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X 90.
Samstag, den 11. November 1905.
56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Einer Meldung des B. T. aus Kiel zufolge tritt der Kaiser im Februar eine auf sechs Wochen berechnete Mittelmeerfahrt nach Italien und Kon- stantinope! an. Der Panzer-Kreuzer „Aork" und das Depeschenboot „Sleipner" begleiten die Kaiserjacht „Hohenzollern", die der Kaiser für seine Fahrt benutzt.
— Am 7. November, vormittags 11 Uhr fand im Lustgarten in Berlin die Vereidigung der Truppen der Garnisonen Berlin, Charlottenburg, Spandau und Lichterfelde statt. Anwesend waren die Kgl. Prinzen, der Fürst von Hohenlohe, Kriegsminister v. Einem, Tirpitz, die Generalität und Admiralität. Das Wetter war herrlich. Dem Schlosse gegenüber stand der von Kanonen, Trommeln, Gewehren und Lanzen umgebene Feldaltar. Die Rekruten waren im Paradeanzug mit Mäntel erschienen. Um 11 Uhr kam der Kaiser in Feldmarschalluniform, das Band des Schwarzen Adlerordens über dem Mantel, ebenso wie der König von Spanien, der die Abzeichen seines Magdeburgischen Regiements trug, zu Pferde. Die Kaiserin im Samt- kleide wohnte der Feier vom offenen Schloßfenster aus bei. Der Kaiser, den auch der Kronprinz und Prinz Eitel-Friedrich begleiteten, begrüßte die Mannschaften mit einein „Guten Morgen!", dann hielten zunächst der evangelische und hierauf der katholische Feldpropst Ansprachen. Diesen folgte die eigentliche Vereidigung und eine Rede des Kaisers.
, — In Koburg vollzog sich am Sonntag der Einzug des neuvermählten Herzogspaars unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. Auf dem Bahnhofs» Vorplätze hatten sich die Stadtverwaltung, der Magistrat und die Stadtverordneten aufgestellt, Schulen bildeten Spalier. Oberbürgermeister Hirschfeld richtete hier an die Herzogin eine Ansprache, in der er sie namens dc Stadt Koburg herzlich begrüßte und dem Wunsche Ausdruck gab, daß die Herzogin in ihrer neuen Heimat ein trautes Familienglück finden möge. Der Herzog erwiderte im Namen seiner Gemahlin in huldvollen Worten. Auf dem Marktplatze fand eine Begrüßung durch 60 in Empirekostüme gekleidete Koburger Damen statt, von denen eine einen von Geh.-Rat Dr Tempeltey gedichteten Prolog sprach. Die Herrschaften waren sichtlich entzückt von den ihnen bereiteten Huldigungen. Abends war im Schlosse Tafel, im Hoftheater Festvorstellung.
— Kaiser Wilhelm hat die Verdienste des Generals von Trotha, des Majors Meister und des Hauptmanns
Will Gepingtsn.
Erzählung von George R. Sims.
„Beim Himmel, Will," rief er, „Du bist ein glücklicher Bursche! Du wirst nun für den Rest Deines Lebens wie ein großer Herr leben und immer die Taschen voll Gold und Banknoten haben. O, welch ein Dasein wollte ich führen, wenn ich Deine Aussichten härte!"
Wir saßen noch rauchend und plaudernd beisammen, als er plötzlich ganz unvermittelt sagte: „Will, wirst Du ärgerlich sein, wenn ich Dich um eine Gefälligkeit bitte?"
„Gewiß nicht," erwiderte ich.
„Dann hör mal zu, alter Knabe: Bezahle meine Ueberfahrt nach England nnd laß mich mit Dir gehen. Ich habe das elende Leben, das ich hier führe, satt und wenn ich selbst meinen Onkel in London aufsuche. wird er sicher noch etwas für mich tun und ich kann Dir auf Heller und Pfennig zurückgeben, was Du jetzt für mich auslegst."
Was konnte ich tun? Es würde niedrig gewesen sein, ihm die Bitte abzuschlagen, da ich so reichlich mit Geld versehen war. Ich willigte also, ein und wir beschlossen, die Reise in demselben Schiffe zu machen.
Eine Woche später sagte ich Bella Lebewohl, versprach ihr, daß sie bald von mir hören und daß die Trennung nicht lange währen sollte und dann brach ich sowie auch Mark Hewitt nach Quebec auf, von wo aus wir uns nach Liverpool einschiffen wollten.
