Einzelbild herunterladen
 

' SchlWernerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,

M 15.

Mittwoch, den 21. Februar 1906.

57. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Der Reichstag setzte am Dienstag die Etats­beratung fort. Abg. Hagemann (natl.) bekämpfte die höllische" Agitation der Sozialdemokraten. Dem Abg- v. Oertzen (Rp) setzte Unterstaatssekretär Wermuth auf dessen Anfrage auseinander, was der Bundesrat gegen das Automobilunwesen zu tun gedenke. Abg. Kulerski (Pole) kritisierte das preußische Ansiedelungs- ges^tz, Abn. Dr. Leonhardt (frs. Vp.) trat für die freie Arztwahl ein, Abg. Horn (Soz.) ließ sich des längern über die Sonntagsruhe aus, und Abg. Werten (fr. Vp.) beschäftigte sich mit der Frage des Vogelschutzes und des Kinderschutzes. Nach einer Polemik zwischen den Abgg. v. Gerlach (frs. Vg.) und v. Massow (kons.) sprachen noch die Sozialdemokraten Schöpflin und Förster. Am Mittwoch wurde die erste Lesung des sozialdemokratischen Wahlantrages fortgesetzt, die Abg. Bebel mit einer sehr langen Rede eröffnete. Der hanseatischen Gesandte Dr. Klügmann antwortete auf einige Bemerkungen, dann entrollte sich aufs neue die Rednerliste: Büsing (natl.), Dr. Pachnicke (fr. Vg.), Frhr. v. Maltzahn (kons.), Blumenthal (D. Vp.), Brühn (Rp.), Semler (natl.), Liebermann von Sonnen- berg (antis.). Was sie zu sagen hatten, war nichts neues. Von Interesse war höchstens ein scharfes Ge­plänkel zwischen Bruhn und dem Freisinn, für den mehrere Redner in die Schranken traten.

Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Dienstage mit der Beratung des Etats der Berg-, Hütten» und Salinenverwaltung. Auf die Frage des Abg. v. Arnim (kons) erklärte Handelsminister Dr. Delbrück, daß er auf staatlichen Kohlenbergwerksbesitz in allen Bezirken Wert lege. Die Abgg. v. Woyna (kons.) und Reinhard (3 ) wandten sich gegen die Einführung des Kalizolles. Dem Abg. Wolfs (frs. Vg.) sagte der Handelsminister die Förderung der Bohrarbeiten zur Erschließung der Bodenschätze in den östlichen Provinzen zu, und Abg. Goldschmidt (fr. Vp.) ging in der Hauptsache auf die Löhne der Bergarbeiter ein. -- Am Mittwoch wurde die Beratung fortgesetzt. Abg. Korfanty (Pole) führte Klage über die niedrigen Löhne in Oberschlesien. Oberberghauptmann v. Vehlsen erklärte, daß die Löhne dort in den fiskalischen Gruben höher seien als in Privatbetrieben, während Handes- minister Dr. Delbrück betonte, daß nach den neuen Arbeitsordnungen sich namentlich die Verhältnisse in Bezug auf die Schichtdauer erheblich gebessert hätten. Abg. v. Eynern (natl.) wandte sich in der Hauptsache gegen ein zu schnelles Tempo in der Fortführung der sozialpolischen Gesetzgebung, durch die Industrie und

Landwirtschaft schwer belastet fei, und fragte den Minister nach dem Stande der Vorarbeiten für eine gesetzliche Regelung der Heimarbeiterfrage. Der Minister erwiderte, daß an ein Heimarbeiter-Schutz- gesetz erst nach eingehender Information über die Verhältnisse der Heimarbeiter gedacht werden könne. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen, wurde daS KapitelBergwerke" angenommen.

