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Samstag, den 9. Dezember 1905.
56. Jahrgang.
Eröffnung des preußischen Landtages.
Die Thronrede, mit welcher der preußische Landtag am DienStag eröffnet worden ist, beginnt mit einer Betrachtung der Finanzlage des Staates. Das Ergebnis dieser Betrachtung ist ein durchaus befriedigendes. Die Finanzen des preußischen Staates gestalten sich infolge des anhaltenden Aufschwunges des gewerblichen Lebens und der dauernden Steigerung der Erträgnisse aus den meisten Staatsbetrieben im allge- nieinen fortgesetzt günstig.
Durch die gesteigerten Einnahmen ist die Regierung in den Stand gesetzt worden, für fast alle Zweige der Staatsverwaltung Mehraufwendungen in größerem Umfange in Aussicht zu nehmen. So sind Mittel bereitgestellt, um die Wohnungsgeldzuschüsse der Unter- beamten um 50 v. H. zu erhöhen, sowie um leistungsschwachen Schulverbänden Beihülfen zur Ausbesserung der Gehaltsbezüge gering besoldeter Volksschullehrer zu gewähren. Ferner ist wie in den Vorjahren eine Gesetzesvsrlage zur Bereitstellung von Mitteln behufs Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der in Staatsbetrieben beschäftigten Arbeiter und gering besoldeten Beamten beabsichtigt.
An größeren Gesetzentwürfen wird zunächst die in ihren Grundzügen bereits bekannt gewordene Novelle zum Einkommensteuergesetze angekündigt. Großes Interesse erweckt sodann die Ankündigung eines Gesetzes, das den Eigentümern land- oder forstwirtschaftlich genutzter Grundstücke die Befugnis zur Festsetzung einer Verschuldungsgrenze gewährt. Es ist, nachdem für unsere Landwirtschaft durch Neugestaltung der handelspolitischen Verhältnisse Deutschlands ein wirksamer Zollschutz geschaffen worden war, vielfach die Meinung laut geworden, daß nunmehr die Hauptaufgabe der Agrarpolitik in einer Verhütung des weiteren Anwachsens der ländlichen Verschuldung zu suchen sei. In dem größten deutschen Bundesstaate wird jetzt mit dem angetündigten Gesetzentwürfe der erste diesbezügliche Schritt unternommen. Von Wichtigkeit erscheint fernerhin der angekündigte Entwurf eines Kreis- und Provinzialabgabengesetzes. . Die Reform des Kommunal- abgabenwesens, die mit dem Kommunalabgabengesetze vom 14. Juli 1893 eingeleitet worden ist, findet damit ihre organische Ergänzung und weiteren Ausbau.
; Weiterhin werden ein Gesetzentwurf über die Vorbildung der höhern Verwaltungsbeamten, welcher diese Materie auf der Grundlage der im Jahre 1903 be- r atenen, aber nicht zum Abschlüsse gelangten Vorlage
wieder die ganze Vaterlandslosigkeit seiner Partei enthüllte, begegnete die Vorlage fast durchweg rückhaltloser Zustimmung. Die Rechte begrüßte sie durch den Mund der Abgeordneten von Böhleudorff-Kölpin, Graf Arnim und Lattmann mit Ausdrücken der Genugtuung. Namens der Nationalliberalen sprach der Abg. Seniler in packender, von vaterländischen Gesichtspunkten getragenen Rede seine Zustimmung aus, und selbst die Freisinnigen waren mit der Vorlage einverstanden, wenngleich der Abg. Kopsch für die Volksparteiler gewisse Bedenken äußerte. Die Vorlage wurde der Budget-Kommission überwiesen.
