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SchWernerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. - Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

32 99. Mittwoch, den 13. Dezember 1905. 56. Jahrgang.

Amtliches.

J.'Nr. 11237. Unter der Schafherde zu Hailer (Kreis Gelnhausen) ist die Räude ausgebrochen.

Schlichtern, den 9. Dezember 1905.

Der Königliche Landrat: Graf zu Solms.

Deutsches Reich.

Der Kaiser empfing gestern mittag um 12'/, Uhr das Präsidium des Reichstages und darauf das Präsidium des Landtages. Die Kaiserin empfing im Neuen Palais im Anschluß an die Audienz beim Kaiser die Präsidien des Reichstages, des Herrenhauses und des Abgeordnetenhauses.

Der Reichstag hat am Mittwoch einen soge­nannten großen Tag gehabt. Auf der Tagesordnung stand die erste Lesung des Etats in Verbindung mit der Marinevorlage und der Reichsfinanzreform samt den Steuergesetzen. Gleich nach Beginn der Verhand- jungen nahm der Reichskanzler Fürst von Bülow das Wort, um die Vorlage über die Reichsfinanzreform in streng sachlicher, von hohem Ernste durchwehter Rede nach den leitenden Grundgedanken hin zu recht fertigen und ihre Annahme den Volksvertretern warm ans Herz zu legen. Die Einzelbegründung gab alsdann in mehr als zweistündiger Rede der Staatssekretär des Reichsschatzamtes Freiherr von Stengel. Nach ihm sprach der Abgeordnete Fritzen vom Zeniru n, der gemäß der Taktik seiner Partei im großen und ganzen eine zurückhaltende Stellung beobachtete. Die Steuern auf Bier und Tabak gefallen ihm nicht, dagegen möchte er bei der Erbschaftssteuer noch weit über die Vorschläge der Regierung hinausgehen. Schließlich richtete er eine ganze Anzahl konkreter Fragen über die aus­wärtige Politik an den Reichskanzler, deren Beant­wortung diesem Gelegenheit zu einer außerordentlich bedeutsamen Rede gab. Fürst Bülow verhehlte nicht, daß die Lage ernst sei, soweit Frankreich und England in Betracht kommen. Zwar seien gewisse Verstimmungen beseitigt, aber weitere Verstimmungen seien für die Zukunft leider nicht ausgeschlossen, jedenfalls müsse man auf der Hut sein; denn heutzutage müsse selbst wenn die Regierenden friedfertig gesinnt seien, mit feindseligem Ausflammen der Volksleidenschaft gerechnet werden. Der Kanzler betonte zum Schlusfe die seit der Einigung der deutschen Stämme andauernde Friedensliebe des deutschen Reiches, die nur Böswillig­keit anzweifeln könne. Die Rede fand im ganzen Hause mit Ausnahme der Sozialdemokratie andauern­

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Bewegtes LeVen.

Roman von Max von Weiheulhurn. 6

Und gewährst Du mir die Mittel nicht, nun, so ver­schaffe ich mir dieselben, unbekümmert um Stammbaum undAhnenreihe!" , ,

Lenore!" Der Graf stieß ihren Namen mit dem Aus­drücke wilden Schmerzes hervor; so hatte er sie noch nie- inals gesehen, so nicht, und war er bis jetzt in ihren Zü­gen nur einer kalten, stummen Gleichgültigkeit begegnet, so glaubte er heute positiven Haß in ihren Angen zu lesen. Lenore, ist es mein Weib, ist es die Mutter meiner Kin­der, welche so zu mir spricht?" rief er mit schmerzzucken- den Lippen. , , _

