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Mittwoch und Samstag.

anwall, Berlin W., Ansbacherstr. 55., erbeten. Auch die Expedition unseres Blattes nimmt Gaben entgegen, über die Empfangsbestätigungen in unserem Blatte erscheinen werden.

Berlin, Dezember 1905.

werden Bestellungen auf die

Fortwähre

Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 M. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 3. Januar 1906

57. Jahrgang.

Kchlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt

von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner liaOvl U Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auslage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Aufruf.

Die beklagenswerten Ereignisse in Rußland haben über unzählige Bewohner des Landes unsägliches Un­glück gebracht. Viele Tausende sind völlig verarmt; andere, die bisher fleißig ihrem Berufe nachgingen, stehen in bitterster Not müßig am Markt.

Das gilt in erster Reihe von den zahlreichen Deutschen im russischen Reiche. Unzählige von ihnen sind ohne jedes eigene Verschulden plötzlich brotlos geworden und stehen inmitten erregter, ihnen zum Teil feindlich gesinnter Volksmassen hilflos da. Sie alle hoffen auf uns, die Deutschen im Reich, sie hoffen, daß wir unsere Volksgenossen nicht im Stich lassen, für ihre Not offene Herzen haben und offene Hände.

Um ihre Not zu lindern, hat sich der unterzeichnete Hilfsausschuß zur Unterstützung der notleidenden Deutschen Rußlands gebildet.

Wir wenden uns mit der Bitte um Unterstützung an alle Kreise des deutschen Volkes. Wer immer im sicheren Frieden des Deutschen Reiches seinem Beruf nachgeht und seines friedvollen Heinis froh wird, k^r gedenke unserer unglücklichen Volksgenossen in Rußland, die in einer furchtbaren Gegenwart einer vielleicht noch schrecklicheren Zukunft entgegensehen. Wir können ihnen helfen, und wir werden ihnen helfen, jeder nach seinen Mitteln. An deutsche Herzen hat sich noch kein unglücklicher Volksgenosse vergeblich gewandt. Dessen sind wir gewiß!

Geldsendungen (Einzel- und Sammelgaben) werden an die Hauptsammelstelle, die Königliche Seehand­lungshauptkasse zu Berlin, Markgrafenstr. 46a unter der BezeichnungFür die notleitenden Deutschen Rußlands," Zuschrift an Herrn Dr. von Veh, Rechts-

Deutsches Reich.

Die Neujahrsfeier am Berliner Kaiserhofe wurde um ö Uhr morgens bei prächtigem Winterwetter durch Chorale des Trompeterkorps der Gardekürassiere von der Schloßkuppel herab eingeleitet, gleichzeitig fand großes Wecken der Spielleute der 2. Gardeinfamerie- Brigade und der Hoboisten des 4. Garderegiments bis zum Brandenburger Tor und zurück zum Schlosse statt. Inzwischen begann die Auffahrt zum Gottesdienst und zur Cour. Unter den kommandierenden Generalen be­fand sich auch Prinz Arnulf von Bayern. Es rückten an, die Schloßwache in der Zopfperrücke, Galawachen der Garde du Corps, die Leibwache der Kaiserin und die Halloren. Der Kaiser, der Kronprinz mit seinen Brüdern und Prinz Heinrich kamen im Automobil vom Reuen Palais; die Kaiserin war am Vormittag noch im Neuen Palais verblieben und wurde erst nachmit­tags im Berliner Schloß erwartet.

-* Im großen Saale des Handwerkervereins-Ge- bäudes in Berlin hat der dritte preußische Lehrertag stattgefunden, um zu dem Gesetzentwürfe, betreffend die Unterhaltung der Volksschulen, Stellung zu nehmen. . Es mochten etwa 2000 Personen anwesend sein. Man bemerkte die freisinnigen Abgeordneten Broemel, Ernst, Kopsch, Wollgast und Mariens, wie denn überhaupt das Ganze den Eindruck einer freisinnigen Parteiver­sammlung niachte. Es wurde eine große Zahl von Abänderungsanträgen angenommen, in denen u. a. die Errichtung von Simultanschulen, die Beseitigung der kirchlichen Schulaufsicht, Wahl der Lehrer in die Schuldeputation usw. gefordert wird.

