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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 3. Mittwoch, den 10. Januar 1906. 57. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Das Handschreiben des Kaisers an den Posener Erzbischof v. Stablewski hat folgenden Wortlaut: „Hochwürdiger Erzbischof! Aus dem Mir vorgelegten Hirterbriefe vom 16. Oktober dieses Jahres habe Ich gern ersehen, wie sehr Euere Hochwürden bestrebt sind, den christlichen Glauben bei dem Heranwachsenden Geschlechte zu stärken und dieses unter Hinweis auf die schuldige Achtung vor den höchsten Autoritäten in Kirche und Staat zur treuen Erfüllung seiner kirchlichen und staatsbürgerlichen Pflichten zu ermähnen. Meine Regierung wird Ihre Bemühungen, den sich verbreitenden Umsturzgelüsten durch erweiterte und vertiefte Bildung die Jugend in dem christlichen Glauben zu erhalten, zu begegnen, gern unterstützen. Umsomehr erwarte Ich, daß Eure Hochehrwürden, bei den näheren Anordnungen über die Vervollkommnung des Vorbereitungsunterrichtes dafür Sorge tragen werden, daß Ihre Geistlichen die ihnen zu gebenden Weisungen in demselben staatstreuen Sinne handhaben werden, in dem sie nach Ihrer Versicherung von Jhpen erteilt werden. Ich verbleibe Eurer Hochwürden wohlgeneigter gez. Wilhelm I. R.
— Der Kaiser soll eine neue Erbschaft von privater Seite gemacht haben, nachdem er bereits vor einigen Jahren eine Villa am Gardasee in Südtirol geerbt und diese erholungsbedürftigen Offizieren zur Verfügung gestellt hat. Wie die „Franks. Ztg." meldet, gehen aus der Hinterlassenschaft der Gräfin Laura Henckel von Donnersmarck, einer Angehörigen der reichen schlesischen Familie, die Villen Neptun, Rosalia und Aron in Abbazia in das Eigentum Kaiser Wilhelms über. Abbazia ist das österreichische Bad, wo die deutsche Kaiserfamilie im Jahre 1894 verweilte.
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Demegtes Keöen.
Roman von Max von Aeißenthurn 17
TieAbncignng, die er in den ersten Augenblicken nach der Geburt des Kindes in ihren Zügen lesen zn sollen geglaubt, konnte ja doch auch keine wirkliche gewesen sein. DieBerhält- nissemußte» nur überwältigend auf sie eingewirkt und viel- eicht in ihr selbst momentan den Glauben grvßgezoge» haben, sie liebe das Kind nicht, dann aber, als sie mit diesem allein geblieben, mußte ihr die Klarheit dessen, was die Mutter dem Kinde zu sein hat, gekommen sein, unb vielleicht war auch eben aus dieser Klarheit die Furcht ■ hervorgegaugen, daß Ottos Hiuausschieben der öffentlichen Bekanntmachung ihrer Heirat ein Mangel an Liebe sei, diese Furcht aber konnte sie möglicherweise in einer Stunde der Verzweiflung zu einem äußersten Schritt ge- trieben, sie veranlaßt haben, sich und ihrem Kinde daS Leben zu nehmen.
Gewißheit mußte er erlangen um jeden Preis, sollte er überhaupt den Mut haben, weiter zu leben. War es Wiedervergeltung, daß er von dem Krankenlager des geretteten Sohnes an die Bahre jenes Kindes treten sollte, welches öffentlich anzuerkennen er noch nicht den Mut besessen und das seinem Herzen doch nicht weniger nahe stand als dieses.
Hin und her überlegend, beschloß er somit vor allem, einen Ausflug nach Brauntal zu unternehmen, um dort in Erfahrung zu bringen, was man von der Gräfm wisse, oder, wenn ihn das Glück begünstigte, sogar dort selbst mit der Frau zusammenzutreffen, von deren Vermählung mit ihm man in Brauntal ebensowenig wußte, wie au- , derwärts.
In fieberhafter Aufregung fuhr er nach Branutal, was an und für sich nichts Auffälliges an sich hatte, da er, wie seine Dienerschaft recht gut wußte, sehr häufig einen Jagdausflug dorthin unternahm. Noch nie war ihm die wild- romautische Bergschlucht so düster, so unfreundlich, um nicht zu sage», so unheimlich erschienen, wie diesmal.
— Ein freudiges Familienereignis am Schaum- burger Hofe ist eingetreten. Die Fürstin Marie Anna von Schaumburg-Lippe ist von einem Prinzen entbunden worden. Die Fürstin Marie Anna, eine Prinzessin von Sachsen-Altenburg, ist am 14. März 1864 geboren und seit dem 16. April 1882 mit dem regierenden Fürsten Georg zu Schaumburg-Lippe vermählt. Der Ehe sind seither bereits 5 Kinder, und zwar nur Söhne entsprossen.
