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SchlkchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 23. Mittwoch, den 21. März 1906. 57. Jahrgang.

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Zum 22. März.

Der 22. März, sonst ein Tag des Jubels und der Freude allüberall, soweit die deutsche Zunge klingt, ist ein Tag wehmütigen und doch stolzen Gedenkens; denn er ist der Tag, an dem einst Kaiser Wilhelm der Große, der Einiger Deutschlands und Begründer des neuen deutschen Reichs, das Licht der Welt erblickte. Fast wie ein Traum dünkt uns jene große Zeit, und ihn selbst, den Kaiser Barbablanca, den Helden dieser Zeit, umgibt jetzt ein fast märchenhafter Zauber, wie er sich um Kaiser Barbarossa schlingt.

Wie sonst am Festmorgen um den geliebten Greis sich der traute Kreis der Familie von nah und fern versammelte, dem sich all die Getreuen zugesellten, durch ihr Leben mit dem Herrscher innig verknüpft; wie sich sodann taufende in der Reichshauptstadt danach drängten, gerade an diesem Tage an dem. bekannten historischen Eckfenster" des schlichten Palais Unter den Linden in das milde Antlitz des populärsten Fürsten der Welt zu schauen, der die ihm jubelnd dargebrachten Huldigungen mit freundlichen! Nicken erwiderte, so wollen wir auch heute das edle Bild des verewigten Herrschers wieder vor uns erstehen lassen Und was zeigt uns dieses Bild? Einen vielgeprüften Fürsten, ein Leben von Mühe und Arbeit, einen Vater des Vaterlandes in des Wortes schönster Bedeutung, ein auserwähltes Rüstzeug im Laufe der Weltgeschichte, einen Mann, der im Feuer der Prüfung bestanden und nun, erlöst von allem Uebel, eingegangen ist zum ewigen Frieden.

Schon in frühester Jugend trat die Prüfung an ihn heran, als er nach den Unglückstagen von Jena im Jahre 1806 mit seiner königlichen Mutter, der

unvergeßlichen Königin Luise, nach Königsberg flüchten mußte, und herbe Prüfungen blieben ihm auch auf seinem späteren Lebenswege nicht erspart. Nicht nur, daß er anfangs von seinem eigenen Volke verkannt wurde, wieviel mehr mußte erst sein landesväterliches Herz bluten, als er, nachdem er bereits Preußen und Deutschland zu nie geahnter Macht und Größe geführt, erleben mußte, daß zweimal die Hand eines Deutschen zum Meuchelmorde gegen ihn sich erhob ! Aber schützend hielt der Allmächtige die Hand über ihn, so daß er alle Prüfungen siegreich überwand'.

Den so gewaltige kriegerische Erfolge Kaiser WilhelmI. auch erzielt hatte, so hat er sich doch als ein ebenso aufrichtiger Freund des Friedens allezeit bewährt. Was Napoleon III. nur heuchlerisch verkündete:Das Kaiserreich ist der Friede", das konnte Kaiser Wilhelm der Große von dem durch ihn gegründeten neuen Deutschen Reiche mit vollster Wahrheit sagen. Die Wohlfahrt seines Landes und Volkes galt ferner ihm als heiligste Pflicht.Meine Kräfte gehören dem Vaterlande" sagte er einst, als er gemahnt wurde, auf seine Gesundheit bedacht zu sein. Und wie sein ganzes Leben eine Bestätigung dieser Worte war, so ist es auch sein Sterben gewesen. Seine letzten lichten Augen­blicke waren der Fürsorge für Deutschlands Wohl ge­widmet.Ich habe jetzt keine Zeit, müde zu sein", erwiderte er mit sterbendem Munde seiner besorgten Tochter, der Großherzogin von Baden, die ihn mahnte, sich ein wenig Ruhe zu gönnen, und ewig denkwürdig wird bleiben, was Fürst Bismarck dem deutschen Reichstage nach dem Tode des Kaisers gleichsam als letztes Vermächtnis mitteilte. Schon am Ende seiner Kraft angelangt, ließ es sich der sterbende Kaiser nicht nehmen, die Verfügung wegen Vertagung des Reichs­tages eigenhändig mit voller Namensunterschrift zu unterzeichnen. Ja, fürwahr, er war einKind der Treue" in des Wortes edelster Bedeutung, und ein er­hebenderes und edleres Beispiel für die Treue im Beruf ist wohl nirgends zu finden, als in dem Leben des in seiner Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit fast rührenden alten Kaisers.

In unerschütterlichem Gottvertrauen, in unge- Heuchelter und dabei von jeglicher Unduldsamkeit ent­fernter Frömmigkeit, wie er gelebt, ist er sanft ent­schlummert und Heimgegangenen zu seinen von ihm so heiß geliebten Eltern in die lichten Gefilde der Ewig­keit, aber unvergeßlich und unvergänglich wird sein Andenken fortleben und gesegnet bleiben von Geschlecht zu Geschlecht. Und wie Kaiser Wilhelm I. das Gelöb­nis, das er einst, als er gegen Frankreich ins Feld zog, seinem Volke gab, ihm Treue um Treue ent-

gegenzubringen, bis zum letzten Atemzüge unwandelbar gehalten hat, so wollen auch wir das Andenken an die edle Gestalt des ersten deutschen Kaisers aus dem Hohenzollernhause immerdar in treuem Gedächtnis halten. Denkmäler aus Erz und Stein sind vergänglich, aber dauernder als Erz und Stein wird das Denkmal sein, das Kaiser Wilhelm der Große sich selbst errichtet hat im Herzen feines dankbaren deutschen Volkes.

