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SchluchtemerZitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 7.

Mittwoch, den 24. Januar 1906.

57. Jahrgang.

Fortwährend

werden »estellu«gett auf die

Kchlüchternrr Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

jDeulsches Reich.

König Friedrich August von Sachsen begibt sich zum 27. Januar nach Berlin, um dem Kaiser zu feinem Geburtstage persönlich herzliche Glückwünsche darzubringen.

Im Reichstage standen am DienstageKleine Vorlagen" auf der Tagesordnung. Der Servistarif und die Vorlage betr. Entlastung des Reichsinvaliden­fonds wurden im allgemeinen von den Rednern aller Parteien freundlich ausgenommen und nach kurzer Debatte an die Budgetkommission verwiesen. Dann kam der Nachtragsetat für die Schutzgebiete zur Be­ratung, von dem stellvertretenden Direktor des Kolonial- amts Erbprinzen v. Hohenlohe Langenburg befürwortet. Abg. Erzberger (Z.) griff die Art des Zustande­kommens dieses Nachtragsetats an, worauf ihm Kapitän z. See Capelle und Wirkt. Legationsrat Dr. Seils antwortete. Nach einer Polemik zwischen den Abgg Erzberger, Paasche (natl.), Gothein (Fr. Vg.), v. Richthofen (kons.) und Südekum (Soz.) wurde auch der Nachtragsetat an die Budgetkommission verwiesen. Am Mittwoch wurden die Anträge des Zentrums und der Nationalliberalen betreffend die Gewährung von Anwesenheitsgeldern beraten. Nach kurzer Debatte wurde der in Form einer Resolution gehaltene Antrag Bassermann (natl.) sofort angenommen und gleich darauf auch der in Gesetzesform gekleidete Antrag des Zentrums in zweiter Beratung. Vom Regierungstische äußerte man sich nicht zu der Angelegenheit, ein Zeichen, daß sie von der Regierung noch nicht für spruchreif gehalten wird. Am Donnerstag wurde Kamerun- Eisenbahn beraten. Der stellvertretende Kolonialdirektor Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg brächte zunächst die inzwischen eingetroffenen Urteile über die Akwa-

Mewegies Keöer».

Roman von Max von Weißeilthnril. 23

Zwei oder drei Tage laß uns hier der Eriuuc- rnng leben, dann wollen wir die Grabstätte gemeinsam besuchen, an der unser geliebtes Kind ruht und von dort aus heimkehren, um dem Kampf die Stirne zu bieten, der sich nicht vermeiden läßt."

Die Grabstätte besuchen, das paßte nicht in ihren Plan. Nach Konto zurückkehren, an irgend einen fremden Hügel treten und ihm sagen, daß dort die Gebeine seines Kindes ruhten, das war denn doch ein zu gewagtes Unterneh. tuen. Ein Zufall konnte entdecken, wie sie ihn getäuscht, und daS mußte vermieden werden um jeden Preis!

Nein, Otto," sprach sie, indem sie sich aufrichtete und sich mit derHand über die Stirne fuhr,vergiß nicht, was ich gelitten, ich bin gebrochen an Leib und Seele! Ich kann jetzt nicht mehr an die Stätte zurück, an der mich so schweres Leid getroffen, und Dich allein dorthin gehen zu lassen, würde mir wie ein Mangel an Liebe erschei­nen, den ich meinem toten Kinde beweise. L ß unS hier einige Tage ausruhen und dann, wenn Du es so willst, gemeinsam in die Heimat zurückkehren. Aber, ich betone nochmals, Otto, ich übe keinen Zwang. Du bist frei, ich werde nicht murren, wenn Du in der letzten Stunde eine andere Entscheidung triffst, ich werde in die Fremde zie­hen, um Dich kampflos Deiner Mutter zu überlassen."

Fürchte nichts, mein Lieb, ich war einmal schwach, jetzt bin ich eS nicht mehr und nur der Tod vermag uns ju trennen, in allem werde ich von nun an Deinen Willen tun und so füge ich mich auch diesem Deinen Wunsche, jetzt nicht nach Konto zn fahren, begreife ich doch zu gut, wie sehr Du der Schonung bedarfst Wenn Du Dich et­was erholt hast, kehren mir in die Heimat zurück, um später einmal, wenn wir Glück und Friede gefunden, ver­eint an das Grab unseres entschlafene» Lieblings zu treten."

