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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

32 95. Mittwoch, den 29. November 1905. 56. Jahrgang.

Amtliches.

Bei der am 13. November 1905 stattgehabten Er­satzwahl im , Wahlverband der Großgrundbesitzer des Kreises Schlächtern ist an Stelle des Freiherrn von Hütten der Graf von Hutten-Czapski zu Romsthal als Mitglied des Kreistages gewählt worden.

Schlächtern, den 20. November 1905.

Der Landrat: Graf zu Solms.

Deutsches ^eich.

Der Kaiser. verweilt seit Beendigung der Hof­jagd in der Göhrde wieder im Neuen Palais bei Potsdam-

Die Eröffnung des Reichstages wird am 28. November mittags durch den Kaiser selbst erfolgen Die erste Plenarsitzung ist auf den 28. November 1 Uhr nachmittags mit der Tagesordnung'Feststellung der Beschlußfähigkeit" angeordnet. In der zweiten Plenarsitzung soll zur Wahl des Präsidiums und Schriftführers geschritten werden. Es ist, wie die Nat.'Ztg." meint, vorauszusehen, daß das frühere Präsidium wiedergewählt wird. Im Anschluß an die Präsidentenwahl wird Staatssekretär Freiherr von Stengel die Reichsfinanzreform mit einer längeren Rede einbringen. Eine Debatte wird sich natürlich daran noch nicht knüpfen können. Dem Reichstag werden vielmehr mehrere Tage freigegeben werden müssen, damit die Mitglieder sich mit der umpfang- reichen und wichtigen Materie vertraut machen. Die erste Lesung der Finanzreformvorlage wird voraus­sichtlich am 5. Dezember beginnen.

Unsere Marine erhielt einen neuen Zuwachs. Der PanzerkreuzerAork" ist zum ersten Male in Kiel mit Flaggenparade in den Dienst gestellt worden.

DemLokal-Anzeiger" zufolge sieht der neue Reichsetat für sämtliche Unrerbeamten eine Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses um die Hälfte vor.

Ueber die Einheitlichkeit der Steuervorlagen schreibt dieNordd. Allg. Ztg.":Was die Einheit­lichkeit der Steuervorlagen anlangt, so handelt es sich selbstverständlich nicht darum, daß die unveränderte Annahme der Entwürfe in der Gestalt, wie sie dem Reichstag zugehen werden, zu verlangen beabsichtigt wäre. Vielmehr soll jeder als Verbesserung anzu- erkennende Vorschlag angenommen werden. Wohl aber ist die Einheitlichkeit in dem Sinne aufzufassen, daß die Steuervorlagen im Hinblick auf die Ver­teilung der Belastung als organisches Ganzes gedacht

sind, aus dem nicht beliebig der eine oder cher andere Teil ausgeschieden werden dürfe."

In der Sitzung der zweiten Kammer des sächsischen Landtages verkündigte der Präsident Dr. Mehnert, er sei von der Regierung beauftragt, zu erklären, daß die Regierung in kürzester Frist der Kammer eine Vorlage wegen Aenderung in der Zu- sammensetzung der ersten Kammer unterbreiten werde.

Der Handelsminister hat durch Erlaß vom 6. November 1905 entschieden, daß die Gründung von Hülfskassen auf Grund landesrechtlicher Vorschriften auch in dem Fall unzulässig ist, wenn die Errichtung in der Absicht erfolgt, die Bescheinigung nach § 75 des Krankenversicherungsgesetzes zu erhalten.

Der Vorstand des Landesvereins preußischer Volksschullehrer hat nach derFrkf. Zig." beschlossen, eine Versammlung nach Magdeburg zu berufen, die Stellung zu dem Schulgesetzentwurf nehmen soll. Dieser preußische Lehrertag wird voraussichtlich in den Weihnachtsferien stattfinden; der genaue Termin wird bekanntgegeben, sobald der Entwurf des Gesetzes vorliegt.

Bei der preußischen Staatsbauverwaltung und Staatseisenbahnverwaltung waren, dem Zentralblatt der Bauverwaltung zufolge, a n 1. Oktober 1905 in der Ausbildung begriffen: a) 290 Regierungsbau­führer des Hochbaufaches, b) 224 Regierungsbau­führer des Wasser- und Straßenbaufaches, c) 138 Regierungsbauführer des Eisenbahnbaufaches und d) 123 Regierungsbauführer des Maschinenbaufaches. Von den Regierungsbauführern des Hochbaufaches waren 72, von den Regierungsbauführern des Eisen­bahnbaufaches 87 und von den Regierungsbauführern des Maschinenbaufaches 100 ohne Anwartschaft auf Staatsdienst zu ihrer Ausbildung zugelassen.

In der letzten Nummer der sozialdemokratischen Neuen Zeit" leistet sich der Leitartikler folgende hübsche Stilblüte:Sie (die Diplomaten) wollen den Frieden ohne Zweifel, damals wie heute, auch liegt es gar nicht in ihrer Gewalt, aus ihrem nichtsdurch- bohrenden Gefühle einen europäischen Krieg zu ent­zünden." Wenn der Herr, der diesennichtsdurch- bohrenden" Unsinn geschrieben hat, einigermaßen Selbsterkenntnis und Bescheidenheit besäße, dann würde er sichin seinem nichtsdurchbohrenden Gefühle" fernerhin weder mit Politik noch mit litterarischen Zitaten abgeben.

