Schluchtemerleitun g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
^ 17. Mittwoch, den 28. Februar 1906. 57. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Die Hochzeitsfeierlichkeiten in Berlin begannen am Montag mit dem Einzug der Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg, nachmittags 5 Uhr an der Seite ihrer Großmutter, der Prinzessin Friedrich Karl von Preußen, im achtspännigen Staatswagen, geleitet von Reichspostillonen und Militär. Am Brandenburger Tor hießen die städtischen Behörden die Herzogin willkommen. Auch 50 Ehrenjungfrauen waren zugegen. Durch das Spalier der Innungen ging der Zug nach dem Schlosse, wo bald darauf der Ehevertrag abgeschlossen ward. Am Dienstag vormittag fand die Be- glückwünschung der kaiserlichen Majestäten zu ihrem Ehejubiläum statt. Eine kirchliche Weihe in der Schloßkapelle durch den Oberhofprediger Dryander. Kaiser und Kaiserin trugen die silberne Myrte. Der Beglückwünschung folgte ein Festmahl und diesem der Fackeltanz im Weißen Saale. Die Neuvermählten begaben sich nach dem märkischen Jagdschlösse Hubertus- stock, um dort die Flitterwochen zu verleben.
— Die Gerüchte eine bevorstehende Zusammenkunft des Kaisers mit den, Könige Eduard von England im Frühjahr 1907 in Griechenland werden von verschiedenen Seiten bestätigt. Es wird hinzugefügt, daß eine vollständige Aussöhnung zwischen den beiden Monarchen erfolgt sei.
— Prinzessin Max von Baden wurde Samstag früh 6 Uhr von einem Knaben glücklich entbunden.
— Der Reichstag beriet am Donnerstag zunächst das Handelsprovisorium mit den Vereinigten Staaten. Reichskanzler Fürst Bülow empfahl die Annahme der Vorlage. Es handle sich lediglich um ein Provisorium, und es solle ein Zollkrieg vermieden werden, den man nur im Notfalle anfangen werde. Auf das Fortbe- stehen guter politischer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten lege er hohen Wert, aber es wäre trügerisch zu glauben, daß Deutschland politische Freundschaft mit einer Benachteiligung seiner wirtschaftlichen In- teressen erkaufen wollte. Die Vorlage wurde schließlich in erster und zweiter Lesung gegen die Stimmen der Konservativen und eines Teils der wirtschaftlichen -Vereinigung angenommen. Bei der Fortsetzung der Beratung des Justizetats bekämpfte Abg. Roeren (Z.) in längerer Rede die unsittliche Literatur. — Am Freitag wurde das deutsch-amerikanische Handelsprovisorium in dritter Lesung angenommen und die Beratung des Reichs-JustizetatS fortgesetzt. In der Debatte wies Staatssekretär Nieberding die vom Abg. Brühn (Antis) erhobenen Vorwürfe gegen Richter und Staatsanwalt zurück, Abg. Dr. Ablaß (frs. Vp.) trat für eine Resolution betr. Verweisung der Preßvergehen vor die
Uew-gres Keöe«.
Roman von Max von Weißenthurn. 38 Sie sagte sich, daß, wenn ihr Beruf das Kloster sei, sie von selbst dorthin zurückkehren werde, und daß, wenn Welt und Leben ihre Ansprüche an sie geltend machen wollten, man nicht daS Recht habe, dem vorzugreifen, was Bestimmung sei.
Vielleicht würde sie sich etwas beunruhigter gefühlt haben, wenn sie geahnt hätte, daß bei gelegentlichen Spazierfahrten mit der Fürstin, die immer ein Ereignis wa» ren, da die gelähmte Frau nur schwer in und aus den Wagen gehoben werden konnte, Lori wiederholt einem jungen Reitersmann begegnet war, dessen Blicke bewundernd, ja fast forschend auf ihr ruhten, vielleicht hätte es sie auch beunruhigt, zu erfahren, daß die Blicke dieses Fremden mitunter inquisitorisch unb beharrlich waren, daß sie eine zarte Röte in die Wangen deS Mädchens trieben.