Wir machten den ersten Teil der Reise jedoch nicht zusammen, sondern trafen uns erst unterwegs, ungefähr eine Tagesreise von dem Ausgangspunkte. Hewitt hatte mich gebeten, keiner Seele zu sagen, daß er mit mir ginge, weil er fürchtete, er könnte am Ende daran verhindert werden und ich Narr gab ihm das Versprechen
Franke um die Niederwerfung des südwestafrikanischen Aufstandes durch Verleihung des Ordens pour le merite belohnt. General von Trotha kehrt nach Eintreffen des neuen Gouverneurs in Swakopmund nach Deutschland zurück.
— In den sächsisch-thüringischen Webereien haben sich nicht so viel Arbeitswillige eingefunden, daß Aussicht vorhanden ist, die Betriebe weiterführen zu können. Die Betriebe werden infolgedessen voraussichtlich am Sonnabend wieder geschlossen werden. Auch die Färberei-Konvention beschloß, in diesem Falle ihre sämtlichen Betriebe am Sonnabend zu schließen.
— Im Gürzenich zu Köln fand kürzlich eine vom Ostmarken-Verein veranlaßte Versammlung statt, die insofern größere Bedeutung hatte, als zum ersten Male in der Hauptstadt des Rheinlandes und in der Rheinprovinz überhaupt eine derartige größere Veranstaltung vor sich geht. Es hat an ihr außer dem Geschäftsführer des Hauptvereins, Herr Viktor Schoultz, als Vortragsredner, der Vorsitzende des Hauptvorstandes, Herr v. Tiedemann-Seeheim, sich persönlich beteiligt. Man erhofft von dieser Versammlung dir Erweckung einer regeren Teilnahme der nationalen Kreise der Westmark für die durch die polnischen Bestrebungen bedrohte deutsche Ostmark.
— Der Abgeordnete Storz von der süddeutschen Volkspartei hat an den Rechtsanwalt Dr. Pezoldt in Plauen ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt: „War immer Kolonialfreund und habe das im Sommer d. I. durch Eintreten für die Kamerunbahn, die schon vor zehn Jahren hätte gebaut werden müssen, betätigt. Ich bin überzeugt, daß dann die Kolonie blühen wird. Jetzt müssen in Ermangelung von Transportmitteln Millionen Werte jedes Jahr verkommen." _________
Ausland.
— Der deutsche Botschafter in Washington Freiherr Speck von Sternburg sprach beim Staatsdepartement vor und eröffnete formell die Handelsvertrags- Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten indem er die bereits vom Reichskanzler Fürsten Bülow gekennzeichneten Vorschläge der deutschen Regierung dem Staatssekretär Root unterbreitete.
— Die Verhandlungen über einen neuen deutschchinesischen Handelsvertrag, der das von England und Amerika begönne Vertragswert fortsetzen soll, sind vorn Generalkonsul Dr. Knappe mit den chinesischen Bevoll- mächtigten eingeleitet und in erster Lesung zu einem gewissen Abschluß gebracht worden. Die Unterhändler
und hielt es auch.
Anstatt direkt nach Quebec zu gehen und uns dort einige Tage auszuruhen, überredete mich Hewitt, einen Umweg zu machen, damit er Freunde, welche dort in der Nähe in einer kleinen Stadt lebten, besuchen könnte. Wir sandten daher unser Gepäck voraus nach dem Schiff und da Hewitt nur sehr wenig mit sich führte, wurde alles unter meinem Namen aufgegeben.
Als wir in dem Städtchen ankamen, erfuhr Mark nach einigen Erkundigungen, daß seine Freunde die Stadt verlassen hätten und aufs Land gezogen wären. Es war nicht sehr weit und so machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Zu meinem Erstaunen schien er die Gegend ganz genau zu kennen und ich entnahm daraus, daß er sich vor einigen Jahren bei seiner Ankunft von England längere Zeit hier aufgehalten haben müßte.
Strecken unseres Weges führten durch Wald und da derselbe sehr dicht und einsam war, hatte ich oft Sorge, wir könnten uns verirren und nicht zur Zeit für den Nachtzug zurückkommen. Hewitt versicherte, er kenne den Weg und wir gingen weiter. Als wir zehn Ginnten durch den Wald gewandert waren, wurde der Pfad so eng, daß nur einer hinter dem andern schreiten konnte. Hewitt ging voraus. Plötzlich wandte er sich um. Ein Blick in sein Gesicht ließ mich erschreckt zurückfahren; doch bevvr ich nach Hilfe schreien oder mich verteidigen konnte, fühlte ich einen scharfen Schmerz in meiner Brust.