Ausland.

Der Moskauer Semstwokongreß sprach sich für das allgemeine Wahlrecht aus und befürwortete, die erste Versammlung der Volksvertreter solle die Funktionen einer konstituierenden Versammlung über­nehmen.

Die englische Ministerkrisis ist bis zur Stunde noch nicht gelöst. Die Frage, ob das Kabinett Balsour seine Entlassung nehmen oder das Parlament aufge- lößt werden wird, ist noch unbeantwortet. Dem Reuterschen Bureau wird als Ergebnis der Beratung des Kabinetts mitgeteilt, das Kabinett werde nicht wieder vor das Parlament treten, und es schiebe die Lösung der Frage: ob Demission des Kabinetts oder Auflösung des Parlaments, um einige Wochen hinaus; es vermeide dadurch sowohl die Notwendigkeit von allgemeinen Wahlen zur Weihnachtszeit als auch die Notwendigkeit einer kurzlebigen Interimsregierung.

Die ablehnende Note der Pforte werden die Mächte, wie die WienerNeue Freie Presse" meldet, nicht beantworten. Ihre Entgegnung besteht in dem Auftrag an den Flottenkommandanten, die Aktion zu beginnen. Die von Wien aus angeregte Mahnung der Mächte an die Balkanstaaten, sich ruhig und neutral zu verhalten, wird bereits in Belgrad, Sofia und Athen eingetroffen sein.

Lord Rosebery hat sich in einer in Falmouth gehaltenen Rede folgendermaßen geäußert.Man hat mich deutsch-freundlich genannt. Ich bin ein Freund jedes zivilisierten Landes, und ich achte jede Nation. Wenn ich jedoch besondere Sympathie für irgend ein Volk hätte, so wäre es für Frankreich. Ich verstehe fast kein Wort Deutsch, und ich habe keine deutschen Freunde, während ich viele Franzosen liebe und lange Zeit in Frankreich zugebracht habe. Ich habe mich neulich in der Rede des Marquis of Lansdowne ge­freut, in der er eine wohlwollende Haltung gegenüber allen europäischen Nationen einnahm. Der einzige Punkt der Rede, an dem man Ausstellungen machen kann, bezieht sich auf die angebliche Einwilligung Englands in die Teilnahme an einem kontinentalen Kriege in diesem Jahre. Ich messe diesem Gerücht keinen Glauben bei, aber man kann sich nicht zu sehr beeilen, ihm zu widersprechen."

In der geplanten Wahlreform in Böhmen ist der PrägerBohemia" zufolge teilweise eine Einigung der Parteien des böhmischen Landtages erzielt worden. Bezüglich einer Anzahl von Bestimmungen der Wahl-

ZLewegles Keöerr.

Roman von Max von Weißenthurn.

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(Nachdruck nicht gestattet)

Es war ein gewitterschwüler Nachmittag des Monats Juli; bleischwere Wolken deckten den Himmel und von Zeit zu Zeit vernahm man von fern her das Rollen des Donner«. Obzwar ein drohendes Unwetter nichtlange auf sich warten lasten konnte, stand im Zentrum der Stadt auf dem Stephansplatze und am Eingänge der Rotenturm- straße eine Kopf an Kopf gedrängte Menge, gewahrte man überdies eine Anzahl Equipagen, deren Insassen zuweilen neugierig auS den geschlossenen Gefährten herausspähten.

Jetzt fielen einzelne schwere Tropfen auf das Straßen- Pflaster nieder, es erhob sich leichter Wind, der einen wohl­tätigen Kontrast bildete gegen die drückende Schwüle, die bisher geherrscht, aber auch als Zeichen angesehen wer­den konnte, daß der Sturm der entfesselten Elemente bald . mit ganzer Kraft loSbrechen werde. Trotzdem entfernten fich wenige der Neugierigen, die Mehrzahl zog es vor, chre Regenschirme aufzuspannen oder in den Toreinfahrten der Häuser und auf einzelnen Schwellen der Gewölbe Bu' flucht zu suchen. Auch die Equipagen rührten sich nicht, deren Insassen waren geschützt und die Kutscher mochten immerhin ihre Regenmäntel anlegen, obzwar vermutlich nach der Meinung der hochgeborenen Damen und Däm­chen in deren Diensten sie standen, ein unvorhergesehe­nes Sturzbad, dem plebejischen Blute nur zur gesunden Abkühlung diente.

