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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

12. Samstag, den 10. Februar 1906. 57. Jahrgang.

Bekanntmachung.

Da noch nicht genügend Anmeldungen von Schiffs­jungenanwärtern im Alter von 15'/, Jahren an auf­wärts eingegangen sind, wird die Schiffsjungendivision die Anwärterliste für den Einstellungstermin 1906 noch bis Ende März offen halten. Anmeldungen können beim untenstehenden Kommando erfolgen, von wo aus nähere Bestimmungen auf Verlangen unentgelilich ver­abfolgt werden.

Königliches Bezirkskommando Hanau.

Deutsches Reich.

Im Reichstage wurde am Sonnabend die zweite Etatsberatung fortgesetzt, die Abg- Patzig (natl.) mit einem langen Vortrage über Sozialpolitik einleitete. Staatssekretär Graf Posadowsky antwortete ausführlich auf alle im Laufe der bisherigen Debatte an ihn her­angetretenen Anregungen, Wünsche und Fragen und stellte Gesetzentwürfe in Aussicht betr. Krankenversicher­ung der Heimarbeiter und betr. Schutzbestimmungen für Tabakarbeiter der Heimindustrie, wie er überyaupt für ein stärkeres Eingreifen der Gesetzgebung in bezug auf die Heimarbeit plädierte. Ein Gesetzentwurf betr. Krankenversicherung der Landarbeiter und des Gesindes ist fertig, soll aber bezüglich der Kostenfrage noch geprüft werden. Der Plan der Witwen- und Waisen- Versicherung (lex Trimborn) wird gleichfalls bereits versicherungstechnisch geprüft. ,Ein Entwurf betr. Sonntagsruhe in Glashütten wird demnächst den Bundesrat beschäftigen. Am Montag wurde die Etatsberatung beim Reichsamt des Innern fortgesetzt. An der Debatte, die wieder einen rein sozialpolitischen Charakter trug und von neuem ein ganzes Bukett von Wünschen zutage förderte, beteiligen sich die Mag. v. Kardorff (Rp.), Erzberger (Z.), Stücklen (Soz) und Bassermann (ntl.).

Im preußischen Abgeordnetenhause wurde am Sonnabend der Domänenetat zu Ende beraten. Abg. Dr. Schroeder (natl.) sprach sich gegen die sogenannten Kindercenten und kleinen Renten aus und befürwortete eine Ausdehnung der Krankenversicherung auf die landwirtschaftlichen Arbeiter nur unter der Bedingung, wenn eine Entlastung bei der Unfallversicherung für die Grundbesitzer eintrete. Die Abgg. v. Klitzing (kons.) und Dr. Jderhoff (freik.) und Hirsch-Essen (natl.) traten ihm bei, während Abg. Schmedding (Z.) gewisse Vorbehalte machte. Nach einer Warnung des Abg. Rosenow (fr. Vp) vor einem Rückwärtsgehen in der sozialpolitischen Gesetzgebung wurde der Etat bewilligt. Der Etat der Zentralgenossenschaftskasse, deren zehn­

Mewegies Leben.