— In Sachsen haben erneute WahlrechtsdeM strationen stattgefunden. Dabei ist es in Dresden zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Eine Anzahl ^Personen wurden verletzt und mehrere verhaftet. Versuche zu Kundgebungen vorder Wohnung des Staatsministers v. Metzsch wurden von der Polizei unterdrückt. Die Gesamtzahl der Demonstranten dürfte 15000 überschritten haben. Sämtliche Polizeimannschaften der Stadt waren aufgeboten. Die Militärwachen standen unter Gewehr.
— Der in Bunzlau stattgehabte freisinnige Partei^ tag für Niederschlesien nahm, nach den Erklärungen des Abgeordneten Müller-Sagan (freis. Vp) folgende Resolution an: „Der Parteitag vertraut darauf,, daß die Partei unter Wahrung des Budgetrechtes und der Parteiraditionen von den Flotten- und Steuervorlqgen das Notwendige und Erreichbare bewilligen werde." Man sieht, Herr Eickhoff macht Schule.
— Ein Gesetz über die Sonntagsruhe ist dem Landtage von Sachsen-Meiningen zugegangen, wodurch das Gesetz von 1835 über die Sonntagsfeier den heutigen Bedürfnissen angepaßt werden soll. In Zukunft .soll im Herzogtum die Ausübung der Jagd an Sonn- und Festtagen verboten sein.
Ausland.
— Bei einem im Londoner Lyceum Ladies Club zu Ehren des deutschen Botschafters Grasen Wolff- Metternich verunstalteten Festessen, an dem ungefähr 200 Personen, unter ihnen der Lordmayor, tülnahmen, brächte Lady Aberdeen, die den »Vorsitz führte, in deutscher Sprache einen Trinkspruch Mf Se., Majestät den Deutschen Kaiser aus, der mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. In seiner Erwiderung führte der Botschafter aus, die Deutschen seien eine friedliche Nation und wünschten mit allen Nachbarn in Freund-
neu zu regeln beabsichtigt, einige Abänderungen des Wahlverfahrens zum Abgeordnetenhaus« sowie eine Teilung übermäßig großer Wahlbezirke und endlich das wichtige Schulunterhaltungsgesetz angekündigt. Von letzterem heißt es: „Der Entwurf bezweckt, die Schul - unterhaltung auf der durch die Verfassungsurkunde gewiesenen Grundlage zu regeln. Er hält sich in dem Rahmen des Beschlusses, durch welchen das Haus der Abgeordneten am 13. Mai 1904 fast einmütig die Staatsregierung zur Vorlegung eines Schulunler- Haltungsgesetzes aufgefordert hat."
Zum Schlüsse wendet sich die Thronrede der Ost- markenfrage zu und nimmt die unliebsamen Fälle verschiedener Gutsverkäufe Deutscher an Polen zum Anlaß, um einen warmen Appell an den Patriotismus der Deutschen in der Ostmark zu richten. Diese Worte der Thronrede besitzen gerade in der Gegenwart wo die polnische Frage angesichts der Zustände in unserm östlichen Nachbarreiche drohender als sonst ihr Haupt erhebt, besonders hohe Bedeutung. Sie lauten: „Die Festigung des deutschen Besitzes in Verbindung mit einer sachgemäßen inneren Kolonisation bildet eine der ernstesten Aufgaben der Staatsregierung. Sie kann aber nur erfüllt werden, wenn sich die deutschen Besitzer in höherem Grade als bisher ihrer nationalen Pflicht bewußt werden, ihren Besitz treu und zäh zu verteidigen und dem deutschen Volkstum zu erhalten. Die Regierung Seiner Majestät des Königs vertraut darauf, daß diese Erkenntnis, in der sie sich mit dem Landtag eins weiß, alle Kreise des Deutschtums mehr und mehr durchdringen und mit der Tat bewährt werden wird."
Wollte Gott, daß dieses Vertrauen durch die Tat« suchen in der Zukunft vollauf gerechtfertigt würde.
Deutsches Reich.
