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M 93. Mittwoch, den 22. November 1905. 56. Jahrgang.
Zum Bußtage.
Wir feiern heute den Landes Buß- und Bettag. Gott und Vaterland — so lautet da die Losung. Wir sind stolz auf die glorreiche Geschichte unseres Volkes, stolz auf das Große und Bedeutende, das in den letzten Jahrzehnten geleistet worden ist. Im letzten Menschenalter sind wir weiter gekommen, als sonst in einem ganzen Jahrhundert: Gewaltiges ist geleistet worden auf allen Gebieten des menschlichen Geistes, in Forschung, in Wissenschaft, in Kunst, in Handel und Wandel, Gewerbe und Industrie. Aber das alles soll und kann man haben, ohne doch verblendet zu sein von sich selbst. Wir freuen uns ja mit Recht der beispiellosen Entwickelung unseres Vaterlandes — aber was vergessen wir dabei? In den seltensten Fällen denkt man daran, dem die Ehre zu geben dem sie gebühret. Man gebärdet sich meist so, als hätten wir das alles unserer Kraft, unserem Witz und Verstand zu verdanken. Und doch, was vermag unsere vielgerühmte Klugheit? Vermag sie draußen die düsteren Regenwolken zu verscheuchen, oder vermag sie nur einen Regentropfen auf das dürre Land her- niederzuziehen? Vermag sie die Kriegssackel, Epidemien u. a. von unserem Lande fern zu halten? Wir vermögen wenig; wir sind nur Geschöpfe in Gottes Hand. Aber unzählige unserer Volksgenossen glauben es nicht mehr, daß wir ganz und gar von Gott abhängig sind. Das ist die Frucht des Zeitgeistes, einer ungläubigen Tagespresse und einer im Dienste des Materialismus stehenden Wissenschaft. In eine Zeit, die das Dogma des „Uebermenschentums" geboren hat, das wiederum die Berechtigung, „sich ausleben" zu dürfen, für den Menschen in Anspruch nimmt, ist schon das Gefühl der Demut nicht häufig, wie viel weniger gar das der Bußfertigkeit. Da ist es denn doppelt gut, wenn so ein stiller Weihe- und Feiertag uns wieder einmal daran erinnert, wie sehr uns nottut, uns selbst und unser Tun zu mustern, in uns zu gehen und uns dessen bewußt zu werden, daß wir alle in der Hand des großen Gottes stehen.
Wie ein Heer nur dann auf Kriegstüchtigkeit und Kriegsbereitschaft Anspruch erheben darf, wenn es bis ins einzelne und kleinste hinein die Waffen und Ausrüstungen immer wieder einer strengen Prüfung unterzieht, so können ein ganzes Volk wie jeder einzelne Mensch nur dann als gesund gelten, wenn sie Selbst- ritik vertragen, den Mut haben, der Wahrheit ins
Des Pakts letzter Mille.
Erzählung nach einer wahren Begebenheit.
Dem Altenteile gegenüber befand sich ein ähnliches schmales, hohes Haus, dessen drittes Stockwerk, aus ein paar kleinen Zimmern bestehend, seit zwei Jahren von einem Kandidaten der Theologie, namens Warm, bewohnt ward. Eine fast krankhafte Schüchternheit, die auch die Veranlassung geworden, daß Warm im Examen durchgefallen war, hatte ihn jedoch bis vor kurzem verhindert, mit Frau Sievers in einen persönlichen Verkehr zu treten. Der Kandidat nährte sich vom Unterrichtgeben kleiner Kinder und nebenher noch vom Abschreiber und zählte seit einem halben Jahre auch die kleine Marie zu seinen Schülerinnen.
Er hätte ein hübsches Logogryph auf seinen Namen verfertigen können, das ihn charakteristisch bezeichnet haben würde. Den ersten Buchstaben trug er im Herzen und, mit dem Rest zu reden, war er sehr arm. Dennoch dünkte er sich reicher als ein König — er liebte die holde Meta mit stiller aber glühender Leidenschaft und seine Schülerin, die lebhafte Marie, die in ihrer Schwester zugleich die Mutter und die Freundin liebte, trug mit ihren kindlichen Plaudereien täglich wie eine Biene neuen Honig der Hoffnung in die Lebenszellen ihres Lehrers ein.
Aber schon längst erzählten sich, die Mitbewohner aus Warm's Häuschen, „daß der hübsche, aber arme Kandidat sterblich in Fräulein Meta verliebt sei," noch ehe diese das mindeste davon ahnte, oder Warni es wagte, sich selbst dies zu gestehen.