— Das bayerische Wahlgesetz ist vom Reichsratsausschusse mit 11 gegen 1 Stimme angenommen worden.
— Nach einer Verfügung des Ministers der öffentlichen Arbeiten ist der 9 Stunden-Arbeitstag in den Eisenbahnwerkstätken der preußisch-Hessischen Bahnen eingeführt worden. In den Eisenbahndirektionsbezirken Berlin, Frankfurt a. M., Magdeburg und Posen ist diese Bestimmung bereits am 2. Januar in Kraft getreten. Die übrigen Bezirke werden ihn einführen, sobald feststeht, daß örtliche Bedenken dagegen nicht vorliegen.
— Von der Ansiedelungskommission sind im Monat November v. I. gegen 4000 Hektar (15 Güter) in Posen und über 1400 Hektar (6 Güter) in Westpreußen angekauft worden. Im Frühjahr 1906 kommen etwa 21000 Hektar (über 12000 in Posen, etwa 8700 in Westpreußen) in guter Verkehrslage zur Besiedelung. Bereits jetzt liegen über 1100 Ansiedelungsstellen in der Größe bis zu 20 Hektar aus. Das raschere Tempo, das man bei der Kommission früher oft vermißt hat, ist damit eingetreten, und wir dürfen sicherlich mit der möglichen Steigerung für die Zukunft rechnen. Freilich, je ausgedehnter die Tätigkeit der Kommission ist, umso größerer Geldmittel bedarf sie, und der Landtag wird zu zeigen haben, ob er dem Ausbau unserer östlichen Kolonisation weitere Geldmittel opfern will.
- - Ein schärferes Vergehen gegen Weinfälschungen ist angeordnet worden. Ein Ministerialerlaß weist, offenbar unter dem Eindruck des Prozesses Sartorius, die Polizeibehörden an Anträgen der auf Grund des 8 10 des Weingesetzes bestellten Sachverständigen auf Einleitung eines Strafverfahrens wegen Verletzung des Weingesetzes die wünschenswerte Beachtung zu schenken; es sei eine sorgfältige Prüfung derartiger Anträge in jedem einzelnen Falle vorzunehmen und danach das Geeignete zu veranlassen. Der Erlaß bezweckt demnach ein schärferes Vorgehen gegen Weinfälschungen.
— Von jetzt an werden Ansiedelungsbeihülfen für
Schon in dem kleinen Waldwirtshause, das etwa eine halbe Stunde von dem Schlosse entfernt war, erfuhr er, daß die Fran Gräfin kürzlich, etwa vor acht oder zehn Tagen, auf ein paar Stunden in Brauntal gewesen sei, aber nur, um dem alten Kastelan die erforderlichen Befehle zu erteilen, die Wohnräume der Herrschaft für einen langen Winterschlaf abzurüsten und zuzusperre», da sie, vermutlich auf ganz unbestimmte Zeit, in die Fremde ziehe. Wohin, das wußten die Wirtsleute nicht zu sagen, und als er sich endlich, durch die Verzweiflung zum äußersten getrieben, an den Kastelan selbst um Auskunft wandte, wurde er kaum klüger, denn der alte, im Dienste der Aulenhofs ergraute Diener, blickte den fremden Herr», den er im Schlosse selbst nie gesehen, mißtrauisch an.
Die Frau Gräfin sei auf unbestimmte Zeit verreist, man wisse nicht wohin, etwa eiulaufende Briefschaften und Bestellungen sollten in Brauntal aufgehoben werden; wenn sie nach sechs Monaten nicht zurückkehre, so werde sie eine Adresse augeben, wohin man ihr Nachricht senden könne.
Mit diesem schmalen Bescheid mußte Fürst Otto sich begnügen und es war dies viel zu wenig für fein von Liebe und Ungeduld verzehrtes Herz.
Trotz dieses seltsame» BeiiehinenS Leuores aber, fuhr es ihm niemals durch den Sinn, an ihrer Liebe zu zwei- seht, sagte er sich vielmehr, eS müssen sich Ereignisse zu- getragen haben, von denen er nichts wußte, welche sie veranlaßt hatten, so und nicht anders zu handeln. Wel- cher Art diese Ereignisse waren, erfüllte ihn mit neuer Angst und Qual; »lochte der Himmel wisse», was die arme Frau gelitten, ohne daß es ihm vergönnt gewesen wäre, ihr beiznstehen.
In tief gedrückter Stimmung kehrte er nach Wien zurück, von beut Gefühl gepeinigt, daß ihm die Hände gebun- den seien.
