen nach und nach Herge- stellt sind. Regelmäßig wird mitgeteilt, daß große Mengen der Ausständigen gefallen sind, die Verluste

unsererseits sind gering. Trotzdem hat der Aufstand schon neun Monate gedauert, und das Jahr wird voll werden bis zu seiner gänzlichen Unterdrückung. In der Dauer der Unruhen liegt aber ein Anlaß zur künftigen Besserung der Lage. Der Anfstand hat große Kosten gemacht, die sich noch nicht übersehen lassen; er hat bedeutende Werte zerstört und günstige Anfänge der Kultur vernichtet und die Entwickelung des Schutzgebietes auf lange Zeit gestört; denn jetzt wird eine geraume Periode dazu gehören, den früheren Stand wieder herzustellen und das Land vorwärts zu bringen. Wir müssen alle Mittel anwenden, um künf­tig Aufstände zu verhindern. Die Ausgaben eine für das Doppelte ihres jetzigen Standes erhöhten Schutz­truppe sind gering gegen die Kosten des Aufstandes, und das Land bleibt in seiner stetigen Entwickelung.

Der deutsche Botschafter Speck von Sternberg stellte im Weißen Hause zu Washington dem Präsidenten Roosevelt eine Abordnung des Zentralverbanves der Deutschen Kriegerbundmitglieder von Nordamerika vor. Bei dieser Gelegenheit hielt der Präsident eine An­sprache, in welcher er zunächst seinen persönlichen Herzlichen Empfindungen für Kaiser Wilhelm Ausdruck gab und dann den deutschen Kaiser und das deutsche Volk zu dem in Algeciras vollbrachter Werke beglück­wünschte. Er bemerkte dabei, keine Rasse habe den Amerikanern bessere Eigenschaften gegeben als die Männer deutschen Stammes und Blutes.

Der russisch Ministerrat hat beim Zaren um die Ermächtigung zur Einberufung einer Konferenz nachgesucht zum Studium des Uebereinkommens zwischen Rußland, Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Frankreich bebufs gegenseitigen Schutzes Jiu.

Literatur und Kunst. In der Konferenz soll der Handelsminister den Vorsitz führen. Die Konferenz soll zusammengesetzt sein aus Vertretern der Ministerien des Hofes, des Aeußern, des Innern, des Unterrichts, der Akademie der Wissenschaften und Künste sowie aus Vertretern der Literatur und der Kunst.

Aus Peking werden neue Unruhen in China gemeldet, hervorgerufen von der GesellschaftVom großen Messer", die als eine Art Ueberbleibsel aus den Boxerunruhen zu betrachten ist. Die Feindselig­keiten der Aufständischen richten sich dem Namen nach gegen den neuen Unterrichtsplan und die katholischen Christen, in Wirklichkeit jedoch läuft ihr Verhalten auf eine Plünderung der Städte hinaus. Es heißt, daß die Banditen in Honan 12000 Mann zählen und Banner tragen mit der Aufschrift:Nieder mit der Mandschu-Dynastie!" Viele Städte bauen die alten Mauern zum Schutze wieder auf.

ZLewegtes Keve«.

Roman pon Max von Weißenthurn. 62

Der Diener, welchen man zu dem Arzte geschickt, kam mit der Meldung zurück, daß .dieser nicht zu Hause sei, er wäre in aller Eile unmittelbar vor dem Eintreffen der Botschaft aus dem Palais Lichtenfels, abberufen worden, man wisse nicht wohin. Einen fremden Arzt Herbeizuho- len, habe er, der Diener, aber nicht gewagt und deshalb nur die Botschaft hinterlassen, man möge, sobald der Herr Hofrat nach Hause komme, denselben veranlassen schleu­nigst nach dem fürstlichen Palais zu fahren.

Aber eS verging mancher bange Augenblick, ehe der Arzt eintraf, und als es endlich geschah, befand er sich in Gesellschaft deS Grafen Walter v. Aulenhof.

Wie es sich fügte, daß die beiden zusammen eintra- tech dessen achtete man in der allgemeinen Aufregung wohl gar nicht. Dieselbe war unbeschreiblich. Man wußte kaum, wem man die größte Aufmerksamkeit zuwenden solle, der Toten, deren Ableben eine solche Bestürzung hervvrgeru- fen, oder dem Lebenden, der jetzt, nachdem der erste Schreck vorüber, kalt und starr wie ein abgeschiedener Geist an ihrem Lager saß und nichts von allem zu hören schien, waS um ihn her vorging.