Im letzten Winter war Meta, wie an Sonn- und Festtagen gewöhnlich geschah, mit ihrer Großmutter zur Kirche gegangen, als während der Predigt ein
Auge zu schauen, die Demut haben, die Wahrheit sich sagen zu lassen. Wir wollen in unsere heutige, moderne Zeit nicht hineinschauen wie in einen Abgrund, in dem sich allerhand unerquickliches birgt. Wir wissen, daß der gewaltige, noch lange nicht beendete Wechsel unserer gesamten Lebensverhältnisse selbstverständlich manches Unliebsame im Gefolge hat — aber wir wollen auch nicht die Augen verschließen vor den vielen sozialen und sittlichen Uebelständen in unserem Volksleben. Da ist das Parteiwesen, welches unser politisches und kirchliches Leben oft so unerquicklich gestaltet; da ist die schnöde Selbstsucht, die nur sich selber lebt und kalt und gleichgültig am notleidenden Bruder vorübergeht; da ist der Geist der Unzufriedenheit und des Mißtrauens, der von gewissen Hetzern in unser Volk getragen, unsere sozialen Verhältnisse vergiftet; da ist die Genußsucht und sittliche Schlaffheit, der jährlich bei uns Tausende von hoffnungsvollen Menschenleben zum Opfer fallen; da ist jene von unten stammende Weisheit, die den Unterschied von Gut und Böse verwischen und den Leuten die Pflicht der Verantwortung ausreden und ihr Gewissen verwirren möchte; da ist die Sucht, immer mehr Ansprüche zu erheben, wo die Gegenleistung ausbleibt — und wenn man es sich ganz ruhig überlegt, dann wird man es selbst verneinen, daß es imnier und ewig so weiter gehen kann, wenn jeder meint, mehr fordern, aber weniger leisten zu brauchen — das alles sind lauter Feinde, die am Marke unseres Volkes zehren, ihm seine Ideale rauben, in seiner gesunden Entwickelung es hindern und sein Glück untergraben.
Wenn irgend etwas unser Volk gesund erhalten kann, so dies, daß wir in uns gehen, unserer Fehler uns bewußt werden, vom falschen Wege umkehren und von Gott Gnade erbitten. Und das bezweckt eben der heutige Buß- und Bettag. Dabei zählt jeder mit. Jedes einzelne Fehlen ist verhängnisvoll. Darum laßt uns treu auf unserem Posten stehen! Laßt uns in unserem Volke Lichter sein, die Christus angezündet hat, deren Liebe wärmt, deren Glaube leuchtet, auch in schwerer Zeit.__________________________________________
Deutsches Reich.
— Der Kaiser und die Kaiserin gedenken, das für den 27. Februar k. I. bevorstehende Fest ihrer silbernen Hochzeit im engsten Familienkreise zu feiern. Auswärtige Regierungen sind aus Anfrage von diesem bereits vor mehreren Wochen gefaßten Entschluß des Kaiserpaares in Kenntnis gesetzt worden.
glatteisender Regen fiel. Ratlos stand sie mit der Blinden am Ausgange der Kirche und sprach schüchtern gegen diese die Furcht aus, daß sie auf der spiegelglatten Straße ausgleiten könnte, als plötzlich Warni sich ihnen nahte und, alle Schüchternheit vergessend, sich Frau Sievers als ihren Nachbar vorstellte und sie um die Erlaubnis bat, sie nach Hause führen zu dürfen.
Von diesem glücklichen Augenblick an war ihm der Fimmel geöffnet; die Blinde fand Gefallen an seinem bescheidenen Wesen und lud ihn ein, sie recht oft und besonders im Sommer in ihrem Garten zu besuchen. Mit demselben Stolz sprach sie dieses „in meinem Garten aus", mit dem der reiche Bankier einen armen Poeten einladet, ihn in seinem Landhause zu besuchen, schwerlich aber wird sich dieser so dadurch beglückt fühlen, als Warm.
Ob Meta die Gefühle des Kandidaten teilte, wissen wir zwar nicht mit Gewißheit zu sagen, wenigstens nicht, von welchem Tage an sich die Neigung datirte, die sie ihm später schenkte. Marie aber verriet ihrem entzückt horchenden Lehrer, daß ihre Schwester gesagt, „nie habe sie sich so auf den Sommer, den Garten und die Kastanie gefreut, als dieses Jahr" und schon im Februar wollte Meta deutlich das Schwellen der Knospen bemerkt haben, worüber die Großmutter sie eine alberne Törin gescholten.
In der kränkelnden Kastanie lagen überhaupt alle Frühlingsenipfindungen der genügsamen Bewohner vom Drusenhof eingeschossen und ihr mit jedem neuen Lenze, wenn auch künimerlich wiederkehrendes junges Grün versorgte das sämtliche Hofpersonal mit Pfingst- festlichen Naturfreuden, denn ein Baum mitten in einer großen Stadt galt schon viel für Leute, die fast nie aus den Mauern herauskamen.
