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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 28. Samstag, den 7. April 1906. 57. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellttttge« auf die Schlüchterurr Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der SchlÄchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Airftage der im Kreise Schlüch- teln erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Prinz Wilhelm von Schaumburg Lippe ist am Mittwoch früh 4 Uhr plötzlich am Herzschlag verschieden. Prinzessin Friedrich zu SchaumburgLippe ist am Mittwoch früh um 9 Uhr gestorben. (Prinz Wilhelm war geboren zu Bückeburg am 12. Dezember 1834, Besitzer der Grafschaft Nachod in Böhmen und öster­reichischer General der Kavallerie. Die Prinzessin Friedrich zu Schaumburg-Lippe war die Schwierger- Wchter des Prinzen Wilhelm, Geniahlin des Prinzen Friedrich, eine Prinzessin von Dänemark, geboren 17. Februar 1875 )

Der Reichskanzler Fürst Bülow ist durch kaiserlichen Erlaß vom 26. März auf Grund her erst­maligen Präsentation des Geschlechtes derer V. Bülow in das preußische Herrenhaus berufen worden. Der Kaiser hat dem Geschlechte v. Bülow das Präsentatious recht für das Herrenhaus erst kürzlich verliehen.

Der Reichstag nahm am Sonnabend zunächst das Etatsnotgesetz in dritter Lesung ohne jede Debatte an. Bei Fortsetzung der Beratung des Militäretats nahm Abg. Bassermann (natl.) die Armee gegen die Angriffe der Sozialdemokraten in Schutz. Auf An­fragen wegen der sogenannten Zehnmillionenspende zur Unterstützung von Offizieren erklärte Kriegsminister v. Einem, daß eine solche überhaupt nicht existiere. Abg. Stolle (Soz.) klagte über Soldatenmißhandlungen, worauf ihm Abg. v. Kardorff (kons.) erwiderte, daß die Sozialdemokraten gar keinen Grund hätten, sich über Roheiten in der Armee zu beschweren, da sie selber die Jugend zu Roheiten erzögen. Abg. v. Oertzen (Rp) nannte die Bemerkung des Abg. Zubeil (Soz.), man müsse den zum Militär ausgehobenen jungen Leuten beibringen, daß sie ihren Peinigern gegenüber ein Recht der Notwehr hätten, geradezu eine Auf­forderung zum Aufruhr. Schließlich wurde die Reso­lution der beiden freisinnigen Volksparleie.i belr. Reform

des Beschwerderechts angenommen. Am Montag wurde vor fast leerem Hause die Beratung fortgesetzt. Die Debatte bot wenig Interessantes. Die sozialdemo- kratischen Abgg. Ledebour und Zubeil ergingen sich in langen Reden mit den üblichen Angriffen auf die Regierung, die Abgg. Frhr. v. Heriling (Z.), Graf Oriola (natl.), v. Oldenburg (dkons.) und der Kriegs­minister v. Einem wandten sich in scharfer Weise gegen Ledebour. Zum Schluß kam es noch zu einer Aus­einandersetzung zwischen den Sozialdemokraten und dem Präsidenten Ballestrem.

Das preußische Herrenhaus beendete am Sonn­abend die Etatsberatung. Einer Anregung des General­feldmarschalls Grafen Häseler gegenüber betreffend die Einrichtung obligatorischer ländlicher Fortbildungsschulen äußerte sich Kultusminister Dr. Studt wohlwollend, hob aber die außerordentlichen Schwierigkeiten ihrer Ausführung hervor. Nach Erledigung des Etats wurde auch das Kreis- und Kommunalabgabengesetz in der Fassung des Abgeordnetenhauses angenommen. Auf die Interpellation des Fürsten Knyphausen wegen des Erwerbs von Grund und Boden am RheinWeser - Kanal auf Staatskosten über den der Regierung im Wasserstraßengesetz gesteckten Rahmen hinaus erklärte Unterstaatssekretär Holle, daß für das Gebiet am Rhein -Herne-Kanal genügende Mittel zur Verfügung ständen, schwieriger^en die Verhältnisse an der Strecke BevergernHannover und am DortmundEms- Kanal. Die Regierung werde im Bedarfsfälle mit Forderungen an den Landtag herantreten. Nach Er­ledigung einiger kleinerer Vorlagen nahm das Haus noch den Gesetzentwurf betreffend die Zulassung einer Verschuldungsgrenze für land- und forstwirtschaftlich benutzte Grundstücke an. Nächste Sitzung voraussicht­lich Ende Mai.

Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Montag die Wahlrechtsvorlagen in zweiter Lesung. Abg. Träger (fr. Bp) verlangte im Namen feiner Partei die Einführung des Reichswahlrechts auch für die Landtagswahlen. Ihm trat der Minister des Innern v. Bethmann-Hollweg entgegen; er bestritt, daß in Preußen die Reaktion herrsche und berief sich dafür auf das Zeugnis von Engländern, die sich da­rüber gewundert hätten, daß in einem angeblich so rückständigen Lande die öffentlichen Einrichtungen so gut funktionierten. Die Vertreter der Konservativen, Freikonservativen, Nationalliberalen und des Zentrums erklärten sich für die Regierungsvorlage, die dann auch, unter Ablehnung der eingebrachten freisinnigen Anträge, angenommen wurde.

Die Reichstagsstichwahl in Kaiserslautern hat

mit dem Siege des nationalliberalen Kandidaten, des Bürgermeisters Schmidt-Odernheim, geendet. Schmidt erhielt 12084, sein sozialdemokratischer Gegner Land­tagsabgeordneter Kaufmann Klement-Kaiserslautern 9515 Stimmen. In der Hauptwahl fielen auf Schmidt (natl.) 7557, Element (Soz) 7547, Dr. Rösicke (Bund der Landwirte) 6595, Pfarrer Kempf (Ztr.) 3785 Stimmen. Das Zentrum hatte Wahlenthaltung für die Stichwahl proklamiert, während der Bund der Landwirte die Parole ausgegeben hatte, für Schmidt einzutreten.

Ausland.

Der Eingeborenen-Aufstand in Deutsch-Ostafrika flaut, nach einer amtlichen Meldung aus Dar-es- Salaani, überall ab. Fortgesetzt finden Unterwerfungs- erklärungen von feiten der Negerhäuptlinge statt.

Auf der Marokko-Konferenz ist in allen Fragen ein Uebereinkommen erzielt worden. Zur Vorbereitung des Schlußprotokolls ist ein Ausschuß eingesetzt worden. Das Resultat der Konferenz wird auch von der aus­ländischen Presse im großen und ganzen als ein Erfolg Deutschavds aufgefast.

Aus Not wurden Arbeiterkundgebungen in Jerez in Südspanien veranstaltet, um aus: öffentlichen Mitteln Unterstützungen zu erhalten; schließlich plünder­ten die Arbeiter die Bäckerläden. Die Polizei stellte die Ordnung wieder her. Der Notstand in Spanien wächst sich überhaupt zu einer allgemeinen Kalamität aus, und es dürfte keine Verwunderung erregen, wenn in nächster Zeit ähnliche Nachrichten über Notstands­bewegungen aus Spanien kommen.

Die russischen Reichsduma-Wahlen verlaufen in Petersb:-cg ruhig. Die meisten Läden sind geschlossen. Die Beteiligung ist lebhaft, nur die Arbeiter boykottieren die Duma. Infolge der Fahrlässigkeit der Stadt­verwaltung wurden 20 000 Wählern die Wahlzettel nicht zugestellt; deshalb ist es möglich, daß die Un­gültigkeit der Wahlen erklärt wird. Der Sieg wird vermutlich bei den Linksliberalen bleiben.

