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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 10.
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werden Bestellungen auf die Kchlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
Incottain finden in der Schlüchterner Islööl Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Der deutsche Kronprinz wurde mit der Führung der Leibschwadron des Regiments Gardes du Corps betraut. Prinz Friedrich Wilhelm wurde zum Major befördert.
• — Der Reichstag setzte am Montage die erste Beratung der Novelle zum Unterstützungswohnsitze vor fast leerem Hause fort. In der Debatte, welche neue Momente nicht ergab, wurde die Vorlage von den Rednern der Linken abgelehnt, von der Rechten befürwortet, worauf sie schließlich einer besonderen Kommission überwiesen wurde. Hierauf begann die erste Lesung der Vorlage über die Hülfskassen, die von den Abgg. Gieberts (Z.) und Lesche (Soz.) scharf bekämpft wurde. Staatssekretär Graf Posadowsky wies demgegenüber auf die Notwendigkeit hin, die bei den freien Hülfs- kassen offenbar vorhandenen Mißstände zu beseitigen, was am besten dadurch geschehen werde, sie unter das Privatversicherungsgesetz zu stellen. Nachdem Noch Abg. Dr. Mugdan (Fr. Vp.) sich gegen die Vorlage ausgesprochen, wurde die Weiterberatung auf Dienstag vertagt.
— Die „Köln. Ztg." sagt in einem Artikel über .Reichstagsdiäten, daß diese Frage in der Tat grundsätzlich entschieden sei. Es handle sich bei den weiteren Vorverhandlungen nur um die Form der Entschädigung. Die Form der Anwesenheilsgelder sei die aussichtsvollste.
— In Darmstadt ist der Großherzoglich Hessische Staatsminister Rothe gestorben. Er trat 1898 in das Staatsministerium ein, dessen Chef er zuletzt war. Er hat sich um sein engeres Vaterland mancherlei Verdienste erworben.
— Daß die sozialdemokratischen Straßendemon- strationen am 2l. Januar lediglich infolge der scharfen
ZSewegies KeSen.
Roman von Max von Weißenthurn. 26
Aber ich gestehe ehrlich, daß eS mir wohltut, mir die alten Erinnerungen vom Herzen zu reden und angesichts derselben mit Ihnen zn beraten, ob wir daS Recht haben, die Kleine in das HauS der Fürstin zu bringen, ob mir dieser die Tatsache offenbaren müssen, daß Lori ein Findelkind sei, und ob auS diesem Umstände dem Mädchen im Hause der ahnenstolzen Frau nicht Konflikte erwach- sen können, die geeignet sind, ihr in unnötiger Weise daS jnng« Leben zu verbittern."
Schwester Alfonsa hatte ernst den Worten der Oberin gelauscht und blickte ihr nun mit den klugen Augen gerade in» Gesicht. „Ich begreife Ihre Bedenken, hochwürdige Mutter, oder richtiger gesagt, ich würde sie begreifen, wenn daS Kind auf dem Fuße gesellschaftlicher Gleichberechtigung in das HauS der Fürstin zu kummen, mit deren Famme, mit deren Gästen zu verkehren hätte; eS könnten dadurch Wünsche, Hoffnungen, Träume in der jungen Seele erweckt werden, die durch den Schleier, der über ihre Herkunft gebreitet ist, von Haus aus erstickt werden müssen. So viel ich aber aus dem Briefe ersehe, den Sie die Güte hatten mich lesen zu lassen, ist Lori ge- wissermaße» nur ein Hilfsorgan, das der Fürstin die Stunden der Alleinseins erleichtern soll, gehört ihre Stellung so entschieden in den Kreis der Dienstbarkeit, daß sie absolut nicht auf den Einfall kommen kann, Träume und Hoffnungen zu hegen, welche diese enggezogene Grenze überschreiten. Ist die Fürstin überdies wirklich die ahnen- stolze in sich abgeschlossene Frau, als welche sie im allgemeinen geschildert wird, so dürfte die Herkunft und die Familiengeschichte ihrer Borleserin sie blutwenig interessieren ; ich müßte somit auch nicht, weshalb die Frau Oberin sich bemüßigt sehen sollte, Auskünfte zu erteilen, die nicht von ihr gefordert werden. Die Fürstin wünscht ein junge» Geschöpf um sich zu haben, welches perfekt mehrere Sprachen spricht, vorliest und bereit ist, seine Nächte
Samstag, den 3. Februar 1906.
Maßnahmen der Regierung verhindert worden sind, hat nun auch das sozialdemokratische Zentralorgan, der „Vorwärts", ausdrücklich anerkannt.
— In Dresden hat eine englandfreundliche Kundgebung stattgefunden, welcher u. a. die Staatsminister v. Metzsch und Dr. Otto sowie der Gesandte des großbritannischen Hofes beiwohnten. Es wurde eine Entschließung angenommen, die dem Reichskanzler und englischen Kreisen zur Kenntnis gebracht werden soll.