* *

DaS Arbeitszimmer der Oberin derSylvestern vom

Häuptlinge zur Verlesung; die Protokolle liegen noch nicht vor. Er habe den Gouverneur v. Puttkamer zur Berichterstattung nach Deutschland berufen, um möglichst Klarheit über die Vorwürfe zu schaffen, die dem Gouverneur und der Kolonialabteilung gemacht worden wären. Seine Ankunft werde am 1. Februar erwartet. Sodann ließ er sich über die Bahn selbst aus. In der Debatte traten sämtliche Redner mit Ausnahme der Abgg. Lenzmann (frs. Vp.) und Ledebour (soz.) für die Vorlage ein. Am Freitag wurde die Beratung fortgesetzt. Die Debatte förderte neue Momente nicht zutage, und die Vorlage wurde an die Budgetkommission überwiesen. Dasselbe geschah mit den Gesetzentwürfen betr. die Pensionierungen der Offiziere und die Versorgung der Personen der Unter­klassen des Heeres und der Marine. Schließlich wurden noch die Vorlagen betr. Statistik des Waren­verkehrs mit dem Auslande und betr. Behandlung der Zolleinfuhrscheine in erster Lesung erledigt, worauf sich das Haus auf Montag vertagte.

Den Hinterbliebenen des verstorbenen Staats­sekretärs Frhrn. v. Richthofen ist das folgende Bei­leidstelegramm des Kaisers zugegangen:Die Nachricht vom Ableben Ihres Herrn Vaters hat mich tief erschüttert, und ich sage Ihnen und Ihren Angehörigen mein allerherzlichstes Beileid. Ich verliere in ihm einen Beamten von vorbildlicher Pflichttreue und Arbeitsfreudigkeit, der mit seltenem Geschick die schweren Pflichten seines Amtes zu erfüllen verstand, und dessen hohes Verdienst um des Reiches Wohlfahrt ich dankbar anerkenne. Er genoß mein unbedingtes Vertrauen. Unvergessen wird auch stets bleiben, wie der damalige Leutnant die Fahne des II. Regiments bei Mars-la- Tour zum Siege trug. Wilhelm, I. R.

Der zum Oberlandesgerichtspräsidenten beförderte Reichstagsabgeordnete Dr. Spähn wurde in seinem bisherigen Wahlkreise Rheinbach-Bonn wiedergewählt.

In diesen Tagen bearbeitete ein Kongreß der freien eingeschriebenen Hülfskassen im Gewerkschafts­hause in Berlin, auf dem 291 Kassen aller Richtungen mit 850000 Mitglieder vertreten waren, den. idem Reichstage vorliegenden Entwurf eines Gesetzes über die Hülfskasse. Das Ergebnis der langen und ein­gehenden Beratungen war eine Resolution, die die Vorlage gemäß der in den Organen der beteiligten Kasten bereits geübten Kritik verwirft und den Reichs­tag auffordert, das Gesetz abzulehnen oder mindestens Abschwächungen an dem Gesetze vorzunehmen.

armen Kinde Jesu" befand sich in jenem Teil des massiven alten Baues auf der Döblinger Hauptstraße, welcher die AuSsicht nach dem parkartigen Garten bot, dessen uralten Bäume in einzelnen Partien kaum einen Sonnenstrahl durchdringen lassen wollten.

Es war in den Vormittagsstunden eines schönen, hel­len Wintertages, an welchem die Oberin in ihremKanz- lei- und Arbeitszimmer am Schreibtische saß.

Man sah eS ihren gefurchten Wangen wohl an, daß sie manchen Kampf und manches Leid durchrungen haben mochte, bis ihr jener mild verklärender Friede geworden, der auch auf die Umgebung so wohltätig zu wirken pflegt. Nachdem sie die eingelaufene Post erledigt hatte, griff sie mit einem tiefen Seufzer wieder zu einem Schreiben, das ihr schon am Tage vorher zur Hand gekommen und des­sen Inhalt ihr vielerlei zu denken gab.

Dieses: Schreiben stammte von der Gutsverwaltung der verwitweten Fürstin von LichtenfelS. Der Güterdirek- tot deS Fürsten, ihres Sohnes, welcher gleichzeitig die Herrschaft Jolowitz beaufsichtigte, die der Mitmensch und dasPrivateigentum der Fürstin war, ein langjähriger und treuer Diener des Hauses, wandte sich im Auftrage der Fürstin Witwe au Mutter Elvira, die Oberin des Klo­sters der Schwestern vom armen Kinde Jesu.

Früher, als Mutter Elvira noch der Welt angehörte, war sie eine vornehme Dame gewesen, hatte sie nicht nur auf dem Fuße der Gleichberechtigung mit der Fürstin Lich- tenfels verkehrt, sondern zu ihr in den freundschaftlichsten Beziehungen gestanden. Damals waren beide junge Mäd­chen gewesen, und die Welt, welche zumeist alles viel bes­ser zu wissen glaubt, als man es selbst weiß, hatte sich sogar zu erzähle» gewußt, daß der verblichene Fürst in bent Herzen der jungen Grasentochter, welche später eine Braut Christi geworden, nicht nur eine Leidenschaft er­weckt habe, sondern sie auch zu der Hoffnung berechtigte, daß er um sie werben werbe.

