SchlüchternerÄitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 9L Mittwoch, den 15. November 1905. 56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Wie zu erwarten war, hat die Ersatzwahl im Eisenacher Wahlkreise ein endgültiges Resultat im ersten Wahlgange nicht ergeben. Nach den bisher vorliegenden Nachrichten haben erhalten der Kandidat der Freisinnigen Volkspartei, Redakteur Kühner 2649, der Nationalliberalen, Professor Flex, 2705, der Kandidat der Deutschsozialen Partei und des Bundes der Landwirte, Schack, 3714, der Sozialdemokrat Leber 6540 Stimmen; außerdem sind für den Abg Müller-Fulda der als Zählkandidat des Zentrums aufgestellt worden war, 751 Stimmen abgegeben worden. Das Resultat ist daher eine Stichwahl zwischen dem Sozialdemokraten und Deutschsozialen. Für die bürgerlichen Parteien kann es selbstverständlich bei der Stichwahl keine andere Parole geben als die: Gegen die Sozialdemokratie! Wer anders handeln wollte, würde sich am Vaterlande versündigen.
— Bei den Gemeinderatswahlen in Nürnberg siegte die konservätiv-mittelstündlerisch nationalliberal- freisinnig-demokratische Liste mit etwa 8100 Stimmen gegen die sozialistische mit etwa 5400 Stimmen.
— Die Einigung der Liberalen in Bayern ist in Nürnberg neu besiegt worden. Vertreter der National- liberalen, der Freisinnigen, der Deutschen Volkspartei, der Jungliberalen und Nationalsozialen beschlossen, unter Aufrechterhaltung der Selbständigkeit jeder Gruppe einen Zentralausschuß mit dem Sitz in Nürnberg ein- zusetzen, um ein geschlossenes Auftreten in allen gemeinsamen Fragen, besonders zur Vorbereitung der Wahlen, herbeizuführen. Die Beschlüsse des Ausschusses dürfen nicht durch Majorisierung, sondern nur durch Einigung erzielt werden. Die Abgeordneten sind bei bet parlamentarischen Abstimmung an die Beschlüsse des Zentralausschusses nicht gebunden.
— Der Bauernverein Treptow hat an den Reichskanzler FürsteN v. Bülow folgendes Danktelegrainm gerichtet: „Ew. Durchlaucht sagt der Bauernverein Treptow (Rega) aufrichtigsten Dank für den unent- wegten Schutz der Landwirtschaft im ganzen und der deutschen Viehbestände gegen Seuchengefahr. Wir fassen wieder neuen Mut für unseren schönen Beruf, und das verdanken wir Ew. Durchlaucht."
— Zur Verstärkung des Grenzschutzes während der gegenwärtigen russischen Unruhen ist die Gen» darmerie des Kreises Kattowitz an der Grenze in mehreren Trupps zusammengezogen. Das Hauptkommando hat Landrat Gerlach in Myslowitz aufge
stellt. Erhebliche Gendarmeriekräfte auswärtiger Kreise stehen, wie die „Schlcf. Ztg." mitteilt, für den Notfall zur Unterstützung bereit.
— Der Vorstand des christlichen Arbeitervereins ist in der Lohnbewegung der Sächsisch-Thüringischen Textil-Jndustrie auf die Seite der Arbeitgeber getreten und fordert in einem an die Textil-Arbeiter von Greiz und Umgebung gerichteten Aufrufe auf, die Arbeit zu den neuen von den Fabrikanten gebotenen Lohnbe« dingungen aufzunehmen.
— Zur Reform der Strafprozeßordnung schreibt die „Deutsche Juristen-Ztg.": Wie wir erfahren, werden in der nächsten Zeit vertrauliche Besprechungen zwischen Vertretern der größeren Landesjustizverwaltungen über die Grundlagen der Strafprozeßreform im" Reichsjustizamt ist auf dem Boden der von der Strafprozeßkommission gefaßten Beschlüsse ein Reformprogramm ausgestellt worden, das den Besprechungen zu gründe gelegt werden soll. Da die Landesjustizverwaltungen über die Beratungen der Strafprozeßkommission stets auf dem laufenden gehalten worden sind, so dürfte es ihnen nicht schwer fallen, zu den entscheidenden Fragen Stellung zu nehmen. Ist letzteres geschehen, dann tritt an das Reichsjustizamt die Aufgabe heran, einen Entwurf auszuarbeiten, wie er auf die Zustimmung des Bundesrats rechnen darf Wie lange die vertraulichen Besprechungen dauern werden, läßt sich jetzt allerdings noch nicht sagen.