— Von einem Sozialdemokraten bei einem Fürsten- Hofe meldet die „Darmstädter Zeitung" in folgender Hofnachricht: „Seine Königliche Hoheit der Groß- herzog empfingen am 24. Januar den Haupimann z. D. Altrock, Bezirks-Offizier beim Landwehrbezirk Friedberg, den Pfarrer Schuster von Hering, den Eisenbahndirektor Kilian von Mainz; eine Deputation der Garten-Vorstadt-Vereinigung am Hohlen Weg, bestehend aus dem Präsidenten Olbrich, dem Mitglied des Reichstags Cramer . . ." Mit bitterm Schmerz schreibt der „Vorwärts" dazu: „Es gibt nur einen Reichstagsabgeordneten Cramer: Balthasar Cramer, Gastwirt zu Darmstadt und — Sozialdemokrat. Was der beim Großherzog zu suchen hatte, geht leider aus der amtlichen Hofnachricht nicht hervor."
— Die Einnahmen der preußischen Staatseisenbahnverwaltung haben im Dezember v. I. die des Dezember 1904 um mehr als 9'/, Mill. Mark über» troffen, und in den ersten neun Monaten des Etatsjahres 1905 hat sich ein Ueberschuß über den entsprechenden Zeitraum des voraufgegangenen Etatsjahres um nahezu 74 Mill. Mark ergeben. Da die Einnahme von 1904 um 25 Mill. Mark über dem Etatsvoranschlag lag, während der Etat für 1905 eine Mehreinnahme von 98 Mill. Mark gegenüber dem von 1904 Voraussicht, so wird das laufende Etatsjahr zweifellos einen erheblichen Ueberschuß über den Anschlag ergeben.
Ausland.
£— Das republikanische Pariser Blatt „Temps" sagt über die sozialistischen Kundgebungen in Deutschland vom 21. Januar, man habe unrecht, wenn man die Vorsichtsmaßregeln der preußischen Regierung als übertrieben verspottet habe gerade diese Maßregeln hätten sicher dazu beigetragen, Ausschreitungen zu verhindern. Man müsse wünschen, daß in allen Ländern politische Demonstrationen so ruhig verliefen.
— Völlig unerwartet kommt aus Kopenhagen die Nachricht von dem am Montag erfolgten Tode des
zu opfern. Als Gegenleistung dafür wird sie das Mädchen bezahlen und sich nicht weiter für dessen Herkunft interessieren.
Lori aber besitzt einen eigene» Zauber, lassen Sie sie getrost ziehen; ich glaube, sie wird ihren Weg machen im Leben, wird ihn um so leichter machen, wenn sie das Ge- fühl hat, daß das Kloster ihre eigentliche Heimat sei, in welche sie jederzeit zurückzukehren in der Lage ist."
„Sie haben recht, Alfonsa, wie gewöhnlich!" sprach die Oberin, indem sie der Schlvester freundlich die Hand bot, welche diese an die Lippen zog „Glauben Sie, daß das Kind sich je viel mit der Frage befaßt hat, wem eS angehört, daß eS dem ehrgeizigen Traume so vieler Findelkinder huldigt, aus Fürstenblut zu stammen, sich für Höheres geboren zu fühlen, glauben Sie, daß sie tief un- glücklich wäre, wenn sich, .was ja wahrscheinlich ist, her- ausstellt, daß sie das Kind herabgekommener Arbeiter, oder gar ein Kind ist, welches von ihren Pflegeeltern auS Erbarmen ausgenommen wurde, gerade so, wie die Pforten der Kloster» sich ihr auS Erbarmen geöffnet haben?"
„Nein, da» glaube ich nicht. Ich habe das Gefühl, daß Lori sich mit ihrer jetzigen Umgebung viel zu sehr verwachsen fühlt, um an eine fernabliegende Bergaugen- Heit zu denken, die ihr fremd ist. Das Kind ist mit dem Herzen im Kloster; sie liebt uns alle, und so lange man liebt, jagt man keinen unklaren Phantomen nach. die uns nur Sorge und Schmerz bereiten können. Ihre Kindheit war eine sonnige. Die AdoleszeMenjahre sind froh und leicht für sie vergangen. Möge die heranreisende Jugend, in welche sie jetzt tritt, für sie ebenso günstig verlaufen."
„Das walte Gott!" sprach die Oberin mit großer Innigkeit. „Mir ist daS Kind aus Herz gewachsen, als wäre ich dessen leibliche Mutter. Nun aber rufen Sie die Kleine, damit ich mit ihr sprechen kann, bevor mein Antwort- schreiben an den Direktor abgeht."
57. Jahrgang.
Königs Christian IX. von Dänemark. Er hat daS hohe Alter von 88 Jahren erreicht. Der Kronprinz Friedrich hat unter dem Namen Friedrich VIJI. den dänischen Thron bestiegen. Er ist mit der Prinzessin Luise von Schweden vermählt und steht im Alter von 62 Jahren.
