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SchluchternerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 27. Mittwoch, den 4. April 1906. 57. Jahrgang.

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finden in der Schlüchterner llodci Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austatge der im Kreise Schläch­tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Der Kaiser trat am Sonnabend seine Reise von Berlin nach Westdeutschland an. Vom Sonnabend bis Sonntg abend ist der Monarch Gast des Fürsten zu Stolberg-Wernigerode und am Montag führte er die 11. Husaren in ihre neue Garnison Krefeld.

In der Schloßkirche zu Wernigerode ist am Sonntag in Anwesenheit unseres Kaisers der Aebtissin des Klosters Drübeck, der Freiin Anna v. Welck, ein silberner Hirtenstab überreicht worden. Der Stab ist eine persönliche Huldbezeugung des Monarchen, vor einigen Jahren empfing ihn auch die Aebtissin des Damenstifts Heiligengrabe in der Prignitz. Freiin Anna v. Welck ist seit 1003 Aebtissin, früher war sie Hofdame der 1904 in Italien verstorbenen Erbgroß- herzogin zu Sachsen-Weimar.

Der Reichstag nahm am vergangenen Diens­tage zunächst den Gesetzentwurf über die Uebernahme einer Reichsgarantie für den Bahnbau von Duala nach den Manengubabergen debattelos in dritter Lesung an. Bei der Beratung der Flottenvorlage begründete Abg, Dr. Müller (fr. Vp) den Antrag der Freisinnigen, den Ausbau der Flotte aus einer Reichsvermögens­steuer zu beschaffen, worauf Staatssekretär Frhr. v. Stengel scharf gegen die Art und Weise der Mino­rität des Hauses im Plenum vorging, bei dieser Gelegenheit eine Steuer vorzuschlagen, welche die Steuerkommission bereits abgelehnt habe. Bei der Ab­stimmung ergab sich Beschlußunfähigkeit des Hauses, allerdings ein trauriges Zeichen von dem Pflichtbe­wußtsein der Abgeordneten, die bei Erledigung einer so wichtigen Frage unseres nationalen Lebens durch Abwesenheit glänzten. Am Mittwoch wurden zu­nächst eine Reihe von Wahlprüfungen erledigt und dann mit der Beratung des Marine-Etats begonnen. Da inzwischen das Haus beschlußfähig geworden war, urde die Beratung unterbrochen und über die Flotten-

novelle abgestimmt, die gegen die Stimmen der Sozial- demokraten und der freisinnigen und deutschen Volks­partei angenommen wurde. Bei der Weiterberatung des Marine-Etats kam es zu lebhaften Auseinander­setzungen zwischen dem Abg. Legten (Soz.) und dem Staatssekretär v. Tirpitz über Werftarbeiterfragen. Der Staatssekretär verbat sich jede Einmischung von außen her in die Angelegenheiten den Werften und versprach das System der Arbeiterausschüsse weiter auszubauen. Er sei nicht grundsätzlich gegen die Einführung des 9stündigen Arbeitstages, aber die darüber anzustellenden Erhebungen könnten nicht in kurzer Zeit abgeschlossen werden.

Das preußische Herrenhaus setzte am Donners­tag die Etatsberatung fort. Beim Etat des Finanz­ministeriums und der direkten Steuern klagte Graf Mirbach über zn hohe steuerliche Belastung des Ostens. Auch wandte er sich, ebenso wie v. Buch, gegen die geplante Reichserbschaftssteuer. Finanzminister Frhe. v. Rheinbaben verteidigte das Verhalten der Regierung im Bundesrat. Bon größeren Etats wurden noch die der Handels- und der Gewerbeverwaltung sowie der Eisenbahnverwaltung erledigt. Am Freitag wurde die Beratung des Justizetats fortgesetzt. Auf die Be­merkung des Oberbürgermeisters Adickes-Frankfurt a M., daß das Vertrauen in die Rechtspflege im Schwinden sei, antwortete Justizminister Dr. Beseler, daß es im Gegenteil um die preußische Rechtspflege recht gut stehe. Eine längere Debatte entstand beim Kultusetat. Graf Dork und Kardinal D. Kopp traten für die Erhaltung der humanistischen Gymnasien ein. Oberbürgermeister Bender-Breslau empfahl für das höhere Mädchenschul­wesen das Nebeneinanderbestehen von mehreren Unter­richtsformen, wogegen Minister Dr. Studt Bedenken erhob. Graf Hutten-Czapski regte die Einrichtung einer Professor für Kolonialrecht an der Berliner Uni­versität an, waS Professor Löning-Halle als verfrüht bezeichnete.