— Im Reichstage nahm am Sonnabend nach Erledigung einiger Rechnungssachen der Bahnbau Lüderitzbucht—Kubub, für den der zweite Nachtragsetat für Südwestafrika die erste Rate forderte, die ganze Sitzung in Anspruch. Man lernte vor allem zwei noch neue Männer kennen: den zukünftigen Staatssekretär des Reichskolonialamts und vorläufigen Vertreter des geschiedenen Kolonialdirektors, Erbprinzen zu Hohenlohe-Langenburg, und den Obersten Deimling, den tapferen Kämpfer gegen Witboi und Morenga. Ihr Debüt von dem Reichstage war äußerst erfolgreich. Bei allen Rednern, mit Ausnahme des Abg. Ledebour von der Sozialdemokratie. der bei dieser Gelegenheit
Mewegtcs Leben.
Roman von Max von Weißenthurn.
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„Jchhabegeheiratet,nmindergroßenWeltznleben,nm so viel als nur irgend möglich zu genießen. Dieser Genuß ist mir durch Dich schon oftmals über Gebühr vergällt ivvr- ben, ich bin dessen müde: ES soll dies nicht wieder geschehe»; ich habe beschlossen, den nächsten Karneval in Paris zuzubringen, da Deine hochgeborenen Konnextionen in Wien, die auf mich, die Bürgerliche, uaserümpfend herab- blicken, mir den Aufenthalt dort ohnehin nicht zu einem Eldorado machen! Gereist wird also, ob Du nun willst oder nicht. In lererem Falle steht es Dir allerdings frei, zu Hause zu bleiben. Wir haben die Flitterwochen lange genug hinter uns, Du kannst Dich nicht mehr dem Man- ben hingeben, es werde dies meine Heiterkeit wesentlich beeinträchtigen."
Mit schweren Schritten ging der Gras in dem ^eran- migen Zinnner auf und nieder, welches er auf Schloß Bernburg erst kürzlich für seine Frau neu hatte Herrich- ten lassen.
„Um die Pariser Reise handelt es sich ,etzt erst in zwei- ter Linie," sprach er mit gefurchter Stirne, „erkläre nur lieber wie bei dem hohen Nadelgeld, welches ich Dir ans- werfe, bei den, ich darf wohl sagen glänzenden Geschen- ken, die ich Dir mache, es möglich ist, daß Du noch heimlich beim Kaufmann Sternair eine Rechnung von nahezu zwanzigtauseud Gulden stehen haben kannst! Du weißt, welche ungezählte Summen ich im Laufe der Zeiten für ^^weißt, daß trotz meiner Reichtum« die Verluste nicht unbedeutend sind, welche Deine Verschwendung nur gebracht! Aber Du mußt auch begreifen, daß der groyte Reichtum versiegt, sobald man wieder und immer wieder, anstatt von den Zinsen zn leben, das Kapital anzu- greifen sich gezwungen sieht. Unb dies ist bei nur icho» wiederholt der Fall gewesen, da ich das Majorat, welches, dank unseren vernünftigen Familiettstatuten, trotz
meiner Heirat mit einer Bürgerlichen, unserem Buben anheimfällt, nun einmal um keinen Preis belaste."
„Es fehlte noch, daß Du mir die Heirat mit einer Bürgerlichen zum Borwurf machst. Glaubst Du denn, ich habe daS Vergnügen, mich Gräfin nennen zu dürfen, nicht teuer genug bezahlt, indem ich den größten Teil meiner Jugend hier auf dem Lande versauern und vertrauern mußte, es überdies geschehen ließ, daß bei dem zeitweili- gen Aufenthalte in der Stadt, Deine hochmütigen Standesgenossen uaserümpfend und geringschätzig auf mich niedersahen?"
