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SchlüchternerZeitun g

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

»N 104. Samstag, den 30. Dezember 1905. 56. Jahrgang.

Einteilung zum ytbonnement

auf die §<&füditcrncr Zeitung mit amtlichem Kreisblatt.

Die Schlüchterner Zeitung, die älteste Zeitung des Kreises Schlächtern, (56. Jahrg.) bringt Berichte über wissenswerte Vorgänge in unserem Reiche wie auch im Auslande.

UnterLokales und Provinzielles" berichtet die Schluchterner Zeitung über alle neue und be­merkenswerte Vorkommnisse aus dem Kreise und der Provinz.

Die Tchluchterner Zeitung mit dein amtlichen Kreisblatt bringt alle Anzeigen sämtlicher Behörden des Kreises.

IncOMSlIFo finden in der über alle Ort- schaften des Kreises und weiter hinaus verbreiteten Schlüchterner Zeituug wirk­same Verbreitung.

Bezugspreis vierteljährlich mit amtlichem Kreisblatt

1 Mark.

Um gefl. Neubestellung bittet höflichst

Expedition der Schlüchterner Zeitung.

Neujahrswunsch.

Ein Jauchzen grüßt das neue Jahr, Und die Sylvesterglocken klingen;

Ein Stern steigt auf der Zukunft Aar Rauscht durch die Nacht auf schwarzen Schwingen.

Neujahr Befreier, Siegesheld, Dem hoffend sich die Herzen neigen; Neujahr. Du fremde, neue Welt In dunklem, rätselvollem Schweigen!

So scheinst Du heut und Deine Spur Wird doch so bald in Nichts entgleiten; Neujahr ein Tropfen bist Du nur Im tiefen Meer der Ewigkeiten!

Und dennoch -- so bedeutungslos Dies. Jahr erscheint in Weltenleben, Es groß zu machen, riesengroß, Ward doch in Eure Hand gegeben.

Uebt Mitleid und Barmherzigkeit, Bis seine Sonne rollt zu Tale, Uebt Liebe, daß durch alle Zeit Dies Jahr in goldnem Glänze strahle,

Zr-wegt-s K-v-n.

Roman von Max von Weißenthurn. 13

Die StandeSehre, Fortpflanzung seines Namens, des­sen letzter Repräsentant er war, hatte man ihm vom Jünglingsalter an schon als eine Pflicht dargestellt, wel­cher er nachzukommen habe. Mutter, Tanten, Basen waren denn auch erst beruhigt über diesen Punkt, als sein dritter Sohn daS Licht der Welt erblickte. Was kümmerte eS sie, daß der Fürst kein reines Glück, keine wahre Befriedigung in seinem Heim fand, für die Erhal- tnng deS alten, erlauchten Namens war hinreichend Sorge getragen, alles übrige blieb Nebensache; für den Fami- lienstolz, die Familienehre, die Aufrechterhaltung alter Bestimmungen war keinOpfer zu groß, ein Meuscheuherz, da» aufdemAltare derKonvenienzverblutete, daS kam nicht in Betracht.

Im Hause unverstanden von seiner Frau, als Idealist und Träumer verspottet, hatte Fürst Otto seinen Wir­kungskreis immer mehr und mehr auswärts gesucht, hatte er im politischen Leben eine Rolle gespielt und Befriedi­gung darin gefunden, dem Vaterlande ersprießliche Dienste zu leisten.

Der Zufall hatte die beiden zasammengeführt nndzwar in einer so romantischen Weise, wie dies sonst nur in den Büchern oder in der Phantasie eines sechzehnjährigen Back- fischchen» au geschehen pflegt.

Fürst Otto hatte, vom posttpchen Leben müde und ab­gespannt, angeekelt von häuslichen Szenen, eine Ferien­zeit be» Herrenhanses dazu benützt, um ein paar Tage dem Vergnügen der Jagd nachzugehen. Waldlnft atmen und keine Menschen sehen, nichts hören von dem Hasten und Treiben der Welt, ist ein seltener Genuß und des­halb doppelt willkommen. Mit der Flinte auf der Schul- ter, vom getreuenWaldmann" gefolgt, war er durch den Forst gestreift, weniger um dem Wild nachzustellen, als vielmehr, um sich in der freien Gotteswelt neuen Mut nnd neue Tatkraft zu holen. Er hatte die Jagd erst seit

kurzem gepachtet und war vollkommen fremd in der Ge­gend, was den Reiz des Herumstreifens nur noch erhöhte. Nach mehrstündigem Marsch kam er endlich in ein ab- seitS gelegenes, einsames Tal, an dessen äußerstem Ende man ein kleines Schlößchen sah, das durch eine originelle Bauart mit unzähligen Türmen und Türmchen den Blick fesselte.

