SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 20. Samstag, den 10. März 1906. 57. Jahrgang.
Bekanntmachung.
a. Die Zustellung der Kriegsbeorderungen und Paßnotizen für das neue Mobilmachungsjahr geschieht vom 12.—25. März er. ab durch Ordonanzen bezw-! durch die Bürgermeisterämter.
b. Die bis jetzt noch nicht zur dienstlichen Kennt- yis gebrachten Wohnungsveränderungen sind sofort zu melden.
e. Die Mannschaften des Beurlaubtenstandes haben an den Tagen vom 12. März ab, falls sie nicht selbst zu Hause sein können, eine andere Person des Hausstandes mit Empfangsnahme der Kriegsbeorderungen bezw. Paßnotiz zu beauftragen.
d. Jeder Mann der bis zum 25. März abends keine Kriegsbeorderung oder Paßnotiz erhalten hat, hat hiervon sofort seinem Bezirksfeldwebel mündlich oder schriftlich Meldung zu erstatten.
e. Die vom 1. April ab nicht mehr gültigen alten (gelben) Kriegsbeorderungen und Paßnotizen sind an diesem Tage durch die Mannschaften selbst zu vernichten, die neuen (roten) einzukleben.
f. Vom 12.-25. März er. können die Kriegsbe- orderungen und Paßnotizen von den Mannschaften des Beurlaubtenstandes persönlich abgeholt werden. Die Militärpapiere sind mitzubringen.
Die Mannschaften oder die von diesen Beauftragte« haben die Quittung auf dem der Kriegsbeorderung oder Patznotiz ange« hefteten Quittungsabschnitt zu vollziehen.
Auf vorstehendem Passus, welcher in diesem Jahre neu eingeführt ist, wird besonders aufmerksam gemacht.
Fulda, den 4. März 1906.
Königliches Meldeamt: Klauer,
Hauptmann z. D. und Bezirksoffizier.
Deutsches Reich.
-- Der Kaiser hat, wie ein Erlaß des Kriegsministers von Einem bekannt gibt, bestimmt, daß die vom Deutschen Verein gegen den Mißbrauch alkoholischer Getränke herausgegebene kleine Schrift: „Alkohol und Wehrkraft" an alle seit dem letzten Einstellungstermin eingetretenen und in Zukunft zur Einstellung kommenden Rekruten der Armee in geeigneter Weise zur Verteilung gelange. Die Verteilung soll kostenfrei erfolgen und ihr Inhalt gleichzeitig seitens der Offiziere erläutert werden.
— Der Reichstag erledigte am Sonnabend den Justizetat. Neues wurde in der Debatte, die mehrfach
Mewegles Keöen.
Roman von Max von Weißcnthnrn. 45
„DaS.Mädchen, welches kurze Zeit hindurch das Pflegekind Ihrer Eltern gewesen, Herr Sternau," sprach sie mit überlegener Ruhe, „hat allerdings bei uns Schutz, Obdach, Erziehung und Unterhalt gefunden. Wir alle, unter deren Augen sie ausgewachsen, haben die Kleine in Liebe ausgenommen, betrachten sie als zu uns gehörig und tragen uns sogar mit dem Gedanken, sie früher oder später dauernd zu uns zurückkehren zu sehen."
„Als Braut Christi?" forschte Sternau „Ist daS nicht etwas voreilig gedacht, hochwürdige Frau? Die Welt mit ihren Versuchungen versteht eS, junge Wesen zu umgarnen, sie dem Kloster abzuwenden, und wenn. eS meiner kleinen Pflegefchwester so geht, wie anderen, so wird sie, wenn sie einmal an dem Becher des Lebens genippt, wenigstens so lange sie jung ist, kein Verlangen mehr tragen, in die abgeschiedene Einsamkeit des Klosters zurück- zukehren."
■ „Was die Zukunft bringt, davon ist Zeit zu reden, wenn dieselbe an uns Herantritt," entgegnete Mutter El- Vira mit ablehnender Kälte.
