M 22. Samstag, den 17. März 1906. 57. Jahrgang.
Wiederholung eines Unglückes wie des Spremberger^ unmöglich zu machen, die schließlich auf Antrag be8 Abg. v. Schenkendorff (natl) der Regierung zur Er" wägung überwiesen wurde.
Deutsches Reich.
— Prinz Heinrich von Preußen wird, wie die ,Berl. N. N.^ hören, nach Beendigung der diesjährigen großen Flottenmanöver von der Stellung als Chef der Marinestation der Ostsee zurücktreten, um mit Beginn des Winterhalbjahres ein neues Kommando zu erhalten.
— Bei der am Montag stattgefundenen Vereidigung der Rekruten richtete der Kaiser eine Ansprache an die Mannschaften, der JnspÄteur der 2. Marine-Inspektion Konteradmiral Kindt dankte Seiner Majestät für sein Erscheinen und schloß mit einem dreimaligen Hurra auf den obersten Kriegsherrn. Der Kaiser verließ nach 3 Uhr das Kasino und begab sich an Bord des Linienschiffes „Kaiser Wilhelm II. Am Abend fand an Bord des Schiffes eine Abendtafel von 20 Gedecken statt.
— Die Zahl der durch den Norddeutschen Lloyd über Bremen beförderten Auswanderer im Jahre 1905 beträgt 154 259 Köpfe gegenüber 108 751 im Jahre 1904. Die Gesamtzahl aller durch den Norddeutschen Lloyd im vergangenen Jahre beförderten Passagiere einschließlich der Kajütspassagiere und der von Jtalieu ausgehenden Linien beträgt 449 243. Den größten Prozentsatz der Auswanderer stellten die Länder Rußland, Ungarn, Italien und Galizien, die deutsche Auswanderung aus Deutschland auf den Dampfern des Norddeutschen Lloyd ist von 7530 im Jahre 1904 auf 6191 zurückgegangen. Zurzeit ist die Auswanderung über Bremen trotz der noch nie erreichten hohen Schiffahrtsraten so stark, daß man kaum in der Lage ist, alle eintreffenden Auswanderer zu befördern.
— Der Reichstag erledigte am Sonnabend zunächst den Etat der Reichsdruckerec. Auf Beschwerden der Abgg. Fischer (Soz.), Marcour (Z.) und Kopsch (fr. Vp.), daß die Reichsdruckerei nicht der Tarifgemeinschaft beigetreten sei, erwiederre Staatssekretär Kraetke, daß es sich bei der Reichsdruckerei um eine staatliche Eistrichlung handele, und daß ein Staatsbetrieb sich nicht in Lohnstreitigkeiten von Privatbetrieben einlassen dürfe. Zum Etat des Reichseisenbahnamts entspann sich zunächst eine Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Stolle (Soz.) und dem Präsidenten des Reichs- risenbahnamts Schulz über die Frage, ob ein übel angebrachtes Sparsamkeitssystem, namentlich in Preußen, für die Häufung der Eisenbahnunfälle verantwortlich sei. Diese Behauptung des Abg. Stolle wurde von dem Präsidenten Schulz, unter Anführung statistischer Zahlen widerlegt. Abg. Storz (d. Vp.) bedauerte, daß die Betriebsmittelgemeinschaft nicht zustande gekommen sei. — Am Montag wurde bei fast leerem Hause der Etat des Reichseisenbahnamtes beendet. Der einsame
Mewegtes Keven.
Roman von Max von Weißenthnrn. 49
Daß er dies erreichen werde, dessen glaubte er um so eher überzeugt sein zu können, als er gleichzeitig beschloß, mit höchster Vorsicht zu Werke zu gehen und nirgends brutale Gewalt anzuwenden, wo sich auf milderem Wege Resultate erzielen ließen.