Die soziale LiebeStätigkeit der deutschen Krieger­vereine tritt in einigen Tagen von derKyffhäuser- Korrespondenz" mitgeteilten Zahlen wirkungsvoll zu Tage. Danach haben der Deutsche Kciegervund und der Preußische Landes-Kriegerverband im Jahre 1905 ausgegeben für Kameradenunterstützungen 142535 Mk., für Witwenunterstützungen 60319 Mk., für Notstands­unterstützungen 142535 Mk., für Ehrengaben bei goldenen Hochzeiten 1587 Mk., für Notstandsunter­stützungen 21620 Mk. und zur Unterhaltung der vier Waisenhäuser des Deutschen Kriegerbuudes 162774 Mk. Das sind in dem einen Jahre zusammen 388835 Mk.s

Ausland.

An der Bahre des Königs Christian von Dänemark hat der deutsche Kaiser durch den Legations­rat Prinzen Reuß einen Kranz niederlegen lassen, der auf weißem Bande die Inschrift trägt:Wilhelm II., Deutscher Kaiser, in Dankbarkeit und Verehrung dem väterlichen Freunde."

Zum Zollkrieg zwischen Oesterreich und Serbien erfährt die WienerPol. Korr." aus kompetenter ser- bischer Quelle, daß der serbische Gesandte Wuitsch von der serbischen Regierung beauftragt worden ist, an die österreichisch-ungarische Regierung das Ersuchen zu richten, sie möge die gewünschten Modifikationen des serbisch-bulgarischen Zollunionsvertrages bekannt geben, von denen Oesterreich-Ungarn die Wiederaufnahme der Handelsvertrags-Verhandlungen mit Serbien abhängig macht.

Der internationale antimilitaristische Verband ließ in Frankreich neuerdings einen Aufruf anschlagen, in welchem die Soldaten zur Desertion, zu Gewalt­tätigkeiten gegen die Offiziere und Gehorsamsver­weigerung im Falle einer Mobilmachung aufgefordert werden. Die Plakate wurden sofort von der Polizei entfernt.

Die Inventaraufnahme in den Kirchen Frankreichs begegnet immer noch Schwierigkeiten. Auf Korsika kam es in mehreren Städten zu beträchtlichen Ruhestörungen. Eine Anzahl Geistlicher des Departements Ardöche be-1

schloß wegen der Abschaffung des Kulturbudgets nicht mehr die Messe zu lesen. Der Bischof erließ deshalb einen Hirtenbrief, in dem er die Pfarrer auffordert, ihrer seelsorgerischen Pflicht nachzukommen und jeden­falls die Weisungen des Papstes abzuwarten.

Die Arbeitslosenfrage in London hat immer noch nicht ihre Lösung gefunden. Zwischen drei- und viertausend Arbeitslose versammelten sich am Themse- Ufer und marschierten unter polizeilicher Begleitung nach dem Hydepark, wo Reden gehalten und Resoluti­onen angenommen wurden, in denen die Regierung dringend gebeten wird. Schritte zur Lösung der Ar­beitslosenfrage zu ergreifen

Ein Tagesbefehl des Generals KaulbarS in Odessa gibt bekannt, daß über jede Person, die einen Anschlag gegen Behörden mit Sprengstoff, Bomben, Schußwaffen oder anderen Mitteln aussührt, sowie über Personen, die zu solchen Zwecken dienende Gegenstände erwerben, anfertigen, bewahren oder veräußern, künftig die Todesstrafe auf administrativem Wege ohne Unter­suchung und Gerichtsverfahren verhängt wird. Der Befehl gilt für die Gouvernements Cherson, einschließ­lich Odessa, Bessarabien, JekaterinoSlaw und Taurien einschließlich Sebastopol. 2Jlan sieht, daß die russische Regierung mit eiserner Strenge gegen die Revolutionäre vorzugehen entschlossen ist.

Infolge der Missionsplünderungen in China hat die chinesische Regierung die strengste Bestrafung der Unruhestifter angeordnet. Die Führer des Haufens sollen sofort hingerichtet werden.

Lokales und Provinzieller.