Der Gesamtvorstand des Verbandes der sächsisch- thüringischen Webereien hat zu der Resolution Stellung genommen, die in der in Berlin abgehaltenen großen Versammlung, als Sympathiekundgebung für England gefaßt worden ist. Der Vorstand hat dabei einstimmig 'der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die Bildung und Erhaltung eines freundschaftlichen Verhältnisfes zu Großbritannien im Interesse des deutschen Handels und der deutschen Industrie liegen muß, und hat aus dieser Erwägung heraus mit Freuden das Vorgehen der Berliner Versammlung begrüßt, da es geeignet

erscheint, dem deutschen Handel und der deutschen Industrie diejenigen Beziehungen zu dem britischen Weltreiche zu sichern, die als Grundlage für eine weitere gedeihliche Entwicklung des beiderseitigen Güteraustausches notwendig sind.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht folgende Bekanntmachung betreffend die Handelsbeziehungen zum britischen Reiche:Auf Grund des Gesetzes, betreffend die Handelsbeziehungen zum britischen Reiche vom 20. Dezember 1905, hat der Bundesrat beschlossen, die Geltungsdauer der in der Bekanntmachung vom 11. Juni 1901 enthaltenen Bestimmungen für die Zeit nach dem 31. Dezember 1905 bis auf weiteres zu verlängern". Die vorstehend angezogene Bekannt­machung vom 11. Juni 1901 bestimmt, daß den Angehörigen und den Erzeugnissen des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland sowie der britischen Kolonien und auswärtigen Besitzungen mit Ausnahme von Kanada, bis auf weiteres die­jenigen Vorteile einzuräumen sind, die seitens des Reiches den Angehörigen und den Erzeugnissen des meistbegünstigten Landes gewährt werden.

Ausnahmen vom Verbot der Beschäftigung eigener Kinder unter 10 Jahren hat der Bundesrat erlassen. DerReichsanzeiger" teilt in einer Bekannt­machung folgende näheren Bestimmungen mit: Die Ausnahmen gelten nur für gewisse, genau angegebene Arbeiten und sind nur vorübergehend, nämlich bis zum 31. Dezember 1908 zugelassen. Die Kinder müssen das neunte Lebensjahr vollendet habest und dürfen nicht vor dem Vormittagsunterricht beschäftigt werden. Es ist ihnen eine zweistündige Mittagspause und eine einstündige Pause nach dem Nachmittags­schulunterricht zu gewähren. Die Ausnahmen be­treffen u. a. die Spielwarenindustrie, die Knopfbe- ar, .tung, Strickerei und Weberei, Papierindustrie, Strohflechterei, Herstellung künstlicher Blumen, Be« arbeitung von eisernen Kurzwaren, Zubereitung von Fischen, Glasbläserei vor der Lampe, Herstellung von Zündholzschachteln usw. Auf Großbetriebe, wo ele­mentare Kräfte zu Triebzwecken verwendet werden finden die Anwendung.

Ausland.

Zu dem Hottentottenaufstand in Südwestafrika wird amtlich gemeldet, daß bis zum' 24. Dezember sich insgesamt 1100 Hottentotten, darunter 390 Männer mit 132 Gewehren, gestellt haben. Sie setzten sich

Aervegtes Keven.

Roman von Max von Weißenthurn. 14

Aber sie ahnte und wußte nichts davon und spann jetzt schon Pläne für die Zukunft des Sohnes, welche voll- ständig in der Hand zu halten sie sich einbildete.

Die Verbrüderung zweier verlassener Seelen," nannte Otto scherzweise die platonische Freundschaft, mit der er die Gräfin Aulenhof umgab, und erst, als er eines Tages nach Schloß Brauntal kam, um das HauS leer zu finden und zu erfahren, daß die Gräfin abgereist sei, begriff er, daß die platonische Freundschaft nur der Deckmantel für glühende Liebe gewesen sei. Eine gefällige Kastelanin ver- riet ihm den Aufenthaltsort der Gräfin, und alles ver­gessend, außer der Tatsache, daß er bis nun ein liebe- leeres, ödes Dasein geführt, daß sein Herz sich danach sehne, verstanden zu werden, eilte er ihr nach, machte er seinem mächtigen Empfinden in leidenschaftlichen Worten Luft.

Die in Tugend gepanzerte Frau wieS ihn von sich und fesselte ihn dadurch nur noch fester.

Er dachte an eine einstweilen geheim zu haltende Ver­mählung im AnSlande, wußte aber, daß jeder derartige Plan große Schwierigkeiten und Szenen im Gefolge ha- ben werde, wenn er nicht wirklich als strengstes Geheim­nis gewahrt wurde, denn eine zweite, nicht von feiner Mutter ausgesuchte Ehe würde bei dieser auf energischen Widerstand stoßen Konnte sie dieselbe auch nicht hindern, so lag eS doch in ihrer Macht, ihm durch kleinliche Qualen das Leben zur Hölle zu machen. Vor Lenore hinzutreten und sie anzuflehen, die Seine zu werden, ohne ihr gleich- 3 jene glänzende Stellung zu bieten, die ihr gebührte, e ihm schwer und vielleicht erschien eS ihm selbst da- malS, zur Zeit seiner glühendsten Leidenschaft noch frag­lich, ob sie bereit sein mürbe, ihm auch dann anzuge- hören, wenn er ihr nur eine verhältnismäßig bescheidene Existenz bieten konnte. Da ihm der unbedingte Glaube

fehlte, wäre es wohl am richtigsten gewesen, sie nicht wie- derzusehen, aber dagegen sprach seine Liebe umsomehr, als er nach und nach zu bemerken glaubte, daß auch in LenoreS Seele sich ein weicheres Empfinden zu regen be­ginne.

