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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Samstag, den 18. November 1905.
56. Jahrgang.
Für unsere Truppen in Südwestafrika sind in Folge meines Aufrufs bei hiesiger Sammelstelle eingegangen und abgesandt worden:
6 Flaschen Wein und 1 Pfd. Tabak von Steinau 300 Stück Zigarren von Schlüchtern
27 Mk. 50 Pfg. Geldgeschenke von Einwohner in Schlüchtern
9 Mk. 60 Pfg. Geldgeschenke gesammelt von der Schule zu Gundhelm.
Die Sammelstelle bleibt bis zum 1. Dezember geöffnet.
Schlüchtern, den 14. November 1905.
Der Vorsitzende des Roten-Kreuzvereins: Graf zu Solms.
Ansprache an die Bevölkerung über die Bedeutung und' Ausführung der Volkszählung
am 1. Dezember 1905.
Mit dein 1. Dezember d. I. kehrt in Preußen wie im ganzen Deutschen Reiche der Tag der Volkszählung wieder.
Die unbedingte Notwendigkeit regelmäßiger Aufnahmen dieser Art ist allgemein anerkannt. Kein Volk vermag sie zu entbehren, das sich über die Grundlagen seiner Größe und Entwickelung, insbesondere über Zahl, Geschlecht, Alter, Familienstand, Beruf, Religionsbekenntnis und sonstige persönliche Eigenschaften seiner Angehörigen unterrichten will. Die Ergebnisse der Volkszählung dienen aber bei uns nicht nur der wissenschaftlichen Erforschung wichtiger Verhältnisse des Volkslebens, sondern auch mancherlei praktischen Zwecken, wie der Verteilung gemeinsamer Einkünfte und Lasten der einzelnen Bundesstaalen, dr Regelung der Münzprägung sowie der Ordnung vieler Verhältnisse, welche sich nach der Volkszahl richten, wie z. B. die Zuständigkeit von Behörden der allgemeinen Landesverwaltung, die Bildung von Stadtkreisen und Urwahlbezirken, die Wahl von Abgeordneten zu den Kreis- und Provinziallandtagen, die Gemeindewahlen usw.
Eine Aufnahme von dem Umfange der Volkszählung ist nicht ohne erhebliche Mühe durchzuführen. Ein Blick auf den Verlauf des Zählverfahrens zeigt aber sogleich, daß der Bevölkerung selbst hieraus verhältnismäßig nur wenig Arbeit erwächst.
In den Tagen vom 28. bis 30. November d, I werden im ganzen Staate etwa eine Viertelmiüiou
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Des Dertevs letzter Wille.
Erzählung nach einer wahren Begebenheit.
Jakobine's Eltern sah er wenig und erst als er auf dem Totenbette lag, ließ er die Tochter, die sich ihm nur noch mit Furcht und Grollen nahte, zu sich rufen. Mit freudiger Erwartung sah sie einigen angenehmen Ausschlüssen über gewisse große Kapitale entgegen, die ihr Vater vor einem Jahre dem Handel entzogen hatte. Allein sie sah sich sehr getäuscht. Der Vater empfahl ihr nur fromm und gut zu sein, ihm ein kindlich liebevolles Andenken zu bewahren, nach seinem Tode ihm eine angenehme Ruhestätte zu bereiten und ihm vor allen Dingen die Kastanie, neben der er so manche angenehme Stunde verlebt, an sein Grab pflanzen zu lassen.
Sie drückte das Taschentuch in die Augen und nickte bejahend mit dem Haupte.
„Nein, nein!" rief der Vater mit erhöhter Stimme, „versprich es mir feierlich. Gib mir die Hand darauf, und sage mir, daß Du Wort halten willst."
Mit einer Art^Schauder ergriff sie die, wie drohend ausgestreckte, schon- eiskalte Hand und sagte: „Vater ich gelobe Dir, den Baum an Dein Grab pflanzen zu lassen."
„Daran, Jakobine, wirst Du auch gut tun," versetzte der Alte, sank matt in die Kissen zurück und das Leben war entflohen.
Kalt und teilnahmslos betrachtete die Tochter einige Augenblicke die erstarrende Leiche, dann wandte sie sich der Türe zu und eilte, wieder in das neue Haus zu gelangen.
Zum großen Erstaunen des Herrn Sievers und der unbeschreiblichen Wut seiner Frau, fand sich jetzt das
Zähler bei den einzelnen Haushaltungen vorsprechen, um für jede in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember d. I. voraussichtlich dort anwesende Person eine „Zählkarte A" und für jede Haushaltung ein „Haushaltungsverzeichnis B" zu überreichen. Als Umschlag für diese Papiere dient ein „Zählbrief C/D", dem zugleich eine „Anleitung C" zur Ausfüllung der Zählkarten sowie je eine Musterausfüllnng aufgedruckt ist.