Bei einem Bauernhof, der auf seinem Wege lag, vor- sprechend, fragte er nach dem Eigentümer des romantisch gelegenen, weltabgeschiedenen, kleinen Nestes und hörte, daß eS Brauntal, derWitwensitz einer verwitweten Gräfin Aulenhof Riedensürst sei.

Im Gotha-Almanach wohlbewandert, wie alle seine Standesgenossen, war Fürst Otto sofort orientiert, sagte er sich, daß dies nur die Witwe Hugo Aulenhofs sein könne, der zum allgemeinen Berdrusse der heiratsfähigen Komtessen verschiedenster Alter-stufen, eineUngebetene* ihnen vorgezogen hatte.

Fürst Otto glaubte auch gehört zu haben, daß Hugo, den er selbst nur flüchtig gekannt, sich schließlich nicht gut gegen die Frau benommen, welcher er seinen Namen ge­geben, und sein ritterlicher Sinn veranlaßte ihn sofort, Partei zu nehmen für das zweifelsohne schöne, junge Ge­schöpf, welchem man sicherlich nur unrecht getan, weil es nicht die entsprechende Ahnenreihe anfznioeisen hatte.

Zufall oder Schicksal führten den Fürsten mehrmals nach der Bergschlucht von Brauntal und da traf es sich denn, daß er der verwitweten Gräfin begegnete. Ein ehr- furchtSvoller Gruß, der zurückhaltend erwidert wurde, bot die erste, allerdings sehr kühle Annäherung; der Fürst aber fand die junge Witwe noch viel schöner und inter­essanter, als er sich dieselbe vorgestellt.

Monate hindurch benutzte Otto jeden freien Tag zu einem Ausfluge in sein Jagdgebiet, ohne sich selbst auch nur im allergeringsten darüber Rechenschaft abznlegen, daß die schöne Lenore von Aulenhof es war, die eS ihm angetan. Ein Gewitterregen, der die Gräfin im Walde überraschte, bot ihm, der ihr zufällig wieder begegnete,

Daß es, ein Stern in Nacht und Graus, Der Brüder Elend möge lindern Und Segen bringe jedem Haus Und Frieden allen Menschenkindern!

Neujahr.

Prosit Neujahr!" so tönts morgen auf den Straßen:Prosit Neujahr!" so ruft einer dem andern zu.Prosit Neujahr!" d. h. das neue Jahr möge dir Nutzen bringen! Doch was sind der Menschen Wünsche? Sie sind ein Hauch, im, besten Falle ein Hauch der Liebe; aber Kraft, Kraft zur Erfüllung bergen sie nicht in sich. Die liegt allein in der Lebensfülle unseres Gottes und Heilandes. Darum wohl dem Menschengeschlechte, daß Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit, am ersten Tage des neuen Jahres, wieder vor unser Angesicht tritt. Er steht vor der Türe und klopft an. Möchten wir ihn als Geleitsmann für das neue Jahr annehmen, möchte kein Haus ohne diesen Gott und Herrn, kein Herz in Stadt und Land ohne diesen Heiland sein! Dann würde unser Leben im begonnenen Jahre nach Leib, Seele und Geist des tragenden, sicheren Heilsgrundes nicht entraten; dann würde gut wohnen im Hause sein, ob es Sonnenlicht umflutet oder ob es der heulende Sturm umtost.

Ein Schleier liegt über dem neuen Jahre; niemand kann ihn heben. Wir sollen es auch nicht können. Vertrauen sollen wir, vertrauen von ganzem Herzen dem Munde, der in seiner Gnade uns so Großes ver­heißen hat, der treuen Gottesliebe, die uns nichts Böses gönnen kann, die uns dies Jahr in allen Stücken zu einem Gnadenjahre machen möchte. Wer freilich an einen persönlichen Gott nicht glaubt, wessen Gott ein blind waltendes Schicksal ist, der mag wohl mit Bangen, ja mit Grauen an der dunklen Schwelle des neuen Jahres stehen und in dumpfer Ergebung erwarten, was es über ihn ergehen lassen wird. Und da das Herz einmal so beschaffen ist, daß es nicht aller geistigen Regungen bar bleiben kann, wird ein solcher zum heidnischen Fatalisten oder zum aber­gläubischen Feiglinge, der zitternd und zagend, viel­leicht gar durch allerlei närrische Zaubermittel sein Schicksal" um die Zukunft befragt, wohl gar glaubt, es sich günstig stimmen zu können. Wir beneiden solcheAufgeklärte" nicht. Wie viel glücklicher sind die, die, auf dem Boden der christlichen Weltanschauung

stehend, wissen: Es kann mir nichts geschehen, als was er hat ersehen und was mir dienlich ist."

