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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

X 97.

Mittwoch, den 6. Dezember 1905.

56. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Der Kaiser verweilt als Jagdgast beim Grafen Tiele-Winckler in Moschen. Auch der Kronprinz ist am Sonntag nach Schlesien gereist, um in seinem Thronlehen Oels Hasen- und Fasanen-Jagden abzu- Hallen.

In der Sitzung des Reichstages am Mittwoch verlas der Schriftführer Abg. Dr. Hermes zunächst eine große Reihe eingegangener Vorlagen. Präsident Graf Ballestrem stellte im Anschluß an diese Ver- lesung die interessante und noch nicht dagewesene Tat­sache fest, daß die verbündeten Regierungen dem Reichs­tage bei seinem Zusammentritt 35 Vorlagen haben zugehen lassen, und knüpfte daran in scherzhafter Form den Wunsch an den Reichstag, sich den Fleiß der verbündeten Regierungen bei Erledigung der Vorlagen zum Beispiel zu nehmen. Alsdann wurde die Wahl des Präsidiums vorgenommen. Es wurde zum 1. Vizepräsidenten der Konservative Graf Stolberg mit 223 Stimmen gewählt, auf den sozialdemokratischen Abgeordneten Singer entfielen 66 Stimmen. Die Würde des 2. Vizepräsidenten fiel wieder dem national­liberalen Abgeordneten Paasche zu. Endlich wurden noch die acht Schriftführer gewählt.'

Die Einberufung des preußischen Landtages ist jetzt erfolgt. Der preußische Minister des Innern macht bekannt, daß die Eröffnung des preußischen Land­tags am 5. Dezember mittags 12 Uhr im Weißen Saale des Berliner Schlosses erfolgen wird. Zuvor wird Gottesdienst im Dome für die evangelischen und in der Hedwigskirche für die katholischen Mitglieder stattfinden.

Zur Wahl des Reichstagspräsidiums schrieb die Germania" am Mittwoch:Bei den Schriftführern des Reichstags kann ein kleiner Wechsel in Betracht kommen, der aber nicht ohne politische Bedeutung sein würde." Hierzu beinerkt dieVosf. Ztg.":Die Germania" war gut unterrichtet. Der Pole Graf Mielzynski ist nicht wieder gewählt worden. Das Zentrum hat also den Polen die Freundschaft gekün­digt. Das ist in Wirklichkeit nicht ohne politische Be­deutung. Fortan sind die Polen ohnmächtig; denn ohne die große katholische Schwesterfraktion vermögen sie nichts."

Der Reichstagsabgeordnete Krolik (Beuchen) hat jetzt, derSchles. Ztg." zufolge, seinen Austritt aus der Zentrumsfraktjon und seinen Anschluß an die pol­nische Fraktion offiziell angezeigt. Noch vor einigen

Tagen glaubte dasselbe Blatt das Gerücht, daß der­gleichen erfolgen werde, dementieren zu müssen.

Die russischen Studenten in Jena hatten be­kanntlich von der dortigen Universitätsbehörde ein Vor­gehen gegen die Studentenschaft Jenas gefordert, die in mehreren Versammlungen und Eingaben an den Senat der Universität Front gemacht hatte gegen das Ueberhandnehmen des Ausländertums an der Univer­sität. Von den Universitätsbehörden soll, wie verlautet, ein Eingehen auf diese Forderung ziemlich unzweideutig abgelehnt worden sein. Die jüdisch-russischen Herren hatten sogar einen Vorlesungsstreik in Szene gesetzt und gedroht, Jena den Rücken zu kehren. Es wäre recht erfreulich, wenn sie ohne Ausnahme diese Droh­ung jetzt wahrmachten und gleich nach Warschau oder Moskau zurückkehren wollten. So wäre allen Teilen am besten geholfen.

Für den gesamten Mittelstand Sachsens hat sich kürzlich ein bedeutsames Ereignis dadurch vollzogen, daß die jahrelangen Wünsche aller Mittelstandskreise nach einer eigenen Interessenvertretung durch die Be­gründung der sächsischen Mittelstandsvereinigung greif­bare Form angenommen haben. Diese Tatsache muß mit Freuden begrüßt werden. Der sächsische Mittel­stand hat nun seine Standesvertretung; es wird an ihm liegen, durch weise Maßnahmen dafür zu sorgen, daß alle diejenigen, die zum Mittelstand zählen, sich des Schutzes und Schirmes dieser neubegründeten Ver­einigung erfreuen dürfen.

Im Lübecker Bürgerausschuffe legte der Senat umfangreiche Projekte des Oberbaudirektors Rheders über die bauliche und wirtschaftliche Ausgestaltung und Nutzbarmachung der lübeckischen Hauptschiffahrtsstraßen und die Schaffung umfangreicher Jndustriehäfen vor. Ein in Verbindung Damit beantragter Ankauf von Userland für den Betrag von 1'/. Millionen Mark wurde vom Bürgerausschuß einstimmig befürwortet.

Ausland.