Ich glaubte einen Ton zu hören, als ob sich im Walde etwas regte; aber in demselben Augenblick stürzte ich zu Boden und schlug im Fallen so heftig mit dem Kopfe gegen einen Baumstamm, daß ich die Besinnung verlor. Wie lange ich dann so bewußtlos dort ge-
werden über das bisherige Ergebnis ihren Regierungen schriftlich und mündlich berichten. Generalkonsul Knappe, der vor Beginn der Verhandlungen einen ihm aus Gesundheitsrücksichten erteilten Urlaub anzu- treten im Begriff war, wird nunmehr in die Heimat zurückkehren.
— Die Lage in Rußland ist noch immer bedrohlich. In vielen Städten dauern die Kämpfe noch an. Der Generalgouverneur von Finnland ist geflohen. Die nationalpolnische Bewegung dauert fort. Ueber Wirballen wurde der Verkehr nach Rußland teilweise wieder ausgenommen.
— Auf Kreta haben die drei kretensischen Chefs Velisedos, Manos und Vunis den Generalkonsuln der vier kretischen Schutzmächte angezeigt, daß sie bereit seien die Waffen niederzulegen. Damit betrachtet man die Insurrektion allgemein als beendet. Ueber die von den Insurgenten verlangte Amnestie wird beraten. Sie dürfte gewährt werden.
— Die Streitigkeiten Neufundland mit den Amerikanern wegen der Heringfischerei in der Bay of Islands nähern sich ihrem Höhepunkte. Der koloniale Kreuzer „Fiona" hielt einen Dampfer an, der im Begriff war, Leute außerhalb der Drei-Meilengrenze zu bringen, um sich der Besatzung eines amerikanischen Fischereifahrzeuges anzuschliesten. Die „Fiona" drohte den Dampfer wegzunehmen, wenn er die Drei-Meilen- grenze überschreite ohne eine richtige von den Zollbehörden genehmigte Ausklarierung. Diese verweigerten die Zollbehörden, es sei denn zum Zweck einer wirklichen Reise. Die Amerikaner erklären, sie wollen in Washiügton um ein Kriegsschiff bitten.___
Lokales und p.üöinstelles.
Schlüchtern, 10 November 1905.
—* Morgen, Sonntag, predigt im Morgengottes- dienst der evangelischen Gemeinde ein Missionar der Kölner Missionsgesellschaft für Israel, der auf einer Predigtreise durch Hessen begriffen ist.
—* Zahlen! Wer mit der Steuerzahlung für das laufende Vierteljahr noch im Rückstand ist, säume hiermit nicht länger. Am 16. d. Mts. beginnt die Zwangsbeitreibung.
—* Als Schnupfen- und Hustenmonat kann man den November bezeichnen. Seine trüben und nebligen Morgen und Abende, sein mit Regen, Schnee und kurzen sonnenhellen Perioden abwechselndes Wetter mahnen zur Vorsicht, da sonst empfindliche Erkältungen die unausbleibliche Folge für uns find. Wohl hats
legen, weiß ich nicht.
In einem lichten Moment die Augen aufschlagend, sah ich mich an einem fremden Orte. Es war ein kleines, weißgetünchtes Zimmer und ein unbekannter Mann saß neben meinem Bett. Ich versuchte, mich aufzurichten und zu sprechen; aber es war unmöglich — stöhnend sank ich zurück, und alles war wieder in Nacht gehüllt.
Als mein Bewußtsein allmählich wiederkehrte, hörte ich, daß ich in Folge meiner Verwundung eine Gehirnentzündung gehabt und wochenlang krank gelegen hatte. Doch drei volle Monate vergingen, ehe ich so weit wiederhergestellt war, um mich alles dessen zu erinnern, das seit meiner Abreise mit mir vorgegangen war. Lange Zeit hatte der Doktor geglaubt, ich würde niemals wieder zu klarer Vernunft erwachen, da durch den Streifschuß, der beinahe nieinen Kopf zerschmettert hätte, immerhin doch eine sehr bedenkliche Gehirner- schütierung verursacht worden war.
Man hatte mich, anscheinend tot, mit einer abgeschossenen Pistole in der Hand, im Walde aufgefunden und natürlich angenommen, daß ich versucht, mir selbst das Leben zu nehmen. Ich wurde in eine nahe gelegene Hütte getragen und die Leute behielten mich da und sandten zum Doktor und pflegten mich.
Sobald ich dazu im Stande war, erzählte ich ihnen und dem Arzte den wahren Hergang und der Letztere setzte sofort die Polizei in Bewegung.
Da ich sowohl meiner Papiere, als auch des Geldes beraubt war, vermuteten wir n.it Bestinilheit, daß Hewitt, in dem Glauben, ich sei tot, nach England gegangen war und seine Aehnlichkeit mit mir dazu benutzt hatte, sich bei meinem Vater für dessen lange abwesenden Sohn auszugeben." (Fortsetzung in der Beilage.)