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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
«M 87. Mittwoch, den 1. November 1905. 56. Jahrgang.
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Amtliches.
Den Herren Bürgermeistern und Gutsvorsteher werden in den ersten Tagen die zur Ausführung her Volkszählung erforderlichen Formulare zugehen. Ich niache hierauf mit dem Ersuchen aufmerksam, etwaigen Mehrbedarf an Formularen schleunigst hier anzu- melden und näher zu begründen.
Schlüchtern, den 30. Oktober 1905.
Der Königl. Landrat: Graf zu Solms.
J.-Nr. 3268 K.-A. Unter Bezugnahme auf die in Nr. 45 des Kreisblattes enthaltene Veröffentlichung über die landwirtschaftliche Winterschule zu Gelnhausen mache ich darauf aufmerksam, daß der Schulbesuch für die jungen Landwirte aus dem hiesigen Kreise dadurch erleichtert wird, daß der Kreis an 3 Schüler wenig bemittelter Landwirte eine Kostenbeihülfe von je 50 Mark auf Antrag zahlt.
Schlüchtern, den 31. Oktober 1905.
Der Landrat: Graf zu Solms.
Deutsches Reich.
— Am Donnerstage hat in Berlin auf dem Königsplatze unter Teilnahnie des Kaiserpaares sowie zahlreicher Fürstlichkeiten und hoher militärischer und staatlicher Würdenträger die Enthüllung des Moltke- denkmals stattgesunden. Der Chef des Generalstabes, Generaloberst Graf von Schlieffen, gab in eingehender Rede eine freisinnige Darstellung der unsterblichen Verdienste Moltkes. Die Rede schloß mit dein Kaiserhoch. Im Anschluß an die feierliche Denkmalsent« Hüllung fand nachmittags um 6 Uhr bei Sr. Majestät dem Kaiser im Weißen Saal des Königlichen Schlosses und den angrenzenden Festräumen eine Tafel statt. Der Kaisep brächte einen Trinkspruch aus, der dem Andenken. Moltkes sowie dem Wohle des deutschen Heeres und Generalstabes galt.
— Bei der im 5. Wahlbezirk des Regierungsbezirks Breslau stattgehabten Landtagswahl wurden insgesamt 403 Stimmen abgegeben, davon entfielen auf Graf Carmer, Majoratsbesitzer auf Zieserwitz (kons.), 402 Stimmen, Landrat Wichelhaus-Breslau (kons.) erhielt eine Stimme.
— Der Vorstand des Westfälischen Bauernver- eins hat zusammen mit dem Vorstand der Landwirtschaftskammer für die Provinz Westfalen an den Reichskanzler ein Telegramm gesandt, in dem es heißt: 5 Wir danken aufs wärmste dafür, daß Ew. Durch
laucht im Interesses unseres nach Milliarden zu bewertenden deutschen Viehbestandes den ungerechtfertigten Anforderungen nach weiteren Einfuhrerleichterungen nicht nachgegeben haben, und hoffen vertrauensvoll, daß dieser notwendige Schutz unserer Viehzucht wie bisher so auch in Zukunft in vollem Umfange erhalten bleibe".
— Bei Eröffnung des sächsischen Landtages ist der neu gewählte einzige sozialdemokratische Landtagsabge- ordnete Goldstein in der von der Verfassung vorgeschriebenen Form verpflichtet worden. Die Eidesformel lautet: „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, die Staatsverfassung treu zu bewahren und in der Ständeversammluug das unzertrennbare Wohl des Königs und Vaterlandes nach bestem Wissen und Gewissen bei Anträgen und Abstimmungen allenthalben zu beobachten." Wie ein Sozialdemokrat einen derartigen Eid leisten kann, würde unerfindlich sein, wenn Genosse Auer nicht einmal im Reichstage solche Eide als Zwirnsfäden bezeichnet hätte.
— In dem Lohnkampf in bem sächsisch-thüringischen Webereien ist nunmehr mit der Aussperrung der Arbeiter begonnen worden. Trübe Aussichten eröffnen sich damit selbst für die organisierten Textilarbeiter, da vom Verband aus nicht nur die unorganisierten, sondern auch diejenigen Verbandsmitglieder keine Unterstützung empfangen, die noch keine 13 Wochen Mitgliedschaft hinter sich haben. Dies betrifft eine große Zahl Arbeiter, die sich durch die Bewegung veranlaßt fühlten, erst kürzlich dein Verband beizu- treten. Die Streikposten halten die Fabrikeingänge besetzt, und es kommt dabei öfters zu Aufläufen; im übrigen ist die Ruhe noch nirgends ernstlich gestört worden. In einer Auflage von 100 000 Exemplaren ist dieser Tage ein Flugblatt, das die Lohnbewegung bespricht, im sächsisch-thüringischen Bezirk verteilt worden.