Das Reich Gottes geht gewiß auch ohne der Menschen Gunst seinen Lebensgang und Siegeslauf durch die Welt, aber wie köstlich wäre es, wenn das neue Jahr recht viele treue Arbeit und herzliche Für­bitte fände für die großen Aufgaben und Ziele Der Nation und der Kirche. Wer nur eigensüchtig an sich denkt, vergißt seine Pflichten gegen die nationale und kirchliche Gesamtheit, wer aber in heiligem Eifer die Angelegenheit des Ganzen an feinem Teile auf sich nimmt, wird für sein Einzelleben dabei die Gewißheit und Zuversicht erlangen:Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl."

Deutsches Reich.

Dem Bundesrat wird bald nach Neujahr der schon vor längerer Zeit angekündigte Gesetzentwurf betr. die Haftpflicht für den durch Automobile «»gerichteten Schaden (Tötungen, Körperverletzungen usw.) zugehen. Der Desetzentwuff lehnt sich an das Gesetz vom 7. Juni 1871 an, betr. die Verbindlichkeit zum Schaden­ersatz für die bei dem Betriebe von Eisenbahnen her­beigeführten Tötungen und Körperverletzungen und macht die Automobilbesitzer bezw. ihre Beauftragten haftpflichtig, es sei denn, daß sie den Nachweis ihrer Schuldlosigkeit an den durch ihre Fahrzeuge bewirkten Unglücksfällen zu führen im Stande sind.

Die Winterfeste am Kaiserhofe sind 1906 fol­gende : 1. Januar Neujahrsfeier, 18. Fest des Schwarzen Adlerordens, 19. Cour für das diplomatische Korps, für sämtliche Damen und für die Herren vom Zivil, 21. Januar Krönungs- und Ordensfest, 24. Militär­cour, 27. Kaisergeburtstagsfeier, 31. erster Schloßball. Hieran schließen sich die noch zu bestimmenden weiteren Hofbälle.

In Hamburg ist der Kampf um das Hamburg­ische Wahlrecht in ein neues Stadium getreten. Der parlamentarische Ausschuß hat einen ausführlichen und sehr sorgfältig gearbeiteten Bericht über seine Be­ratungen und deren Ergebnisse der Bürgerschaft zu­gehen lassen, der in seinem allgemeinen Teile fast noch eindringlicher als die Senatsvorlage die sozialdemokrat­ische Gefahr schildert, die die Handelsstadt Hamburg ihrem Niedergang entgegenführe, wenn nicht rechtzeitig, dem drohenden Einfluß der Sozialdemokratie auf die Hamburgische Gesetzgebung durch eine Aenderung des Wahlrechts vorgebeugt werde. Die wesentlichste Aen-

Anlaß, sie zu einer schützenden Höhle zu geleiten, die er bei einem seiner Kreuzzüge entdeckt hatte.

Damit war die Bekanntschaft angebahnt, er bat um die Erlaubnis, sie besuchen zu dürfen, er interessierte sich im­mer mehr und mehr für die einsame Frau, die scheinbar so viel Sinn und Verständnis für alles hatte, was er ihr erzählte, berührte dies nun da» politische Leben oder seine innersten Empfindungen.

Sollte Fürst Otto es als eine günstige Fügung des Schicksals, al» einen göttlichen Fingerzeig ansehen, daß gerade zu dieser Zeit seine Gemahlin an einer Lungen­entzündung erkrankte und nach verhältnismäßig kurzem Leiden starb? Hatte der Himmel selbst ihn von dem Bande einer Ehe befreien wollen, welche er immer nur al» drük. kende Fessel empfunden? Er wagte eS kaum, sich diese Frage zu stellen, und doch drängte sich ihm dieselbe wie­der und immer wieder auf.

Seine Mutter, die verwitwete Fürstin Klara, deren Hanptsorge stet» gewesen war, den Sohn standesgemäß zu verheiraten, übernahm die Führung seines Haushalt», die Erziehung feiner Kinder. Fürst Otto war damit nicht ganz einverstanden, denn die ahnenstolzen Lebensansichten sei- ner Mutter waren nicht ganz die seinen und er befürch­tete deren Einfluß auf den Lebenslauf seiner Kinder. Aber eS gebrach ihm an Mnt, ihr entgegenzutreten, sich auf eigene Füße zu stellen, und so ließ er eS denn geschehen, daß sie mit strammer Hand die Zügel ergriff, von der Ueberzeugung getragen, daß es ihr jetzt, wie immer, ge­lingen werde, die Existenz deS Sohnes in jene Pfade zu lenken, welche ihr die geeigneten erschienen.

Vielleicht mürbe sie einigermaßen beunruhigt gewesen sei», wenn sie über deS Fürsten JaadauSflüge unterrichtet gewesen wäre, wenn sie geahnt, daß eS ihm dabei weit weniger zu tun war, dem Edelwild nachzustellen, al» viel­mehr ein holder Franenantlitz zu schauen, da» von Tag zu Tag mehr sein ganzes Fühlen unb Denken in Bande schlug. 131,18