Nach einer Meldung derNowoje Wremja" ist eine geheime Druckerei in Moskau, verbunden mit einer photographischen Anstalt, entdeckt worden. Außer illustrierten revolutionären Schriften wurde» auch drei Bomben gefunden. Vier Personen wurden verhaftet, darunter zwei Frauen. In der Wohnung^ eines ge­wissen Kornanow entdeckte die Polizei 700 scharfe Patronen, Pulver und einen Patronenapparat.

Zum englisch-türkischen Konflikt erfährt der Daily Teleraph" von gut unterrichteter Seite aus Kairo, daß die Zurückziehung der türkischen Truppen

Aezvegtes Keve«.

Roman von Max von Weißenthurn. 56

Um die Situation also klipp und klar zu kennzeich- nen, verhält sie sich, wie folgt: Entweder, Sie zahlen mir widerspruchslos den von mir geforderten Preis, oder die Sache wird Ihrem Herrn Gemahl, wie Ihrem Herrn Sohn vorgelegt und ich sehe mich gleichzeitig in keiner Weise veranlaßt, sie dem Urteile der Oeffentlichkeit zu ent­ziehen."

Aber mein Gott, abgesehen von allem anderen, über- schätzen Sie mein Können. Wie soll ich mich denn in die Lage versetzt sehen, Ihnen einen Betrag von der Höhe, welche Sie fordern, zur Berfügung zu stellen, ohne daß der Fürst darum erfahre?"

Sie sind so erfinderisch, gnädigste Frau, daß es Ihnen sicherlich auch keine Mühe kosten kann, für diese Frage die richtige Lösung zu finden. So viel steht fest, daß ich nicht gewillt bin, von meinen Bedingungen abzugehen. Sie müssen selbst am besten wissen, ob Ihr« Ehre Ihnen den Preis wert ist, welchen ich fordern kann."

Finster starrte Benote vor sich hin. Sie war zur Er­kenntnis dessen gekommen, daß sie in eine Klemme geraten, aus der sich schwer ein AnSweg finden ließ. Wie sich das Gelb verschaffen, dessen sie bedurfte, denn, so freigiebig ihr Gemahl auch stets gegen sie gewesen, sie hatte für ihr eigenes Ich immer zu viel ausgegeben, als daß ihre Ersparnisse auch nur annähernd dazu hingereicht hätten, Sternaus Forderung zu decken. Wie aber verhindern, daß jener an den Fürsten herantrete, wie ihn dazu bewegen, daß er da» dunkle Geheimnis der Vergangenheit auch fernerhin wahre. Sie sann hin und her, grübelte, ohne eine befriedigende Lösung finden zu können und Sternau ließ ihr Zeit. Erst nach einer langen Welle sprach er, jetzt leiser, als er bisher geredet, also offenbar nicht wün- schend,daß der Sohn, welchem er selbst im Nebeuraume einen Horcherposten angewiesen, seine Worte vernehme.

,Vielleicht, gnädige Frau, wird Ihrer Phantasie, welche

zweifelsohne über einen Ausweg nachsinnt, dadurch ge­holfen, daß ich darauf biuweiie, es könnten dem Fürsten auch noch weitere interessante Enthüllungen gemacht wer­de», bezüglich eines Kindes, das vor Jahren in einem einsamen Hause eines Wiener Vorortes das Licht der Welt erblickte, seither allerdings verschwunden ist, und von Ihnen angeblich gesucht wurde, über dessen Vorhanden­sein dem Fürsten aber trotzdem authentische Beweise ge- liefert werden könnten. Die Freude freilich, welche diese Enthüllungen einerseits dem hohen Herrn bereiten dürf­ten, ließe sich wesentlich dämpfen durch den Umstand, daß das Kind laut Taufschein den Namen Sternau führt und man schwer nachweisen könnte, daß es volle» Anspruch besitzt auf einen vollklingenden Titel."

Jeder Blutstropfen schien auS den Wangen der Für­stin gewichen.Sie sind ein Satan in Menschengestalt," flüsterte sie mit zuckenden Lippen, während sie knapp a» Sternau herantrat und mit bebender Stimme fragte: Was wissen Sie von meinem Kinde?"

