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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

M 31.

Mittwoch, den 18. April 1906.

57. Jahrgang.

Fortwährend

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Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

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Inserate

da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tem erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutscher Deich.

Der Besuch des Kaisers auf der Wartburg wird voraussichtlich auch in diesem Jahre erfolgen, obgleich der Großherzog zur Zeit bekanntlich im Ausland weilt. Se. Majestät der Kaiser begibt sich unmittelbar nach dem. Osterfest nach Homburg v. d. H., wo er am 20. d. Mts. erwardet wird. Diese Reise wird den Kaiser voraussichtlich über Eisenach führen und Gelegenheit zu einem Besuch der Wartburg bieten. Ueber den Tag des Besuchs ist noch nichts bestimmt, doch kommt vor- aussichtlich der Dienstag oder Mittwoch nächster Woche in Frage. Der Besuch des Kaiserpaares ist nach amtlichen Mitteilungen am Mittwoch nach Ostern zu erwarten. Er wird nur zwei Stunden währen und gilt dex Besichtigung der Elisabethen-Kemenate. Dem Kaiserpaare werden sich Priuzessin Viktoria Luise sowie Pxinz Eitel Friedrich mit seiner Gemahlin anschließen. Von dort erfolgt die Weiterreise des Kaisers nach Schlin in Oberhessen zu einem mehrtägigen Jagdbesuche bet dem Grafen w. Görtz.

Eine neue Prüfungsordnung für die mittleren ustd unteren Eisenbahnbeamten tritt nach einem Erlaß des Eisenbahnministers am 1. Mai d. I. in Kraft. Gleichzeitig sind neue Bestimmungen über die Annahme und Ausbildung der Eisenbahn-Zivilsupernumerare ge­troffen. Danach soll, wer als Zivilsupernumerar in den Staatseisenbahndienst eintreten will, u. a. 1. bei der Aufzeichnung in der Bewerberliste das 17. Lebens­jahr zurückgelegt und darf beim Dienstantritt das 25. Jahr nicht überschritten haben; er muß 2. das Reife­zeugnis einer preußischen oder außerpreußischen deutschen, öffentlichen gymnasialen oder realistischen Lehranstalt mit sechsjährigem Lehrgänge (Progymnasium, Real­gymnasium, Realschule) oder einer preußischen Land­wirtschaftsschule oder das Zeugnis einer preußischen

neunstufigen oder einer außerpreußischen deutschen, neun- oder siebenstufigen, öffentlichen höhern Lehranstalt über die Versetzung nach der Obersekunda besitzen. Bewerber, welche die Reife für Oberprima einer neunstufigen höheren Lehranstalt erworben haben, werden vorzugs­weise berücksichtigt.

Vom mitteldeutschen Bergarbeiterstreik wird ge> meldet, daß in den Braunkohlenrevieren Oberröblingen, Halle, Weißenfels, Zeitz, Meuselwitz, Altenburg und im Königreich Sachsen von der Gesamtbelegschaft von 15 667 Mann 4278 ausständig sind. Im Braun­schweiger und Helmstädter Revier ist der Streik erloschen.

Ein beachtenswertes Zeichen der Zeit ist die Tatsache, daß an den Berliner Uraniasäulen seit einigen Tagen in den zwei Feldern, die für den Nachrichten­dienst reserviert sind, Plakate in klein Oktav prangen, die in rotem Druck den Kopf des sozialdemokratischen Zentralorgans tragen. In diesen Feldern werden tag­täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage wichtige Nachrichten, die imVorwärts" zum andern Tage Platz finden sollen, bereits nach 4 Uhr nachmittags mitgeteilt. Die Bevölkerung Berlins hat also Gelegen­heit, die sozialdemokratischen Nachrichten so rasch wie möglich zu genießen. Damit ist die bedauerliche Tat­sache, daß die Sozialdemokratie in der Reichshauptstadt herrscht, auch äußerlich zum Ausdruck gebracht.

