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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

»M 94. Samstag, den 25. November 1905. 56. Jahrgang.

Totenfest.

Die ersten Christen lebten,als wenn sie täglich sterben müßten", und unser heutiges Geschlecht stürmt dahin und lebt in den Tag hinein, als wenn es nie« rualS sterben müßte.

Da mahnt das Totenfest an das Ende aller Dinge und damit sein Mahnen nicht vergeblich sei, führt es uns auf die Friedhöfe an die alten und neuen Gräber, die eindringlich die alte Wahrheit des Psalmistenwortes predigen: Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

Wenn uns doch dieser Gedanke an den Tod öfters in den Sinn käme. Unser Denken würde reiner, unser Wandel würde lauterer und unser ganzes Tun und Treiben zielgemäßer, eifriger und treuer werden.

Viele füllen morgen die Gotteshäuser und noch viel mehr gehen morgen auf den Gottesacker. Möchten morgen nicht nur vorübergehende Entschlüsse und gute Vorsätze gefaßt werden, die schon am andern Tag ver­gessen sind, und möchten nicht nur gefühlsmäßige Tränen der Rührung geweint werden, die schon am Abend getrocknet sind, sondern möchte ein jeder mit Ernst bedenken, daß auch ihm einst die Stunde schlägt, wo er von bannen muß.

Das Gefühl der sittlichen und religiösen Verant­wortlichkeit ist vielen in unseren Tagen abhanden ge­kommen. Nur zu leicht hat man sich an den Gedanken gewöhnt, daß ein jeder das Kind seiner Zeit und das Ergebnis seiner Verhältnisse sei und darum für seine Taten nicht einzustehen habe.

Totenfest will uns aber eines besseren belehren, in­dem es in diese wirren Anschauungen eingreift, unser Gewissen schärft und unsern Blick auf jenen großen Tag lenkt, der die Auferstehung aller Toten bringt und mit ihr das ewige Gericht-

Sind wir bereit, unser Leben schon heute zu schlie­ßen und würde uns dieser Abschluß selbst genügen ? Diese Frage legt uns das Totenfest vor. Ruhen wir nicht eher, bis wir die rechte Antwort gefunden haben. Fangen wir morgen einmal wieder von neuem an, Gott von ganzeni Herzen zu vertrauen und unsere Mit-

Des Paters letzter Wille

Erzählung nach einer wahren Begebenheit.

Warm hatte jetzt feine Not, sie zu überzeugen, daß man schon zuweit im Frühling vorgeschritten sei, um einen so alten Baum in anderes Erdreich zu versetzen und beredete sie, den Herbst abzuwarten.Aber wenn ich bis dahin sterbe," rief sie angstvoll nnd Warm mußte ihr heilig geloben, in diesem Falle die Kastanie zwischen ihr und ihres Vaters Grab zu setzen, wozu sie ihm einige Tage später eine gerichtlich ausgefertigte Vollmacht gab.

Seit diesem Augenblicke fühlte die Blinde eine sanfte Ruhe in ihr Inneres zurückkehren und ihre bisher so strengen und harten Gesichtszüge nahmen mehr den Ausdruck heiterer Zufriedenheit an.

Auf das Himmelfahrtsfest freuten sich Meta und Marie wie glückliche Kinder auf den Weihnachtsabend, denn Großmutter hatte ihnen versprochen, sie wollte Nachmittags mit ihnen und dem Kandidaten aus dem Tore fahren und Abends sollte der Letztere den Thee bei ihnen trinken.

Aber der Mensch denkt, Gott lenkt! In der Nacht vor diesem Tage wurden die Bewohner des Drusenhofes durch Feuerlärm geweckt, eine Sache, die in der großen Hansastadt nichts seltenes war nnd bei der man, wenn das Feuer nicht im eigenen oder im Rachbarhause ausbrach, ganz ruhig und gleichgültig zu bleiben pflegte. Als aber der Morgen anbrach, da tönte jplötzlich der Schreckensschrei durch die Stadt, daß das gewaltige Element sie zu zerstören drohte, indem es allen An­strengungen der Menschen trotze.

Leichenblaß aber entschlossen drang der Kandidat bei Frau Sievers ein, als diese eben ihre geängsteten Enkelinnen zu trösten versuchte und ihnen die Ver­sicherung gab, daß solch Feuer in Hamburg nichts zu

Menschen von ganzer Seele zu lieben. Dann werden wir stets bereit sein, heimzugehen zu unserem Gott und Heiland in der sichern Gewißheit:

Ich bin bei Gott in Gnaden!