Das preußische Abgeordnetenhaus wies am Donnerstag zunächst den Entwurf des Kreis- und Provinzialabgabengesetzes an die Kommission zurück, Bei der Debatte über die Denkschrift über die Aus­führung des Ansiedelungsgesetzes bekämpften die Redner des Zentrums und der Polen die Polenpolitik der Regierung, während sich die Abgg. Frhr. v. Zedlitz (frkons.) Cassel (kons.) und Sieg (natl.) mit derselben einverstanden erklärten. Landwirtschaftsminister v. Pod- bielski bezeichnete die Erhaltung des Deutschtums in der Ostmark, das den östlichen Provinzen, besonders auf dem Gebiete der Landwirtschaft, große Fortschritte ge­bracht habe, als eine der ersten Aufgaben des Staates.

Die Denkschrift wurde durch Kenntnisnahme erledigt.

Am Freitag stand der vom Herrenhaus zurückge­langte Entwurf zum Kreis- und Pcovmzialabgabengesetz zur Beratung, den das Abgeordnetenhaus am DonnerS- rag an die Kommission zurückverwiesen hatte. Mit der von der Kommission vorgeschlagenen Ersetzung des Begriffesgemeiner Wert" durchdenjenigen Wert, welcher der staatlichen Veranlagung des Grundstücks zur Ergänzungssteuer zu Grunde zu legen ist," erklärte sich das Haus einverstanden. Im übrigen stimmte es dem Entwurf in der Fassung des Herrenhauses zu.

Wie Wolffs Büreau von maßgebender Stelle erfährt, ist eine aus einem Offizier und 16 Mann be­stehende deutsche Truppenabteilung in Südwestafrika von Hottentotten überfallen worden. Der Offizier und 10 Mann sind gefallen, 4 Mann sind verwundet, einem gelang es zu entkommen, einer wird vermißt. Einzelheiten stehen noch aus.

Beim Bergarbeiterstreik im mitteldeutschen Braun­kohlenrevier kam es an einigen Orten zu Aus­schreitungen ; so wurden am Werke Groitzschen die Fensterscheiben eingeworfen. Nach amtlicher Angabe sind im Braunkohlenrevier Weißenfels bei 33 Gruben 2200 Bergarbeiter beschäftigt; im Revier Zeitz-Meusel- witz 5000. Die Braunkohlenreviere bei Halle sind völlig ruhig. Von den 8500 Bergarbeitern, die nach Ausweis der amtlichen Statistik im ganzen mitteldeutschen Braunkohlengebiet beschäftigt sind, streiken bis jetzt 2700.

Ausland.

Zur ungarischen Krisis verlautet in Budapest, die ungarische Regierung werde ein Mainfest veröffent­lichen, worin darauf hingewiesen wurde, daß die ungarische Regierung, falls die Hoheitsrechte der^Krone angetastet würden, zur Ausschreibung von Neuwahlen nicht zu haben sei. Eine Hinausschiebung der Neu­wahlen ist, wie Budapester Blätter melden, darum be­schlossen worden, weil bei der gegenwärtigen Stimmung die Neuwahlen eine absolute Mehrheit für die Partei Kossuths ergebeu würden. Die Regierung hofft, jdaß ihr Vorgehen, das bereits viele Komitate zur Nach­giebigkeit bestimmt hat, in einigen Monaten die Lage so verbessern werde, daß etwaige Neuwahlen eine Mehrheit für die Regierung ergeben dürsten.

