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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum W Pfg.

32 100. Samstag, den 16. Dezember 1905. 56. Jahrgang.

Weihnachtspflichten,

Das herrlichste der christlichen Feste, Weihnachten, ' naht. Nur kurze Zeit noch, und der heilige Abend ist da, wo die Kerzen erstrahlen im dunklen Geäst des Tannenbaumes Da ist es an der Zeit, sich der Pflichten zu erinnern, die das Weihnachtsfest mit sich bringt.

Weihnachten ist das Fest des Schenkens, des Wohltuns, der Nächstenliebe. Welche Gelegenheit für den Reichen, den Lichterglanz auch dorthin zu tragen, wo Jammer und Sorge, Hunger und Kälte herrschen, wo das Elternauge kummervoll auf den Lieblingen ruht, die vergebens auf das Erscheinen des gaben- spendenden Weihnachtsmannes harren! Der, der wohl> zutun und mitzuteilen nicht vergißt, wird keine reinere Freude haben, als wenn er das Zauberwort spricht, das die Dunkelheit am heiligen Abend erhellt. Wie kann der glücklich fein. der im prächtigen Hause am reichbedeckten Weihnachtstische steht, während der Arme kennt, in deren Wohnung Elend herrscht.

Aber wo eine Gabe gespendet wird, da muß sie nicht nur aus gutem Herzen geboten werden, sondern auch mit Takt. Wo der Dank gefordert wird, da ist er schon wertlos geworden, wo das Geschenk beschämt, wo die Art des Gebens sich mit der Herablassung paart, da wird die Herzlichkeit nicht zu Gaste sein. Nicht aus Sentimentalität soll man handeln, sondern aus sittlichem Dränge, und man soll nicht Liebe ernten wollen, dort, wo man selbst nur Gaben, aber keine Liebe spendet. Gerade dort aber, wo sich das Elend nicht aufdrängt, wo es schamhaft seine Blößen verdeckt, ist die rechte Stätte für den, der das Weihnachtsfest zu einem Fest der Nächstenliebe gestalten will. Es ist k lohnend, die Wohnungen derer zu suchen, die schweigend dulden alsverschämte Arme". Geben, doch dabei dem Armen die Scham zu ersparen, daß er die Hand ausstrecken muß, ist eine schwere, aber köstliche Kunst. Noch einer Weihnachlspflicht sei hier gedacht. Wie gedankenlos verfahren die meisten bei ihren Einkäufen! Wie wenig sind sie sich bewußt, daß die großen Fragen der Zeit nicht allein gelöst werden können durch den Staat und durch Gesetze, sondern daß jeder einzelne unter uns an seinem Teile mitarbeiten muß. Der bekannte Volkswirt Wilhelm Röscher sagt einmal: So lange noch zwischen arm und reich ein breiter Mittelstand liegt, werden die beiden Extreme selbst moralisch vom Zusammenstoß abgehalten. Nichts bewahrt sicherer vor dem Neide gegen die Höheren

und vor der Verachtung gegen die Niederen, als eine ununterbrochene Stufenleiter der bürgerlichen Gesell­schaft." Das Schwinden des selbständigen Mittel­standes ist ein Zeichen unserer Zeit; während einzelne Elemente, in die Reihen der Kapitalisten treten, droht der großen Masse desselben die Aufsaugung durch das Proletariat, und höhnisch fördert die Sozialdemokratie diesen Prozeß. Äie bürgerliche Gesellschaft muß trachten, der Verelendung zuvorzukommen, sie muß zweckbewußt den Mittelstand stützen und halten, sie muß ihn fördern in seinem Erwerb.

Das Weihnachtsfest mahnt: Kauft bei Handwerkern und kleineren Kaufleuten! Geht in die Werkstätten der Kleinen, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend tätig sind an der Werkbank, mit Hobel und Pfriemen oder hinter dem Ladentische, und deckt bei ihnen eure Bedürfnisse zum Feste! Geht nicht vorüber an den Läden und Werkstätten der Kleinen! Auch sie hoffen vom Weihnachtsfeste, daß es ihnen Einnahmen liefere, daß es ihnen Ersatz für manche Enttäuschung gebe, die ihnen die Not der Zeit gebracht hat. Unser gewerblicher Mittelstand liefert dauerhafte, solide Arbeit, und unter der Ungunst des Lebens ringt er ehrlich und tapfer. Möge die Mahnung nicht verklingen, ihm für seinen Existenzkampf neuen Mut und neue Mittel zu schaffen.

Deutsches Reich.