Nach einem erneuten stürmischen Appell an das Herz seiueS Kindes, um dessen Liebe allein zu werben er vor- gab, entfernte er sich, nachdem er Eleonore aufgetragen, einstweilen nicht von der Sache zu reden und höchstens, wenn die Frau Fürstin sie fragen solle, Iver bei ihr gewesen, anzudeuten, eS habe sie ein Mann aufgesucht, der glaube, ihr zur Entdeckung ihrer Herkunft behilflich sein zu können und deshalb sich veranlaßt gesehen habe, mehrere Fragen an sie zu stellen. Das war geheimnisvoll, prickelnd und verriet doch nichts.
Emil Sternau war eine zu gemütSrohe Natur, um, selbst wenn er gewußt haben würwe, wie erregt das junge n Mädchen sei, wie niedergeschlagen und betrübt es sich fühle, besonders Reue über das zu empfinden, waS er getan.
Tatsache aber war, daß Eleonore sich in einem fürch- terlichen Dilemma befand. In streng religiösen Begriffen ausgewachsen, wußte sie, daß es ihre Pflicht sei, Liebe und Hochachtung sür den Mann zu empfinden, den sie „Vater" nennen sollte, mit dem Instinkt der Unschuld aber hegte sie das Gefühl, daß ihr dies schwer falle, daß er ihr kein Vertrauen einflöße, weil ein unbestimmtes Etwas in ihm abstoßend auf sie wirkte. 4
DaS bereitete ihr Kummer, das rief Seelenkämpfe in ihrem Innern hervor, welche ihr bis nun vollkommen fremd gewesen waren und sie mit Schmerz und Unruhe erfüllten; dieser Schmerz aber wurde durch den Umstand, daß sie schweigen sollte, schweigen mußte, weil er es ihr ausgetragen, um Wesentliches gesteigert. 6ie hatte keine Menschenseele, der gegenüber sie ihrem
Lorbeerkranz auf Eugen Richters Platze war symbolisch für die Oede und Stille im Hause. Von den Abgg. Dr. Jäger (Z.), Graf Kanitz (kons), Basfermann (ntl.), Schrader (fr. Vg), Bock (Soz.) u. a. wurden Personen- unb Gütertariffragen, Umleitungsberechnungen und Klagen sowie die Betriebsmittelgemeinschaft erörtert, ohne neue Gesichtspunkte zu berühren.
— Das preußische Herrenhaus beriet am Sonnabend nach einer großen Anzahl von Petitionen die Vorlage über die Entschuldung des ländlichen Grundbesitzes. Minister v. Podbielski bezeichnete die Einführung einer Verschuldungsgrenze für die Eintragung von Hypotheken als gangbaren Weg; es handle sich nur um einen Anfang und Versuch zur Besserung für einzelne Provinzen, welcher der unerträglich werdenden Ueberschuldung vieler Güter entgegenwirken solle v. Buch führte aus, diese Frage sei noch lange nicht genug gewürdigt, Professor Schmoller, Frhr. v. Schor- leiner und Dr. v. Dziembowsk befürworteten die Vor- läge, während Oberlandesgerichtspräsident a. D. Hamm juristische Bedenken gegen den neu eingeführten „Ver- schuldungskommissar" geltend machte. Schließlich wurde die Vorlage einer besonderen Kommission überwiesen. Der Gesetzentwurf über die Ergänzung des Gesetzes vom 1. Juni 1882 und betr. die Einsetzung von Bezirkseisenbahnräten und eines Landeseisenbahnrates wurde angenommen. Nächste Sitzung am 27. März.