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SchlüchternerÄltung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 M. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 5.

Mittwoch, den 17. Januar 1906.

57. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellung-« auf die

Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner

Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.

Amtliches.

Die Herren Standesbeamten werden an die Er­ledigung meiner Verfügung vorn 12. Dezember v. Js. Kreisblatt Nr. 55 die Einsendung der Auszüge aus dem Sterberegister des Jahres 1905 betreffend, mit 3 Tagen Frist erinnert.

Schlüchtern, den 15. Januar 1906.

Der Königliche Landrat: Graf zu Solms.

Die Ortspolizeibehörden werden an die Erledigung meiner Verfügung vom 3. d. Mts. J.-Nr. 11647 Kreisblatt Nr. 1 betreffend die Namhaftmachung derjenigen Personen, welche als Mitglieder der Bau- ^ Abnahme-Kommissionen tätig sind, erinnert.

Schlüchtern, den 15. Januar 1906.

Der Königliche Landrat: Graf zu Solms.

Ium (8, Januar.

Heil dir im Siegerkranz! Heil, Kaiser, dir!" so rauscht eS am heutigen Tage in vollen Akkorden aus den Tiefen unserer Seele auf, und in ehrfurchtsvollem Stolz neigen wir uns vor dem greisen Helden, der sich 35 Jahre sind es her die deutsche Kaiser­krone aufs Haupt setzte. An jenem 18 Januar des Kriegsjahres 1871 ward das alte deutsche Kaisertum unter dem ehernen Klang der Geschütze und dem Jubel der Fürsten, der Heerführer und der siegreichen Armee wieder aufgerichtet. Und der Glanz dieses Kaisertums ging aus in alle Lande und in Ehrfurcht und Be­wunderung ward des neugekrönten Kaisers und seiner großen Paladine Name im ganzen Erdenrund genannt.

Der große Kaiser und seine großen Mitstreiter ruhen längst den ewigen Schlaf. Aber der Zauber, der von ihnen auf unsere Herzen ausging, ist noch der

alte, unvergängliche. Ihr Verharre» in Gottvertrauen, in soldatischer Einfachheit und Selbstlosigkeit, in unbe­dingte Hingabe an die Pflicht jene Grundsätze, die Preußen, und dann Deutschland nach schwerer Zeit wieder aufwärts führten, sie leuchten uns als die Leit­sterne unseres Lebens.

Das alte Heldengeschlecht ging dahin. Aber was es geschaffen mit Blut und Eisen, die stolze Burg des neuen Reiches ragt festgefügt in die Lüfte. Solange sie, die Gründer des Reichs, unsere Lehrmeister bleiben, solange das Heer in allen jenen Tugenden die große Schule für das deutsche Volk bleibt, solange, aber auch nur dann, können wir jederzeit auf den RufFeinde ringsum" zuversichtlich antworten mit dem anderen Gott mit uns!"

Seit dem großen Kriege ist das deutsche Volk ge­waltig an Zahl gewachsen. Damals waren es 40 Millionen, jetzt vereint die Fahne schwarz-weiß-rot mehr denn 60 Millionen. Wie die Volkszahl hat Industrie und Handel einen ungeheuren Aufschwung genommen, wie er kaum seinesgleichen hat. Die deutschen Künste und Wissenschaften stehen im Reigen der Völker mit in erster Linie. Die einheitliche Zusammenfassung der deutschen Stämme ermöglichte die Schaffung einer Reichsflotte, die Begründung einer Kolonialmacht.

Am 7. April 1852, nach der schmachvollen Ver­steigerung der deuffchen Flotte durch Hannibal Fischer schrieb einst Prinz Wilhelm, der spätere erste Kaiser: Die Flottenfrage ist freilich kläglich für Deutschland, aber großartig für Preußen ausgefallen, weil es sich auch hier wieder zeigte, daß ohne Preußen die großen Dinge in Deutschland nicht gehen: Nun haben wir eine Flotte, und sie wird das Fundament einer deut­schen einst werden, das ist klar!" Der Enkel des Mannes, der dies schrieb, ist am Werke, auf diesem Fundament eine starke deutsche Seemacht auszubauen. In immer weitere Kreise dringt die Ueberzeugung, die Kaiser Wilhelm in die Worte kleidete:Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!" Unsere Flotte muß ausgebaut werden, wenn Deutschland seine Stellung als Groß­macht im Rate der Völker bewahren, wenn es seine Erfolge in Handel und Industrie nicht schließlich preis- geben will. Weltmacht ist Seegewalt. Und auch für uns muß das Wort des Präsidenten der Vereinigten Staaten gelten: An der Flotte sparen, ist Verrat am Vaterland! Soll deutsche Art und deutsches Wort in der Welt etwas gelten, müssen wir uns dieser Ausgabe mit der äußersten Anstrengung unterziehen. Für die

Größe, für die Unabhängigkeit und Sicherheit, für eine machtvolle Weiterentwicklung unseres Vaterlandes darf uns kein Opfer zu groß sein.

