SchluchternerAitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,
M 2.
Samstag, den 6. Januar 1906.
57. Jahrgang.
Fortwährend
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Kchlüchterner Zeitung
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finden in der Schlüchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- te>n erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser übernahm das Protektorat des Deu'scheu Automobilklubs und genehmigte dessen Be- Nennung als Kaiserlicher Automobilklub.
- Das Dresdener Landgericht verurteilte zwei der ^^'rechtsdemonstranten in Dresden in der Nacht ... 17. Dezember, und zwar den Metalldrücker Ernst Schreiter zu 3 Jahren Gefängnis und zwei Wochen Haft und den Bauarbeiter Ernst Steuer zu 2'/, Jahren Gefängnis. Man sieht daraus, welch schweren Strafen die Arbeiter sich aussetzen, wenn sie durch die sozialdemokratischen Hetzereien sich zu Straßendemon- strationen verleiten lassen.
— Die Organisation zur Unterstützung der aus Rußland flüchtenden Deutschen ist nunmehr in der Weise durchgeführt, daß das Königsberger Komitee sich durch Zutritt namhafter Persönlichkeiten aller Stände zu einem Provinzialkomitee in sämtlichen Stadt- und Landkreisen über die ganze Provinz ausgedehnt hat. Gleichzeitig ist eine Verbindung mit dem allgemeinen deutschen Komitee in Berlin hergesteuls so daß dessen Tätigkeit in der Provinz gleichfalls von der Provinzialorganisation durchgeführt wird. Von den auf Staatskosten zur Rettung in die russischen Ostseehäfen entsandten Dampfern hat „Prinz Heinrich" seine Mission durch Herführung der aus Rußland Geflüchteten erfüllt — es besteht in Reval nur eine kleine deutsche Kolonie —, während der Dampfer „Wolga" auf einer zweiten Fahrt nach Riga wohl schon auf der Rückreise unterwegs ist und der Dampfer „Kehrwieder" am 1. Januar wieder nach Libau abge- dampft ist.
— Neben deni Plan, in Königsberg in Pr. im Anschluß an die dortige Universität eine Handelshoch
schule zu errichten, trägt man sich in Danzig mit dem Gedanken, dort ebenfalls eine Handelshochschule zu gründen, die an die Technische Hochschule angeschlossen werden soll. Wie dem „Geselligen" mitgeteilt wird, hat Oberpräsident v. Jagow den Ministern in Berlin Vortrag gehalten. Die Angelegenheit soll sich in einem aussichtsvollen Stadium befinden.
— Ueber eine Konferenz gemeinnütziger, neutraler Rechtsauskunftsstellen wird geschrieben: Die von Behörden und gemeinnützigen Gesellschaften ins Leben gerufenen Rechtsauskunftsstellen haben sich in verhältnismäßig kurzer Zeit derartig entwickelt, daß sie im öffentlichen Leben bereits festen Fuß gefaßt haben. Mit der Entwicklung nnd dem Ausbau der einzelnen Auskunftsstellen geht Hand in Hand das Bedürfnis, die bei der Einrichtung und Geschäftsführung gewonnenen Erfahrungen mit andern Auskunftsstellen im persönlichen Verkehr auszutauschen, die Grundsätze und Ziele fremder Auskunstsstellen kennen zu lernen und schließ« lich auch gemeinsame, der Gesamtheit aller Rechtsauskunftsstellen dienende Aufgaben nach Möglichkeit zu erfüllen. Diese Erwägungen haben mehrere städtische und private Auskunftsstellen zu dem Entschluß geführt, neutrale Auskunftsstellen in die Wege zu leiten und zu diesem Zwecke eine Versammlung einzuberufen. Die Versammlung soll am 6. Januar in Magdeburg stattfinden. Eine Einladung hierzu ist von den Auskunftsstellen in Berlin (Bureau für Sozialpolitik), Bremen (Bürgerlicher Volksverein), Dessau (Städtische Rechtsauskunftsstelle), Frankfurt a. M. (Soziales Museum), Lübeck (Oeffentliche Rechtsauskunftsstelle), Mülhausen i. E. (Städtisches Auskunftsbureau), unterzeichnet und an die bestehenden neutralen und gemeinnützigen Auskunstsstellen, sowie an die Gemeindeverwaltungen sämtlicher deutscher Städte über 25000 Einwohner gerichtet worden.
— Der von den „Amtlichen Lübeckischen Anzeigen" veröffentlichter Jahresbericht der Lübeckischen Handelskammer stellt eine gleiche aufsteigende Linie fest, die Lübecks Handel, Schiffahrt und Industrie, wie das deutsche Wirtschaftsleben überhaupt aufzuweisen haben. Die Handelsflotte hat sich nach dem Jahresbericht im Raumgehalt erheblich vermehrt, der auf fast 90 000 Registertons gestiegen ist.
Ausland.