Schlüchtern, 20. Februar 1906,

^* - Der Matthiastag (24. Februar) ist im Volks­glauben ein kritischer Tag allererster Ordnung, da er auf die Gestaltung des Wetters der nächsten Zeit einen bedeutenden Einfluß ausüben soll. Hatten wir bis zum Matthiastage Frost, so soll nunmehr gelinde Witterung eintreten und, ist es gelinde gewesen, so soll es, obwohl der kalendermäßige Anfang des Frühlings nicht mehr weit, erst nochmals Schnee und Kälte geben. Matlheis brichts Eis, fini/t er keins, so macht er sich eins", sagt eine alte Bauernregel und wir müssen deshalb abwarten, welcher Art das Benehmen des alten Herrn sein wird, damit wir uns in Bezug auf die Arbeiten in Garten und Feld, wo die Vegetation sich nun bald entwickeln wird, danach richten können. Beginnt in der zweiten Hälfte des Februar doch schon in den Bäumen und Sträuchern daS Aufsteigen des Nahrungssaftes, der dgnn die Knospen anschwellen

f Bewegtes KeSen.

Roman von Max von Weißenthurn.

34

Zwei Stunden waren mit der Lektüre vergangen, Eleo- ttore wußte selbst nicht wie, und geistig aufgeweckt, wie j sie war, fand sie einen freudigen Trost in dem Gedanken, 8 daß, selbst wenn sie sich hier einsam fühlen würde und lie- x beleer, die Art der Beschäftigung, welche ihr zu teil wurde, U ganz danach angetan war, ihrem Geistesleben zur weite- W ren Entwickelung zu verhelfen.

*

ux *

In seinem behaglichen Arbeitszimmer auf Schloß Wolfs- K berg saß Walter von Aulenhof Riedenfürst, der gegen- wärtige MajoratSherr des alten reich unmittelbaren Ge- schlechte». Er hatte, nachdem er im Theresiauum seine ! Studien vollendet und die Matura absolviert hatte, sich W der juridischen Karriere zugewandt, studierte in Wien und M war nur jetzt anläßlich seiner GroßlährigkeitSerklärung 9 auf einige Tage nach Wolfberg gekommen, um alles zu übernehmen und in alles eingeführt zu werden, was der alte Freund und Vertreter des HauseS, RechtSanwalt Zell, notwendig, ja unerläßlich fand.

Der junge Mann brächte dem alten Herrn, welchen er von Jugend auf kannte, so blinde» Vertrauen entgegen, daß . ^ er am liebsten alle», was überhaupt zu tun war, ihm M überlassen und sich gerne um nichts gekümmert hätte. Aber Zell hatte unerbittlich sein Kommen gefordert und so war ihm nichts übrig geblieben, als diesem Wunsche Folge zu & leiste». Die geschäftliche Uebergabe hatte wenige Tage frü- ® her stattgefunden, eS war alle» in schönster Ordnung ab« M gelaufen und nun saß der junge Mann in Gedanken ver. H funken vor einem Briefe, welchen er in den ersten Mor- H genstunden von Zell erhalten.

Derselbe lautete:Hochgeborener Herr Graf! Mein lieber, junger Freund, darf ich wohl sagen. Erweisen Sie W mir die Gefälligkeit, vor Ihrer Abreise in einer mich ebenso nah wie peinlich berührenden Angelegenheit bei mir bar« | /"sprechen. Erweisen Sie mit den Gefallen, heute in den

Nachmittagsstuudcu zu mir herüberzusahreu. damit es uns möglich sei, ungestört über die ganze Angelegenheit mit­einander zu reden Ihr väterlicher Freund Georg Zell."

Was mochte es sein, wasZell ihm zu sagen haben konnte ? fragte sich der junge Mann, indem er sich gestand, daß er darüber vollständig int unklaren sei. Er kannte Zell zu ge­nau, um nicht mit Bestimmtheit zu wissen, daß es nur et« was Ernstes war, was jenen veranlaßte, ihm in solcher Weise zu schreiben, aber er zerbrach sich vergeblich den Kopf, um zu ergründen, was es sei.