Im Reichstage wurde am Sonnabend die Etats­beratung fortgesetzt. Als erster Redner sprach zunächst der Abg. Bassermann (natl.), der besonders warm für die Flortenvorlage eintrat. Nach ihm nahm der Reichskanzler Fürst von Bülow das Wort, um Bebel die wohlverdiente Mchtigurg zuteil werden zu lassen. Er nagelte das vaterlcu.dsfeindUche Treiben des sozial- demokratischen Parteidiktators vor der Oesfentlichkeit fest und warnte ihn, solche Aeußerungen landesver- räterischer Tendenz, wie er sie unter dem Schutze der Immunität im Parlament getan habe, außerhalb des Hauses zu wiederholen; er würde sonst die entsprechen­den Folgen zu tragen haben. Weiterhin sprachen noch die Abgeordneten von Kardorff (Rpt.f, der die Sozial­demokratie ebenfalls mit Glück und Geschick bekämpfte, und der Abg. Müller-Sagan (frs. Vp.), der hervor- hob, daß ganz Deutschland in der Marokkofrage ein­mütig hinter der Regierung stehe. Am Montag wurde über die Handelsbeziehungen zu Bulgarien und England verhandelt. Graf Reventlow (wirlsch. Vgg.)

und Graf Kanitz (k.) verlangten eine endgültige Regelung unserer Handelsbeziehungen zu England. AIs der Antrag auf Ueberweisung des Gesetzentwurfs über daS deutsch-englische Handelsprovisorium zur Abstimmung kommen sollte, bezweifelte Abg. Singer die Beschluß­fähigkeit des Hauses, und in der Tat mußte die Beschlußunfähigkeit festgestellt werden. So fand die Sitzung ein vorzeitiges Ende.

Im preußischen Abgeordnetenhause fand am Sonnabend die Beratung des Gesetzentwurfes, betreffend die Abänderung des Einkommensteuergesetzes, statt. Finanzminister Freiherr von Rheinbaben begründete en Entwurf in eingehender Weise. Die meisten Be­stimmungen der Vorlage wurden auch von den Rednern aus dem Hause beifällig ausgenommen, nur die For­derung, die Gesellschaften mit beschränkter Haftung nach Analogie der Aktiengesellschaften zur Besteuerung heranzuziehen, stieß auf Widerstand. Die Vorlage wurde schließlich einer Kommission überwiesen. ES folgte die Beratung des Entwurfes zu einem Kommunal- und Provinzialabgabengesetze. Die Aufnahme des Entwurfes war bei allen Parteien im Hause eine durchaus wohlwollende. Auch in diesem Falle wurde Kommissionsberatung beschlossen. Am Montag wurde die erste Lesung des SchulunterhaltungsgesetzeS begonnen Die Begründung des Gesetzentwurfes gab Kultus­minister Dr. Siudt. Namens der Konservativen sprach Abg. von Heydebrand und der Lasa, der besonders warm für die Konfessionsschule eintrat und die Not­wendigkeit eines versöhnlichen Charakters der Verhand­lungen betonte. Als Gegner des Entwurfes sprach Abg. Funk (frs. Vp.). Von den Nationalliberalen sprach Abg. Schiffer, vom Zentrum Dr. Porsch und von. den Freikonservaliven Abg. Freiherr von Zedlitz- Neucirch. Die letzteren beiden Redner erklärten eine Aenderung der Artikel 112 und 26 der Verfassung für notwendig.

Aus Karlsruhe wird gemeldet: Der Großherzog von Baden hat an den Reichskanzler Fürsten von Bülow ein Telegramm gesandt, worin er seiner nationalen Dankbarkeit für die Reden des Reichskanz­lers am Mittwoch über die auswärtigen Angelegen­heiten und die Sanierung der Reichsfinanzen Aus­druck gibt.

Ausland.

Das englische Kabinett ist in folgender Zu» sammensetzung "gebildet: Premierminister und Erster

Mewegtes KeS-n.

Roman von Max von Weißenthnrn. 7

Tot, mein Mann ist tot!" rief Lenore mit unsicherer Stimme, so kaltblütig und nervenstark sie auch sonst sein mochte, diese Kunde kam doch zu unerwartet, als daß die schöne Frau sie mit dem ganzen ihr sonst eigenen Gleichmm hingenommen hätte.

Es kann ja nicht fein, el muß ein Irrtum obwalten," stammelte sie fassungslos, nicht wissend, was sie sprach, indem sie ihr Schlafgemach schleunigst verließ und durch den Salon eilte, welcher dasselbe von jenem ihres Gatten trennte.

Das Bett war unberührt, niemand hatte offenbar hier geschlafen und mit zitterndenFingern drückte sie auf die bei­den, doppelt gefütterten Tapetentüreu, welche diese» Raum Dom Schreibzimmer des Grafen trennten.

DaS Gemach hatte sich inzwischen mit der erschrocke­nen Dienerschaft gefüllt, welche ratlos und jammernd die Leiche ihres Gebieters umstand, doch alles wich scheu zu­rück beim Anblick der schönen Frauengestalt in dem wei­ßen Morgeickleide, mit dem lose bis zum Gürtel herab­fallenden blonden Goldhaar und den bleichen, verzehrten Zügen.

Die Gräfin trat hinzu, sie rief ihren Gatten beim Na- tuen, sie beugte sich über ihn, sie streichelte seine bleichen Wangen, tur^um, sie tat alles, was eine Frau hätte tun könne», die wirtliche Liebe empfunden für den Mann, des­sen Namen sie trug.