Deutschland, Deutschland über alles, Ueber alles in der Welt, Wenn es stets zu Schutz und Trutze Brüderlich zusammenhält!

Deutsches Reich.

Der Reichstag nahm am Dienstage seine Sitzungen wieder auf. Nach einem kurzen Neujahrs­gruße des Präsidenten an die Mitglieder wurde in die erste Lesung der Brausteuervorlage eingetreten. Die einleitende Rede hielt Staatssekretär Freih. v. Stengel und empfahl, ohne allzulange Ausdehnung der Gene­raldebatte die Vorlage an die Kommission gelangen zu lassen. Abg. Speck (Z.) sprach sich in zweistündiger Rede gegen die Vorlage aus, die sodann auch vom Abg. Singer (Soz.) bekämpft wurde. Abg. Büfing (natl.) befürwortete die Vorlage, die Verhältnisse Norddeutschlands mit denen Süddeutschlands vergleichend, wo trotz höherer Abgaben die Bierpreise weit geringer sind als diesseits des Main. Am Mittwoch wurde die Beratung fortgesetzt. Abg. Rettich (kons.) erkannte namens seiner Partei die Notwendigkeit neuer Steuerquellen an, erklärte sich aber dagegen, daß alle Steuervorlagen als ein unteilbares Ganzes betrachtet werden. Er empfahl die Einführung von Ausfuhr­zöllen für Kohlen und Kali. Abg. Dr. Wiemer (fr. Volksp.) sprach sich entschieden gegen die neuen Steuern aus, ebenso Abg. Pachnicke (fr. Vg.). Abg. v. Kardorff (Reichsp.) trat entschieden für die neuen Steuern ein. Raab (Ant.) sprach gegen die Erhöhung der Bier- und Tabaksteuer und gegen die Verkehrs­steuern. Nachdem noch Dr. SKekum (Soz.) die Biersteuervorlage bekämpft hatte, wurde die Weiter- beratung auf Donnerstag vertagt. Am Donners­tag wurde die Beratung der Reichsfinanzreform fort­gesetzt. Als erster nahm Schatzsekretär Frhr. v. Stengel das Wort, um Einzelheiten zu widerlegen, die von den Parteirednern vorgebracht sind. Abg. Patzig (natl.) sprach gegen die geplanten Bier-, Tabak- und Verkehrssteuern und empfahl die Besteuerung der Eisenbahnüberschüffe der Einzelstaaten, wogegen sich der preußische Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben mit aller Entschiedenheit aussprach. Abg. Graf Kanitz (kons.) empfahl dem Bundesrat Sparsamkeit und sprach sich- für eine Tabaksteuer, Kohlenausfuhrzoll und Wein-

ZSewegtes Keve«.

Roman von Max von Weißenthurn.

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Schon jetzt fühle er, meinte der Fürst, daß der Arzt im Rechte sei, denn der Gedanke an die Reise allein habe ihn derart elektrisiert, daß ihm zu Mute sei, als wäre er neu geboren. Er wolle auch kein GraS unter seinen Füßen wachsen lassen und bereits am nächsten Tage abfahren. Einen feststehenden Reiseplan habe er noch nicht gemacht, er »volle sich vom Zufall lenken lassen, zunächst nach Bozen fahren, wohin dann weiter, daS werde sich zeigen.

Die Fürstin war einigermaßen verblüfft durch diesen plötzlichen Entschluß ihres Sohnes, sie schlug vor, er möge doch einen seiner Jungen, Egon oder Richard mitnehmen, gerade, wenn er sich leidend fühle, um nicht so ganz allein zu sein.

Der Fürst aber wieS dieses Ansinnen mit einer an ihm gewohnten, fast nervösen Ungeduld von sich und in der Tat trat er die Reise auch wirklich schon im Laufe der nächsten Tage an.

Freilich ahnte die Fürstin nicht, waS den Impuls zu dieser so plötzlichen Reise gegeben habe Hätte sie es ge­ahnt, sie würde noch weit mehr beunruhigt gewesen sein, als eS so der Fall.

Der Impuls aber War in einem kurzen Schreiben zu suchen gewesen, das Fürst Otto von Lenore erhalten. Das­selbe lautete:Ich bin wieder zurückgekehrt nach dem alten, trauten Heim, in welchem wir durch Priestersegen verbunden worden sind. Mancher Sturm hat an meiner Seele gerüttelt und ich fühle, daß es nicht so weiter gehe»» kann, daß ich Dir und mir eine Klärung der Situation schuldig bin! Willst Du zu mir kommen? Wollen wir uns über daS aussprechen, was die Zukunft uns bieten samt ? Es ist nicht mehr in meine Macht gegeben, ein großes Leid von Dir fern au halten, aber wenn wir eS gemein­sam tragen, wirst Dn eS vielleicht weniger schwer finden, alS so lange Du einsam bist! Ich erwarte, daß Du gleich

nach Empfang dieser Zeilen Dich auf den Weg machst zu Deiner Lenore."