Durch die Frau deS GutSdirektorS Wanck hatte Lori eg erfahren, daß dieser Fremde ein junger Graf Au»
Riedenfürst sei, der auf Besuch in der Nachbar- schüft weile und eS nötigte ihr dieser Umftanb naturge» maß ein gewisse« Interesse ab, weil sie längst erfahren hatte, daß die zweite Heirat deS Fürsten Otto mit einer verwitweten Gräfin Aulenhof Riedenfürst eS sei, welche den Streit zwischen ihm und seinerMutter hervorgerufen hatte. Stand dieser junge Mann in irgend einem Zusammenhang mit der Gemahlin des Fürsten und wenn, war vielleicht gerade darin der Grund zu suchen, weshalb es fast den Anschein hatte, als ob er mit einer gewissen Absicht- lichkeit die Pfade der alten Fürstin und ihrer Gesellschaftsdame kreuze? Die Frage beschäftigte Eleonore mehr, als sie sich selbst zugestehen wollte, sie fand keine Lösung ba* für, aber eine innere Stimme flüsterte ihr zu, Mutter El- vira darum nicht zu fragen. Und so entstand baS erste Geheimnis zwischen ihr und der Frau, welche die Hüterin ihrer Kindheit gewesen. * ötA ,.£-;«&'. «------.,-*-.._ . -4 ..
Fürst Otto zu Lichtenfels saß eines Morgens, in die Lektüre der eingelaufenen Post vertieft, in seinem Arbeitszimmer, als ihm der Besuch des Grafen Walter Aulen» Hof Riedenfürst angemeldet wurde. Mit einigem Befremden, aber doch mit einer gewissen Herzlichkeit, trat er dein jungen Manne entgegen.
„Ich hoffe," sprach dieser lebhaft, „Durchlaucht ver- zeihen mir ben Schritt, welcher Ihnen in mancher Hinsicht seltsam erscheinen mag, der aber durch die Verhältnisse erklärt, mir das einzig richtige Verfahren dünkt, welches ich einschlagen kann. Sie wissen zweifelsohne, daß meine Schwestern und ich aus Gründen, deren Erörterung mir nicht zukommt und die ich auch," fügte er mit einer gewissen Befangenheit hinzu, „in ihren Einzelheiten nicht kenne, von Kindheit an unter Fremden erzogen und der Mutter fern gehalten wurde. Ich habe mir kein Urteil zu bilden über das, was mein Vater vor Jahren beschlossen, jetzt aber, wo ich ein reifer Mann bin, der selbst ein* zustehen hat für das, was er tut und denkt, jetzt vermag ich der Sehnsucht nicht länger Einhalt zu gebieten, mei- ner Mutter so zu nahen, wie eS dem Sohne geziemt und deshalb bitte ich Sie, Durchlaucht, um die Erlaubnis, Ihr Haus besuchen, meine Mutter, fast möchte ich sagen, kennen lernen zu dürfen."
Freudige Bewegung beriet sich in den Zügen des Fürsten, während er lebhaft sprach: „Duhättest mir keine größere Freude bereiten können, als Du es dnrch diese Bitte tust. Zudem ich Dir den Weg znr Mutter weise, gestatte, daß auch ich Dich mit väterlichem Wohlwollen in meinem Hause willkommen heiße und sei überzeugt, daß Du, der Du im zartesten Knabenalter durch eine Verkettung grausa- mer Verhältnisse, des VaterS beraubt wurdest, iu mir, der ja doch, wenn wir uns bis nun auch fremd gegen» überstanden, Dein Stiefvater bin, stets einen väterlichen Freund finden wirst, der bereit ist, Dir mit Rat und Tat an die Hand zu gehen."