— Zur Feier des I 25,jährigen Jubiläums deS Grafen Lerchenfeld als Vertreters Bayerns in Berlin fand ein Festmahl statt, an dem der Reichskanzler, die Minister, die Staatssekretäre, das diplomatische Korps, sowie viele Mitglieder des hohen Adels und der Hofgesellschaft mit ihren Damen teilnahmen. Der Reichskanzler brächte einen bedeutsamen Trinkspruch aus, der als Bekenntnis zu den Auffassungen des Fürsten Bismarck bezüglich des Verhältnisses zwischen Reich und Einzelstaaten und damit als Bekenntnis zu dem förderativen Charakter des Deutschen Reiches angesehen werden darf. Die Aeußerungen des Fürsten Bülow werden sicherlich nicht verfehlen, in allen einzelstaatlichen Kreisen die größte Befriedigung her- vorzurufen.
— Wie die „Nordd. Allg. Ztg." mitteilt, ist der Erbprinz Ernst zu Hohenlohe-Langenburg an Stelle des bisherigen Kolonialdirektors Dr. Stübel für die Leitung der Kolonialverwaltung in Aussicht genommen. Der Erbprinz zu Hohenlohe ist am 13. September 1863 als Sohn des Fürsten Hermann, jetzigen Statthalters von Elsaß-Lothringen, geboren und studierte Rechts- und Staatswissenschaften. In weiteren Kreisen bekannt wurde er seit der Uebernahme der Regentschaft in Koburg und Gotha nach dem Todes Herzogs Alfred. Die Regentschaft begann im August 1900 und hörte mit dem Regierungsantritt des Herzogs Karl Eduard im Juli d. I. auf. Mit dem Herzog ist der Erbprinz als Gemahl der Prinzessin Alexandra von Koburg, Tochter des verstorbenen Herzogs Alfred (Herzogs von Edinburg), nahe verwandt; der Herzog, Sohn des verstorbenen Herzogs von Albany, ist ein Neffe seines Vorgängers und Vetter des Erbprinzen Ernst von Hohenlohe. Die Wirksamkeit des Erbprinzen als Regent ist noch in frischer Erinnerung; es gelang ihm, das Gleichgewicht der Finanzen herzustellen sowie die heikle Domänenfrage zu erledigen, und außerdem widmete er sich mit großer Liebe und Sorgfalt der Verwaltung in allen Zweigen des öffentlichen Dienstes. Mit Recht werden an seine Berufung zum Leiter unserer Kolonialverwaltung die besten Hoffnungen geknüpft.
— Im Militärvereinsblatt erläßt das Präsidium des badischen Militärvereinsverbandes eine längere Erklärung, in der zu dem taktischen Abkommen zwischen dem Block und der Sozialdemokratie bei den letzten Stichwahlen Stellung genommen wird. Die Verbandsleitung erkennt an, daß der Wahlkampf diesmal
Warm machte mit Bescheidenheit von der Einladung der Frau Sievers Gebrauch und sie schien immer größeren Gefallen an seiner Unterhaltung zu finden.
Schon beim zweiten Male hatte sie das Gespräch auf religiöse Gegenstände zu lenken gewußt und zwar als sie sich mit ihm allein befand. Bald glaubte er zu entdecken, daß die Blinde etwas auf dem Gewissen habe, was sie sehr zu beunruhigen schien und auf seine trostreiche Zusprache entdeckte sie ihm, was sie ihrem sterbenden Vater feierlich gelobt und leider nicht gehalten hatte.
„Seit das Unglück mich Schlag auf Schlag traf," schloß sie, „dachte ich wohl zuweilen, ob dieses vielleicht eine Folge von meines Vaters Fluch sei, weil ich seinen letzten Willen nicht erfüllt habe Dann aber mußte ich wieder über diesen Glauben lachen, denn der Vater ist jetzt bei Gort und wird nicht an einen alten Kasta- nienbaum denken."
„O, Frau Sievers," entgegnete der Kandidat ernst, „der letzte Wille eines Vaters, überhaupt eines jeden Sterbenden sollte heilig gehalten, ein so feierlich gegebenes Versprechen aber darf niemals gebrochen werden und um ihre Angst los zu werden, sollten Sie nicht säumen, noch jetzt und sobald als möglich dasselbe zu erfüllen."
„Sie sprechen mir aus der Seele, Herr Warm", rief die Blinde, nach seiner Hand fassend, um sie herzlich zu drücken. „Ich selbst dachte schon öfters daran, aber ich scheute mich vor dem Gerede der Leute. Auch mochte ich selbst den Baum nicht missen. Aber noch heute soll derselbe an meines Vaters Grab verpflanzt werden."
(Fortsetzung folgt.)