In Rußland ist es in Sewastopol zu offenem Kampfe zwischen den Meuterern und den Regierungs­truppen gekommen. Die gesamte Schwarze Meerflotte hat sich den Rebellen angeschlossen. Als die Batterien an der Nordseite von Sewastopol den Befehl erhielten, das Feuer auf die Schiffe zu eröffnen, machten sie ge­meinsame Sache mit der Flotte. Diese bombardierte die Batterien vor der Stadt. Die Regierungstruppen haben die Rebellen in regelrechter Schlacht besiegt.

Bei der Fortsetzung der Wahlrechtsdebatte im österreichischen Abgeordnetenhause betonte Herold Tscheche), daß die Tschechen mit aller Energie für die Wahlreform, welche eine Staatsnotwendigkeit sei, ein­treten, jedoch niemals zugeben würden, daß die Wahl­reform dazu benutzt werde, um die bekannten Forder­ungen der Tschechen von der Tagesordnung abzusetzen. Romancgk (Ruthene) begrüßte die Erklärungen des Ministerpräsidenten und verwahrte sich gegen die Be­strebungen des Polenklubs auf Einführung indirekter Wahlen.

Die Schleifung der norwegischen Grenzfestungen hat nunmehr begonnen. Nach einem Telegramm aus Frederikshald in Norwegen sind Proviant, Munition und Waffen usw. fortgeschafft worden, man ist dabei die Drahthindernisse zu entfernen. Die Panzertürme und Geschütze werden fortgeschafft, sobald entschieden ist, wie und wo sie Verwendung finden sollen.

In Sachen der englischen Kabinettskrisis wurde in London ein Kabinettsrat abgehalten. Es heißt, das Kabinett habe beschlossen, lieber zurückzutreten, als das Parlament aufzulösen; eine offizielle Mit- teilung über das Ergebnis des Kabinettsrates wird indessen in nächster Zeit nicht erwartet. Weiter ver­lautet, daß Premierminister Balfour sich anfangs nächster Woche zum König begeben werde und, wenn seine Demission angenommen wird, daß der König Campbell Bannerman zu sich berufen werde. Man glaubt, daß dieser die Aufgabe der Kabinettsbildung übernehmen wird, wenn er; dazu aufgefordert werden sollte.

In dem französischen Ministerrate teilte der Ministerpräsident Rouvier mit, die Konferenz von Mgeciras sei bis Anfang Januar verschoben worden, weil die Vertreter des Sultans nicht bis zum 20. Dezember in Algeciras sein könnten. Als genaues Datum wird der 6. Januar 1906 vorgeschlagen.

In Serbien hat die sozialdemokratische Partei­organisation einen Aufruf an sämtliche Arbeiter zur Beteiligung an einer zu veranstaltenden Demonstration gegen die von der Regierung in der Skuptschina ein­gebrachte Gewerbegesetznovelle erlassen. Für den Fall, daß die Novelle trotzdem auf die Tagesordnung der Skuptschina gelangen sollte, wird der Generalstreik für ganz Serbien geplant.

Zu der ^angeblichen Beschlagnahme eines öster­reichischen Lloyddampfers durch russische Meuterer in Sewastopol erklärt der österreichische Lloyd, daß die

Bewegtes KeVe«.

Roman von Max von Weißenthutn. 4

Einige Minuten später kam der Graf, um seine Braut zu holen. Während er sie die Treppe hinab führte, er­wähnte er flüchtig, daß, gerade, als sein Wagen vorge- fahren, er das Ehepaar Sternau um die nächste Straßen­ecke habe biegen sehen.Die braven Leute sind wohl noch einmal bei Dir gewesen, um Dir ihre Glückwünsche dar- zubringen? Ich habe mir trotz dem Trubel der letzten Tage die Zeit genommen, bei Ihnen vorzusprechen, um sie von der Stunde unserer Vermählung zu verständigen! Du warst doch recht freundlich mit ihnen, liebes Herz? Ich fühle mich diesen Menschen immer zu Dank verpflich- tet, haben Sie mir doch zu dem verhoifen, was ich als mein höchstes Kleinod hochhalte."

Lenore wurde durch das Herandrängen ihrer Schul- genossinnen, die noch einen letzten Kuß, einen letzten Hände- druck beanspruchten, der direkten Antwort enthoben und gleich darauf bestieg man die Wagen, um den kurzen Weg nach der erzbischöflichen Kapelle zurückzulegen. Lenore fnhr mit Fräulein Röneberg und dem Brautführer, einem ver- armten Verwandten des Grafen, der es gerade wegen die- ser Verarmung nicht so genau nahm, mit der Ahnenreche der künftigen Gräfin Aulenhof und sich freiwillig zu der ihm zu teil gewordenen Würde angetragen hatte, da ihm daran gelegen, sich mit seinem Vetter auf freundschaftlichem Fuße zu halten. .

Gerade als die kurze Wagenreihe vor dem Palms in derRotenturmstraßeauhieltund dieMenschenherbeidräng» ten, um die Braut und den Bräutigam möglichst genau in Augenschein nehmen zu können, rollte der erste heftige Donner, der das Hereinbrechen des Unwetters verkündete, zuckte ein jäher Blitz am Firmament, der mit fahlem, gelb­lichen Scheine das Kreuz des St. Stephans-Domes be- leuchtete.