— Aus Ungarn wird gemeldet, die Regierung werde, da der ganze Komplex der internationalen
Handelsverträge bisher vom Parlamente nicht erledigt werden konnte, dieselben zu geeigneter Zeit im Ver- ordnungswege ins Leben treten zu lassen, gleichzeitig mit dem autonomen Zolltarif. Eine andere Lösung gebe es heute nicht.
— Der deutsch-bulgarische Handelsvertrag ist von der bulgarischen Sobranje angenommen worden, ebenso die Handelsverträge Bulgariens mit England und Rußland.
— Die russische Regierung trifft energische Maßregeln, um das Wahlgesetz so bald als möglich zur Ausführung zu bringen. Zur Durchführung des Ukases vom 25. Dezember sind Instruktionen über den Wahlmodus ausgearbeitet und werden wahrscheinlich in diesen Tagen veröffentlicht. Die Lokalbehörden werden angewiesen, die Wahllisten zur Vornahme der Wahlen so rasch als möglich aufzustellen.
— Die Petersburger Telegraphen-Agentur erfährt von unbedingt zuständiger -Seite: Die revolutionäre Bewegung in Rußland kann gegenwärtig als gebrochen angesehen werden. Der völlige Zusammenbruch des Aufstandes ist eine Frage weniger Wochen. Die revolutionäre Bewegung ist vor der Gewalt zurück« gewichen. Noch mehr hat sie sich in den Augen der Bevölkerung in Mißkredit gesetzt.
— Die fünf französischen Kardinäle übermittelten einer Meldung des „Journal des Däbats" zufolge dem Papste ihren Beschluß, dem Gesetz, betreffend die Trennung des Staates von der Kirche, keinen Widerstand zu leisten, falls das Gesetz dem Geiste der Buchstaben entsprechend angewendet wird.
— Die spanischen Cortes haben sich bis zum 15. Januar vertagt, um dann in die Beratung der Zolltarifvorlagen und des Beleidigungsgesetzes einzutreten. Letzteres dürfte auf Schwierigkeiten stoßen, da das Offizierkorps, das gestern bei der Abreise des neuen Generalkapitäns für Katalonien, Marittgui, eine große Kundgebung verunstaltete, verlangt, daß Vergehen gegen das Vaterland und das Heer vom Kriegsgericht abgeurteilt werden.
— Das neue englische Fremdengesetz ist am 1. Januar 1906 in Kraft getreten. In den wichtigsten Häfen, wo die meisten Einwanderer zu landen pflegen besonders in London, Grimsby und Hull, werden die neuen Maßregeln gleich in voller Schärfe durchgeführt werden, und jeder Einwanderer, mit Ausnahme der Kajütspassagiere der ersten Klassen wird sich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen müssen und nur
ZKewegtes «Leben.
v‘ Roman von Max von Weißenthurn. 15
Willenlos, wie er ihr gegenüber immer war, hatte .st Otto auch darin nachgegeben und so kam eS, daß -eneS einsame HauS in Döbling gemietet, in welchem S Kind das Licht der Welt erblickte. Im Einverständnis m> 1 Pater Andreas, hatte der Fürst, als es notwendig ge« bc* rdeu, eine treue und verläßliche Pflegerin für seine [, au zu haben, die alte Nanni, seine ehemalige KindS- frau inS Vertrauen gezogen, die seit Jahren in beschaulicher Ruhe von dem Gnadengehalt lebte, welche» er ihr ausgeworfen
Als der Fürst, nachdem er den Doktor nach Hause zu- rückbegleitet, wieder in das Zimmer der Wöchnerin trat, schien diese zu schlummern. In Gedanken versunken, stellte er sich anS Fenster, sah er in den tagenden Morgen hin- au», sann er über alle» nach, wa» gewesen, fragte er sich bangenHerzenS, wie sich die Zukunft gestalten werde,machte er sich einerseits bittere Vorwürfe daraus, daß er denun- vermeidlichen Kampf mit der Mutter noch immer nicht ausgenommen und seiner Frau jeneStellung Verschaffthabe, welche ihr gebühre, sagte sich andererseits, daß in dem heftigen, stolzen Charakter der verwitweten Fürstin, seine Rechtfertigung liege, den», wer bürgte ihm dafür, daß die Kenntnis der zweiten Heirat des Sohnes, welche ihr unter allen Umständen nicht erfreulich gewesen wäre, ihr nicht den Todesstoß versetze, wenn sie erfahre, daß eine, von Geburt aus Bürgerliche, die verwitwete Gräfin Aulen- hof Riedenfürst, über welche manche unklare, wenn auch selbstverständlich unwahre Gerüchte i» der Gesellschaft kursierten, diejenige fei, welche nach ihr den Namen führen sollte, der bi» nun niemals durch den leisesten Hauch verdunkelt worden war. .