Er beschloß somit, so rasch als möglich dem Wunsche deS väterlichen Freundes zu willfahren, begriff aber gleich­zeitig, daß nicht damit gedient war, wenn er jetzt sofort zur Stadt ritt, denn Zell war möglicherweise nicht frei und er mußte sich doch bis zu den Nachmittagsstunden ge« dulden. In ziemlich aufgeregter, gespannter Stimmung verging dem jungen Manne die Zeit weit langsamer, als ihm lieb war und er hätte dem Zeiger an der alten Kuckucks­uhr die Kraft verleihen mögen, heute doppelt so rasch seinen Kreislauf zu vollenden, wie sonst. Nachdem er einen Blick in die Zeitungen geworfen, die für ihn in seiner er­regten Stimmung auch nichts Fesselndes enthielten, ließ sich seine Mahlzeit servieren, trachtete seine Nerven zu be­ruhigen, indem er einige Male im Garten auf- und ab« ging und, kaum verkündete die Uhr die zweite Nachmit- tagsstunde, als er auch schon den Befehl des EinspannenS erteilte, um nach Zilli zu fahren.

Dort ließ er sich von Dietrich, dem alten Faktotum Zells, anmelden und wurde sofort vorgelaffe».

Mein lieber, junger Freund!" rief der Rechtsanwalt, ihmmitausgestrecklenHänden entgegengehend.Ich wußte, daß Sie meiner Bitte tunlichst bald Nachkommen würden und ich danke Ihnen dafür von Herzen! Es ist mir gren­zenlos peinlich und schwer, Ihnen das nicht ersparen zu können, was ich Ihnen heute mitzuteileuhabe, aber Pflicht und Gewissen gebieten mir, die Sache nicht länger hiu- auSzuschieben. Nehmen Sie Platz und verzeihen Sie mir, wenn ich dem Anscheine nach weitschweifig werben mag,

es läßt sich dies nicht gut vermeiden, damit Sie in die Lage versetzt seien, zu begreifen, um was e» sich handle."

Er hielt einen Augenblick inne und Walter von Aulen­hof willfahrte der einladenden Geberde, welch« ihn aufior- derte, Platz zu nehmen. Seine Augen ruhten mit dem Ausdrucke lebhafter Spannung auf Zells Antlitz, da« war- devollen Ernst, gepaart mit Sorge, zur Schau trug.

Sie sind zwar noch sehr jung gewesen, al» Ihr Bat«, starb," fuhr er, sich in seinem Sessel zurechtrückend, fort, aber ich bezweifle keinen Augenblick, daß geschwätzig« Zungen bemüht gewesen sind, Ihnen, wenn nicht damal», so doch seither, die traurige Art seines Tode» mehr oder minder ausführlich zu erzählen, Sie wissen somit zwei­felsohne, daß Ihr Vater an gebrochenem Herzen gestor­ben ist."

Allerdings weiß ich das!" entgegnete der junge Mann mit tiefem Ernst.Und es sind mir auch manche Andeu­tungen zu Ohren gekommen, als ob meine Mutter diesem Unglück nicht fremd gegenüberstehe, aber eben der Um- stand, daß es meine Mutter gewesen, welche man mit dem­selben Verwoben wissen wollte, hat mir die Pflicht auf« erlegt, nicht weiter danach zu forschen, denn nimmer kann es meine Aufgabe sein, zum Richter zu werden an der Frau, welche mich geboren."

Mit einem ernsten Neigen des Haupte» lauschte Zell den Worten deS jungen Manne».Sie haben recht," sprach er.Diese Ihre Auffassung ehrt Sie und erleichtert mit in mancher Hinsicht die peinliche Aufgabe, welche vor mir liegt. Verzeihen Sie, wenn die Wahrheit, welcher ihrRecht werden muß, mich trotzdem zwingt, Ihrem Kinderherzen weh zu tun. Ja, die geschwätzige Frau Fama ist im Rechte gewesen, wenn sie den Tod Ihres Vaters mit Ihrer Mut­ter in Verbindung brächte, und ich will Ihnen, in die Ver­gangenheit zurückgreifend, mit wenigen Strichen ein Bild dessen entwerfen, was gewesen. Ihr Vater hat Ihre Mut­ter aus leidenschaftlicher Liebe geheiratet. Er hat autz StaudeSvorurteil und Familienrücksichten vergessen und geglaubt, in einer Ehe Ersatz für alle» zu finden." 131,18