„Sie mögen im Rechte sein, aber eben, weil ich mich in erster Linie mit der Gegenwart beschäftigte, muß ich auch bitten, mir Ausschlüsse über Vergangenheit und Gegenwart in Bezug auf meine kleine Pflegeschwester zu ge- den"
„ES scheint mir unnötig, daß Sie Eleonore Trouve mir gegenüber mit solcher Beharrlichkeit als Ihre Pflege- schwester bezeichnen; meines Wissens war sie nur als ganz kleines, unmündiges Kind ihren Pflegeeltern anvertraut, die, so viel man mir erzählt hat, ein Kostgeld für die Wartung der Kleinen bezogen, folglich kein besonderes Lie- beSwerk an ihr vollbrachte», sondern nur die Pflicht, für welche sie bezahlt wurden. Der zufällige und nebensäch- liche Umstand, daß Siezn jener Zeit auch im Hause Ihrer Eltern weilten, knüpft noch immer kein engeres Band
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in persönliche Streitigkeiten ausartete, nicht mehr vorgebracht. Die Abgg. Stadthagen (Soz.) und Heine (Soz.) erneuerten ihre Angriffe auf die Strafrechts- pflege. Wiederholt antwortete Staatssekretär Nieberding, der schließlich erklärte, dem Abg. Stadthagen nicht mehr erwidern zu wollen. Abg. Stöcker (Wirtsch. Vg.) bekämpfte die Schmutzliteratur. Mehrmals mußte der Präsident im Laufe der Sitzung mit Rügen und Ordnungsrufen eingreifen. — Am Montag wurde zunächst der Gesetzentwurf über die Ueberleitung von Hypotheken des früheren Rechts debattelos in dritter Lesung angenommen. Auf die Interpellation Gothein und Genossen betreffend die Schwierigkeiten in der Abfertigung deutscher Güter an der russischen Grenze erwiederte Staatssekretär Graf Posadowski, er glaube bestimmt, die russische Regierung werde auf die Beschwerden der deutschen Regierung in günstigem Sinne antworten. Bei der Beratung des Postetats hielt Abg. Gröber (Z.) eine lange Etatsrede, in der er allerlei Wünschen Ausdruck gab, worauf Staatssekretär Krätke die Versicherung gab, er werde alles tun, was in seinen Kräften liege, den Wünschen zu entsprechen. Die Abgg. Singer (Soz.) und Kopsch (freis. Volksp.) verlangten Aufhebung der Portofreiheit fürstlicher Personen, worauf Staatssekretär Krätke erwiderte, diese stehe ihnen von Rechtswegen zu.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Sonnabend die Beratung des Kultusetats bei dem Kapitel „Elementarschulen" fort. Es wurde ein Antrag des Abg. Frhrn. v. Zedlitz (freikons.), in den nächsten Etat 2 Millionen Mark zur Erhöhung der Alterszulagen für die Lehrer und Lehrerinen einzustellen, angenommen. Eine längere Debatte entspann sich dann beim Titel „Ostmarkenzulagen", in welcher Abg. Kreit- ling (fr. Vp.) die ablehnende Haltung der Freisinnigen Voltspartei kurz begründete. Bei der Besprechung des Abschnitts „Kultus und Unterricht gemeinsam" wurde von fast allen Parteien die Besserstellung der Geistlichen verlangt, und es wurde eine Resolution der Budgetkommission angenommen, in der eine erhebliche Erhöhung des Fonds zu Unterstützungen für Geistliche aller Bekenntnisse gefordert wird, die der Kultusminister glaubte für das nächste Jahr in Aussicht stellen zu können. — Am Montag wurde bei Fortsetzung der Beratung des Kultusetats das Kapitel „Technisches Unterrichtswesen" nach kurzer Debatte bewilligt. Beim Kapitel „Medizinalwesen" wurden allerlei Wünsche vorgetragen, die von einem Regierungskommissar und dem Ministerialdirektor Förster entsprechend beantwortet wurden, worauf das Kapitel „Medizinalwesen" bewilligt wurde.