Deutsches Reich.

Se. Majestät der Kaiser traf am Dienstag Abend 7 Uhr 40 Minuten aus Kiel in Wildpark ein. Zum Empfange waren Ihre Majestät die Kaiserin und Prinz Adalbert auf dem Bahnhöfe anwesend. Die Majestäten fuhren nach dem Neuen Palais.

Zur Frage der Reichsfinanzreform teilt die Nordd. Allg. Ztg." mit, daß die verbündeten Re­gierungen sich über eine Reihe von Steuervorschlägen einig geworden seien, die als eine einheitliche gesetz­geberische Maßnahme gedacht sind. Durch neue Steuern und Zölle sollen 220 bis 230 Millionen aufgebracht werden.

Bei der Reichstags-Stichwahl in Eisenach hat der deutschsoziale Kandidat Schock über den Sozial- demokraten Leber mit einer Mehrheit von 1560 Stimmen gesiegt. Das Bürgertum hat bewiesen, daß es die Gefahr, die von der Sozialdemokratie in immer steigendeni Maße aller Wohlfahrt, Freiheit und Ge­sittung droht, wohl zu würdigen weiß, und unter Beiseilesetzung aller trennenden Parteiunterschiede dem bürgerlichen Kandidaten zum Siege verhelfen. Auch von den Freisinnigen hat wenigstens ein Teil der schändlichen Parole des durchgefallenen Freisinnskan- didaten, für den Sozialdemokraten zu stimmen, keine Folge geleistet. So hat man wohl Grund, sich allent­halben des bürgerlichen Wahlsieges in Eisenach zu freuen.

In diesem Jahre fallen der 24. und 31. De­zember auf Sonntage. Infolgedessen ist aus Ge« schäftskreisen der Wunsch verlautbar worden, an diesen beiden Tagen aus Rücksicht auf den gesteigerten Ge­schäftsverkehr zu Weihnachten und Neujahr ^die Ge­schäftszeit über die regelmäßig zugelassenen 5 Stunden hinaus auszudehnen. Ein ministerieller Runderlaß verfügt demgemäß, daß eine Verlängerung der Ge- schäflszeit im Handelsgewerbe an jenen beiden Sonn- lagen, soweit sie nach den örtlichen Verhältnissen gerechtfertigt sein sollte, zu erfolgen hat. Jedoch soll auch im laufenden Jahre keinesfalls eine Verlängerung der Geschäftszeit an mehr als sechs Sonn- oder Fest-1

bedeuten habe, da seit Menschengedenken noch niemals mehr wie drei Häuser abgebrannt wären.Wenn Ihr den Turm von St. Nikolai in Flammen seht," fuhr sie fort und warf die glanzlosen Augen nach jener Richtung aufwärts, wo der Turm über dem Gärtchen zu sehen war und die Kastanie der Morgensonne be­raubte,dann ist es Zeit zu flüchten."

Der Turm raucht bereits," rief Warmund heute Nachmittag wird weder von diesem Hause noch vom Drusenhof eine Spur mehr sein. Deshalb schnell, Frau Sievcrs, lassen Sie sich und Ihre Enkelinnen in Sicherheit bringen. Noch ist es möglich, Wagen zu bekommen."

Die Kastanie!" rief sie dann,vor allem muß der Baum gerettet werden. Eilen Sie Herr Warm, dingen Sie Arbeiter und einen Wagen um jeden Preis. Der Baum muß an das Grab meines Vaters, damit nicht noch auch diese Kinder verderben."

Warms Bitten, erst an die Rettung des eigenen Lebens zu denken, scheiterten an der Festigkeit der Blinden, die freilich weder den Qualm noch den Glanz des Feuers, der jenseits der Häuser sich am Himmel zeigte, sehen konnte, die aber entschlossen schien, sich eher unter dem Schutt des Hauses begraben, als den Baum im Stich lassen zu wollen, und außer sich, eilte er fort, um das Mögliche zu versuchen.

Zunächst gelang es ihm für doppelten Lohn einige Arbeiter zu bekommen, die den Baum auszugraben be­gannen, während die Blinde daneben stand. Dann eilte er wieder fort, um einen Wagen zu mieten, auf dem der Baum transportiert werden könne, allein ver­gebens, denn alle Fuhrwerke waren schon in Anspruch genommen zum Fortschaffen der nötigeren Sachen. Er war bereits wieder auf dem Rückwege, als er noch so glücklich war, eine Kutsche zu erlangen und er war entschlossen, die Blinde nötigenfalls mit Gewalt zu

tagen für den Papierhandel an mehr als sieben Sonn- oder Festtagen statthaft sein.