Ausland.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Aus Petersburg ist vor einigen Tagen in ausländischen Blättern berichtet worden, lediglich die Zarin werde das Anerbieten des deutschen Kaisers, an Bord des Kreuzers „Lübeck" Rußland zu verlassen, annehmen, und zwar wegen ihres unbefriedigenden Gesundheitszustandes. Diese Meldung ist unsinnig. Der Kaiser hat kein derartiges Anerbieten machen lassen: der Kreuzer „Lübeck" hat den Hafen von Memel nicht verlassen.
— Aus Deutsch-Ostafrika meldet Gouverneur Gxäf Götzen, daß die Ausständigen bei Songea in fünf Gefechten geschlagen wurden und große Verluste erlitten. Die vereinigten Abteilungen des Bezirksamtmanns Richter, Hauptmanns Nigmann und Leutnants Klinghardt haben am 21. Oktober bei Nyamabengo— Songea ohne eigene Verluste 4000 Wangoni geschlagen.
— Die Obstruktion auf den österreichischen Bahnen gewinnt weiter an Ausdehnung. Auch der größte Teil
der Angestellten der Aussig - Teplitzer Bahn hat sich der Bewegung angeschlossen. Infolge Kohlenmangels haben bereits mehrere Brauereien den Betrieb eingestellt.
— Im böhmischen Landtage kam es zu stürmischen Szenen, weil trotz des Protestes einiger tschechischer Abgeordneten der Overstlandmarschall die Verlesung der konfiszierten Stellen aus beschlagnahmten tschechischen Blättern nicht gestatten wollte. Der Großgrundbesitz war derInsicht,' daß der Oberstlandmarschall im Rechte sei. Infolgedessen entstand auf den Bänken der Radikalen ein Lärm, der mehrere Minuten lang anhielt. An den Zwischenrufen beteiligten sich auch einige deutsche Abgeordnete. Der Abg. Richter rief, daß die Exzesse vom Jahre 1897 durch Räuberbanden inszeniert wurden. Dieser Ruf gab zu einem furcht« baren Spektakel Anlaß. Die Sitzung mußte unterbrochen werden, doch hielt die Erregung noch lange nach. Nach Wiederaufnahme der Sitzung trat wieder einigermaßen Ruhe ein.
— Bei den Wahlen in Amerika ist der demokratische Kandidat Berry in Pennsylvania mit einer Mehrheit von 75000 Stimmen zum Schatzmeister gewählt worden. Die Reformer hatten in der Stadt Philadelphia mit einer Mehrheit von 43 000 Stimmen einen überwiegenden Erfolg. In Virginia haben die Demokraten eine Mehrheit von 2000 Stimmen, in Rhode Island die Republikaner mit 5000 Stimmen. Die Republikaner trugen in Maryland den Sieg davon, nachdem der Zusatz zum Wahlgesetz der den Negern die Wahlberechtigung absprechen sollte, abgelehnt worden ist.
-f In der französischen Deputiertenkammer hat l)ie allgemeine Politik stattgefunden. Nach Schluß der Debatte wurden mehrere Tagesordnungen eingebracht. Rouvier erklärte sich für die von Dumont (radikal) eingebrachte Tagesordnung, welche besagt, das Haus zähle auf die Regierung, daß sie die Trennung von Staat und Kirche durchführe, indem sie sich einzig auf die Mehrheit stützte, welche die Reform votiert hat. Rouanet (Sozialist) verlangte die Priorität für seine Tagesordnung, welche die Politik der Regierung als ungewiß und zweideutig verurteilt. Diese Priorität „ wurde mit 372 gegen 116 Stimmen abgelehnt und die Tagesordnung mit 310 gegen 147 Stimmen angenommen.
— Die Hafen- und Arsenalarbeiter von Brest, Cherbourg, Lorient und Toulon hielten neuerdings große Versammlungen ab, in denen der Generalaus-
Des Datevs letzte? Mille.
Erzählung nach einer wahren Begebenheit.
In Hamburg gab es noch während der ersten Hälfte des Jahres 1842, nicht weit von der St. Nikolaikirche, eine enge, düstere Straße, deren schmale, hohe Giebelhäuser sich gegenseitig Luft und Sonne raubten und unter denen ein einziges großes Gebäude mit neuem Anstrich und hellen Spiegelfenstern wie ein junger Fürst im Volksgedränge erschien. Das Haus war vor etwa vierzig Jahren von einem reich gewordenen Lumpenhändler namens Druse erbaut, der arm in dieser Straße sein Leben begonnen hatte und nun reich geworden, auch in derselben es beschließen wollte.
Neben dem Hause führte ein enger hoher Torweg in einen viereckigen Hofraum, der von Gebäuden, den ärmlichsten in der Straße ähnlich, eingefaßt und größtenteils von Leuten bewohnt war, welche keine hohe Miete bezahlen konnten. Der düstere Raum gehörte zu dem großen Hause, ward Drusenhof genannt, und auf ihm befand sich auch der Speicher.
