Einzelbild herunterladen
 

SchlüchternerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 3. März 1906

57. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Am Montag hat in Berlin die Einholung der Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg in feier­licher Weise stattgefunden. Nachmittag 2 -Uhr traf die Herzogin-Braut auf dem Lehrter Bahnhöfe (ein und begab sich nach Schloß Bellevue, wo sie von der Kaiserlichen Familie begrüßt wurde. Um 5 Uhr hielt die hohe Braut unter bem Geläute der Glocken und dem Donner der Kanonen in feierlichem Zuge in Be­gleitung ihrer Großmutter, der Prinzessin Friedrich Karl, unter dem Jubel einer vieltausendköpfigen Menge im prächtigen, von acht Pfaden gezogenen königlichen Prunkwagen durch das Brandenburger Tor ihren Ein­zug in Berlin. Am Brandenburger Tor wurde sie vom Oberbürgermeister Kirschner und einer Deputation der städtischen Behörden empfangen. Dann bewegte sich der Zug Unter den Linden entlang nach dem Königlichen Schlosse, wo die hohe Braut im Ritter- saase von der Kaiserlichen Familie empfangen und die Ehepakten vollzogen wurden. Am Abend vereinigte sich die Kaiserliche Familie mit den Fürstlichen Gästen zur Familientafel im Elisabethsaale.

Die Vermählungsseier des Prinzen Eitel Fried- . rich mit der Herzogin Sopie Charlotte von Oldenburg hat am Dienstage stattgefunden. Um 4 */2 Uhr nach­mittags wurde im Kurfürsten-Zimmer des Königlichen ; Schlosses durch den Minister des Königlichen Hauses V. Wedel der Standesakt vollzogen, dem die Familien des Brautpaares beiwohnten. Darauf fand um 5 Uhr in der Schloßkapelle die kirchliche Trauung des Prinzen Eitel Friedrich mit der Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg durch den Oberhofprediger D. Dryander statt, die von nun an den Titel einer Prinzessin von Preußen führt. Kaiser und Kaiserm. traten ^ dem Brautpaar, um es mit Kuß und ^andedruÄ zu be­glückwünschen. Gegen 8 Uhr fand ein Fackeltanz im Weißen Saale statt, und gegen 9 Uhr hatten die Feierlichkeiten im Schlosse ihr Ende erreicht. Prinz Eitel Friedrich begab sich um/210 Uhr mit seiner Gemahlin im Sonderzuge nach dem Jagdschlösse Hubertusstock, wv das junge Paar die Flitterwochen verleben wird.

Aus Anlaß der Silbernen Hochzeit hat der Kaiser ein Erinnerungszeichen gestiftet, das von den

damit Begnadigten am Bande des ihnen zuletzt ver­liehenen Ordens u. s. w. oder sofern sie noch keine Auszeichnung besitzen am weißen Bande auf der linken Seite der Brust getragen wird. Nach dem Ab­leben des Inhabers soll das Erinnerungszeichen den

teven oes Jnyaoers jou oas ^rtnnerungsjeimen ven Eine Lösung des handelspolitischen Konflikts luum yeyeut» iwiucn. ^c yuu^iucuuucu vti «>«« Angehörigen als Andenken verbleiben. Ersatz für zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien scheint be-I haben anstelle der Polizeiknüppel Gewehre erhalten, verloren gegangene Abzeichen wird nicht gewährt. vorzustehen. Die serbische Regierung schickte ihrem Eine spätere Meldung desReuterschen Bureaus" aus

Aswegtes Keven.

Roman von Max von Weißeuthnrn. 39

Auf den Eindruck aber, welchen der unerwartete Be- - such auf seine Frau zu machen schien, war er wohl nicht gefaßt gewesen, so gar nicht gefaßt, daß er tebtjnft erschrak.

Als Walter an seiner Seite auf die Dame des Hauses zugeschritten kam, starrte diese, die eben im Begriffe war, an dem gedeckten Tische Platz zu nehmen, den jungen Mann mit weit anfgerissenen, entsetzten Augen an, wäh- rend eine fahle Blässe sich über ihr Antlitz breitete.