Walter von Aulenhof war aus das wohltätigsteberuhrt , durch die Art, wie der Fürst ihm entgegenkam und er er-
Schwurgerichte ein, worauf Staatssekretär Nieberding erwiderte, daß auf eine Ausdehnung der Kompetenz der Schwurgerichte nicht zu rechnen, aber auch eine Beseitigung derselben nicht zu befürchten sei.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Donnerstag zunächst mit den die Förster betreffenden Positionen des Forstetats. Eine Resolution, für baldmöglichste Erhöhung der Dienst- und Pensionsbezüge der mittleren und unteren Forstbeamten zu sorgen, wurde nach längerer Debatte angenommen. Beim Etat des Finanzministeriums kam es zwischen den Abgg. Lusensky (natl.) und Korfanty (Pole) zu einer kleinen Polendebatte. Dem Abg. v. Arnim (kons.) gegenüber, der über den hohen Diskontsatz der Reichsbank klagte, gab Finanzminister Frhr. v. Rhein- baben der Erwartung Ausdruck, daß das jetzt dem Reichstage vorliegende Reichsbanknotengesetz die Reichsbank in die Lage setzen werde, ihren Goldbestand mehr zu wahren und von einer Erhöhung des Diskonts abzusehen. Der Titel „Minister" sowie eine Reihe weiterer Titel wurden bewilligt. — Am Freilag wurde das Kreis- und Provinzialabgabengesetz in dritter Lesung erledigt und der Etat des Finanzministeriums in zweiter Lesung zu Ende beraten. Eine längere Debatte entspann sich über die Ausgabeüberschreitung beim Neubau des Königlichen Schauspielhauses, die von den Rednern aller Parteien bemängelt wurde. Finanzminister v. Rheinbaven erwiderte, daß die Mehrausgaben darauf zurückführen seien, daß sich während des Baues nicht vorgesehene Mängel herausgestellt hätten. Die Mehrforderungen und der Rest des Etats wurde bewilligt und damit der Finanzetat erledigt.
— Um den Güterstockungen an der der deutschrussischen Grenze abzuhelfen, hat die russische Regierung versprochen, ihr möglichstes zu tun. Das Personal der Zollämter soll verstärkt werden. Es ist zu hoffen, daß auch die russische Eisenbahnverwaltung die erforderlichen Maßnahmen treffen wird.
— Den Entwurf einer neuen Eisenbahn-Verkehrsordnung ließ der Minister der öffentlichen Arbeiten den Eisenbahndirektionen mit dem Auftrage zugehen, die Neubearbeitung nebst Begründung einer eingehenden Prüfung zu unterziehen; einen Bericht über das Ergebnis dieser Prüfung nebst etwaigen Aenderungs- und Ergänzungs-Vorschlägen erwartet der Minister bis zum 1. April d. I. Einzelne Abänderungen des Entwurfs hat bereits das Reichseisenbahnamt in Anregung gebracht.
— Ein untreuer „Genosse" ist der Steinträger Lother, Kassierer der Zahlstelle der Landsberger Orts
gruppe des Verbandes der Bau-, Erd- und gewerblichen Hülfsarbeiter. Er ist mit 800 Mk. der von ihm verwalteten Kasse durchgebrannt.
Ausland.
— Zum Aufstand in Deutsch-Südwestafrika machte in der Budgetkommission des Reichstages Erbprinz zu Hohenlohe Mitteilung von einem Telegramm, nach dem ein Teil der Cornelius-Leute nachträglich außer der Zusicherung des Lebens die Zusicherung des geraubte» Viehs verlangt habe. Als dies abgelehnt wurde, seien 100 Leute abgeritten. Cornelius mit Berseba-Kapitän sei diesen nachgeritten, um die Leute zur Rückkehr zu bewegen, und, nachdem dies fehlgeschlagen, habe Cornelius erklärt, seine Leute nicht im Stiche lassen zu können. Demnach scheint also Cornelius noch nicht in den Händen unserer Truppen zu sein, hoffentlich machen sie ihn aber trotzdem doch bald dingfest.