„Du hast Dich für die kurze Langeweile des Landleben- stets durch die überspanntesten Exzentrizitäten schadlos zu halten gewußt; was übrigens die Geringschätzung meiner Standesgenossen betrifft, so glaube ich einerseits, Dich stet- nach besten Kräften vor derselben geschützt zu haben, an- dererseits wäre sie vielleicht nie so deutlich zu Tage ge- treten, wenn Dein Benehmen etwas ander« gewesen, als es in der Tat der Fall war. Doch, ich habe Dich nicht auf- gesucht, um über Dinge zu rechten, die sich nicht mehr ändern lassen, ich weiß längst, daß weder meine Bitten, noch meine Liebe von dem geringsten Einfluß auf Dich sind, möchte Dir aber klar und deutlich zu verstehen ge- ben, daß meine Verhältnisse es absolut nicht gestatten, daß Du mich noch zu wiederholten Malen mit Briefen des armen Sternau überraschest!"
„Ich, Dich überraschen? Was fällt Dir ein? Warum hat sich dieser Einfaltspinsel überhaupt an Dich gewandt ?"
„Weil er durch Schaden klug geworden, weil er ein- seheu gelernt hat, daß von Dir nichts zu bekommen sei; im Umgänge siehst Du geringschätzig auf jene Menschen herab, welche Dir doch in den Stunden der Not getreu- lich zur Seite gestanden, handelt eS sich aber darum, sich Hilfe zu verschaffen, sich ohne mein Wissen elegante Toiletten senden zu lassen und auf Kredit zu rechnen dann entsinnst Du Dich jener Leute, die es gut und ehrlich mit Dir meinten unb welche Du sogar an Deinem Hochzelts
tage kalt abweisen ließest, als sie gekommen waren, um Dir ihre guten, treuen Wünsche darzubringen."
„Ich bin zwar ein ganz unglaublich verliebter Tor gewesen, aber würde ich diese, an sich ganz unscheinbare Episode vor unserer Trauung in Erfahrung gebracht haben, anstatt etwa zwei Jahre nach derselben bei einem gelegentlichen Besuche in Wien, ich glaube wirklich, die Zeremonie hätte niemals stattgefunden!"
„Du bist ja heute ganz merkwürdig darauf erpicht, mir schmeichelhafte und liebenswürdige Dinge zu sagen !* bemerkte die Gräfin mit beißendem Spott.
„Weil ich die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Verhältnisse empfinde, weil ich klar erkenne, eS müsse irgend eine Aenderung geschehen, so kann eS nicht weitergehen, sollen wir nicht beide elend werden, ich durch mein nicht erkanntes Herz, durch meine nicht erwiderte Liebe, Du durch Deinen Leichtsinn, der Dich früher oder später ja doch inS Verderben stürzen wird!" DeS Grafen Antlitz war ernst, fast rief eS den Eindruck hervor, al» ob er seine Worte mit peinlicher Genauigkeit abwiege, um nicht mehr zu sagen, als er eigentlich wollte.
Die Gräfin aber konnte sich deS Gefühle- nicht er- wehren, daß ihr Gatte mehr wisse, als er zu sagen für Sut finde und maß ihn mit einem verstohlenen, forschen- en Blick.
Graf Aulenhof aber fuhr, dessen nicht achtend, fort: „Die Schuld an Sternau will ich diesmal noch bezahlen, aber ich mache Dich darauf aufmerksam, daß eS zum letz- tenmal ist, und auch heute geschieht eS mehr aus Rücksicht für jene Familie, welche trotz allem und allem immer noch Anhänglichkeit für Dich empfindet." 131,18
„Nun, nachdem Du so sehr bestrebt bist, mir mit ge- tvissenhafter Deutlichkeit auseinanderzusetzen. daß Du für mich keine Rücksicht niehr kennst, darf ich wohl auch offen sprechen und Dir rund heraus erklären, daß ich nicht länger gesonnen bin, in der Vollkraft der Jahre mich hier mit einem alternden Kerkermeister zu begraben, ich will leben, so lange die Jugend noch nicht völlig entflohen!"