In der italienischen Deputiertenkammer erklärte in Beantwortung einer Anfrage der Unterstaatssekretär des Auswärtigen, die Regierung beabsichtigte, Schrite zu tun, damit die nächste Haager Konferenz die Frage der Verwendung unterseeischer Waffen erörtern solle. Auf Grund der Aeußerungen des zuständigen Ministers hoffe er, daß der Gebrauch solcher Waffen in einer

Aewegtes KeSe«.

Roman von Max von Weißenthurn. 55

Ihre Worte, mein Herr," sprach sie, ihrer Stimme un­gewohnt weichen Klang verleihend,führen mich in eine Zeit, die so weit hinter mir zu liegen scheint, daß eS mir zuweilen dünkt, als sei es ein anderes Leben als das meine, in das ich zurückblicke, aus dem einzelne Licht- Punkte dauernd in meinem Gedächtnisse weilen, während andere Episoden in so dichte Nebel gehüllt sind, daß mein geistige» Auge sie nicht mehr zu durchdringen vermag. Sie haben mir durch Ihre Worte selbst den Weg gewiesen, an welche Zelle meines Gedächtnisse« ich zu pochen habe, um mir darüber in» klare zu kommen, wer Sie eigent- lich seien. Jahrzehnte sind vergangen, seit ich al« armes Mädchen im Hause Sternau« Obdach fand. Sie müssen wohl der Sohn jener Leute sein, welche mir Gutes er- wiesen und denen ich trotz allem, waS Sie anzunehmen scheinen, dankbare Erinnerung wahre. Ich entsinne mich, daß ich dort einem Sohne des Hauses begegnet bin, aber ach, seit jener Zeit sind so viele Eindrücke, so viele Er- lebnisse auf mich eingestürmt, daß, wenn Ihr Bild je meinem Gedächtnisse eingeprägt war, die Zeit eS längst verwischt hat, da» ist nur begreiflich und naturgemäß, Sre dürfen e» mir nicht als Schuld anrechnen. Ich glaube Ih­nen, wenn Sie mir sagen, daß Sie Sternau» Sohn sind ; wenn Sie meinen, ich sei Ihren Eltern gegenüber einer Dankesschuld nicht nachgekommen, so bin ich bereit, dem Sohne zu vergelten, was ich an den Eltern versäumt, können Sie berechtigterweise mehr von mir begehren?"

(sternau hatte ihr zugehört, ohne sie zu unterbrechen, nun ließ er eine Kunstpause eintreten, dann sprach er mit unverkennbarer Ironie:Mein Gedächtnis, welches treu da» Bild dessen, wie Sie gewesen, in sich ausgenommen hat, im Vereine mit den Schilderungen, welche mir von Ihrem Charakter gemacht wurden, sagt mir, daß der ver­söhnliche Ton, welchen Sie mir gegenüber annehmen, der beste Bewei» dessen fei, daß Sie vor mir zittern, weil

Sie sich schuldig fühlen, lassen wir also die Maske fallen und sprechen wir wahr und offen, wir werden rascher zum Ziele kommen, als wenn erst aus der Beschönigung»- komödie der Kern dessen, was wir anstrebeu losgelöst wer­den muß. Sie sind eine Dame der vornehmen Welt, eine Dame, die im Laufe der Jahre ihre im Grunde genom- men bescheidene Herkunft vergessen zu haben scheint. Ich besitze ein Geheimnis, welches für Sie von hohem Werte sein muß, da es Sie in» Verderben stürzen kann, und all das von Ihnen zu nehmen im staube ist, was in ihren Augen dem Leben Reiz verleiht und ich frage nur an, welchen Preis Sie bereit sind, für dieses Geheimnis zu bezahlen ?"