Die Aufklärungen, welche ich zu geben in der Lage bin, hängen davon ab, ob wir bezüglich des Preises einig werden, den ich begehre," erwiderte Sternau mit uner­schütterlicher Ruhe.Ich wiederhole, was ich bereits ein­mal gesagt, entweder, Sie bezahlen die Summe, welche ich fordere, oder ich offenbare dem Fürsten alles, was ich weiß. Einen dritten Ausweg gibt es nicht."

Darin täuschen Sie sich," ließ sich in diesem Augen- blicke eine tiefe, männliche Stimme im Rahmen der Tür vernehme».Es gibt noch einen dritten Ausweg, der so sehr in Ihrem Vorteile liegt, baß Sie kaum zögern wer- den, denselben anznnehmen." 131,18

In jähein Schreck hatte sich beim Klänge dieser Stimme die Fürstin der Tür zugewandt, starrte sie mit dem Aus­drücke beS Entsetzens in das ernste, wie aus Stein ge- meißelte Antlitz ihres Sohnes Jm Nu durchzuckte sie toc- niasteuS teilweiseAhpuna der Wirklichkeit. Er hatte alles gehört, das stand fest und wenn sie auch, ohne sich ein

Gewissen daraus zu machen, die Sünde der Vergangenheit Emil Sternau gegenüber bis zum letzten Atemzug« ge­leugnet haben würde, so fühlte sie doch, daß vor ihrein Söhne alles Leugnen ihr nicht« half, daß er ihren Wor- ten keinen Glauben schenken, daß er sie verdammen wurde, daß der Rächer Hugos vor ihr stand. Mochte er auch, um die Ehre des Namens zu wahren, die Sache nicht an die Oeffentlichkeit ziehen, und mit schweren Geldopfern Sternaus Schweigen erkaufen, so blieb sie selbst doch vor dem Sohne gerichtet, so erntete sie, die nach seiner Liebe begehrte, doch nur seine Mißachtung. Zum erstenmal in all diesen langen Jahren, trat an die Frau, welche ge­frevelt, ohne einen Funken Reue zu empfinden, die Frag« heran, ob eS einen Gott geben könne, der da» Gute lohnt und das Böse bestraft, der Rechenschaft fordert über un­ser Tun und Lassen, der uns in dem zu treffen weiß, wa» uns am empfindlichsten berührt, wenn wir dessen nie ein- gedenk gewesen, waS der moralische Begriff de« Rechte» fordert. Sie hatte immer nur dem Augenblicke gelebt, dem Genusse gefröhnt, sich selbst nicht» versagt und sich nie mit der Frage gequält, ob sie recht oder nnrecht tue.

Als Hugo von Aulenhof tot war, hatte sie zwar die Maske der Trauer angelegt, weil der Wohlanstand die» von ihr forderte, aber die Reue hatte nie an ihrem Her­zen gepocht, sie hatte sich nie einen Borwurf darau» ge­macht, sein Ende herbeigeführt zu haben. Leichten Her­zens hatte sie sich auch von den Kindern getrennt, die sein letzter Wille ihrem Einflüsse entzog und erst, all der Sohn, als erwachsener Mann ihren Lebenspfad gekreuzt, als die Augen ihres toten Gatten an« seinem Antlitz in die ihren geblickt, hatte sie zum erstenmal ein unbehag­liches Empfinden kennen gelernt, hatte sie sich gesagt, daß eS doch schön sein müsse, von dem Sohne geliebt zu wer- den, hatte sie eS bedauert, nie etwas getan zu haben, um diese Liebe zu erringen, und sich die Frage gestellt, ob sie denn nicht jetzt noch Versäumtes nachholen könne. Wie gebannt hingen ihre Blicke jetzt an dem ernsten Antlitz des Sohnes, aber vergeblich rang sie nach Worten.