UebrigenS war eS wohl der Mühe wert, hier eine . Weile stehen zu bleiben, derDinge zu harren, die dakvm- men mußten; und die Bemerkungen, die da und dort laut wurden, waren ganz danach angetan, die Neugierde der Vorübergehenden zu wecken, ja manche derselben zu ver­anlassen, ebenfalls stehen zu bleiben, um mit eigenenAu- gen zu schauen, was es denn eigentlich gebe. Eine Hoch­zeit war es, um die es sich hier handelte und welche, wenn auch aus verschiedenen Ursachen, die Gemüter der An­

niesenden in Aufregung versetzte; die einen freuten sich über dieselbe, den anderen war sie ein Dorn im Auge, weil diese Hochzeit eine äußerst romantische Vorgeschichte hatte, die, kurz erzählt, folgenden Inhaltes war.

In der fürsterzbischöflichen Hofkapelle sollte in einer halben Stunde etwa die Trauung des Reichsgrafen Hugo von und zu Aulenhof mit dem Fräulein Lenore Wildner stattfinden.

Wer und was war aber Lenore Wilduer? Wie kam der Sprosse einer alten, reichsunmittelbaren Geschlechtes dazu, so schonungslos den Glanz seines Stammbaumes zu verdunkeln, für die seine StandeSgenqssen niemals eine Entschuldigung haben konnte»? Bevor wir die handeln­den Personen selbst auftreten lassen, damit sie den geneig­ten Leser für oder gegen sich stimmen, wollen wir in ioe« nig Strichen deren Vorgeschichte skizzieren.

' Graf Hugo Aulenhof, der Majoratsherr des ältesten Zweiges seiner Familie, war, abgesehen vom Majorate, reich genug und in seiner ganzen Charakterveranlagung selbständig genug, um als Autodidakt auftreten zu können; er besaß sonst keine Beschäftigmig als diejenige, Verwal­tungsdirektor seiner eigenen Herrschaften zu sein, und führte als solcher ein ziemlich strenges Regiment. Zur Winters­zeit aber, wo der Landmann weder säet noch erntet, in jener Saison, in welcher es auf dem Lande für die Saat nichts vorzubereiten gibt, pflegte der Graf seinen in Steyer- mark gelegenen Gütern für einige Zeit Valet zu sagen, um sich in Wien zu vergnügen. Er tat dies denn auch in reichlichem Maße und verausgabte einen nicht geringen Teil jener Summen, welche er für eingelöste National- Bank- oder sonstige Coupons zu erhalten pflegte.

Freilich vergnügte sich Graf Aulenhof nicht immer ganz in jener Weise, welche seine Standesgenossen von ihm er­warteten und wünschten. Daß er Maskenbälle besuchte, auf welchem außer dem hohen Adel auch recht viel Bür­gertum und anderes namenloses Volk zu finden war, das hätten sie ihm leicht vergeben, folgte er darin doch nur ihrem Beispiel. Was mau aber dem Grafen nicht ver­

zieh, das war der Umstand, daß er, welcher unstreitig zu den glänzendsten Partien im Gotha-Almanach gehörte, so gar keine Miene machte, als Bewerber um die Hand ir- gend einer ahnenfesten Komtesse aufzutreten, und warum geschah da» nicht? Darüber hatte man sich vergeblich den Kopf zerbrochen, bis eines schönen Morgens die Nachricht, Graf Aulenhof habe sich verlobt, wie ein Lauffeuer durch die Stadt ging und durch die mit der Mittagspost aus­gegebenen VerlobungSkarten ihre volle Bestätigung fand.

Ja, man hatte eS wirklich lesen müssen, da stand e« in zierlichen Lettern:Hugo ReichSgras von und zu Aulen- Hof Riedenfürst, Kämmerer, Herr auf Bernburg, Hochheim, Brauntal und Fürstenschild, und Lenore Wilduer, Ver­lobte. Wien im Juni 18 . .

DaS Unglaubliche war geschehen und noch stand die Welt, noch schien die Haupt- und Residenzstadt, in wel­cher solches sich hatte ereignen können, nicht durch ein Gottesgericht eingeäschert werden zu sollen. Wer war Le­nore Wildner? Man fragt sich'S mit geheimen Gruseln, in sämtlichen blaublütigen Salons der Metropole. Die jungen Komtessen fächelten sich Luft zu, denn ihnen wurde schwül bei der Erinnerung an nianche Zuvorkommenheit, an manches Lächeln, welches sie dem Majoratsherrn von Aulenhof geschenkt, welches sie an einen Abtrünnigen ver­geudet, der es nicht verschmähte, eine Bürgerliche zum Traualtar zu führen.

Wer war Lenore Wildner? So fragen auch wir und barau hängt nun wieder eine Geschichte, die erzählt sein will, um den weiteren Verlauf der wahren Begebenheiten zu motivieren, welche wir mit photographischer Treue dem geneigten Leser mitzuteilen gesonnen sind. Lenore war nicht in Purpur, nicht einmal mit einem AdelSbrief geboren, ja sie durfte sich auch nicht der entferntesten, sei es nun geraden oder krummen Verwandtschaft mit irgend einem Mitgliede der Aristokratie rühmen. Lenore Wild­ner war das Kind vermögender Geschäftsleute gewesen und hatte als solches in ihrer frühen Jugend eine ziemlich sorgfältige Erziehung erhalten. 131,18