Um Ihre Frage beantworte» zu können," entgegnete die Fürstin nach einer kurzen Pause, während welcher sie sich Mühe gegeben hatte, nach Fassung zu ringen,müßte man in erster Linie wissen, was Sie zu tun gedenken, wenn ich mich weigere, irgend einen Preis zu bezahlen; müßte man auch klar und deutlich wissen, um was e» sich handelt, damit man ermessen könne, ob das, waS gekauft werden soll, eines PreiseS überhaupt wert sei."

Sie verstand e», ihre Karten klug zu mischen, diese Frau, das selbst mußte der Neid ihr lassen; keiner, der vernommen, Wie ruhig und gemessen sie diese Worte sprach, würbe geahnt haben, daß ihr das Herz vor Angst bis zum Halse hinauf poche, daß sie die Empfindung habe jetzt und jetzt müsse sie leblos zu den Füßen ihres Peinigers niederstürzen.

Emil Sternau sah ihr tief in die Augen und mußte sich gestehen, daß diese Frau, deren ganze Existenz in seinen Händen ruhte, ihm unwillkürlich Bewunderung einflöße Wegen der Kaltblütigkeit, welche sie bekundete.Ich hoffte, meine Gnädigste, Sie würden es wir ersparen, die Dinge bei häßlichem Namen zu nennen. Es wäre dies für beide Teile leichter und angenehmer gewesen. Da Sie aber da­rauf bestehen, die Wahrheit ohne jede Beschönigung zu hören, so muß ich unumwunden aussprechen, daß es sich um gefälschte Papiere handelt. Würde einerseits die viel- sache Verjährung der begangenen Fälschung dieselbe viel­

leicht, was ich übrigens bezweifle, vor Gericht wertlo« er­scheinen lassen, so wären doch wohl der Fürst Lichtenfel» als auch Ihr Herr Sohn sicherlich anderer Meinung und würben ein strenges Urteil über die Frau und Mutter fällen, welche er nicht verstanden hat, die Ehre ihre« Na­men» hoch zu halten. In Ihrer Hand liegt e», gnädige Frau, das zu bestimmen, wa» zu geschehen habe, wählen Sie. Entweder Sie bezahlen mir den Prei«, welchen ich fordere, oder die beiden genannten Herren erfahren durch nüdj die Geschichte der Vergangenheit und sind, ich bin dessen gewiß, sofort bereit, selbst um hohen Lohn da« geheim zu halten, was ein ewiges Brandmal der Schande für die alten Geschlechter Aulenhof und Lichtenfel« wäre."

Die Fürstin hatte das Autlitz in den Händen verber­gend, lautlos seinen scharf und schneidend gesprochenen Worten zugehört. Jetzt schnellte sie plötzlich empor und, indem sie mit funkelnden Augen den Mann betrachtete, in dessen Gewalt sie sich offenbar befand, sprach sie:Vor allem nennen Sie mir die Summe, welche Sie von mit begehren, dann zeigen Sie mir die Papiere, um die e» sich handelt, damit ich sie auf ihre Echtheit hin prüfe.

Wer bürgt mir dafür, daß ich nicht da» Opfer eine« Betrügers sei, der es darauf abgesehen hat, eine wehr­lose Frau einzuschüchtern und zu übervorteilen."

Wenn ich den Preis aus zwanzigtausend Kronen taxiere, so glaube ich damit nicht zu hoch gegriffen zu haben," erwiderte Emil Sternau mit unerschütterlicher Ruhe,und was den Umstand betrifft, daß Sie wünschen, ich möchte Ihnen die fraglichen Dokumente vorlegen, so könnte da» nur in notariell beglaubigter Abschrift gesche­hen. Ich habe eine viel zu hohe Meinung von Ihrer Klug­heit, gnädige Frau, als daß ich die Originale der Gefahr aussetze, durch einen raschen Griff Ihrer schönen Hände vernichtet und unschädlich gemacht zu wissen, wodurch sich ihr Wert für midj annullieren würde. Müssen sie wirk­lich noch auf ihre Echtheit hin geprüft sein, so mag seine Durchlaucht der Fürst, so mag Ihr Herr Sohn diese Prü­fung vornehmen." 131,18