Ausland.

Aus Deutsch-Südwestafrika ist folgende Nach­richt eingetroffen: Nach einer Meldung des Kapitän- Goliath-Berseba ist Hendrik Witboi beim Ueberfall eines Verpflegungswagens bei Vaalgras am 29. Okt. schwer verwundet worden. Er veranlaßte die Wahl seines Sohnes Samuel Jsaak zum Kapitän und starb am 3. November. Der Ueberfall, bei dem Hendrik Witboi durch einen Schuß in den rechten Oberschenkel schwer verwundet wurde, geschah auf einen Verpflegungs­wagen der dritten Batterie. Mit nochmaliger sicherer Feststellung beauftragt, meldet Kapitän Julius Goliath, daß der Tod Hendrik Wilbois sich bestätigt. Mit dem Tode Hendrik Witbois sind wir unseres gefährlichsten Gegners in Südwestafrika ledig.

Der französische Senat nahm die beiden ersten Artikel der Vorlage, betreffend die Trennung von Staat und Kirche, an und verwarf mit 178 gegen 10 Stimmen den Abänderungsvorschlag des Senators Lamarzelle, der die Bewilligung des bisherigen Kul­tusbudgets verlangt.

I Wie offiziös mitgeteilt wird, haben die russische I und die deutsche Regierung gemeinsam geeignete Schritte unternommen, um die Durchfuhr russischer für Deutsch­land bestimmter Schweine durch Oesterreich zu erwirken. Die österreichische landwirtschaftliche Zentralstelle hat aber im eigenen Namen sowie im Namen der in ihrem Verbände befindlichen landwirtschaftlichen Genossen­schaften bei der Regierung Protest gegen die eventuelle Gestaltung der Durchfuhr erhoben und veterinärpolizei- liche Gründe geltend gemacht.

In allen Druckereien Tirols und Voralbergs begann wegen der bestehenden Lohndifferenzen die passive Resistenz. Das Beispiel der Eisenbahner scheint in Oesterreich Schule machen zu wollen.

Lokales und Provinzielle».

Schlüchtern, 24 November 1905.

* Der letzte Sonntag im Kirchenjahr ist von der evangelischen Kirche dem Andenken der Verstorbenen gewidmet. Es ist ein Tag der Trauer, den wir be­gehen, und doch ist es eine schöne, erhebende Feier, die mit ernstem Ton und ernster Mahnung zu uns allen

tragen, um sie und ihre Enkelinnen nach der Vorstadt St Georg zu bringen, wo eine Verwandte von ihm wohnte, von der er überzeugt war, daß sie seine Freunde als die ihrigen aufnehmen würde.

Als er durch den Torweg trat, rief Meta ihm vom Garten aus in höchster Angst zu:Herr Warm, kom­men Sie schnell, die Großmutter stirbt." Er fand die Blinde ohnmächtig auf der Bank zurückgesunken, neben welcher die Wurzeln des ausgegrabenen Baumes in die Höhe ragten. Vor ihr stand eine schwere eisenbeschlagene Kiste, auf der eine Messingplatte angebracht war, die folgende eingravierte Worte enthielt:Meiner gehor­samen Tochter Hedwig gehört diese Kiste samt ihrem Inhalte, dafür, daß sie mir die so liebe Kastanie an mein Grab yat pflanzen lassen. Jakob Druse."

Nach einigen Bemühungen gelang es, die Ohn­mächtige in das Leben zurückzubringen und sie nebst ihren Enkelinnen und der Kiste in den Wagen zu tragen. Warm belohnte die Arbeiter reichlich, setzte sich neben den Kutscher und gelang glücklich mit seinen Schätzen in das Häuschen seiner Verwandten.

Ein Schlosser wurde geholt und während in der Stadt taufende von Menschen arm und obdachlos wurden, fand die Blinde noch am Rande ihres Grabes einen Schatz, der, wenn sie den letzten Willen ihres Vaters erfüllt hätte, mehr als hinreichend gewesen wäre, ihr das glanzvolle Leben ihrer Jugendträume zu verschaffen. Jetzt war es freilich für sie zu spät, seiner zu genießen, denn Warm hatte eine Sterbende in ihr zu trösten. Mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte rief sie ihre Enkelinnen zu sich, legte Metas Hand in die des Kandidaten und sagte:Das Auge einer Blinden sieht oft schärfer als das einer Sehenden. Ihr liebt Euch, so seid nun glücklich und genießt den Schatz, den zu besitzen ich nicht würdig war."