Endlich vermochte er seiner heißen Leidenschaft nicht mehr länger Einhalt zu gebieten, er bekannte Lenore seine Liebe und setzte ihr die Verhältnisse auseinander.

Vielleicht etwas Wider sein Erwarten, ging die Gräfin im Prinzip mit einer gewissen Hast auf seinen Vorschlag ein und Fürst Otto stand als Schwächling zwischen zwei Frauen, die jede in ihrer Art sein Herz ausfüllten.

Kaum ein halbes Jahr nach bem Tode seiner Frau hatte eS Fürst Otto ermöglicht, daß der fürstliche Schloß- kaplan, Pater Andreas, in einer kleinen Dorfkirche der französischen Schweiz in aller Stille seine Trauung mit Lenore, verwitweten Gräfin Aulenhof Riedenfürst, voll­zog.

Der Fürst atmete.erleichtert auf, als das segnende Wort des Priesters das geliebte Wesen zu seinem Weibe gemacht unb er sich sagen konnte, daß sie einander ange­hören würden, bis der Tod ihnen die Äugen schloß.

Wie er Lenores Charakter zu beurteilen meinte, wun­derte eS ihn vielleicht im stillen etwas, daß sie mit der Heimlichkeit der Sache so rasch einverstanden war. Er hatte vermutet, daß sie stolz gewesen sein würde, sich aller Welt als seine Gattin zu zeigen, daß der Prunk ihrer Stellung nicht ganz spurlos an ihr abprallte Da es aber die Situation wesentlich vereinfachte, wenn einstweilen je­dem Konflikt mit seiner Mutter aus dem Wege gegangen wurde, freute er sich nur ihrer Nachgiebigkeit und sah in derselben einen neuen Beweis ihrer hingebungsvollen Liebe zu ihm, welche zu belohnen er sich gelobte.

So verstrich die Zeit. Fürst Otto weilte abwechselnd bald in der Heimat, bald angeblich auf Reisen, in Wirk­lichkeit aber nur in Samt Gilbert, dem kleinen idyllisch gelegenen Schweizer Landaufenthalte, in dem Lenore die

Zeit ziemlich eintönig verstrich. Es bedurfte ihrer ganzen Willenskraft, um dies dem Fürsten nicht ahnen zu lasten, und er wäre nicht wenig überrascht gewesen, wenn er einen Blick in ihr Inneres hätte tun, hätte mutmaßen kön­nen, daß ihre scheinbare Gefügigkeit nichts sei, als kluge Berechnung, daß sie im stillen darüber triumphierte, wie eS ihr durch dieselbe gelungen war, ihre Feinde zu über­trumpfen. Was hatte Doktor Zell bei jener denkwürdi­gen Unterredung ihr wohl gesagt ? Er sei ermächtigt, im Falle einer Wiedervermählnng aufzutreten und alles zu offenbaren, was Hugo von Aulenhof Riedenfürst veran­laßt habe, so schouu'ngSlos gegen sie vorzugehen, wie eS tatsächlich der Fall gewesen. Nun, diese Gefahr schien glück­lich überftanbeu. Sie hatte geheiratet, sie trug, wennauch einstweilen noch im Geheimen, -.neu volltönenden Namen. Aber, dank dem Umstände dieser Heimlichkeit, hatte auch Doktor Zell keine Kenntnis davon erhalten, konnte er nicht mehr mit feindlich bösem Willen die glänzende Existenz vernichten, welcher sie früher oder später entgegengehen mußte.

Nahm sie nur erst alS Fürstin LichtenfelS den ihr ge­bührenden Platz in der Welt ein,denn, besten glaubte siege- wiß sein zu dürfen, würden böswillige Reden, selbst, wenn sie durch Nachweise dokumentiert wurden, ihr keinen Scha- den mehr zufügen können. Ein Gespräch Doktor ZellS un­ter vier Augen mit dem Fürsten aber, würde sie unter jeder Bedingung zu hintertreiben wissen. Und so wartete sie beim in Geduld auf die Stunde ihres Triumphe», auf die Stunde, in welcher sie Zell, dem. Manne, der sie so tief gedemütigt, zeige» konnte, daß sie eS gewesen, die den Sieg davon getragen, das ihre Schlauheit die seine über- troffen habe.

Dann aber nahte die Zeit, in welcher sie einem Kinde das Leben schenken sollte unb, von dem Gefühl beseelt, daß die Macht, welche sie auf Otto besaß, geschwächt werden könne, sobald sie sich auf längere Zeit von ihm trenne, war sie in ihn gedrungen, Mittel und Wege zu finden, um sie mit sich zu nehmen in die Heimat. 131,18