— Die Wahlrechtsreform für das österreichische Abgeordnetenhaus ist von der Regierung vorgelegt worden. Von den durch direkte allgemeine Wahl zu wählenden 455 Abgeordneten sollen 205 Deutsche, 230 Slaven, 16 Italiener und 4 Rumänen sein
Der italienische Verein zur Förderung der nationalen Interessen „Dauti Alighieri" verstärkt angesichts des neuen „Deutschschweizer Sprachvereins" seine Bemühungen zur Ausbreitung der italienischen Sprache in der Schweiz. Aus den statistischen Veröffentlichungen erhellt, daß trotz der sehr viel größeren absoluten Zahl der deutschsprechenden im Vergleich zu der romanisch sprechenden Bevölkerung der Schweiz die ersteren erheblich abnimmt und die letztere sehr ansehnlich wächst. Die Bemühungen des Vereins „Dante Alighieri" werden durch die manigfaltigen Vereine von in der Schweiz dauernd und zeitweilig angesiedelten Italienern wirksam unterstützt.
■ — Die französische Deputiertenkammer hat den Gesetzentwurf betreffend die Altersversicherung für Arbeiter angenommen.
— In der französischen Stadt Samt Servan sollte die Inventaraufnahme in der Kirche vorgenommen werden. Da die Türen geschlossen waren requirierte der Unterpräfekt Militär, um die Türen einschlagen zu lassen. Major Höry, der die Abteilung Truppen befehligte, verweigerte den Gehorsam; er erflärte, sein Gewissen gestatte ihm nicht, dem Befehle nachzukommen. Drei Hauptleute verweigerten gleichfalls den Gehorsam. Schließlich kam ein Leutnant der Aufforderung, nach. General Davignon befahl den Offizieren, die den Gehorsam verweigert hatten, sich in Arrest zu begeben, und ordnete gegen sie eine Untersuchung an.
kannte jetzt erst recht, ivie gut er daran tue, wenn nicht um ihret-so um seinetwillen die Frauzu schonen, welche die Sünden ihrer Jugend vielleicht längst bereut und gesühnt hatte.
„In einer halben Stunde," sprach der Fürst, indem er den jungen Mann zum Platznehmen einlud, „ist die Stunde des Gabelfrühstücks, meine Frau und ich sind heute allein, bleibe hier und gewähre mir die Freude, derjenige sein zu können, welcher der Mutter ihr Kind zuführt. Du weißt vielleicht nicht," fügte er mit melancholischem Lächeln hinzu, daß auch meine zweite Ehe mit einem Kinde gesegnet war, welches das grausame Schicksal unS entrissen hat. Ich aber bin gerne geneigt, Leonores Sohn jenen Platz in meinem Herzen einzuräumen, der durch den Tod meiner kleinen Dolores nie mehr ausgefüllt ist. Ich bin dazu um so eher bereit, a'3 ich Grund habe, zu glauben, daß meine Frau den Schmerz der Kinderlosigkeit ihrer zweiten Ehe nie überwunden hat, daß ein Stück ihres Herzens mit Dolo» reS gestorben und seither ein Hauch der Kälte sie umweht, der mich immer tief schmerzlich berührt hat unb der, wenn nicht trennend zwischen unS gestanden, so doch mit Schuld daran getragen hat, daß wir uns in späteren Jahren nicht §anz so innig an einander geschloffen, wie ich eS in der fugenb geträumt hatte."
Die beiden Männer sprachen leicht mit einander; sie fühlten sich wechselseitig sympathisch berührt. Jeder ahnte in dem anderen den Ehrenmann unb eS war dadurch jene, auf wechselseitige Achtung basierte Freundschaft möglich, die keiner langen Bekanntschaft bedarf, um sich gedeihlich zu entfalten und den krassen Gegensatz zu jenem wechselseitigen Abstößen bildet, das bei Naturen, die in der Gesinnung einander nicht ebenbürtig sind, so leicht vorzukom» men pflegt und welche« sich durch nichts Überdrücken läßt.
Der Fürst klingelte und erteilte dem Diener den Be- fehl, noch ein Kuvert aufzulegen, ohne der Frau Fürstin etwas davon zu sagen.
Als daS Gabelfrühstück angemeldet wurde, trat er mit seinem jungen Gast in den Speisesaal, in welchem Lenore bereits früher erschienen. 131,1$