Der Arbeitermangel in der Landwirtschaft tritt zu keiner Zeit des Jahres mit so empfindlicher Schärfe auf wie in den ersten drei . Monaten. Die Tatsache, daß die Kalamität gerade zu dieser Zeit ihren Höhe­punkt erlangt, wo doch erst die Arbeiten wieder ange­nommen werden, erklärt sich daraus, daß^die Landwirte, um nicht ^ur Erntezeit ohne genügende Hülfskräste zu sein oder aber unsinnige Vermittelungsgebühren bezahlen zu muffen, sich schon bei Zeiten mit Arbeitern zu^orr- sorgen suchen und die Nachfrage schon sehr stark hinauftreiben, während das Arbeiterangebot erst nach dem 1. April in größerem Umfange beginnt. Die Differenz zwischen Nachfrage und Angebot ist nach der Arbeitsmarkt-Korrespondenz" auch in diesem Jahre wieder ganz abnorm. Kaum ein Drittel des Bedarfs wurde in den bisher verfloffenen Monaten befriedigt. So ging an den öffentlichen Arbeitsnachweisen das An­gebot von landwirtschaftlichen Arbeiten auf 100 offene Stellen von 72,44 im Dezember 1905 auf 39,09 im Januar 1906 zurück. Dabei ist der Arbeitermangel in Wirklichkeit noch größer als er nach den Zahlen der Arbeitsnachweise erscheint, da die Mehrzahl der Arbeit­geber noch die private Vermsttelungstätigkeit in Anspruch nehmen.

Ausland.

In schriftlicher Beantwortung einer Anfrage im englischen Unterhaus betreffend die zweite Haager Friedenskonferenz sagte Premierminister Campbell Bannerman: Ich kann nicht sagen, ob es durchführbar wäre, bestimmt bezeichnete Vorschläge betreffeud die Be­schränkung der Rüstungen zu machen; doch ist die Angelegenheit eine solche, welche die britische Regierung mit dem teilnahmsvollsten Interesse ansieht. Die Er­nennungen der britischen Vertreter stehen noch nicht fest; die Sache wird noch beraten.

Das vorläufige Ergebnis der Wahlen für die russische Reichsduma ist folgendes: Von 178 in 27 Provinzen zu wählenden Mitgliedern der Duma find bis jetzt 141 gewählt. Davon gehören 79 der Linken, 16 dem Zemrum und 4 der Rechten an. 42 Mit­glieder nehmen keine bestimmte Parteistellung ein. In 37 Fällen findet engere Wahl statt. In der Stadt Moskau sind 160 Wahlmänner gewählt, die sämtlich der konstitutionelldemokratischen Partei angehören.

Nach nunmehriger endgültiger Feststellung der Wahlen in Griechenland sind gewählt iLOTHeotokisten, 42 Ralliisten, 7 Zaimisten und 8 Unabhängige.

Der Bergarbeiterstreik in Nordamerika dauert fort. Die Anthrazitkohlenbergwerksbesitzer haben den Vorschlag der Bergarbeiter auf schiedsgerichtliche Ver­handlung zurückgewiesen und dagegen den Vorschlag gemacht, von neuem die gemischte Kommission von 1902 zusammentreten zu lassen, um zu erwägen, ob, man ihre schiedsgerichtliche Entscheidung von 1902 ab­ändern solle.

Die von der hanseatischen KolonisationSgesellschaft geplante Eisenbahn von Blumenau im brasilianischen Staate Santa Catharina nnd)_J>eni^o4llü^ Verwirklichung entgegenT^tn^eme'andere Bahnkonzession, - dte-jEk-räü '-Weg nach der Küste versperrt hatte, jüngst für verfallen erklärt worden ist. Nachdem dieser Stein des Anstoßes glücklich beseitigt worden ist, wird auf baldige Inangriffnahme des Bahnbaues der hanseatischen Kolonisationsgesellschaft gerechnet. Ein besonderesSyndikat hierfür hat sich bereits gebildet.