Sie aber sah nicht, wie weh ihre Worte ihm taten, sie wollte es nicht sehen; galt es für sie doch nur, das Ziel zu erreichen, welches sie sich vorgesteckt.Kultivierst Du denn wirklich nach achtjähriger Ehe noch immer sentunen- tale, langweilige Gefühlsduselei ? Begreifst Du denn nicht, daß, selbst wenn ich Dich geliebt, ich längst Deiner über­drüssig hätte werden müssen, weil Du nichts getan, als nur schulmeisternd herumgemodelt hast, ich aber laße mich nicht in die engen Bahnen zwängen, welche Du mir wei­sest, ich bin eine freie Seele und min als solche leben. Ich hätte Deiner in den alten Verhältnissen müde wer- den müssen, um wieviel mehr, da ich nie ein wärmeres Empfinden für Dich gekannt." ,

Also nicht für mich, sondern für einen anderen! herrschte er sie an, während seine Augen unheimlich blitz­ten und er ihr Handgelenk mit eisernem Griff umspannte.

War es Einbildung oder stieg wirklich eine leichte kaum merkliche Röte in ihre Wangen, während sie sich von ihm frei machte und, ohne zii antworten, achselzuckend ans Fenster trat. , ,,

Der Graf mochte fühlen, daß er jetzt nicht die, chende Selbstbeherrschung habe, um dieses Gespräch noch länger fortzusetzen. Nachdem er mehrmals mit schweren Styliten im Zimmer auf- und niedergegaugen, verließ er

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den und lebhaften Beifall. Am Donnerstag wurde die Etatsdebatte fortgesetzt. Als erster Redner legte der Staatssekretär des Reichsmarineamts, Admiral von Tirpitz, in klarer und überzeugender Weise die fachmännisch-militärischen Gesichtspunkte dar, die eine Verstärkung unserer Flotte absolut notwendig machen. Sodann erging sich Bebel nach bekannter Manier in schier endlosen Ausführungen über alle möglichen und unmöglichen Dinge. Er ritt das Pferd der hohen Politik in einer so naiv kannegießernden Weise, daß er unwillkürlich den Spott und die Lachlust der Reichs­tagsmehrheit entfesselte. Festgenagelt muß aber die Schamlosigkeit werden, mit der er in Aussicht stellte, daß sich die Sozialdeinokratie im Falle eines Krieges unter Umständen der Pflicht der Vaterlandsverteidigung entziehen werde. Die Widerlegung Bebels übernahm Finanzminister Freiherr von Rheinbaben und entledigte sich seiner Aufgabe in glänzender Weise. Vor allem wies er an der Hand der Statistik unwiderlegbar nach, wie wenig die Arbeiter in Deutschland Grund hätten, sich über zu hohen Steuerdruck zu beklagen, und wie günstig die Lebenslage derselben nach allen Richtungen hin sei. 'Als letzter Redner sprach sodann noch Abg. Freiherr von Richthofen-Damsdorf (kons.), der insbe­sondere auf die sozialdemokratische Gefahr hinwies und ein scharfes Vorgehen der Regierung forderte.

Im preußischen Herrenhause hat die allgemeine Diskussion über den Gesetzentwurf über die Befähigung für den höheren Verwaltungsdienst stattgefunden. Ministerrdes Innern von Bethmann-Hollweg begründete denselben in eingehender Weise.. Es sprachen alsdann noch Oberbürgermeister Fuß-Kiel, Dr. von Dziembowski und Dr. Hamm-Bonn. Während sich Dr. von Dziembowski durchaus freundlich zu der Vorlage stellte, hatten die beiden andern Redner allerlei zu bemängeln. Die Vorlage wurde einer Kommission von 15 Mit­gliedern überwiesen.

DieMünchener Neuesten Nachrichten" ver­öffentlichen eine Entschließung des Prinz-Regenten anläßlich der Hundertjahrfeier des Königreichs Bayern. Diese Entschließung gedenkt der hohen Stufe der kulturellen Entwicklung und der materiellen Wohlfahrt, zu welcher sich das Land emporgehoben hat, und be­zeichnet als die wertvollste Errungenschaft den Zu­sammenschluß der deutschen Staaten zu einem mächtigen Reiche, in dem Bayern sich geachtet und angesehen weiß. Wegen des andauernden und leidenden Zustandes des Königs solle indessen von einer Feier des bevor­

dasselbe, ohne seiner Frau eines Blickes, eines Wortes wehr zu würdigen, und begab sich nach dem westlichen Flü­gel des Schlosses, in dem seine Gemächer lagen.