Hugo! Mein Gott, können denn die Toten wieder auf­erstehen," stieß sie mit zitternder Stimme hervor und ehe die beiden durch ihr Aussehen erschreckten Männer ihr beispringen konnten, war sie, einem gefällten Baume gleich, zu Boden gestürzt, lag sie in tiefer Ohnmacht zu Füßen ihres Gatten, zu Füßen ihres Sohnes, dessen Aehnlichkeit mit seinem Vater so erschütternd auf sie gewirkt hatte.

Der Fürst, Walter, die erschreckte Dienerschaft, alles bemühte sich um Lenore und nach einer Weile schlug sie dann langsam die Augen auf, starrte sie, um sich, als er- wache sie aus schwerem, beängstigenden Traume. Man hatte sie auf den Divan gelegt. Fürst Otto netzte ihre Stirn mit belebenden Essenzen, er bereute jetzt bitter, seine Frau auf dieses Wiedersehen nicht vorbereitetzuhaben, welches so tief erschütternd auf sie gewirkt hatte, daß für den Mo­ment ihre Sinne sie verließen.

Walter war in eine Fensternische getreten, als er sah, daß die Fürstin langsam zu sich komme, feiifühlend über­ließ er es ihrem Gemahl, die erste», erklärenden Worte zu sprechen.

Fürst Otto tat dies denn auch, in d:r liebevollsten, zartesten Weise, wenn er sich auch im tiefsten Innern mit einigem Befremden fragte, welcher Art die Beziehungen zwischen Hugo von Aulenhof und seiner Frau gewesen sein mochten, da die Aehnlichkeit seines Sohnes mit dem To­ten einen so gewaltigen, tiefen Eindruck hatte hervorrnfen können?

Der Reichstag setzte am Sonnabend bei fast] leerem Hause die Beratung des Reichsjustizetats fort. Abg. Stadthagen (5oj.) schimpfte in niedrigster Weise über dieKlassenjustiz" und zog sich deshalb zwei Ordnungsrufe zu. Seine schweren Beleidigungen des Leipziger Oberstaatsanwalts Böhme wegen dessen Stellungnahme im Prozeß gegen dieLeipz. Volksztg." wies der sächsische Bundesratsbevollmächtigte Dr. Börner in entschiedenster Weise zurück. Oberstaatsanwalt Böhme habe nur seine Pflicht getan. Auf Beschwerden des Abg. v. Gerlach (fr. Vg.) wegen des Zeugnis- zwangsverfahrens erwiderte Staatssekretär Nieverding, daß er eine vollständige Abschaffung des Zeugnis­zwanges nicht für möglich halte, die Regierung habe aber bereits in Erwägung gezogen, ob es nicht angängig sei, die Zeugniszwangshaft nur auf besonders wichtige Fälle zu beschränken, wo es sich um ein staatliches Interesse handle. Wegen der Feierlichkeiten bei Hofe wurde die nächste Sitzung auf Mittwoch anberaumt.

Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Sonnabend die Beratung des Kultusetats. Zu längeren Debatten gaben die Schulverhältnisse in Oberschlesien Anlaß, bei denen Abg. Glowatzki (Z.) gegen die nationalpolnische Agitation auftrat. Auf die Forderung des Abg. Ernst (fr. Vg.), die Regierung solle sich bei Fragen wie dem Schulgesetz mit den Vertretern der Lehrerschaft in Verbindung setzen, erwiderte der Kultusminister Studt, er habe Zurückhaltung geübt, um sich nicht dem Vorwurfe auszusetzen, als wolle er die Lehrer mundtot machen. Abg. Funck (fr. Vg.) suchte die Haltung der Lehrerschaft in der Schulgesetz­frage zu verteidigen. Am Montag wurde die Be­ratung des Kultusetats fortgesetzt. Die Abg. Eickhoff (fr. Vp.) und Hackenberg (ntl) beklagten sich beim Kapitel der evangelischen Konsistorien über mangelnde Toleranz und religiöse Unduldsamkeit bei Nichtbe- stätigung von Geistlichen und besprachen speziell den Fall Römer". Abg. Jrmer (kons.) hielt es für nicht angebracht, innerkirchliche Angelegenheiten vor einem interkonfessionellen Forum zu erörtern. Kultusminister Dr. Studt erklärte, daß er für kollegial gefaßten Be­schlüsse des Konsistoriums nicht verantwortlich sei. Das Kapitel wurde schließlich bewilligt, ebenso wie die KapitelBistümer, katholische Geistliche und Kirchen" sowieProvinzialschulkollegien und Prüfungskom­missionen."