Roman von Max von Weißenthurn. 30

Ein Geschöpf wie Lenore Aulenhof soll nicht dar Recht haben, auch nur ein Wort mitsprechen zu dürsen, da, wo eS sich um meine Enkel handelt, sie mag Dich umgarnt haben, an mir wird sie eine erbitterte Feindin finden, die nur auf ihr Verderben bedacht ist! Wende mir nicht ein, daß ich nichts wisse, waS gegen jenes Geschöpf spreche, die Tatsache allein schon, daß sie Hugo Aulenhofs Werbung angenommen, beweist, daß nur die Selbstsucht in ihrem Herzen thronte, daß sie unbekümmert darum, ob sie ihn durch eine Miß­heirat mit seiner Familie, mit seinen Standesgenossen ver­feinde, nur nach der Grafeukrone griff, weil diese ihrer Hoffahrt und Eitelkeit gefiel! Jetzt hat sie der Fürsten- Hut gelockt und wiederum, nicht bedenkend, daß sie Dich mit den Deinen entzweien muffe, oder richtiger gesagt, vollkommen gleichgültig gegen den Umstand, ob dies ge­schehe oder nicht, hat sie Dich, nur an daS eigene Ich den- kend, umgarnt. Klugheit und Berechnung, daS mögen ihre Vorzüge sein, weiter nichts! Ich bin überzeugt, daß sie sich ins Fäustchen lacht über den sentimentalen Toren, wel- cher den Komödien Glauben schenkt, die sie ihm vor. spielt. Wüßtest Du, welcher Verzweiflung ich preisgegeben bin, wüßtest Du, welchen Schmerz Du mir bereitest, viel­leicht würdest Du doch gezögert haben, eine Scheidewand zwischen uns aufzutürmen, die nichts mehr niederzurei­ben vermag! Nun geh! Ich habe keinen Sohn mehr! Frei­willig werden meine Allgen Dich nimmer schauen. Und ihr, die Dich dem Mutterherzen geraubt, bring' als Hoch- zeitSangebinde meinen Fluch mit, der sie verfolgen wird durchs Leben!"

Mutter! Mutter!" In grenzenloser Erschütterung fand

der Fürst nur dieses eine Wort, sie aber wie» gebieterisch ter keiner Bedingung von 1ct=n R

mit der Hand nach der Tür, und recht wohl wissend, daß waren schon alle über die.erste« Klnderiahre h ilauS jetzt weitere Auseinandersetzungen unmöglich seien, daß emem Alter, m welchem sie deSSWe spuckt-

nur die Zeit mit linderndem Hauch berühren könne, waS aber auch gehässig hmgeivorseue Worte leicht auf frucht

sich l^mcvjjudeiib wand und krümmte, verlieh der Fürst byren Boden fallen konnten, es galt son , s 6

jährigen Bestehens Finanzminister v. Rheinbaben in warmen Worten gedachte, wurde ebenfalls bewilligt.

Am Montag begann die Beratung des Etats des Ministeriums des Innern. Der Wohlfahrtsantrag des Grafen Douglas wurde nach kurzer Debatte der Budgetkommission überwiesen. Frhr. v. Zedlitz (kons.) wandte sich scharf gegen die revolutionäre Sozial- demokratie. Abg. Cassel (fr. Vp.) verlangte eine Revision des Kommunalabgabengesetzes und Ver­stärkung der Selbstverwaltung. Minister des Innern v. Bethmann-Hollweg erklärte, daß seine Ansichten über die Selbstverwaltung noch weit über manche Ansichten in diesem Hause hinausgingen. Zum Schlüsse sprachen noch die Abgg. V. Czarlinski (Pole), Friedberg (ntl.), Dahlem (Z.) und v. Schuckmann (kons.).

Eine für das Kriegervereinswesen hochbedeut- same Mitteilung hat beim Kaisergeburtstag-Kommers der Kriegervereine in Hannover der Oberst und Be- zirkskommandeur Freiherr Rüdt v. Collenberg gemacht. Der Oberst begrüßte es freudig, daß der Zugang von Offizieren des Beurlaubtenstandes und höheren Beamten zu den Kriegervereinen sehr stark gewesen sei, und teilte dann mit, der Kaiser wünsche, daß jeder Offizier des Beurlaubtenstandes und jeder gediente höhere Be­amte Mitglied eines Kriegervereins sei.

Island.

Die angebliche Beschlagnahme des deutschen SchulschiffesGroßherzogin Elisabeth" durch die amerikanischen Zollbehörden in Galveston beruht nach einer Mitteilung des dortigen deutschen Konsuls auf einem Mißverständnis eines übereifrigen Beamten. Eine Schmuggelei lag nicht vor, eine Beschlagnahme hat nicht stattgefunden und das Schulschiff ist be- stinimungsmäßig ohne Anstand abgesegelt. Damit erledigen sich alle weiteren Mitteilungen, deren Echtheit umso unwahrscheinlicher war, als weder das Schul­schiff für die Mitnahme einer größeren Menge Wein den erforderlichen Raum hat, noch untergeordnete Beamte das notwendige Geld dazu gehabt haben, die Offiziere sich unter keinen Umständen mit solchen Händeln abgeben und sie auch an Bord nicht geduldet haben würden. Das SchulschiffGroßherzogin Elisa­beth" gehörte nicht, wie gemeldet wurde, dem Nord- deutschen Lloyd, sondern dem Deutschen Schulschiffveren.