Lenore atmete erleichtert auf, als sie sich allein sah; nicht als ob die Szenen, welche der Graf zuweilen machte, und von denen er noch immer eine Klärung der Situa­tion erhoffte, ihr besonderen Eindruck gemacht hätten, durchaus nicht, aber dieselben langweilten sie und beson­ders da sie sich in letzter Zeit oft z» wiederholen pfleg­ten, zog sie daraus den Schluß, daß der Einfluß, den sie auf ihren Gatten übte, in der Abnahme begriffen sei, waS ihr schon vom pekuniären Standpunkte aus höchst unan- genehm war. Ueberdies vermochte sie der Empfindung nicht Herr zu werden, daß ihr Gatte mehr wisse, als er ausge­sprochen, und wer hätte besser als sie zu beurteilen ver­mocht, daß es auch mehr zu wissen gebe! WaS war das? Stand da wirklich wie mit Flammenschrift ein häßliches, ein unschöner Wort an der Wand geschrieben, zischte eine leise Stimme es ihr zu, oder war alles nur das Wahnge­bilde einer erhitzten Phantasie? Wie bem auch sein mochte, fort mit den quälenden Gedanken! Als kluge Frau be- schloß sie im Moment zu schweigen und den Dingen ihren Lauf zu lassen, bei Gelegenheit aber durch irgend einflüch- tig hingeworfenes, nachgiebiges Wort den Grafen zu rüh- teil und ihn wieder zu ihrem ergebensten Sklaven zu ma­chen, wie dies ja schon oft geschehen^war.

Drei bis vier Wochen waren seit der letztgeschilderten, erregten Szene verflosien. Lenore hatte es nicht so leicht gefunden, wie sonst, ihren Gatten zu versöhnen Er wich ihr sichtlich auS, fuhr häufig nach Zilli, der nachst^lege- neu Stadt, und erhielt auch von dort öfter den Besuch eine» erfahrenen Rechtsanwaltes, der dann lange bei dem Grasen verweilte und Wichtiges mit ihm zu reden haben mochte, denn die Dienerschaft vernahm, daß beide laut und lebhaft im Schreibzimmer des Gebieters sprachen

inzwischen rückte der Termin heran, den die Gräfin zu ihrer R?ise nach PariS bestimmt hatte; unbekümmert

stehenden Gedenktages abgesehen werden. Das Volk und sein Königshaus seien zu eng miteinander ver­bunden, als daß es bei diesem Anlaß eines äußeren Gepränges bedürfe.

Wieweit die polnische Agitation schon gediehen ist, beweist ein Aufruf des polnischen KampfvereinS Straz an die polnischen Kaufleute, in dem diese auf­gefordert werden,polnisches Spielzeug" als passendstes Weihnachtsgeschenk für Polenkinder einzuführen, und ihnen eine Adressenliste von Lieferanten dieses Artikels angegeben wird. Neben einem geographischen Spiel, Reise durch die polnischen Lande, einem grammatika­lischen Unsere Muttersprache, historischen Spielen Loch und Piast werden Bilderbogen vom ehemaligen polnischen Heer, polnische Zinnsoldaten in Uniformen von 1807 und 1831, polnische Flügelreiter aus dem 16. und 17. Jahrhundert empfohlen. Ein großer Teil dieses polnischen Spielzeugs" ist von Firmen in Nürnberg angefertigt.