Ueber die Unruhen in Natal liegt jetzt eine Nachricht vor, die England recht unangenehm sein muß; der rebellische Häuptling Bambaata ist über den Tugela in das Zululand entkommen. Die Flucht des Rebellen wird eine lange und aufteibende Verfolgung durch ein außerordentlich schwieriges Gelände notwendig machen. Die Unterstützung der treugebliebenen Eingeborenen wird dabei unentbehrlich sein. Dem Distriktsvorsteher wurde bereits der Befehl gegeben, alle Eingeborenen zu bewaffnen. Eingeborene behaupten, daß sich ein Häupt-

Aewsgtes Leve».

Roman von Max von Weißenthurn. 60

Ohne zu handeln, bin ich bereit, den Preis zu bezahlen, denSiefordern,wenn ich auch dadurch zum verhältnismäßig armen Manne werde, nur begehre ich unerbittlich, daß in dem Schriftstück, welches bei meinem Notar verfaßt. Ih­nen zur Unterschrift vorgelegt werden soll, Sie nicht nur feierlich erklären, durch Begleichung dieser Summe alle wie immer gearteten Ansprüche auf die Familien Lichten- felS und Aulenhofgetilgtzu wissen, sondern ich fordere auch, daß Sie klar und bestimmt niederschreiben, daß Sie bereit sind, jedem Ansprüche auf Ihr Kind entsagen zu wollen."

Wie kommen Sie auf diesen Einfall, Herr Graf?" forschte Emil Sternau mit plötzlich erwachtem Mißtrauen. Es kann Ihnen ja im Grunde genommen ganz einer­lei sein, ob ich das Leben meiner Tochter mit dem meinen verbinde oder nicht."

Im Prinzip könnte mit das möglicherweise einerlei sein," erwiderte der junge Mann ruhig,aber ich erkläre unumwunden, daß ich zu viel Ritterlichkeit besitze, um den Gedanken nicht unerträglich zu finden, daß ein junge» Ge­schöpf, welcher, wie Sie selbst sage», eine sorgfältige Er­ziehung genossen, den Kontakt mit einem gewissenlosen Abenteurer gleich Ihnen, preisgegeben sein soll."

Ah so, Sie werfen sich zum Ritter der Unschuld auf!" spöttelte Sternau.Bergessen Sie nur nicht, daß diese Un­schuld gewissermaßen Ihre Stiefschwester ist, Herr Graf, und Sie gut daran tun werden, weiteren tragischen Kon­flikten aus dem Wege zu gehen, wenn . .

Der Blick, mit welchem der Graf Emil Sternau maß, war ein derartiger, daß er selbst ihn, den gewissenlosen Abenteurer zum Schweigen brächte.

Mein Gott, ich meine es ja nicht so schlimm, Herr Graf," bemertte Sternau nach einer Pause begütigend. Warum wollen Sie denn alles im schlechtesten Lichte se­hen! Eleonore, oder die Fürstin LichtenfelS, oder alle veide, bilden ja doch ein Band zwischen uns, welche» man ►r^T"****"

gewissermaßen ein verwandtschaftliches nennen könnte. Weshalb also nicht danach trachten, alles auf gütlichem Wege anSzngleichen?"