Ausland.

Verzeiht mir beide," sprach Lenore, sich nach ein paar Augenblicken in der Situation zurechtfindend, während sie langsam und schwer atmete.Verzeiht mir, die Ueber- raschung, die Rückerinnerung an so vieles, was gewesen und was mich in der Vergangenheit schmerzvoll bewegt hat, alles stürmte auf mich ein und raubte mir momen- tan die Fassung. Die Aehnlichkeit mit Deinem seligen Ba- ter," fügte sie mit zuckenden Lippen hinzu, indem sie Wal­ter herbeiwinkte und ihm die Hand bot,ist aber auch eine so ungeheure, wie ich sie kaum je im Leben gesehen. Seine.Augen, sein Blick, der Schnitt des Gesichtes, die Farbe der Haare, alles stimmt überein. Wie kommt es," fügte sie mit gezwungener Ruhe hinzu, daß Du Dich plötzlich der Mutter erinnerst, die Dir eine Fremde geworden?"

meine

tun un!

:gen Wo- ld lassen

Nicht plötzlich," entgegnete der junge Mann ernst­haft, indem sein Blick sich voll und ganz auf die noch im­mer schöne Frau richtete,nicht plötzlich, ich habe meine Mutter nie vergesien, aber ich bin erst seit wenigen Wo­chen mein eigener Herr, der selbständig ~ kann, was ihm behagt und so ziemlich der erste Akt des selbständigen Handelns," fugte er mit leichtem Lächeln hinzu,ist derjenige, daß ich meine Mutter aufsuche, um nachzuholen, was ich ihr bis jetzt an Liebe nicht habe dar­bringen können."

War es ein Gefühl der Erleichterung, welches Lenore veranlaßte, anfznatmen, das wieder Farbe in ihre Wan­gen treten ließ? Hatte sie erivartet, daß der Sohn kom­men werde, um Rechenschaft von ihr zu fordern für das Leben seines Vaters, oder hatte sie momentan die Emp­findung gehegt, jener sei eS, der aus dem Grabe erstan­den, der sie zur Verantwortung ziehen wolle für das, was sie verbrochen? Sie wäre selbst nicht im staube gewesen, auSzusprechen, was es sei, wodurch sie sich so tief erschüt­tert gefühlt, Tatsache aber war, daß der Gedanke, der Sohn sei ihr freundlich gesinnt und wolle ihr wohl, sie mit einer bis jetzt kaum je gekannten Freude er füllte. Sich zurück­versetzend in längst vergangene Zeiten, erinnerte sie sich

Gesandten Wuitsch in Wien eine Anwortnote auf die Forderungen Oesterreich-Ungarns. Wie verlautet, wird diesen Forderungen in der Note voll entsprochen.

In Ungarn macht sich jetzt überall eine schärfere Handhabung der Gesetze bemerkbar. Nach etwa 20 Orten, wo man eine lebhaftere politische Wühlarbeit besorgt, wurden militärische Verstärkungen entsendet. Die kürzlich angemeldeten politischen Versammlungen wurden im ganzen Lande von den Behörden verboten. Die katholische Volkspartei des Reichstages hat, da die Auflösung des Politischen Klubs bevorsteht, ihre Auflösung selbst beschlossen.

In einer Unterredung des Madrider Korre­spondenten derKölnischen Zeitung" mit dem früheren Minister Villanueva über die Marokko-Konferenz sagte dieser, er habe die Ueberzeugung, dH die Sache Spaniens ernstlich bedroht sei, wenn sich Spanien in Marokko Frankreich allein gegenüber befände. Der Prätendent sei nur eine Kreatur Frankreichs. Sobald die innere Politik etwas zurücktrete, wolle er, Villa­nueva, im Parlament eine Debatte hervorrufen, die sonnenklar darlue, wie Frankreich sich ganz Marokkos bemächtigen und Spanien nur einen lächerlichen Anteil übrig lassen wolle. Villanueva bestritt das Bestehen französischer Sonderrechte in Marokko und sprach sich über die beiden spanisch-französischen Uebereinkommen absprechend aus.