Wie mochte die Zukunft sich gestalten, wann würde e» ihm möglich sein, nicht nur sei» Weib, welche» er mit jeder Faser seine» Ich» liebte, sondern auch sein eigenes ^ltssch und Blut, da» Wesen, welcher heute da» Licht der ।
Welt erblickt hatte, vor aller Welt anznerkennen? Wer bürgte ihm dafür, daß nicht Familienzwiste entstanden, das nicht die Kinder seiner ersten Ehe, wenn die Großmutter von der zweiten Verbindung Kenntnis erhalte, in Haß und Abscheu vor seiner Frau, heranwachsen würden, daß sie diesen Abscheu auch auf die kleine Halbschwester übertragen. Wer bürgte ihm dafür, daß dieses sein Kind, nicht durch Leid und Kummer veranlaßt, sich früher oder später dazu hingerissen sehen werde, den Urheber seines Dasein» zu verwünschen?
„Otto I" Die Fran, welche sein ganzes Denken nnd Fühlen in Anspruch nahm, rief seinen Namen und der Fürst eilte an ihr Lager. „Was nun, Otto?" fragte sie, al» er sich niederbeugte und in tiefer Bewegung ihre Hand an seine Lippen zog. „Was nun? Es fragt sich jetzt, was wir zu tun haben, wie wir am besten für das kleine Geschöpf sorgen, welche» heute das Licht der Welt erblickt hat."
Lenore sprach diese Worte mit matter Stimme, aber ein harter, metaNuer Klang in denselben, wirkte verletzend auf daS feine Ohr deS Zuhörer».
„Wie wir am besten für daS kleine Geschöpf sorgen werden?" wiederholte er vorwurfsvoll, „ich sollte meinen, eine Mutter brauchte da nicht erst viel zu fragen und zu klügeln, sie weiß, daß unter ihrem wachsamen Auge, die kleine Menschenpflanze am besten gedeiht."
„Wie, ich sollte mich dem Kinde ganz widmen? Kann ichdaS? Ich will nicht, wie bisher, auf lange Zeit von Dir getrennt sein und lebe ich mit dem Kinde, so wür- den wir den Leuten Anlaß zu müssigem Gerede geben, wa» Deine Mutter veranlassen würde, zu forschen und schließlich die Wahrheit zu entdecken. DaS aber willst Du ja selbst nicht!"
„Mein Gott, Lenore, eS ließe sich alle» durchführen," wandte er zaghaft ein, „Du könntest hier, oder selbst an entlegenerem Orte, doch in erreichbarer Nähe wohnen und ich würde Dich, so oft als nur möglich besuchen; eS wäre damit Zeit gewonnen und gerade wenn die Kleine heranwächst und anfängt, in ein niedliches Alter zu kom
men, müßte man den Moment erhäschen, welcher günstig wäre, durch ihr holdes, unschuldiges Wesen da» Herz der Mutter zu erweichen, sie mit der Tatsache unserer Ber- binbung anSzusöhnen."
„Höchst romantisch, lieber Otto, höchst romantisch ist dieser Plan, aber weder glaubwürdig noch durchführbar! Du baust zu viel auf die Unschuld und Naivität der Menschen, wenn Du eS für möglich hältst, daß man nicht sofort Bemerkungen, Mutmaßungen und Schlüssen auSge- setzt wäre, die Dir ja selbst nicht angenehm sein müßten, weil sie ganz gewiß meine Tugend und Reinheit anzwei» feln würben und ich dächte, der Name jener Frau, die als Fürstin LichtenfelS früher oder später ja doch ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen soll, müßte über jedem Zweifel erhaben dastehen. Ich begreife übrigens Wirk- lich nicht, weshalb Du Dir mit ZukunftSplänen gar so sehr den Kopf zerbrichst. Eine Zeitlang, ein paar Tage wenigstens, kann alle» so fortgehen, dann verschwinden wir von hier, folgen englischem und französischem Beispiel, geben das Kind zu einer Amme auf» Land, welche gegen entsprechende Vergütung bereit ist, eS zu warten und zu pflegen. Im Auslande, wo der Gesichtskreis ein viel weiterer ist wie bei uns, tun das die ersten Familien des Reiches. Keiner Mutter aus vornehmem Hause wird eS einfallen, sich zur Wärterin ihres Kinde» zu stempeln und ich muß gestehe», daß ich unter den obwaltenden Umständen mehr als geneigt bin, diesen zahllosen Beispielen zu folgen. Ich schulde mir selbst doch auch noch eine ge- wisse Rücksicht und Du begreifst . . ." 131,18
„Ich begreife vor allem, daß Du jetzt nicht ermüdet werden sollst. Leb' wohl, Lenore. Ich muß für den Fall unserer Rückkehr in» Ausland noch vielerlei geschäftlich« Dinge ordnen, werde möglicherweise nach LichtenfelS hinausfahren müssen und zwei oder drei Tage nicht hierher kommen können. Nanni wirb Dich inzwischen gut pflegen und sobald ich zurückkehre, wollen wir dann über die Zukunft weiter reden und überlegen, ob sich kein Ausweg finden läßt, daS Kind zu behalten und doch vereint zu bleiben "