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Montag die Beratung des Eisenbahnetats fort. Abg. Bockelberg (kons.) sprach dem Minister seine Anerkennung für Aufrechterhaltung einer straffen Disziplin aus. Abg. Macco (ntl.) regte an, die Regelung der Arbeitszeit und der Lohnverhältnisse stets nur im Zusammenhang mit der Industrie vorzunehmen und wandte sich dann gegen das System der Stellenzulagen für die Beamten. Abg. Oeser (frs. Vp) schloß sich der Anregung des Abg. Macco an. Abg. Marx (Z.) äußerte Bedenken über die Handhabung des telegrafischen Dienstes im Eisenbahnwesen, die der Regierungsvertreter zu beseitigen suchte. Ferner stellte dieser Zulagen für die Unterbeamten in Aussicht und legte dar, daß die tägliche Dienstdauer ständig herabgesetzt wurden sei. Nachdem noch mehrere Redner Wünsche für einzelne Beamtenkategorien geäußert hatten, wurde die Diskussion geschlossen. — Am Montag wurde der größte Teil der Sitzung mit der Vorbringung lokaler Wünsche auf Bahnhofsumbau und Verkehrsverbesserung ausgefüllt. «Interessanter gestaltete sich die Diskussion bei der Beratung einer Petition um Legnng eines zweiten I Gleises auf der Strecke Kottbus — Görlitz, um einer
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bedrängten Herzen mündlich oder schriftlich hätte Lust machen können und das Gefühl, vollkommen allein die Verantwortlichkeit dessen zu tragen, was die Zukunft ihr bringen sollte, belastete sie gar sehr, was ja bei ihrer Jugend nur als allzu begreiflich bezeichnet werden mußte; mit der Fürstin zu sprechen, ihr das Herz auszuschütten, das durfte sie nicht wagen.
Mutter Elvira zu schreiben, daß sie keine rechte Zuneigung für den Vater hege, wäre unklug gewesen, bei untergeordneten Elementen, wie beispielsweise bei der alten Susi sich Rat und Hilfe zu holen, widerstrebte, ab- gesehen davon, daß der Mann, welcher sich ihr Vater nannte, es gewiß auch nicht gut geheißen haben würde, dem ihr innewohnenden Selbstgefühl.
Eleonore litt somit schwer unter den neuen Empfindungen und Gefühlen, welche in ihr Leben getreten waren und das Bewußtsein, einen Vater gefunden zu haben, bereitete ihr weit eher Schmerz, als Freude.
Emil Sternau fuhr nach der Zusammenkunft mit seiner Tochter sofort nach Wien zurück. In einigen Tagen mußte es sich ja zeigen, ob es zwischen ihm und dem Grafen Aulenhof zu einer Besprechung lammen werde, welche möglicherweise einen für ihn befriedigenden Abschluß fand, und inzwischen mürbe ihm auch Klarheit werden, was die Fürstin für ihn zu tun gedenke. Er hatte mehrere Quellen, welche ergiebig werden zn müssen versprachen, wozu sie nicht als kluger Mann gehörig ausnützen?
Nach der Herberge zurückgekehrt, ließ er sich vor allen» die Zeitungen der letzten Tage geben und fand in einer derselben Lenorcs Jwerat, welches ihn im höclflten Grade befriedigte. Der Umstand, daß sie sich auf Verhandlungen entlassen zu wollen schien, mußte an sich schon als ein äußerst günstiger Fortschritt aufgefaßt werden, sie legte bamit, vielleicht ohne es zu wollen und zu ahnen, das Geständnis ihrer Schuld ab und gab sich in die Gewalt des Mannes, der völlig geeignet war, dies in der entsprechen-
Ausland.
— Die Sensation des Tages in der ungarischen Krisis bildet iu Budapest die ganz unerwartete Nach« richt, daß Wekerle, der frühere Ministerpräsident, seine Stelle als Präsident des Verwaltungsgerichtshofes niedergelegt hat und sich ins Privatleben zurückzuziehen gedenkt. Als Ursache wird angegeben, da Wekerle in dem Kampfe zwischen der Regierung und der Autonomie der Komitate, der schließlich vor die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes gekommen wäre, keine Rolle spielen wolle. Großes Aufsehen erregt auch die Tatsache, daß Graf Andraffy seinen Abschied als Husaren- Oberleutnant genommen hat.