— Das Befinden des Königs Eduard von England ist ein dermaßen ungünstiges, daß der Monarch der Beisetzung seiues Schwiegervaters, des Königs Christian von Dänemark, nicht persönlich beizuwohnen in der Lage ist. — Außer asthmatischen Beschwerden soll ihm ein Halsleiden Qualen verursachen.
— Zur Krisis in Ungarn stellen die Budapester Blätter in Besprechung der Audienzen des Grafen Andraffy beim Monarchen fest, daß die Aussichten auf Verständigung zwischen der Krone und der Nation nahezu geschwunden seien; das Land gehe einer düsteren Zukunft entgegen. Einige Blätter ermähnen dazu, die Sitzung des leitenden Ausschusses der Koalition abzuwarten, in welcher Graf Andraffy dem Führer der Koalition offiziell Bericht erstatten, worauf ein Beschluß gefaßt werden wird, den Graf Andraffy dem Könige überbringen werde.
— Das „Giornale d'Jtalia" berichtet über einen zweiten Brief des Papstes an die Polen, in welchem er einige Punkte des ersten Briefes vom 12. Dezember 1905 erklärt, welche Unzufriedenheit in Polen hervorgerufen haben, und versichert, er denke nicht daran, das Nationalleben in Polen beschränken zu wollen, er wolle im Gegenteil die Polen ermutigen, es noch intensiver zu gestalten.
Mitteilungen
über die Entwicklung der Haftpflicht-Versicherung»- ' Anstalt für Landwirte der Provinz Hessen-Nassau.
Es wird für die beteiligten Kreise von Interesse fein, zu erfahren, welche Entwickelung die am 1. Juli 1905 auf Antrag der Landwirtschaftskammern im In» tereffe der landwirtschaftlichen Bevölkerung unserer Provinz errichtete Hafipflicht-Versicherungs-Anstalt genommen hat.
Die Beteiligung an dem jungen Unternehmen ist seither eine sehr erfreuliche gewesen. Nach den Satzungen konnte die Anstalt den Betrieb erst dann aufnehmen, wenn 1500 Mitglieder mit 1 Million Arbeitstagen ihren Beitritt erklärt hatten. Es war von vorne« herein durchaus nicht zweifellos, daß diese Zahlen bald erreicht werden würden, denn es war bekannt, daß eine
Kaum eine Viertelstunde später trat Schlvester Alfonsa, welche sich mit ehrerbietigem Gruße entfernt hatte, um die Weisungen der Oberin zu befolgen, wieder in das Gemach, gefolgt von einem schlanken, hochgewachsenen, jungen Geschöpf, dem trotz dem dunklen Pensionat-anzug« ein eigener Zauber anzuhaften schien.
Die Blicke der Oberin ruhten mit sichtlichem Wohlgefallen auf der anmutigen Erscheinung.
Nachdem das Mädchen mit der üblichen Begrüßung»- formel an ihre Beschützerin herangetreten, setzte ihr dies« in kurzen, klaren Worten die Ursache auseinander, weshalb sie gerufen worden fei und sprach endlich mit gütigem Lächeln, über die blonden Haarwellen des Mädchen» streichend: „ES soll keinerlei Zwang ausgeübt werden, mein Kind, Du gehörst zu unS, daS Kloster ist Deine Heimat und ich weiß auch, daß Du mehrmals den Wunsch geäußert, dasselbe nie zu verlassen. Aber solche Entschlüsse faßt man nicht, so lange man so jung ist, wie Du, so lange man nicht weiß und kennt, waS außerhalb der Klostermauern liegt. Ich glaube nicht, daß Du in der Etelluna, welche sich Dir bietet, Gelegenheit haben wirst, nur tue Lichtseiten be» Lebens kennen zu lernen, aber," fügte sie mit mildem Lächeln hinzu, „ich bin überzeugt, daß Sein Herz Dir immer den Weg weisen wird, den Du einzu- schlagen hast, daß der Gedanke, menschliche» Elend, da» sich unter dem Fürstenmantel birgt, zu lindern, Dir Trost gewähren muß, denn ob arm, ob reich geboren, der Sehkraft beraubt zu sein, wie die Fürstin LichtenfelS eS ist, kann für eine Frau von der ihr angeborenen Tatkraft und geistigen Bedeutung nur das tiefste Elend sein. Laß da» Mitleid zum Führer werden auf dem Lebenspfad, der vor Dir liegt, mein Kind, und sei überzeugt, daß e» Dir der beste Lehrmeister sein wird, um auch Schwere» zu ertrage». Die Fürstin LichtenfelS ist eine einsame, verbittert« Frau, die mancher schwere Schicksalsschlag getroffen, e» ist nicht anzuüehnlen, daße» Dir leicht werden wird, ihrem Herzen näherzutreten." 131,16