Das belgische halbamtlicheJournal de Bruxelles" spricht sein Erstaunen darüber aus, daß gewisse belgische Blätter beständig von der Möglichkeit eines plötzlichen Einfalles deutscher Truppen in Belgien sprächen, falls ein Krieg ausbrechen sollte. Das Blatt erinnert an die Worte des deutschen Gesandten, die

das Gemach, während seine Blicke sich wiederholt flehend und beschwörend auf die Mutter richteten, die ihn nicht sehen wollte, die starr und finster^vor sich hinblickte.

DaS war alles damals vor vielen Jahren gewesen.

Erschüttert, vernichtet, bis ins tiefste Innere bewegt, war der Fürst zu seiner Frau zurückgekehrt; er fühlte, daß er alles, was sich zwischen ihm und seiner Mutter zugetragen, ihr nicht sagen konnte, nicht sagen durfte, fühlte andererseits auch, daß er nicht mehr zurück könne, daß er seine Ehe nicht mehr länger geheimhalten dürfe, daß er bemüßigt fei, ihr wenigstens vor der Welt jene Stellung einzuräumen, die ihr gebühre, und zu hoffen, daß die Zeit und das Verhalten Lenores selbst seine Mutter veranlassen werde, milder zu urteilen und die Hand zur Versöhnung

zu reichen.

Nachdem er seine Frau so weit als e» ihm unerläßlich dünkte, von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt und ihr gesagt hatte, daß er einstweilen nicht daran denken könne, sie seiner Mutter vorzuführen, begab er sich vor allem zu dem Familteurechtsanwalt, um mit ihm zu vereinba- ren, welche Schritte getroffen werden müßten, um seine Vermählung bekanntzumachen,um sich auch zu vergewissern, daß keine Macht der Erde ihm daS Recht nehmen könne, der natürliche Beschützer seiner Kinder zu sein, daß keine Macht der Erde daS Recht habe, ihn seiner Kinder zu berauben.

Die Gehässigkeit, welche die Fürstin-Mutter gegen Le- nore an ben Tag gelegt, die deutliche Absicht, welche sie ausgesprochen, die Enkel für sich zu behalten, die Ueber­zeugung, welche er hegte, daß, wenn dies geschehe, sie nur im Haß gegen Vater und Stiefmutter aufgezogen werden würden, hatten auch den Fürsten erbittert und in ihm den Entschluß zur Reife gebracht, sich um keinen Preis und un- ter keiner Bedingung von seinen Kindern loSzusagen. Sle

dieser am Geburtstag des deutschen Kaisers beim Fest­mahl der deutschen Kolonie sowie beim Empfang deutscher Seeleute in Antwerpen im Juli vorigen Jahres gesprochen habe. Beide Male versicherte Graf von Wallwitz wiederholt die Sympathie für Belgien und die loyale Achtung Deutschlands vor der Unab­hängigkeit dieses Landes. DasJournal de Bruxelles" erklärt mit Nachdruck, daß, wenn es jemals zum Kriege kommen sollte, Belgieit ein gut organisiertes und befehligtes Heer ins Feld stellen würde, das bereit sei, seine Schuldigkeit zu tun, um die Verpflichtung der ihm von den Mächten garantierten Neutralität zu erfüllen. Was insbesondere Deutschland angehe, so besitze Belgien formelle Erklärungen, die die Ver­pflichtung dieses Reiches ihm gegenüber charakterisieren und Belgien das volle Vertrauen in deren Erfüllung geben.

In Budapester politischen Kreisen herrscht wegen des Scheiterns der Mission Andrassys und des nun­mehr völligen Bruches zwischen dem Kaiser und der ungarischen Parlamentsmajorität riesige Aufregung. Ein Politiker der gemäßigten Opposition äußerte sich dahin, daß der letzte Sonntag nicht nur das Schicksal Ungarns, sondern auch das der Monarchie besiegelt habe. Alle Blätter sprechen offen aus, daß nun der völlige Absolutismus mit unabsehbaren Folgen sicher und baldigst zu erwarten sei.