Der neue französische Ministerpräsident Sarrien hat den Auftrag zur Kabinnettsbildung endgültig übernommen. Er hat sich bereits die Mitwirkung von Bourgois und Poincarß gesichert. Später hatte Sarrien eine Konferenz mit Clemenceau, Bourgeois, Etienne, Thomson, Briand, Leygues, Barthou, Rouau, Poincarö und Dumergue, seinen voraussichtlichen Mitarbeitern in dem neuzubildenden Ministeriuin. Für Montag nachmittag war eine zweite Sitzung angesetzt, um das Programm des zukünftigen Kabinetts festzulegen. Jedenfalls ist die Verteilung der Portefeuille noch nicht endgültig entschieden.
— Eine Kanalverbindung zwischen der Ostsee und Schwarzem Meer wird von der russischen Regierung geplant. Die Vorarbeiten sind dem amerikanischen Ingenieur Jackson übertragen worden.
— Wieder machen sich revolutionäre Banden in den Ostseeprovinzen bemerkbar. So wurde 13 Werst von Mitau während der Nacht ein bewaffneter Ueber- fall auf die dortige Verwaltung des Amtsbezirks ausgeführt, wobei das Bildnis des Zaren entstellt und die ganze Barschaft der Verwaltungskasse gestohlen wurde. Die Bande entfloh hierauf in den Wald. Es wurden neue Trnppenverstärkungen in die baltischen Provinzen gesandt.
- In Rußland hat der Minister des Innern verfügt, daß alle in Staatsfabriken beschäftigten Juden zu entlassen seien, wenn sie sich irgend verdächtig machen.
— Nach einem Telegramm aus Peking ist der Kaiser von China erkrankt. An alle Vizekönige ist die telegraphische Aufforderung ergangen, die besten Aerzte
denWeise auszunützen. Er versäumte denn auch keine Zeit, daraufhin wieder ein Inserat einrücken zu lassen, in dem er andeutete, daß, um eine ersprießliche Vereinbarung zu erzielen, eine mündliche Besprechung sich wohl als notwendig erweisen werde und diese, um keinerlei Aufsehen zu erregen, vielleicht am besten durch eine Begegnung beim Lnsthause int Prater erzielt werden könne. Als Termin bestimmte er den gleichen Tag, an welchem er den Grafen Walter Aulenhof bei sich erwartete, nur nannte er erst die sechste Abendstunde, weil er darauf rechnete, daß er bis zu dieser Zeit längst über alle- mit Walter ins reine kommen mußte, was es mit ihm zu verhandeln gab und folglich auch genau wissen werde, wie weit er der Fürstin gegenüber gehen, waS er von dieser zu erreichen oder zu hoffen habe.
Daß zwei Tage vergangen waren, seit daS Inserat der Fürstin in der Zeitung gestanden, war ihm ganz recht, denn der Umstand, daß er allem Anscheine nach überleg» habe, was er wolle, steigerte den Wert dieser seiner Antwort bedeutend.
Mit Spannung sah er nun dem Tage entgegen, an welchem, wie er keinen Augenblick zweifelte, durch seine Besprechung mit Gräfin Aulenhof der erste positive pekuniäre Gewinn ihin zufallen sollte, und je näher dieser Termin rückte, desto mehr steigerte sich die Aufregung, in welcher er sich befand.
Beunruhigend empfand Emil Sternau nur da» vollständige, lautlose Schweigen des Fürsten Otto. Von Graf Walter hatte er fürs erste keinerlei Antwort zu erwarten, denn er war es gewesen, der den Tag und die Stunde der Zusammenkunft bestimmt und bevor dieser Termin nicht abgelaufen, konnte er sich nicht gut dem Glauben hingeben, daß der Graf sich veranlaßt sehen werbe, ihm irgend eine Mitteilung zukommen zu lassen. Daß der Fürst, wie es den Anschein hatte, keinerlei Versuch machte, den Schreiber jenes anonymen Briefes zu entdecken, das beunruhigte ihn mehr, als er zu zeigen für gut fand. 131,18