Der amerikanische Kriegssekretär Taft hat im Chikagoer Unionklub am Donnerstag eine Ansprache gehalten, in der er die Bildung einer starken Armee für die Vereinigten Staaten aus verschiedenen Gründen, insbesondere der Aufrechterhaltung der Monroe-Doktrin, empfahl, da diese die Grenze Amerikas weit über seine tatsächlichen Grenzen hinaus bis zu den Inseln Zentralafrikas, dem Golf von Mexiko und sogar bis zur Sierra del Fuego Hinausschiebe.

Wegen der Zunahme von Aeußerungen des Fremdenhasses in China hat der japanische Gesandte in Peking bei der chinesischen Regierung Vorstellungen erhoben.

DasReutersche Bureau" meldet mysteriöse Nachrichten aus China. In Peking wurde die Polizei plötzlich in den kaiserlichen Palast gerufen, nachdem dort eine Konferenz mit andern Beamten abgehalten war. Die Wachen um die Verbotene Stadt sind ver­

doppelt worden, in die Wohnungen der höheren Würden­träger wurden besondere militärische Wachen gelegt. Ein Grund für diese Vorsichtsmaßregeln ist nicht be­kannt gegeben worden. Die Polizeibeamten der Stadt

ganz gut, daß Walter ihr einziges Kind gewesen, für daS, wenigstens auf Minuten, eine wärmere Empfindung in ihrem Herzen geschlagen und sie konnte sich ganz gut vor- stellen, daß daS gleichgültige Wohlwollen, welches sie ge­gen den kleinen Knaben gehegt, dem schönen, kräftigen Mann gegenüber, der da vor ihr stand, sich in warme, mütterliche Zärtlichkeit verwandeln könne. Gleichzeitig aber überkam sie ein Gefühl tiefer Beschämung, verwun­deter Eigenliebe, bei dem Gedanken, wie der junge Mann wohl über sie urteilen würde, wenn er die Wahrheit wüßte. Die Eitelkeit war eine der Haupttriebfedern ihres Wesen» und aus Eitelkeit bereitete eS ihr Pein, sich denken zu müssen, daß eS je eine Stunde in ihrem Leben geben solle, in der sie bemüßigt wäre, vor dem Sohne die Augen zu Boden zu schlagen. Mit einem Gefühle der Erleichterung aber sagte sie sich, daß seine Anwesenheit hier im Hause der beste Bewei« sei, daß er nichts von der Vergangen­heit mit ihren dunkeln Schatten ahne und sie wollte schon dafür Sorge tragen, daß nun, wo er den Weg zu ihr ge­funden, er dieseauch nie erfahre. So geringschätzig sie Hugo von Aulenhof auch stets behandelt hatte, seit sie seiner Be­sitzes sicher getvesen, so sehr fürchtete sie daS vernichtende Urteil des Mannes, welcher nun mit seinen Zügen vor ihr stand, dem sie aber gefallen, dessen Herz sie erobern wollte.

ES war ein seltsamer Widerspruch in dieser Frau, daß sie, die ohne Reue, ohne Bedauern, ohne Neigung, an die kleine DoloreS dachte, welche sie mutwillig dem Verder­ben preisgegeben, welche sie durch ihr Verschulden dem Tode geweiht, ohne daß die leiseste Stimme der Mitleids für das Kind, für ihr Kind und jenes des Mannes, den sie in ihrer Art liebte, sich in ihrem Herzen geregt hätte, nun plötzlich beim Anblick des Sohnes zur Erkenntnis kam, daß sie Wert darauf lege, in seinen Augen edel, vor- nehm, würdig dazustehen, daß sie von ihm geliebt sein wollte und die seit Jahren schlummernde Stimme be# BluteS in ihrem Herzen für den Sohn sprach, der ihrer Macht und ihrem Einflüsse durch den unbarmherzigen Wil­len eines Toten vollständig entzogen worden war." 131,18