Dieser Brief war eS gewesen, welcher den Fürsten in den höchsten Wonnerausch der Seligkeit versetzt hatte. Seine Lenore! Was kümmerte ihn alles übrige! Sagte»» diese Worte nicht klar und deutlich, daß sie einen Sieg über sich selbst errungen, daß sie bereit war, ihm anz»»- gehören, selbst um den Preis dessen, daß er ihr noch im­mer nicht jene Stellung bieten konnte, die er für sie selbst am Heißesten ersehnte? Die Andeutung, welche sie in Be- zug auf ein Leid machte, das sie ihn» nicht ersparen könne, beachtete er kaum und wenn, so dachte er höchstens, sie meine damit die Pein, die es ihn» verursache, aus Rück­sicht für die Mutter, aus Scher» vor Szenen, ihr nicht vor aller Welt, jetzt schon eine Stelle einräumen zu kön­nen, die ihr gebühre. Was aber war denn Leid, verglichen mit der beseligenden Wonne, sie die Seine nennen zu kön- nen, sie wieder in den Armen halten zu dürfen, sie, die er so lange entbehrt und deshalb nur noch glühender zu lieben gelernt hatte?

In gehobener Stimmung trat er somit die Reise an, von der Gewißheit durchdrungen, daß er Lenore Wieder­sehen und mit ihr über die nächste Zukunft beraten könne, für welche sich ja doch ganz bestimmt eine befriedigende Lösung werde finde»» lassen. Mit Wonne, ja mit namen­loser Seligkeit gedachte er deS Wiedersehens, zählte er die Stunden, die ihn noch von seinem geliebten Weibe trennten, freute er sich im Geiste, die kleine Dolores um­armen z>» können, deren Entwickelung während der durch die Verhältnisse und durch Lenores Willen aufgenötigte Trennung zweifelsohne bedeutende Fortschritte gemacht haben mußte.

Er hatte Lenore von seiner bevorstehenden Ankunft in Kenntnis gesetzt, aber den Zug nicht genannt, mit dem er eintreffen werde, und es erklärte sich folglich ganz natür­lich, daß am Bahnhöfe der Station, von welcher anS er St. Gilbert durch mehrstündige Wagenfahrt erreichen konnte, niemand seiner harre. Er mietete sich eines der landes­

üblichen, altmodischen Fuhrwerke und traf abends vor der Villa ein, die »ein Liebstes barg.

Madame Otonsei zu Hause, erwiderte eine ihm fremde Dienerin, die auf sein Klingeln die kleine Gartenpforte öffnete, und mit elastisch beschleiliiigten Schritten eilte er dem Hause zu, schloß auf dessen Veranda mit Zärtlichkeit die schlanke Frauengestalt in die Arine, die ihm entgegen- trat.

In ben Augenblicken des ersten Wiedersehens gab sich Fürst Otto nur dem sonnigen Bewußtsein hin, wieder in Lenores Nähe zu weilen, sie in seinen Arinen halten zu können, achtete er einer zielbewußten Ruhe nicht, die in ihrem ganzen Wesen lag. Dann aber drängte eS ihn plötz­lich nach dem Innern des HauseS und mit freudig auf- lenchtenden Augen sprach er:Nun laß unS zu DoloreS eilen, ich will mein Kind umarmen."

Die schmale, weiße Hand der schönen Frau legte sich mit festem Druck auf die seine.Bleib', Otto, ich habe Dir viel zu sagen und eS ist Schweres, waS über meine Lippen treten muß!. Ich deutete Dir bereits in meinem Briefe an, daß ich Dir nicht alles ersparen könne, waS schmerzlich sei."

Fürst Ottos Stirne hatte sich umbiiftert. Ein banges Ahnen beschlich ihn, ohne daß er im stände gewesen wäre, demselben Form und Gestalt zu verleihen. WaS mochte er zu hören bekommen und inwiefern würde eS eingreifen in die Zukunft, welche noch dunkel unb unaufgeklärt vor ihm lag?So sprich, Lenore, »vaS ist'S.waSDumirzusa- gen hast?"

Schweres!" entgegnete sie, während ein tiefer Seuf­zer auf ihre Lippen trat.Du erinnerst Dich, daß im er­sten Augenblick, nachdem unser Kind das Licht der Welt erblickte, die Freude nicht das vorwiegende Gefühl ge­wesen ist, welches meine Seele beherrschte, es war dies verzeihlich, wenn auch nicht recht, aber," fügte sie nach sekundenlanger Panse hinzu,ich kam» mit gutein Ge­wissen behaupten, daß ich danach bestrebt gewesen bin, den Weg deS Rechtes zu finden." 131,18