Dickt neben diesem stand noch ein Haus, welches die Nordseite und daher noch weniger Luft und Sonne als die übrigen Gebäude hatte. In ihm ward Herr Druse geboren und dieses dunkle Haus mit den niedrigen und feuchten Zimmern hatte er für sich zum Altenteile bestimmt.
Wenn seine Frau nicht dagegen gewesen wäre, so würde Herr Druse vielleicht schon im zweiten Jahre nach ihrem Einzüge in das neue Gebäude dasselbe wieder verlassen und sein Altenteil bezogen haben, denn ihi» war die Luft in den hohen Zimmern mit der Morgensonne zu rein, zu trocken. Er besaß eine sogenannte Kellerrattennatur, war mäßig in seinen An
sprüchen an das Leben und liebte eigentlich nichts als das Geld und ein klein wenig seine Frau. Das Kleinwenig Liebe war mit etwas Furcht gepaart und der sonst so eigensinnige und feste Druse stand unter dem Pantoffelregiment seiner Gemahlin, einer nicht gebildeten, aber schlauen und lebenslustigen Frau und da diese sich nun in den hohen Zimmern sehr wohl befand, so mußte Herr Druse seine Sehnsucht nach dem Altenteil einstweilen unbefriedigt lassen.
Neben dem Speicher war ein kleines Gärtchen, in welchem auf kleinen Beeten einige Pflanzen, die ebenfalls ohne Luft und Sonne gedeihen, ein kümmerliches Dasein fristeten, und das mit einem weißlackirten Bänk- chen versehen, Herrn Druse sein Lieblingsaufenthalt nach vollbrachtem Tagewerk war. Hier träumte er in Zahlen und vermehrte im Geiste seine Reichtümer; hierher führte er auch fein einziges Töchterchen, das in allem sein Ebenbild war, mit sich und erteilte ihm selbst Unterricht im Rechnen, während feine heitere Frau Gesellschaften gab, die wegen der prachtvollen Einrichtung des Hauses und der auserlesenen kostbaren Leckereien sowie des ungezwungenen Tones halber, der dabei herrschte, so beliebt wurden, daß Frau Druse trotz der mangelnden Bildung bald für eine sehr liebenswürdige Wirtin galt.
Herr Druse besaß aber eine festere Gesundheit als seine Frau, denn bald nachdem dieselbe ihre Tochter an einen wackeren Mann, namens Sievers, verheiratet hatte, segnete sie das Zeitliche. Er überließ ihm nun das neue Haus und befriedigte die Sehnsucht seines Herzens nach dem dumpfen Alrenteile.
Geld, Geld und wieder Geld war von nun an der alleinige Gegenstand aller Gedanken und Gespräche des alten Herrn und er schüttelte oft unwillig und sorgen
voll das Haupt, als er bemerkte, daß seine Tochter, die ihren Mann leidenschaftlich liebte, seit ihrer Verheiratung ganz andere Grundsätze anzunehmen schien, als der Vater ihr für das ganze Leben eingeimpft zu haben glaubte.
Der Schwiegersohn liebte die schönen Künste und die Natur, Er führte seine junge Frau häufig an Orte, wo die ersteren sich entfalteten und um die Sehnsucht nach der zweiten mehr befriedigen zu können, war der Gegenstand seiner heißesten Wünsche ein Landhaus, das man während der schönen Jahreszeit bewohnen könne. Allein Herr Druse, der noch im Besitze des baren Vermögens war, machte sehr ernstliche und sogar drohende Gegenvorstellungen gegen derartige Pläne, Der Schwiegersohn fand sich mit Betrübnis, seine Frau innerlich grollend und schmollend mit dem starrsinnigen geizigen Vater in das unabänderliche und sie sahen sich genötigt, vor wie nach das Kaffeetrinken in dem Gärtchen des Vaters für ein hohes Fest zu halten, wenn sie nicht all sein Geld, wie er drohte, in fremde Hände übergehen sehen wollte.
Spät noch schenkte der Himmel Frau Sievers die Hoffnung auf ein Kind und der alte Herr war überglücklich, als er ein kräftiges Enkelkind über die Taufe hielt, das nach ihm Jakobine genannt war und in dessen blauen Augen er die sprechendste Aehnlichkeit mit seinen eigenen entdecken wollte.
Am Tauftage, der im Spätherbst fiel, machte er noch einmal den Versuch, der bisher oft mißlungen war, einen Baum in das Gärtchen zu pflanzen und welcher auch zu seiner Freude anwuchs. Das Herz des alten Druse war von jetzt an in drei Teile geteilt, der eine klebte am Gelde, der zweite gehörte der kleinen Jakobine und der dritte hing an der Kastanie. (F. f.)