— Der Kreis-Kriegerverbandstag, der kürzlich in Berlin abgehalten wurde, hat zu der beim Streik in der Elektrizitätsindustrie von neuem hervorgetretenen Tatsache Stellung genommen, daß Kriegervereinsmitglieder gleichzeitig auch Gewerkschaften von ausgesprochen sozialdemokratischem Charakter angehören. Trotzdem nicht verkannt wurde, daß königstreue Männer aus wirtschaftlichen Gründen zuweilen geradezu gezwungen seien, sich den Gewerkschaften ihres Berufes anzu- schließen, wurde dennoch eine derartige Doppelmit- ' gliedschaft als unzulässig bezeichnet und den betreffenden
Mitgliedern anheimgegeben, für die Dauer ihrer Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft, die doch nur die Ziele der Sozialdemokratie fördere, den Kriegervereinen fernzubleiben.
— Der Finanzausschuß der bayrischen Abgeordnetenkammer stiminte den Gesetzentwurf auf Verstaatlichung der Pfalzbahnen ab 1. Januar 1909 mit allen gegen zwei Stimmen zu.
— Die Nationalliberalen in Ost- und Westpreußen gehen an die Ausführung des Planes der Gründung eines landschaftlichen Verbandes Ost- und Westpreußens. Kürzlich hatten sich in Danzig die Delegierten der einzelnen Wahlkreise zusammengefunden. Generalkonsul Otto Meier-Königsberg eröffnete die Versammlung, und der Abgeordnete für Königsberg, Justizrat Dr. Krause, leitete die Beratungen des Statutenentwurfs, welcher auf dem ersten Vertretertage des Verbandes, der künftigen Januar in Elbing stattfindet, zur Genehmigung vorgelegt werden soll.
Ausland.
— Der Staatssekretär für Indien Brodrick erklärte in einer Rede in Guilford, es gebe keinen Gegenstand des Streits zwischen den Regierungen von Deutschland und England, nichts, was zwischen England und seine freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland treten könne. Gute Beziehungen zwischen beiden Ländern seien vorteilhaft und wichtig. Ebenso äußerte sich das Mitglied des Unterhauses Bryce in einer Rede in Newport (Insel Wight), daß kein denkender Mann in England, sicherlich aber kein verantwortlicher Politiker, einen Streit mit Deutschland wünsche. In keinem Punkte ständen die englischen und deutschen Interessen ernstlich in Gegensatz zu einander. Sei kommerzieller Wettbewerb, ähnlich dem zwischen Franzosen und Amerikanern, ein Grund für politische Feindschaft mit einem großen verwandten Volke? England muffe versuchen, gute Beziehungen zu Deutschland zu unterhalten, welche mit einer dauernden Fortsetzung der Beziehungen zu Frankreich nicht unverein- bar seien.
— Der Ausstand in Rußland dehnt sich immer weiter aus. Die Stadtkommandanten von Petersburg und Moskau haben erklärt, bei Straßenunruhen würden die Truppen sofort scharf schießen. Der gesamte Personen- und Güterverkehr nach Rußland ist unterbrochen, der Depeschenverkehr erleidet erhebliche Störungen. In Warschau steht ein Stadtteil in Flammen.
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Erzählung von George R. Sims.
„Du tatest Recht, mein Sohn, Dich daran zu erinnern. Man kann in der Welt herunterkommen und sich doch einen Rest von Stolz bewahren."
„Als ich ungefähr fünf Jahre bei den Wilsons gewesen war, ließ sich ein neuer Ansiedler in der Nachbarschaft nieder. Die Familie kam aus Ontario und nannte sich Sandys. Es wurde erzählt, daß sie durch unglückliche Spekulationen ihr ganzes Vermögen verloren und sich nun mit Hülfe einer Summe Geldes, die ihnen ein Bekannter verschafft, hier angekauft hätten. Sie nahmen eine Farm, welche in dem Flecken „Sprigg's Farm" genannt wurde, eine kleine Besitzung, eine halbe Stunde von uns und wir erfuhren bald mehr von ihnen, da Herr Wilson, mein Prinzipal und Herr Sandys Bekanntschaft machten und große Freunde wurden, sich gegenseitig besuchten und häufig miteinander ausritten.