— In Düsseldorf wurde wegen Verbreitung anar-
zwischen Ihnen und Eleonore, um so weniger, als der Unterschied der Jahre ein zu großer, als daß Sie ihr Spielgefährte, der Genosse ihrer ersten Kindheit hätten sein können. Seit Eleonore zu denken und zu fühlen ver- mag, hat sich ihr Geistesleben in unserer Mitte entwickelt, hat sie ihr Heim und ihre Familie bei uns gefunden, ich wüßte also nicht, war mich dazu veranlassen könnte, einem Fremden Aufschlüsse zu erteilen, über den LebenSlauf unserer Kleinen."
Ein kurze, peinliche Pause entstand.
„Sie mögen int Rechte sein, hochwürdige Mutter, wenn Sie einem Fremden diese Aufschlüsse verwehren!" entgeg- nete Emil Sternau nach einer kleinen Weile mit einer gewissen, absichtlichen Betonung, die, wenn man es so neh- men wollte, als vielsagend bezeichnet werden konnte. WaS dann aber, wenn ich beispielsweise in der Lage wäre, Ihnen Aufschlüsse zu geben, Ausschlüsse, die von wesentlichem Belang sein würden, auf den ganzen weiteren Lebenslauf des Mädchens, welches als meine Pflegeschwester zu bezeichnen, Sie mir gewissermaßen verweigern?"
Mutter Elvira mußte sich alle Gewalt antun, um Ruhe und Fassung zu wahren.
Da also, da war der Moment, den sie in einer gewissen Vorahnung immer hatte kommen sehen, der Moment, welcher ihr Aufschlüsse bringen sollte über die Her- kunft ihres Lieblings, aber wer bürgte ihr dafür, daß diese Aufschlüsse die richtigen seien, daß sie auf Wahrheit beruhten, daß sie nicht etwa nur ein Erpressungsversuch waren, durch den sich ein Abenteurer Geld verschaffen wollte, inbem er für hohen Preis irgend ein Geheimnis verkaufte, welches in Wirklichkeit gar nicht bestand?
Sternau hatte das zaudernde Ueberlegen der Oberin wohl bemerkt, er war schlau genug, um zu begreifen, daß er nur durch den Schein der höchsten Ehrlichkeit das er« reichen konnte, was er wollte, nämlich zu erfahren, wo Lori gegenwärtig sei. Und so sprach er denn mit vollster Unbefangenheit. „Ich kann Ihnen ja nur recht geben, hochwürdige Mutter, wenn Sie vorsichtig sind in allem,
chistischer Flugschriften am 21. Januar der Schlosser Franz Jucker von der Strafkammer zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt.
— Die Minister der öffentlichen Arbeiten und des Innern haben zu dem Runderlaß vom 15. Februar 1887, betr. bett § 11 des Gesetzes über die Anlegung und Veränderung von Straßen und Plätzen in Städten und ländlichen Ortschaften, der anordnet, daß die Polizeibehörden, wenn die Gemeinden die Einwilligung zu Neubauten sowie Um- und Ausbauten erteilt haben, nach Maßgabe der in Betracht zu ziehenden polizeilichen Gesichtspunkte die Erörterung des Baugesuches zu veranlassen haben, eine Verfügung erlasfen, wonach dieser Erlaß allein bezweckt, die geschäftliche Behandlung der Gesuche auf Genehmigung der vorgedachten Bauten zu regeln, und nicht hat beabsichtigen können, auf die Ausübung der den Polizeibehörden gesetzlich zustehenden Befugnisse und Verpflichtungen einzuwirken. Die Erörterung des Baugesuches „nach Maßgabe der in Betracht zu ziehenden polizeilichen Gesichtspunkte" habe sich demnach nicht auf die Prüfung der baupolizeilichen Bestimmungen zu beschränken, sondern sich in erster Linie auch auf die verkehrspolizeilichen Rücksichten zu erstrecken, denn das polizeiliche Interesse werde in der Regel darauf Hinweisen, bei derartigen Bauten die Jnnehaltung der Fluchtlinie zu fordern, nicht aber deren Ueberschreitung zu begünstigen.