Vergeblich! Die starr und gläsern nach aufwärts ge­richteten Augen nahmen keinen anderen Ausdruck mehr an, das Leben kehrte nicht wieder in diese, bom Tode ge­troffene Gestalt.

Die Gräfin warf nach den ersten Augenblicken der Be­stürzung unwillkürlich einen Blick auf deu Schreibtisch ihres Gatten, um sich zu überzeugen, ob vielleicht irgend ein angefangenes Schriftstück auf demselben liege.

Und wirklich, schon auf den ersten Blick gewahrte sie ein versiegeltes Kuvert, das ihren Namen trug. Hastig steckte sie es zu sich, ohne daß die anderen dessen achteten; dann erteilte sie mit einer Ruhe und Umsicht, welche die Be- Wunberung des Arztes hervorrief, die nötigen Befehle für alles, um» in den nächsten Stunde» zu geschehen hatte. Sie war i , welche die telegrapmsche Verständigung des .mliimrectvsaiiwalteS und der nächsten Verwandten be­sorgte: sie war eS auch, welche ihren Kindern den Tod des Vaters mitteilte.

Es machte den Eindruck, als verzehnfache sich in Stun- den ernsten Leidens die Spannkraft und Stärke dieser Frau. Man war so überrascht durch ihre klare, beson­nene, umsichtige Ruhe, daß man im Moment wenigsten» die Herzenswärme nicht entbehrte, welche angesichts des Todes sich umvillkürlich auf der Bildfläche eine» jeden wahrhaft edel veranlagten Charakter» zeigt.

Erst als die Gräfin sich zu später Nachtstunde allein in ihrem Gemache befand, zog sie daS Schreiben hervor, welches der Mann an sie gerichtet, dessen Hand nun für immer im Tode erstarrt war; so gefühllos, so oberfläch­lich, so leichtlebig auch ihre Natur sein mochte, es be­rührte sie doch seltsam, als sie jetzt das Siegel löste und dabei umvillkürlich daran denken mußte, daß er, der die- ses Schreiben zuletzt in Händen gehabt, nicht mehr sei. Was würbe er ihr zu sagen haben? Er, der Mann, der durch acht Jahre in aufrichtiger Liebe jede ihrer Launen geduldet und ertragen Langsam schlug sie das Blatt aus­einander, es stauben nur wenige Zeilen auf demselben, aber sie waren inhaltsreich genug, um einen lebhaften Eindruck auf Lenore hervorzurnfeu.

Stach dem, WaB ich erfahren, mag ich Dich nicht mehr vor meinen Augen sehen. Ich flehe Dich nicht an, Dich zu ändern, beim es würde dies gegen Deine Natur gehen; ich mache Dir auch keine Vvrwürfe, denn die Schuld lag an mir, ich hätte Dich erlernten und durchschauen sollen. I DaS eine magst Du erfasse», ich weiß mehr, als Du ahnst,

sehe klarer, als Du^ür möglich hältst. Fehler hätte ich verzeihen können, Gemeinheit nicht, und eine solche habe ich von Dir erfahren, eine solche hat meinem Leben den letzten Rest gegeben. Mein Herz bricht! Hugo!"

Der plötzliche Tod de» Grafen Hugo von Aulenhof Riedenfürst hatte in allen Schichten der Bevölkerung un­geheure» Aufsehen und allgemeine» Bedauern hervorge- rufen.

In den nächsten Tage» herrschte große Unruh« auf Schloß Bernburg, denn von nah und fern strömte man zur Beerdigung herbei. Dieselbe war für den Sonntag festgesetzt worden, damit die Verwandten au» Böhmen und Niederösterreich zu derselben ein treffen konnten.

Der Graf hatte zwar keine so nahen Angehörigen, aber die Familientradition gebot es denn doch, selbst den Bet­tern im zehnten Grade, bem bisherigen Chef de» Hau- ses die letzte Ehre zu erweise». Auch wollte man natür- lich bei der Eröffnung deS Testamente» gegenwärtig sein, welche» sofort nach der Beerdigung im Ahnensaale bei Schlosses Bernburg verlesen werden sollte.

Lenore, die von dem Verfassen eine» Testamente» ihre» verstorbenen Gatten ebenso wenig wußte, wie von dem Orte, wo ein solche» aufbewahrt sei, hatte gleich am er­sten Tage nach dem Tode deS Grafen durch den au» ZilK herbeigelommenen Rechtsmiwalt ZeN die überraschende Mitteilung erhalten, daß ein erst in den letzten Wochen abgesagtes Testament deS Grafen bei ihm deponier» sei.

Erst in den letzten Wochen abgefaßt," da» Berührte die Gräfin unangenehm, denn in der allerletzten Zeit erst hatte sie, dessen war sie sich wohl bewußt, den Einfluß verloren, den sie sonst stets auf den Grafen geübt. Sollte er ihr Einkommen beschränkt, ihr« Zukunft irgendwie be- eiiiflußt haben? Diese Vorstellung peinigte sie, wäre ihr wohl übrigens nie in den Sinn gekommen, wenn nicht das letzte Schreiben deS Verblichenen sie in eine unheim- liche Stimmung versetzt haben würde. 131,18