Frau Sandys war sehr leidend, so daß das Hauswesen fast allein von ihrer Tochter Bella geleitet wurde. Diese war ein sehr hübsches Mädchen, erst fünfzehn Jahre alt, aber sehr groß, wodurch sie älter erschien. Ihr Barer nannte sie seine „Fee" und in der Tat war sie der gute Geist seines Hauses.
Als sie das erstemal zu uns kam, konnte ich den Blick nicht von ihr wenden. Sie war das hübscheste Mädchen, das ich je gesehen — Meilen in der Runde gab es keins, das man ihr hätte an die Seite stellen können.
Während die Farmer sich unterhielten, führte ich sie durch das Gehöft und zeigte ihr die Ställe mit dem Vieh, den Pferden und so weiter. Sie hatte für Alles
Interesse und richtete eine Menge Fragen an mich über das Land ringsum und die Leute und wir wurden bald gute Freunde. Dann sprachen wir von England, besonders von London, von dem sie so viel gehört uud gelesen und gerade in dem Jahre, da das Unglück über sie hereingebrochen, hatten sie eine Reise nach Europa geplant. Aber nach dem Zusammenbruch mußten sie Alles aufgeben, auch ihr schönes Haus und sich eine neue Heimat suchen. Ich konnte sehen, daß sie eine schwere Zeit durch gemacht hatte — ihr Gesicht war sehr traurig, als sie von ihres Vaters Unglück sprach.
Und da sie mir so offenherzig ihre Sorgen ander« traute, dachte ich, es könne kein Unrecht sein, ihr auch von meinem Geschick zu erzählen.
Wir vertieften uns so sehr in diese gegenseitigen Mitteilungen, daß wir darüber Zeit und Ort vergaßen, und als Herr Wilson herauskam und uns schalt und sagte, er glaubte, wir wären verloren gegangen, konnten wir es kanm für möglich halten, daß schon eine ganze Stunde seit Ankunft der Gäste vergangen war.
So oft Bella nach diesem Tage zu uns kam, fragte sie nach mir und suchte mich auf, wenn ich auf dem Felde war; und sie brächte mir ein Pferd, das ihr Vater für sie gekauft hatte und bat mich, es zuzureiten, da es noch ein wenig zu wild für sie wäre.
Ich war nur zu erfreut, ihr einen Dienst leisten zu können und hatte das Pferd bald gebändigt. Als ich es ihr brächte und sie den Unterschied bemerkte, konnte sie ihrer Freude und Dankbarkeit nicht genug Ausdruck geben. Herr Sandys wünschte, daß ich her- einkäme und den Thee mit der Familie nehme und bei dieser Gelegenheit sah ich zum ersten Male Frau Sandys.
Sie war eine sehr schöne Frau und eine Dame; Du brauchtest sie nur einmal anzublicken, um das zu sehen. Aber sie war so schwach, daß sie, von Kissen unterstützt, in einem Stuhle sitzen mußte. Es war reizend, zu sehen, wie sanft und liebevoll Bella um sie bemüht war. Kein Wunder, daß ihr Vater sie seine Fee nannte und so stolz auf sie war. Das Haus war wie ein Schmuckkästchen. Ich wünschte, du hättest sehen können, Vater, wie hübsch die Räume waren, in denen alle Gegenstände von Bella geordnet waren. Sie hatte mit ihren Feenhänden einen kleinen Palast aus der alten Farm gemacht. Als ich es sah, dachte ich, ich könnte sicher darauf wetten, daß hundert Meilen weit kein Raum gleich diesem zu finden wäre und ich sprach dies auch aus. Das gefiel dem Farmer und seiner Frau und ich glaube, auch Bella, denn sie errötete und sagte, ich sollte nicht meine Londoner Manieren herauskehren und anfangen, Komplimente zu machen, statt meinen Thee zu trinken.
Als der Farmer erfuhr, daß ich aus London nach Canada gekommen, blickte er auf und sagte:
„Ist es so, Orpington — sind Sie aus London?" „Ja, mein Herr," erwiderte ich. „Ich lebte dort, bis ich vor einigen Jahren hierherkam."
„O," sagte er, „wenn Sie aus London kommen, so kennen Sie da vielleicht einen jungen Mann namens Hewitt?"
Ich mußte unwillkürlich lachen.
„London ist sehr groß, mein Herr und ich darf sagen, es gibt dort Tausende von Hewitts: Ich kenne keinen dieses Namens. Weshalb fragten Sie?"
(Fortsetzung folgt.)