*

Walter von Aulenhof hatte die Stunden, welche seiner Unterredung mit Emil Sternau folgten, in erster Linie dazu benützt, um den Doktor Klob, der im Verein mit Rechtsanwalt Zell, ein bewährter, juridischer Ratgeber der Familie Aulenhof seit vielen Jahren gewesen, inS Ver­trauen zu ziehen und mit ihm das Schriftstück aufzusetzen, durch welches Emil Sternau nach Möglichkeit ungefähr­lich gemacht würbe. Den ganzen darauf folgenden Weg verwandle er dazu, um das Geld, dessen er momentan be­durfte, flüssig zu machen und alles für die am midisten Morgen um zehn Uhr stattfiiidende Zusammenkunft vor-

zubereiten. Physisch und geistig müde, in trüber, gedrück­ter Stimmung, kehrte er am Abend nach Hanse zurück und begab sich zeitig zur Ruhe, versuchte zu schlafen und konnte den Schlaf doch nicht finden. Bilder aus der Vergangen­heit, längst entschwundene Kindheitserinnerungen erstan­den in seiner Seele. Mitleid mit der Frau, welche ihm das Leben geschenkt und Abscheu gegen dieselbe, welche im stände gewesen war, ein anderes Kind zu verleugnen, wel­ches doch ihr Fleisch und Blut, wogten in seinem Innern auf und nieder. Zwischendurch sah er im Geiste Eleonore Trouve vor sich, malte er sich aus, wie schön es sein könnte, wenn es seinem Einflüsse gelingen würde, die Mutter zu veranlassen, daß sie das Rechte tue und dadurch vergan- genes Unrecht sühne. Endlich senkte sich wirklich der Schlaf auf seine müden Augen, aber verworrene Bilder waren es, welche ihn peinigten und als er zu früher Morgen- stunde erwachend, anfstand, hatte er durchaus nicht das Gefühl, durch den Schlaf erquickt und erfrischt zu sein, sondern vielmehr jenes, als ob daS Blut ihm bleischwer in den Adern liege.

Wohl sagte er sich, daß die bevorstehende letzte AuS- einandersetzung mit Sternau eS war, die sein Gemüt be­laste, aber seine Nerven waren so irretiert, daß, als sein Diener ihm meldete, Jungfer Sidonie habe einen Brief der Frau Fürstin zu übergeben, er, unwillkürlich Böses ahnend, zusammenzuckte. Das Mädchen hatte die Weisung, das Schreiben persönlich zu übergeben, tat es auch, und als er die Frage stellte, ob seine Mutter eine Antwort der- langt habe, verneinte S.dvuie dies und entfernte sich mit ehrerbietigem Gruß.

Gedankenvoll hielt Walter das Schreiben in Händen ; er scheute sich davor es zu öffnen; was würde es in sich bergen? Konnte es ihm die Möglichkeit biete», wenn er dessen Inhalt gelesen, die Schreiben» zu bemitleiden, das Gefühl zu hegen, es sei auch gegen sie gesündigt worden und aus diesem Umstände erwachse für sie ein Milderungs- grund für alles, was sie getan, oder würde sein Gerech­

tigkeitssinn ihn zwingen, sie noch schroffer zu verdammen denn bisher?"

Mit einem schweren Seufzer entschloß er sich endlich, das Siegel zu lösen. Er zog mehrere eng beschriebene Blätter aus dem Umschlag und als er die erste Seite überflogen, erblaßte er bis in die Lippen und mußte sich Gewalt antun, um weiter lesen zu können.

Die Fürstin schrieb:Mein Sohn! Du weißt eS nicht, welches Glück, welche Freude für inich in diesen beiden Worten liegen, oder richtiger gesagt, liegen könnten, wenn sie mit dem Herzen gesprochen, verwandte Gefühle in Dei­ner Seele wecken würden. Aber der Begriff Mutter ist für Dich ein leerer Schall. Unbewacht und unbetraut von Mütterliche, bist Du aufgewachsen und jene, die Dir das Leben geschenkt, ist Dir eine Fremde, wie Du ihr ein Frem­der bist, mit einem Unterschiede nur! Ich denke, die Gott­heit, welche Menschenschicksale lenkt, legt in jedes Fraueu- gemüt, ob nun sentimental oder verroht, ein gewisses Quan­tum von Liebesfähigkeit, das früher oder später in ir­gend einer Form oder Gestalt erwacht und Blüten treibt. Bei mir hat diese Liebesfähigkeit, so seltsam Dir dies auch klingen mag, brach gelegen bis zu dem Augenblicke, wo Du, mein Sohn, als reifer Mann in mein Leben ge­treten.

Ehrgeiz, Habsucht, Geldgier waren es, die mich zur ersten wie zur zweiten Ehe trieben, nicht Liebe, wenn auch der Fürst, wenigstens im Laufe der Jahre, den Wunsch in meiner Seele wach werden ließ, er möge nicht schlecht von mir denken. Aber Liebe, echte, wahre, große Liebe, die zu jedem Opfer, zu jedein Selbstvergessen bereit ist, die, mein Kind, die habe ich zum erstenmal empfunden, als Du, dessen Kindheit fern von mir verlief, mir als reifer Mann eutgegeugetreten bist, und vielleicht ist diese Empfindung um so mächtiger, weil sich die Reue mit der­selben paart. Ja, ich gestehe eS offen, jetzt zum erstenmal bedauere ich es, so gelebt und gehandelt zu haben, daß Dein Vater sich veranlaßt sah, mich auS dem Leben mei­ner Kinder auSzuscheiden." 131,18