Ausland.
— Der Hottentottenführer Cornelius hat sich, nach einem Telegramm des Gouverneurs v. Lindequist, nachdem er vom Hauptmann Volkmann hartnäckig verfolgt worden war, mit allen seinen Leuten ergeben. Waffen und Pferde wurden ihm abgenommen.
«. - Ueber drn Aufstand in Deutsch-Oftafrika telegraphiert der Gouverneur Graf Wtzen aus Dares- salam: Die allgemeine Lage bessert sich andauernd, wenn auch langsam. Major Johannes telegraphiert unter dem 10. Februar aus Ssongea, daß die Bergländer Upangwa und Ubena noch unruhig seien; die dortigen Missionen sind durch die 8. Kompagnie gesichert. Die 13. Kompagnie unterwirft, durch Hülfs- Völker unterstützt, Nord-Ungoni. Die Kolonnen Freiherr v. Wangenheim, Grawert und Nigmann operieren auf Mahenge, das jetzt außer Gefahr. Die Abteilung des Sergeanten Pietsch von der Kolonne Nigmann zersprengte am 6. Februar 700 Rebellen. Eine Kolonne unter Oberleutnannt Graf Seyboltstorff mit 75 Soldaten ging am 23. Februar von Kilwa ab, um Mahenge auch mit Kilwa zu verbinden. Das Bezirksamt Langenburg meldet, daß dort die Ruhe ungestört sei.
was auf Ihre junge Schutzbefohlene Bezug hat, damit Sie aber sehen, daß ich der Kleinen nur wohl will und, daß ich gewisse Rechte vielleicht doch zu beweisen im stände wäre, frage ich Sie, frage ich nur so beispielsweise, war Sie tun würden, wenn ich Ihnen Beweise brächte, daß Lori, wie wir sie immer nannten, mein Kind .. daß ich deshalb ein gutes Recht hätte, von Ihnen Rechenschaft über das zu fordern, was Sie mit der Kleinen angefangen?"
„Bor allem würde ich Borlage legaler Beweis« von Ihnen begehren, was ich dann täte, daS würde die Zukunft zeigen. Weilt auch Eleonore gegenwärtig nicht unter unserem Dache, so steht sie doch immer noch unter dem Schutze dieses Hauses, welches nicht gewillt ist, sie leichtfertig dem ersten, besten preiSzugeben, welcher an sie Rechte erheben zu können glaubt. Ich gestehe ganz ehrlich, daß ich selbst den größten Wert daraus lege, über die Herkunft unseres lieben Kindes unterrichtet zu sein, aber, ent- schuldigen Sie, wenn meine Worte hart klingen, ich fordere Bürgschaften, daß die Auskünfte, welche man mir erteilt, echt seien und die leeren Worte einer Fremden bieten mir keine Bürgschaft."
DaS war klar und deutlich gesprochen und Emil Sternau konnte sich nicht dem Wahne hingeben, viel mehr von der Oberin zu erfahren. Einer aber hatte er ja doch ergründet und zwar einen Punkt von großer Wichtigkeit. Er wußte den Namen, unter welchem daS einstige Pflegekind seiner Eltern jetzt zu suchen sei. Eleonore Trouve, der Name war der Oberin unbewußt entschlüpft, schlaue Ohren hatten ihn aufgefangen, ein scharfer Gedächtnis sich denselben eingeprägt.
„Sie scheinen in mir einen Feind zu mutmaßen, während ich in bester Absicht gekommen war," bemerkte Emil Sternau in gekränktem Ton. „Ich ziehe mich zurück und überlasse er Ihrem Ermessen, zu überlegen, ob Sie mei- nem guten Willen entsprechende Würdigung widerfahren ließen." 131,18