Deutsches Reich.

Der Kaiser emfing am Freitag Abend au Bord des LinienschiffesKaiser Wilhelm 2." deu Staatssekretär v. Tschirschky und reiste Samstag mittag nach Bremen ab.

Der Kaiser traf am Samstag Mittag 1 Uhr in Bremen ein und wurde vom Bürgermeister Pauli unter dem Jubel des zusammengeströmten Publikums empfangen und nach dem Ratskeller begleitet, wo Frühstückstafel stattfand, woran Staatssekretär v. Tschirschky, die Herren vom Lloyd und Mitglieder des Senats teilnahmen.

Der Reichstag setzte am Donnerstag die zweite Lesung des dritten Nachtragsetats für Ostafrika fort. Zunächst wies Geh. Legationsrat Rose die in der vorigen Sitzung gemachten Angriffe des Abg. Erzberger (Z.) scharf zurück. Dann folgten kolonialfreundliche Reden der Abgg Dr. Arendt (Rp.), Frhr. v. Richt- Höfen (kons.), Dr. Semler (natl.) und Lattmann (wirtschaftl. Vg.) Der stellvertretende Kolonialdirektor Erbprinz Hohenlohe-Langenburg klärte mehrfache Jr- tümer auf und erläuterte seine Grundsätze über die Behandlung von Kolonialfragen. Abg. Spähn (Z.) bedauerte das scharfe Vorgeben Erzberges, und Abg. Ledebour (Soz.) wütete in der bekannten sozialdemo­kratischen Tonart gegen die Kolonialverwaltung. Am Freitag wurde, nachdem der fünfte Nachtragsetat über Veteranenbeihülfen debattelos angenommen war, die Kolonialdebatte fortgesetzt. Abg. Schrader (frs. Vp) trat für Selbständigmachung der Kolonialverwaltung ein, Abg. Schwarze (Z.) Wandle sich gegen den Assessorismus", Abg. Dr. Bachem (3) warf der Kolonialverwaltung Hinterhältigkeit vor, wogegen Erb­prinz Hohenlohe-Langenburg sich in gemessener, aber bestimmter Weise verwahrte. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen, wurde der dritte Nachtragsetat für Ostafrika und sodann auch der vierte Nachtragsetat für Südwestafrika angenommen.

Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Donnerstag die dritte Etatsberatung. In der allge­meinen Diskussion wendete sich Abg. Frhr. v. Zedlitz ffrkons.) gegen die geplante Fahrkartensteuer durch das

Bewegtes Leven.

Roman von Max von Weißeuthurn. 50

Wie weit er in seinen Enthüllungen Walter gegenüber ge­hen konnte, darüber war er selbst noch nicht im klaren, er sagte sich, es müsse dies die Antwort des jungen Grafen bestimmen; einstweilen handelte eS sich nur darum, die Papiere, welche gefälschte Unterschriften trugen, möglichst vorteilhaft zu verkaufen und er war überzeugt, daß Graf Walter es nicht auf einen Prozeß aukommen lassen könne, bei dem seine eidliche Aussage, er wisse um.die Papiere, schwer in die Wagschale fallen mußte. Ein solcher Pro­zeß würde die Namen Aulenhof wie LichtenfelS in pein­licher Weise in die Oeffentlichkeit gebracht, vor Gericht ge­zogen haben und daS konnte weder Graf Walter noch der Fürst wünschen.

Der Morgen deS Tages brach an, an welchem Emil Sternau Walter erwartete unb mit steigender Aufregung stellte er sich, je näher die Stunde rückte, in welcher jener kommen sollte, die Frage, ob er auch wirklich erscheinen werde. Im Gastzimmer hatte er den Befehl erteilt, daß, wenn ein Herr nach ihm fragen solle, derselbe sofort nach dem im rückwärtigen Teil des Hauses gelegenen Zimmer zu führen sei, welches er inne hatte. Und je näher die Stunde rückte, in welcher er den jungen Mann erwarten zu können glaubte, desto unruhiger wurde er. So oft er sich auch das Programm vorgesagt, nach welchem er sich genau halten wollte, so mußte er sich doch gestehen, daß unzählige Varianten desselben von dem Tone abhingen, den der Graf einzuschlagen für gut finden werde.

Mit jener Pünktlichkeit, welche das Merkmal guter Er- ziehung ist, meldete gerade um drei Uhr der schmierige Pikkolo unten aus der Wirtsstube, daß ein Herr gekom­men sei, der denAmerikaner" zu sprechen verlange, er stehe draußen auf dem Korridor.