Bei der Inventaraufnahme in Paris kam eS in der Kirche St. Pierre du Gros-Caillon zu blutigen Krawallen. Gegen 3000 Menschen hatten sich in der Kirche hinter Barrikaden aus Stühlen verschanzt. Es kam zu einem heftigen Kampfe. Steine und Trümmer von Stühlen wurden aus der Kirche geworfen. Als die Feuerwehr das Dach erkletterte und starke Wasser- Massen in das Innere leitete, wurden auch einige Revolverschüsse abgegeben. Außerhalb der Kirche machten berittene Gendarmen einen Angriff mit ge­zogenen Säbeln, wobei viele Manifestanten verwundet wurden. Schließlich hatten sich 10000 Personen ver­sammelt. Viele Manifestanten wurden an den Ein­gängen der Kirche verhaftet. Der Pfarrer gebot Ruhe und erhob Einspruch gegen die Aufnahme des In­ventars.

Die italienische Ministerkrisis ist noch nicht beendet. Am Sonntag empfing der König Sonnino in Audienz. In Kammerkreisen versichert man, der König habe Sonnino den Auftrag zur Kabinetts­bildung erteilt.

In den russischen Ostseeprovinzen finden Massen- Hinrichtungen russischer Revolutionäre statt. Auf dem Gute Prekuln bei Liban wurden über zwanzig Letten

mutier zu entziehen und die peinliche Mission auf sich zu nehmen, der verwitweten Fürstin begreiflich zu machen, daß trotz allem und allem der Vater, gegen welchen nicht» Ehrenrühriges vorliege, den ersten Anspruch aufseineKin- der habe, dazu war der alte FamilienrechtSanwalt bereit.

Fürst Ottovereinbarte mit ihm, daß durch kurze Zei­tungsnotizen, denen jede näheren Daten fehlten, seine stattgehabte Vermählung der Welt bekannt gegeben wer- den solle und mit Lauffeuergeschwindigkeit verbreitete sich die Kunde denn auch und wurde natürlich besonder» im Kreise der oberen Zehntausend mit höchstem Interesse aus­genommen. Um den Fragen und dem Gerede zu entge­hen, hatte der Fürst beschlossen, auf einige Wochen mit Le- nore zu verreisen und eS seinem RechtSanwalt, Doktor Billing, zu überlasten, der Fürstin begreiflich zu machen, daß er bei seiner Rückkehr mit seiner Gemahlin und den Kindern seiner ersten Ehe, daS untere Stockwerk de» Pa­lais bewohnen wolle, eS ihr anheimstellend, ob sie geneigt sei, sich mit Lenore auf einen Fuß zu stellen, der da» Le­ben im gleichen Hause, wenn auch nicht in gleichem Haus­halte möglich machte.

Lenore ihrerseits blickte der Zukunft mit ziemlicher Si- cherheitentgegen.JhreBesorgnisiewarenvergangen.Recht»- anwalt ZeN war, wie sie meinte, gestorben.

Sie hatte somit nach ihrer festen Ueberzeugung und optimistischen LedenSanschauung nichts mehr zu befürchten und gab sich sogar dem Wahne hin, daß eS ihr gelingen werde, wenn sie nur erst einmal in der Gesellschaft festen Fuß gefaßt, auch ihren Kindern erster Ehe wieder nahe zu treten, waS ihr zwar nicht aus Mutterliebe, aber an» diplomatischer Schlauheit wünschenswert erschien.

Die Konflikte mit der Fürstin-Mutter, über deren be­deutende Dimensionen sie sich bei ihrer Klugheit nicht täu­schen ließ, bereiteten ihr insofern ernste Sorge, als sie, den Fürsten kennend, und recht wohl wissend, wie sehr die- ser an seiner Mutter hänge, immer befürchtete, es werde derselben mit der Zeit gelingen, ihren Einfluß auf Otto abzuschwächen. 131,18^