Die Haushaltungsvorstände, d. h. die Familien- Häupter haben nur
a) die Zählpapiere in Empfang zu nehmen,
b) sie gemäß der Anleitung C auszufüllen oder durch geeignete Vertreter ausfüllen zu lassen und
e) sie vom 1. Dezember d. I. mittags 12 Uhr an zur Abholung durch den Zähler bereitzuhalten.
Die Fragen der Zählpapiere sind nicht zahlreich, durchweg einfach und völlig unverfänglich. Niemals werden die durch die Zählung gewonnenen Nachrichten über einzelne Personen veröffentlicht ooer für andere als statistische, besonders auch nicht für steuerliche Zwecke benutzt. Die aus den Zählpapieren gewonnenen Ergebnisse gehen in allgemeine Tabellen über, in in welchen der einzelne Mensch nicht mehr erkennbar ist. Die Zählpapiere selbst werden nach beendigter Arbeit eingestampft; jedermann darf danach sicher sein, daß die Angaben seiner Zählkarte über Alter, Religion, Staatsangehörigkeit, Militärverhältnis, Beruf und Erwerb, etwaige Mängel und Gebrechen usw. nicht vor unberufene Augen kommen oder an die Oeffent- lichkeit gelangen.
Auf ein vertrauensvolles Entgegenkommen der Haushaltungsvorstände wie überhaupt der ganzen Bevölkerung, auch hinsichtlich der nicht vom Staate, sondern von einzelnen Gemeinden gestellten Fragen dürfen die Zähler hiernach wohl um so eher rechnen, als diese Männer ihre umfangreiche und mühevolle Arbeit fast sämtlich freiwillig übernommen haben und bem Gemeinwesen dadurch wertvolle Dienste leisten. Nachdem die zuständigen Behörden Anordnung getroffen haben, daß den Beamten der verschiedenen Verwaltungen die für ihre regt Beteiligung am Zählgeschäfte erforderlichen Diensterleichterungen zu gewähren sind, darf erwartet werden, daß alle noch hinreichend rüstigen, dienstlich abkömmlichen Reichs-, Staats- und Gemeindebeamten einschließlich der an höheren, Mittel- oder Volksschulen angestellten und wegen Ausfallens des Unterrichts am Zähltage dienstfreien Lehrer einer Auf
Vermögen des Vaters gar nicht so bedeutend, und über seine Kapitalien nicht die geringste Auskunft. Der Lieblingswunsch des Ehepaares konnte nur insofern erfüllt werden, als man sich ein kleines Landhaus mietete und alle Hoffnungen auf künftigen Glanz und Reichtum mußten erstickt werden.
Von dem Versprechen, das sie dem Vater gegeben, sagte ^rau Sievers ihrem Manne nichts Es zu halten, fiel ihr, selbst im Traum, nicht ein. Das nun verwahrloste Gärtchen wurde verschlossen und unter dem üppig wuchernden Unkraut wuchs die Kastanie einsam und kümmerlich weiter.
Die Jahre vergingen. Sievers, nicht so glücklich in seinen Spekulationen wie sein Schwiegervater, starb mit dem Rufe eines redlichen aber nicht sehr klugen Mannes und seine Frau, die nur an seiner Seite einen anderen Charakter angenommen hatte, gewann jetzt wieder die frühere Aehnlichkeit mit ihrem Vater. Finster und verschlossen lebte fie einsam mit der lieblich heranblühenden Jakobine in dem neuen Hause und setzte mit Hülfe eines Buchhalters das Geschäft des Vaters fort.
Dieser Buchhalter, ein leichtfertiger aber schlauer Mensch, wußte seinen eigenen Vorteil dabei so gut wahrzunehmen, daß er sich erst in das so unzugängliche Herz seiner Prinzipalin schlich, dann die Hand der fdbönen sanften Jakobine und zuletzt die umum= schränkte Herrschaft über das Vermögen seiner Schwieger- Mutter erlangte. Er trug dafür Mutter und Tochter auf den Händen und auf seine sorglich liebevollen Bitten bewohnten diese jetzt um des Genusses einer besseren Luft, Sommer und Winter das Landhaus, das seine zärtliche Fürsorge mit allen Annehmlichkeiten ausstattete.
forderung der Gemeindebehörde, das Ehrenamt eines Zählers zu übernehmen, bereitwilligst Folge leisten werden.