Er war ein viel zu kluger Mann, um nicht zu wissen, daß ein jeder von Haus aus verloren ist, der irgend ein Geheimnis der Welt verbergen will und sich trotzdem hin«
ehenialige Afrikakrieger an alle Mitglieder der süd- westafrikanischen Schutztruppe gezahlt, die entlassen werden und sich im Schutzgebiet ansiedeln wollen. Die Ansiedelungsbeihülfe soll vorläufig die Höhe des Heimreisegeldes nicht überschreiten. Stellen sich der Ansiedelung Schwierigkeiten in den Weg, so kann die Summe erhöht werden, falls der sich Anzusiedelnde bereit erklärt, die Ueberschußanleihe später zurückzu- zahlen.
Ausland.
— Nun ist auch die deutsche Sprache in Rumänien zu Ehren gekommen. An der Bukarester Universität ist ein Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur errichtet worden. Der Hermannstädter «Telegraph»! Roman" schreibt im Zusammenhang mit dieser Meldung: „Dies neue Katheder hat eine große Wichtigkeit; es wird dem französischen Einfluß auf das rumänische Kulturleben das Gleichgewicht zu halten haben durch den wohltätigen Einfluß der deutschen Kultur, aus der das, was gut ist, auch auf die rumänische Kultur sich ergießen soll." Der neuernannte Professor für diesen Lehrstuhl ist ein Siebenbürger Rumäne.
— Aus Budapest wird zur ungarischen Krisis gemeldet, daß Baron Fejervary vom Kaiser Franz Josef mit den weitgehendsten Vollmachten zur Verhütung weiterer Exzesse und zur Unterdrückung der Anarchie in den Komitaten ausgestattet worden sei. Der Kaiser soll über die Debrecziner Ereignisse aufs höchste entrüstet sein, und nunmehr erscheine jede Möglichkeit des Zustandekommens eines Konipromisses zwischen der Krone und der Opposition für alle Zeit ausgeschlossen.
— Zur Marokko-Konferenz wir aus Cadix gemeldet: Die Herrichtung des Saales im Rathause von Alge- ciras, wo die Konferenz zusammentritt, ist beendet. Drei Telegraphenämter sind eingerichtet; ein direkter Draht verbindet Algeciras mit Paris. Die Stadtverwaltung hat mit der Ausschmückung der Stadt begonnen, um die fremden Vertreter würdig zu empfangen.
— Die schwedische Regierung plant aus Anlaß der durch die Unionsauflösung bewirkten Aenderung der politischen Lage eine Reorganisation des Landesver- teidigungswcsens in einem gemeinsamen Zusammenwirken von Heer und Flotte.
— Im russischen Marineministerium sind drei besondere Kommissionen gebildet worden; die erste zur Untersuchung der nähern Umstände der Seeschlacht von
reißen läßt, Dienstleute oder sonstige Untergebene zu Vertrauten zu machen.
Eben, weil er jeue Lakaienseeleu kannte, welche die von dem hohen Adel genährten, erbittertsten Feinde desselben sind, hatte er von jeher für sich und für sein Seelenleben jede Gemeinschaft mit denselben vermieden. Die natür- liche Folge davon war über auch, daß er, der sich nicht in die Gewalt jener Leute begeben wollte, nun durch Domestikenpolitik und Hintertüreudiplomatie, nichts über Le- nore zu erfahren im stande war. Die Polizei wäre sein einziger Ausweg gewesen, vor diesem Schritt aber schrak er aus leicht begreiflichen Gründen zurück.
Tage vergingen und aus diesen wurden Wochen, aber immer »och war ihm keine Kunde zugekommen. Verschollen in des Wortes vollster Deutung schien sie für ihn zu sein.
Aus St. Gilbert, wohin er sofort geschrieben, um zu erfahren, ob „Madame Oton", wie sie sich nannte, dort eingetroffen sei, erhielt er die Nachricht, daß man nicht» von ihr wisse.
Das Leben war ihm auf einmal wieder grau und trüb geworden, wie vor jenem glücklichen Sommertage, an dem er sie zuerst geschaut. Fast hatte er eS schon gelernt, sich mit stumpfer Ergebung in sein Schicksal zu fügen.
Da brächte ihm die PosteineS Tages einenBrief von Leuore. Mit fieberhafter Haft löste erbaS Siegel und laS: „Du grollst mir, ich weiß es! Du zürnst wegen meiner Kälte unb Herzlosigkeit und vergißt zweifelsohne ganz, daß wir Frauen eS immer sind, die da fürsorglich denken müssen, wo Euch der Verstand mit dem ganzen Herzen davoil läuft oder wenigstens mit jener Empfindung, die Ihr als Herz zu bezeichnen für gut findet. Durch Deinen Brief war ich in Kenntnis gesetzt, was Dich in jener Zeit, die ich ivohl als die schwerste meines Lebens bezeichnen kann, von mir fernhielt. ES war naturgemäß, daS bc- streite ich nicht und doch schmerzt eS mich! Du hast mir ziigemutet, ich solle mein.Leben von nun an ganz dem Kinde weihe», welches der Himmel mir geschenkt." 131,18