Das Reichs-Telegraphennetz wird im nächsten Etatsjahre eine ganz erhebliche Ausdehnung erfahren. Nach einem soeben ergangenen Erlaß des Staats­sekretärs Krätke sollen 1590 neue' Telegraphenanstalten eingerichtet werden. Es handelt sich mit wenigen Ausnahnien um kleine Landorte mit Postagentur oder Posthülfsstellen, und die Telegrammübermittlung wird daher niittels Fernsprechers erfolgen- Alle diese An­stalten dienen auch als öffentliche Fernsprechstellen und erhalten zu diesem Zweck außer mit dem Telegraphen­netz Verbindung. Gespräche können nicht nur von den öffentlichen Sprechstetten, sondern auch nach ihnen geführt werden. Bei Gesprächsanmeldungen der letzteren Art übernehmen es die betreffenden Postagenten, Hülfsstelleninhaber oder Postämter, die verlangte Person, falls sie in dem Orte oder dessen nächster Umgebung wohnt, herbeizurufen. Dafür ist von demjenigen, der das Gespräch anmeldet, außer der eigentlichen Ge­sprächsgebühr ein Betrag von 25 Pf. zu entrichten.

Der Oberpräsident der Provinz Sachsen hat der Halberstädter Handelskammer mitgeteilt, daß er eine neue, demnächst in den Amtsblättern zu veröffent­lichende Polizeiverordnung über die äußere Heilig- Haltung der Sonn- und Festtage erlassen habe. Diese habe die Zustimmung des Provinzialrats und der Ressortminister gefunden. Der Antrag der Halber- städter Handelskammer, das Verhängen der Schaufenster überhaupt abzuschaffen ist nicht angenommen worden, so weit der Hauptgottesdienst am Vormittag in Be-

um die noch immer nicht erlangte Einwilligung der Ge­mahls, ließ sie ihre Koffer, packen und setzte den folgen­den Donnerstag als letzten Abreisetermin fest.

Zwei Tage früher stellte sie nochmals an den Gatten die Frage, ob er sie zu begleiten gedenke, und erhielt all Antwort ein peremptorischeS Nein, dem die Bemerkung hinzugefügt war, er werde auch sie an dieser Reise zu ver­hindern missen.

Ich wäre doch neugierig, zu erfahren, wie Du daS bewerkstelligen willst," entgegnete Lenore höhnisch, ge­stand sich aber, daß die ungewohnte Entschiedenheit ihres Gatten ihr unheimlich zu werden anfing. Sollte er am Ende gar mancherlei in Erfahrung gebracht haben, was mit den letzten Stadtbesuchen der schönen Lenore in Zu­sammenhang stand und was gar nicht für seine Kenntnis berechnet gewesen war? DaS wäre allerdings fatal, recht fatal!

Der Morgen des Donnerstag brach an.

Lenore hatte sich am Tage vorher früher zurückgezo­gen, war äußerst wortkarg gewesen, während der weni­gen Augenblicke des Alleinseins mit Hngo, hatte sich aber den letzten Sturm bezüglich der zu unternehmenden Reise auf den folgenden Tag aufgespart.

Immer eine ziemlich späte Aufsteheriu, erhob sie sich heute doch etwas früher wie sonst und war eben im Be­griff, ihrer Zofe zu klingeln, al» diese schreckensbleich und zdtternd hereinstürzte.

Der Herr Graf, der Herr Graf, o, mein Gott, der Herr Graf!" war alles, was das Mädchen zu stammeln vermochte.

Mein Mann .. so sprich doch, waS ist geschehen, so sprich doch!" rief Lenore ungeduldig.

Da der Herr Graf nicht wie sonst in der Frühe dem Martin klingelte, ist dieser endlich in daS Schreibzimmer ge­treten und wollte horchen, ob er denn nichts vernehme," stieß das Mädchen immer noch zitternd hervor.Da lag der Herr Graf tot am Boden. Ein Herzschlag hatte ihn dahingerafft." 131,18