Man behauptete auch, daß die plötzliche Verlobung des Fürsten mit seiner späteren Gattin die Enttäuschung,

-- Ein neuer Mißerfolg des Dr. Barth mit seiner Agitation für die Beseitigung des Dreiklaffenwahl- rechts war das Ergebnis einer großen öffentlichen Volksversammlung in Berlin, für die in den sozial­demokratischen Zeitungen Propaganda gemacht worden war, die aber von kaum hundert Personen besucht war. Die extra eingeladenen Sozialdemokraten waren gar nicht erschienen. Anwesend waren nur Mitglieder des liberalen Vereins, unter ihnen der Abgeordnete Ernst. Eine Erklärung, die sich für Beseitigung des Dreiklassenwahlrechts ausspricht, wurde angenommen.

Einem dringenden Bedürfnis abhelfen" will eine neue polnische Zeitung, die seit dem 1. Januar d. J. für die Polen in Bremen, Bremerhaven, Blumen­thal und Vegesack erscheint. Bereits seit einiger Zeit suchen die Polen in dieser Gegend Vereine von Volks­genossen zu gründen und vor allem die polnischen Arbeiterinnen zu organisieren. Soweit wirtschaftliche Beweggründe hierbei in Frage kommen, täten sie zweifelsohne besser, sich an bestehende Verbände anzu- schließen, aber bekanntlich geben bei ihnen nicht diese den Ausschlag. Worauf es ihnen in erster Linie ankommt, ist die Schastung einer das ganze Reich umfassenden nationalen Organisation, und sie sind, wie man sieht, eifrig an der Arbeit und haben alle Aus- ficht ihr Ziel in Bälde zu erreichen. Das Deutschtum hat also alle Ursache, auf der Wacht zu stehen.

Von der Geschäftsstelle für die Invalidenver­sicherung der Seeleute wird geschrieben: Die Beiträge für die Versicherungspflichtigen Seeleute find von den Reedern an die Geschäftsstelle für die Invalidenver­sicherung der Seeleute in Lübeck abzuführen, und zwar stets für das abgelaufene Jahr in den ersten sechs Wochen des neuen Jahres. Die Beitragszahlung hat von den Rhedern ohne Aufforderung zu erfolgen. Für den Fall der Nichtinnehaltung der Frist sehen die betreffenden Bundesratsvorschriften Ordnungsstrafen vor.______

Ausland.

Der neue japanische Ministerpräsident Marquis Saionp hat auf die Glückwunschdepesche des Reichs­kanzlers Fürsten Bülow folgende Antwort gesandt: Ich werde mich bemühen, soweit es irgend in meiner Macht liegt, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Japan und Deutschland zu festigen, und schätze mich besonders glücklich, darin mit einem so sympathischen und aufrichtigen Staatsmann, wie Sie es sind, zu- sammenzuarbeiten."

das Herzeleid, welches jenes andere liebende Mädchen darüber empfunden, der Grund sei, daß sie eine schlichte Nonne und mit den Jahren die ehrwürdige Oberin des Klosters der Schwestern vom armen Kinde Jesu gewor­den war. Wie dem auch sein mochte, all' diese Remini»- zenten lagen in einer fernen Vergangenheit und bis vor zwölf oder fünfzehn Jahren war die Fürstin LichtenfelS doch alljährlich nach dem Kloster gekommen, um die ein­zige Jugendfreundin zu besuchen. Jedes Ereignis in der Familie LichtenfelS wurde ihr zuallererst mitgeteilt und sie, die mit der Welt vollständig abgeschlossen hatte, nahm doch teil an allem, begleitete mit ihren Segenswünschen das Leben deS Mannes, der ihr einst so teuer gewesen, jenes der Freundin, die ihre Rivalin geworden.

Kaum zwei Jahre nach dem Tode ihrer Schwieger­tochter stellte die Fürstin ihre Besuche im Kloster aber plötz­lich ganz ein und nicht die leiseste Kunde von ihr drang zu Mutter Elvira. Warum, daS sollte diese erst später er­fahren.

An all' daS, was gewesen, waS so fernab zu liegen schien, als habe es mit ihr persönlich gar nie etwa» zu tun gehabt, als sei eS das Schicksal anderer Menschen, welches in einem Vergrößerungsglase an ihr vorüber- ziehe, dachte Mutter Elvira, während sie baS Schreiben deS GüterdirektorS in Händen hielt. Dasselbe war kurz gefaßt und enthielt die Anfrage, ob die hochwürdige Obe­rin nicht in der Lage wäre, eine der Schülerinnen ihres Klosters, welche die Reifeprüfung abgelegt habe oder im Begriffe stehe, sie abzulegen, zu dauerndem Aufenthalte nach Schloß Jolowitz zur Fürstin LichtenfelS schicken könne, damit dieselbe einen Posten als Vorleserin und Gesell- schafterinbei der erblindeten, halb gelähmten, schwer lei­denden Dame bekleide.

Ihre Durchlaucht," so schrieb der Güterdirektor,hat mich beauftragt, mich speziell an Sie, hochwürdige Mut­ter, zu wenden, weil sie von der Ueberzeugung getragen ist, daß gerade Sie bester wie irgend jemand wisse neu, was ihr not tue."

en kön-

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