Die Equipagen bogen in die Einfahrt des Palais und die Menge blieb branden ziemlich enttäuscht stehen, hatte

sie doch gar wenig von dem gesehen, um dessen Willen sie sich dein droheuven Unwetter ausgesetzt.

Kaum eine halbe Stunde mochte vergangen sein, da öff­neten sich wieder die schweren Doppelflügel des Portals. Die Zeremonie war vorüber und in raschem Tempo fuh- reu Die Equipagen nach dem Hotel Wunsch, in welchem der Graf für sich und seine junge Frau besondere Zimmer gemietet und in denen den wenigen Hochzeitsgästen ein exquisites Diner serviert wurde.

Nachdem die junge Gräfin ihre Brautrobe gegen ein geschmackvolles Reisekleid vertauscht und in liebenswür­diger Weise zum erstenmal an der Seite ihres Gatten, seinen Gästen die Honeurs gemacht hatte, fuhr das neu­vermählte Paar nach dem Bahnhöfe, um die Reise nach dem Süden anzutreten.

Ich erkläre Dir ein- für allemal, Lenore, daß es so nicht weiter fortgehen soll, nicht weiter fortgehen darf und wenn Du nicht Vernunft annehmen willst, werde ich mich bemüßigt sehen, strengere Maßregeln zu ergreifen."

Wir erkennen in dem Sprecher den Reichsgrafen Hugo von Aulenhof Riedenfürst. Seit wir ihn zum letztenmal an der Seite seiner schönen Gemahlin gesehen, ist ein Zeit- abschnitt von beiläufig acht Jahren verflossen. Die Ver- änderung, welche während desselben mit dem Grafen von Aulenhof vorgegangen, war eine bedeutende; sein Haar war gebleicht, seine hohe, stramme Gestalt hatte etwas von ihrer Gradheit verloren und in seinen Zügen lag einmü- der, verdrossener Ausdruck. Er hatte das Aussehen eines Mannes, der unter der Last häuslicher Widerwärtigkei- ten vor der Zeit gealtert ist und so verhielt es sich auch in der Tat.

Hugo von Aulenhof, ein weichmütiger Idealist, hatte in der Ehe nicht jenes Glück gefunden, welches er sich geträumt. Er hatte die Lebensgefährtin aus Liebe ge­wählt. Die Gräfin aber heiratete aus Ehrgeiz; für sie warer nur Mittel zum Zweck und schon auf der Hoch- zeitsreise gab es zwischen dem jungen Ehepamc mailche

schrille Dissonanz, die im Laufe der Zeit immer dishar­monischer ausklang; besonders, da der Graf bei Geld­spekulationen, in welche er sich eingelassen, nicht jene Re­sultate erzielt, die er gehofft, und verloren hatte, anstatt zu gewinnen.

Selbst als im Lauf der Jahre die Gräfin zuerst einem Knaben, dann später zwei Mädchen das Leben schenkte, welche die Freude und den Stolz des Vaters bildeten, ließ sich das gute Einvernehmen zwischen dem Ehepaar doch nicht wieder herstellen, im Gegenteil dienten gerade die Kinder zum erneuten Zankapfel.

Der Graf hatte gewähnt, in dem Mädchen au» schlich­tem Bürgerhause eine tugendhafte Frau, eine gewissen­hafte Mutter an sein Herz zu nehmen, doch ihre Ber- schwendungssucht und ihrJagen nachVergnügungen kannte keine Grenzen und die Sorge um Mann und Kinder war ihr nichts, verglichen mit den Freuden der großen Welt. Sie machte dem Grafen gegenüber kein Hehl mehr da-, raus, daß sie ihm nur seiner Stellung, seines Reichtums, seines Ranges wegen geheiratet und sie war um so scho­nungsloser in dem Aussprechen dieser Tatsache, als sie die Macht, welche sie über ihn besaß, nur zu gut kannte und recht gut wußte, daß er nicht die Kraft habe, sich, derselben zu entschlagen.

Auch jetzt nahm sie seine tadelnden Worte mit spöt­tischer Indifferenz entgegen und spielte nachlässig mit der, seidenen Schnur ihres Schlafrockes.

Was soll eigentlich ander» werden, mein Bester, und von welchen strengen Maßregeln sprichst Du ? Glaubst Du, wir seien noch in der Zeit des Raubrittertums, in wel­cher es in der Macht des Herrn Gemahls gelegen, die Ehefrau, welche nicht so wollte wie er, versteckt hinterSchloß und Riegel zu halten?"

Ich hätte gedacht, daß ich erfolgreicher gegen all Deine Sentimentalitäten zu Felde gezogen und Du doch endlich, gelernt habest zu begreifen, daß ich nun einmal zur züch­tigen, deutschen Hausfrau, die alles nachspricht, was der Herr und Gebieter ihr vorspricht, nicht tauge." 131,18