Noch ehe Sternau ihm entgegengehen konnte, trat der Fremde bereits in den Rahmen der Tür, musterte er den

Mann, den aufzusuchen er gekommen war, mit klarem, durchdringenden Blick.

Walter von Aulenhof war groß, schlank gewachsen, hatte scharf ausgeprägte Züge und tiefblaue Augen, die aber offenbar merkwürdig ernst und streng blicken konnten, waS gar nicht recht im Einklänge stand mit dem noch jugend­lichen Gesicht. Seine ganze Erscheinung bildete einen selt­samen Kontrast zu jener des Mannes, den er aufsuchte.

Sie haben eine eigentümliche Art gewählt, meine Be­kanntschaft zu machen, mein Herr," sprach der Graf, nach- bem sich die Tür hinter dem Pikkolo geschlossen.Es kann Sie wohl kaum Wunder nehmen, daß ich Ihnen mit Vor- eingenomnienheit entgegentrete, denn sowohl Ihre Anony­mität, wie auch die Andeutungen in Ihrem Briefe sind nicht danach angetan, mein Vertrauen zu erwecken. Wenn ich trotzdem es unterlassen habe, Ihr Schreiben mit jener Nichtbeachtnng zu lohnen, die es im Grunde genommen verdient haben würde, so ist die Ursache hierfür in dem Umstände zu suchen, daß ich gewöhnt bin, den Dingen klar ins Auge zu sehen, daß ich wissen will, woran ich bin. Ich fürchte seinen Feind, und sollte ein solcher meinen Pfad kreuzen, so nehme ich den Kampf mit demselben mutig auf; wer das Licht nicht zu scheuen braucht, dem schadet die menschliche Niedrigkeit nichts."

Scheinbar unbewegt hatte Emil Sternau diesen seinen Worten gelauscht, jetzt zuckte es um seine Lippen und mit leisem Spott wiederholte er:Wer das Licht nicht zu scheuen braucht, dem schadet die menschliche Niedrigkeit nichts, darin haben der Herr Graf sehr recht ; ich zweifle anch nicht, daß es in Ihrem jungen Leben nichts geben mag, was Sie zu scheuen brauchen; ob Sie aber die gleiche Bürgschaft für all diejenigen übernehmen können, welche Ihrem Herzen nahestehen, das dürfte denn doch wohl in Frage gestellt werben." Er hielt inne.

Nichts in den Zügen des Grafen wies darauf hin, daß er vollkommen genau orientiert sei, auf wen diese Worte Bezug hatten: umsomehr mußte es überraschen, daß er mit eisigkalter, geschäftsmännischer Ruhe sprach:Fassen Sie

sich kurz, ich habe keine Zeit zu verlieren; ich vermute, Sie haben mir etwas zu verkaufen, denn zumeist sind es nur käufliche Menschen, die den-Weg der Anonymität be­treten. Nennen Sie mir also den Preis, damit ich erwä­gen kann, ob ich gesonnen bin, ihn zu bezahlen und sagen Sie mir überhaupt, was es ist, waS Sie verkaufen wol­len."

Emil Sternau war auf diese Ruhe nicht gefaßt gewe­sen, sie reizte ihn, und von dem Gedanken beseelt, daß seine Mitteilungen niederschmetternd wirken mußten,sprach er in sieghaft-spöttischem Tone:Ich habe Briefe und Schriftstücke Ihrer Frau Mutter in Händen, über deren Wert ich mir vollkommen klar bin. Dieselben tragen teil­weise wohl die Unterschrift der Frau Gräfin, einige von ihnen aber auch jene Ihres Herrn Vaters, deS Grafen Hugo von Aulenhof Riedenfürst, und diese Schriftstücke sind," er ließ eine Kunstpause eintreten und fügte dann etwas leiser, aber sehr vernehmlich hinzu:gefälscht."

Walter von Aulenhof hatte die Lippen fest aufeinan- dergepreßt, er sprach nicht ein Wort, aber wer ihn anblickte, konnte nicht gut im Zweifel sei», wie sehr er unter der ausgesprochenenBehauptuug leide.Und wie komme» diese Schriftstücke in Ihren Besitz? Ist es die Geldgier allein, welche Sie veranlaßt, dieselben nutzbringend verwerte» gii wollen? Welche Bürgschaft habe ich, daß nicht Sie Ihrerseits jene Schriftstücke fälschten, um auf solche Weise von mir Geld zu erpressen?"

Sternau schwieg ein paar Augenblicke, dann sprach er mit einem tiefen Atemzug:Ich kann mich, im Grunde genommen, nicht wunder», dc^ der Herr Graf diese Fra­ge» an mich stellen. Niemand entäußert sich gerne einer Geldbetrages, ohne die Ueberzeugung zu haben, daß für die Opfer, welche er bringt, auch zwingende Beweggründe vorhanden sind. Uebrigeus jetzt, wo wir uns Aug" in Aug' gegenüberstehen, wüßte ich nicht, iveShalb ich nicht offen Farbe bekennen und Ihnen, Herr Graf, unumwunden den ganzen Sachverhalt mitteilen sollte. Ich werbe bemüht sein, mich so lurzalS nur irgend möglich zu fassen." 131,18.