Ich kenne Ihnen gegenüber keinen anderen Weg, als denjenigen, durch möglichst streng festgestellten Vertrag Sie an das zu binden, was ich von Ihnen fordere. Kom­men Sie übermorgen zwischen elf und zwölf Uhr vor­mittags zu dem Notar Doktor Ludwig Klvb, Währiuger- straße zwölf, und bringen Sie sämtliche in Rede stehen­den Schriftstücke mit. Ich werde mich in Begleitung zweier Sachverständiger dort einfinden und Ihnen nach Prüfung der Dokumente und Unterzeichnung des Kontraktes die Hälfte des ausbedungenen Kaufpreises übergeben. Ich sehe eS als selbstverständlich an, daß Sie, nachdem Sie weit mehr erreicht haben, als Sie hoffen konnten, bis da­hin die Fürstin in Ruhe lassen und erwähne nur nebst- bei, daß eine der Bedingungen, welche im Kontrakte zum Ausdruck kommen, darin besteht, daß Sie nicht nur die Heimat, sondern auch Europa für immer verlassen. Sie mögen jetzt gleich erfahren, daß Sie zwar den halben Kauf- prei» sofort erhalten, die andere Hälfte aber Ihnen erst jenseit» deS Ozeans und auch dort in Jahresraten aus- gezahlt wird, so lange Sie tatsächl ch Europa nicht be­treten. Mit dem Moment, wo Sie kontraktbrüchig wer- den, indem Sie die jenseitige Hemisphäre mit der Hei- mat vertausche», ist nicht nur jede weitere Zahlung ein­gestellt, sondern eS wird auch unbekümmert um alles, was daraus entstehen möge, die ganze Erpressung, deren Sie sich schuldig gemacht haben, der Behörde zur Anzeige gebracht, wa» 'sicherlich nicht in Ihrem Interesse liegt. Nun aber ist er die höchste Zeit, dieses nichts weniger als erquickliche Gespräch zum Abschluß zu bringen. Ueber- legen Sie sich selbst wohl alles, was ich Ihnen gesagt habe und seien Sie übermorgen zu der festgesetzteil stunde be­reit, da» Ihnen vorgelegte Dokument zu unterzeichnen. Adieu." Mit einem kurzen Neigen des HaupteS wandte sich der Graf der Tür zu.

Er sehnte sich danach, frische Luft eiuznatmen, eine

Luft, die nicht verpestet war durch die Gegenwart jene» Manne», welcher behauptete, seiner Mutter viel näher zu stehen, als irgend eine Menschenseele es geahnt und des­sen ganze Erbärmlichkeit Ekel erzeugend auf Walter» vor- nehme Statur wirkte. Er ivar hierher gekommen, um ein Bergehen seiner Mutter auSzugleichen, von dem er seit Jahren gewußt, da» ihn nicht überraschte, welche» sie aber, wie er hoffen wollte, längst bereute. WaS er aber hier erfahren, da» griff viel tiefer in das Leben ein, all er ursprünglich geahnt, das zeigte ihm die Mutter, wel­cher er von frühester Kindheit an entfremdet war, auch in einem viel schrofferem Lichte. Wenn er und seine Schwe- stern ihrer Macht entzogen worden, wenn sie keinerlei Einfluß auf das Leben dieser ihrer Kinder gewonnen hatt«, so konnte man ihr die Schuld daran nicht so ganz b«i- messen, weil Hugo von Aulenhof dafür Sorge getragen, daß sie losgelöst sei von jeder Gemeinschaft mit ihren Kin­dern. Es war immerhin möglich, daß ihr Mutterherz un­ter der Trennung von demselben gelitten. In diesem Falle aber schien nichts für sie zu sprechen; man mußte viel- mehr annehmen, daß sie sich freiwillig von dem Kind« losgesagt, welchem sie das Leben geschenkt, nachdem der Gatte sie vielleicht verlassen, daß sie eS an» Ehrgeiz ge­tan, um ohne einer lästigen Fessel, die sie zwangsweise an die Vergangenheit hätte erinnern müssen, einer neuen, glänzenden Zukunft entgegengehen zu sönnen. E» sprach auS der Möglichkeit eines solchen Schritte» eine HerzenS- roheit, die Walter unter allen Umständen tief einpört ha­ben würde, die aber in Erinuernng an Eleonore Trouve, welche er anläßlich seines Aufenthaltes in der Nachbar­schaft von Jolowitz wiederholt gesehen und deren Bild in seinem Geiste lebte, ihm geradezu in die Seele schnitt. Er nahm sich vor, sobald die Angelegenheit mit Sternau ge­regelt war, ein ernstes Wort mit der Mutter zu sprechen, sie zu veranlassen, jetzt noch zu sühnen, war sich sühnen ließ und, wenn sie schon dem Fürsten nicht die volle Wahr­heit offenbaren wollte, für die Zukunft Eleonores in ent­sprechender Weise Sorge zu tragen. 131,18