Das Gelingen der Aufnahme hängt wesentlich von dem Zusammenwirken der Zähler mit den Haushaltungs- Vorständen ab. Diese werden deshalb ersucht, den Zählern ihr Amt nach Möglichkeit zu erleichtern und ihnen unnütze Gänge oder Arbeiten zu ersparen. Sie können dies tun durch richtige, deutliche Ausfüllung der Zählpapiere, bereitwillige Auskunft über etwaige Lücken oder Undeutlichkeiten in der Ausfüllung und durch die Sorge für sichere und schnelle Empfangnahme der Zählpapiere sowie bereit Bereithaltung zur Wieder- abholung — auch für den Fall, daß der Haushaltungs- Vorstano selbst nicht zu Hause sein sollte. Die Zähler genießen in der Ausübung ihrer Pflichten den besonderen Schutz der Gesetze; es wird aber wohl kaum einer von ihnen diesen anzurufen brauchen, sondern alle werden ohne werteres die Rücksicht finden, die jeder für das allgemeine Beste arbeitende Staatsbürger beanspruchen darf.
Das Königliche Statistische Landesamt wird das Seinige tun, um den Urstoff der Aufnahme- möglichst schnell aufzubereiten und ihn durch ausgiebige Veröffentlichungen für die Gesetzgebung, Verwaltung, Wissenschaft und Volkswohlfahrt nutzbar zu machen.
Berlin, im November 1905.
Königlich Preußisches Statistisches Landesamt: Dr. B l e n ck, Präsident.
Deutsches Reich.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: „Das „Berl. Tgbl." will gegen andere bessere unterrichtete Blätter die Behauptung aufrecht erhalten, daß die Mittelmeerreise des Kaisers für das nächste Jahr festgesetzt sei. Die „Hohenzollern" habe Befehl erhalten, Mitte Januar seeklar zu sein. Derselbe Befehl sei an den „Sleipner" gegangen. Der Kreuzer „Dork" solle seine Probefahrten derart beschleunigen, daß er zu derselben Zeit fahrbereit sei. Die Schiffe würden die italienischen Gewässer aufsuchen und bis Konstantinopel dampfen. An allen diesen Angaben über die Vorbereitung der Mittelmeerfahrt des Kaisers ist nicht ein wahres Wort."
— Die Einberufung des preußischen Landtages ist sicherem Vernehmen nach für den 5. Dezember in Aussicht genommen.
— Bei der Vereidigung der Rekruten in Potsdam hielt Kaiser Wilhelm eine Rede, die nach den vor-
Hier erzog Jakobine ihre einzige Tochter Meta mit treuer Mutterliebe und all der Sorgfalt, die von dieser eingegeben, durch reiche Mittel unterstützt ward. Meta war etwa zehn Jahre aB und der einzige Trost ihrer Mutter, welche längst die ausschweifende Lebensart ihres Mannes und feine vollkommenen Heuchlerkünste entdeckt hatte, mit denen es ihm gelungen war, feine Schwiegermutter sowohl über den Stand ihres Geschäftes, als über seine eigene Schlechtigkeit zu täuschen. Da brach wie ein Blitz aus heiteren: Himmel das Unglück über Frau Sievers und die Ihrigen herein. Der Schwiegersohn war eines Tages spurlos verschwunden, die Geschäfte in der größten Verwirrung zurücklassend; das große Haus mußte nun auch verkauft werden und Frau Sievers blieb nur das sogenannte Altenteil nebst einer kleinen Rente übrig.
Jakobine hatte sich kauni von ihrer ersten Bestürzung erholt, als sie einer zweiten Tochter das Leben gab und ihr müdes Auge im Tode schloß.
Die Großmutter und Meta weinten viele Tränen, aber das Kind besaß in dem kleinen Schwesterchen ein Spielzeug das es bald über den Verlust der Mutter tröstete. Die Thränen der Großmutter dagegen flossen län, er und als sie versiegten, war auch die Sehkraft der Augen erloschen.
Blind und arm saß nun Frau Sievers auf dem Bänk- chen neben der Kastanie, für welche sie jetzt dieselbe Liebe zu hegen schien, die ihr Vater noch sterbend bezeigte und wenn ihre feinfühlende Hand schmeichelnd über die glatte Rinde derselben glitt und die kleine muntere Marie zu ihren Füßen fröhlich spielte und Meta ihr vorlas, so empfand sie jetzt zuweilen etwas, was dem behaglichen Gefühle glich, mit welchem der Schiffer nach einer stürm- bewegten Fahrt an seinem Herde ausruht. (F. f.)