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SchlüchternerMun g

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

> 79.

Mittwoch, den 4. Oktober 1905.

56. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die

Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt

von allen Postanstalten, Landbriesträgern sowie, von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schläch­tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Amtliches.

J.-Nr. 9193. In Bezug auf die Anschreibungen für die Fleischbeschau- und Schlachtungsstatistik haben die zuständigen Herren Minister nachstehendes ange­ordnet : In den Spalten 37 des Postkartenformulars sind einzutragen als

1.Ochsen" in Spalte 3 die geschlachteten Stück Rindvieh männlichen Geschlechts, welche kastriert sind und ein Alter von zwei Jahren bereits er­reicht haben;

2.Bullen" in Spalte 4 die geschlachteten Stück Rindvieh männlichen Geschlechts, welche ein Alter von zwei Jahren bereits erreicht haben;

3.Kühe" in Spalte 5 die geschlachteten Stück Rindvieh weiblichen Geschlechts, welche bereits gekalbt haben;

4.Jungrinder" in Spalte 6 die geschlachteten Stück Rindvieh nach erreichtem Alter von 3 Monaten, a) wenn sie weiblich sind und noch nicht gekalbt haben,

b) wenn sie männlich oder kastriert sind und ein Alter von zwei Jahren noch nicht erreicht Habens

5.Kälber" in Spalte 7 die geschlachteten Stück Rindvieh im Alter bis zu drei Monaten, gleich­viel ob männlich, weiblich oder kastriert.

Diese Grundsätze haben auch für alle übrigen statistischen Anschreibungen der Ergebnisse der Schlacht­vieh- und Fleischbeschau, bei denen die bezeichneten Gruppen Vorkommen, insbesondere auch für die Führ­ung der Tagebücher der Fleischbeschauer, als Richt­schnur zu dienen.

Die Ortspolizeibehörden ersuche ich, die Fleischbe­schauer umgehend hiervon in Kenntnis zu setzen und anzuweisen, vom 1. d. Mts. ab alle Anschreibungen

Gut a^dommen

Eine littanische Militär-Humoreske von Berthold Gaben.

Auf der Veranda war eine hohe stattliche Männer­gestalt mit schwarz-grauem Vollbarl erschienen, es war der Baron selbst gewesen, und als er den Ankömmling erblickte, ging er ihm sofort entgegen, um ihn auf das Herzlichste zu umarmen.

Gut, daß Du da bist, Ehrhardt", sagte er.Offen­gestanden, ich hätte in Dir kaum mehr den ausgelassenen Knaben von sechs Jahren erkannt. Und wie Du aus- siehst, armer Junge! So müssen nach der Beschreibung Lucis, meiner Weitesten, meine beiden Jüngsten den freundlichen Herrn zugerichtet haben, der sich ihrer so zärtlich annahm, als unsere Karline in der Haft in einen falschen Zug stieg und mit dem Bier wieder nach Memel zurückfuhr."

Onkel, was sagst Du? Das herrliche Mädchen auf dem Bahnhof, Lucie, war Deine Tochter aus erster Ehe, meine Cousine? rief Ehrhardt der Eiserne jubelnd auf.

Na ja," meinte der Onkel,und die beiden Bengels hab ich von meiner zweiten Frau."

Bengels? Lieber Onkel, bitte, beleidige meine Cousins nicht, sie sind herrliche Jungens" verwahrte sich unser Ehrhardt auf das Entschiedenste, da ihm jetzt die wilden Rangen aus irgend einem Grunde als reine Götterknaben vorkamen.

Nur nicht zu früh urteilen," sagte der Onkel lachend,komm nur gleich herein zu mir und begrüße die Götterknaben als deine Verwandten.

Und Lucie, wo ist die? Nicht hier?" fragte der Leutnant mit einer Haft, die auffallen mußte.

Ich dachte mir, ein Weiberfeind kümmert sich weniger um das zarte Geschlecht, als um das starke,"

der gedachten Art nach den vorstehenden Bestimmungen auszuführen.

Schlüchtern, den 2. Oktober 1905.

Der Königl. Landrat: I. V. Schultheis.

Deutsches Reich.

Eine Südlandfahrt des Kaisers wird für den nächsten Winter angekündigt.

Der deutsche Kaiser soll, wie aus Petersburg berichtet wird, dem Minister v.. Witte bei der Be­grüßung in Rominten wörtlich gesagt haben:Ich erweise Ihnen dieselben Ehren, wie einem gekrönten Haupte. Sie haben Außerordentliches geleistet, und ich gratuliere Rußland zu dem Besitz eines solchen Mannes. Wenn die Monarchen viele solche treue Diener hätten, dann würde man besser von der Monarchie denken."

Kronprinz Wilhelm ist nunmehr Rittmeister der Potsdamer Gardes du Corps geworden, des vor­nehmsten preußischen Regiments. Er lernt jetzt also auch die Kavalleriewaffe kennen, während er bisher nur bei der Infanterie und zwar der Ueberlieferung gemäß bei dem 1. Garderegiment zu Fuß Dienst getan hat. Seine Versetzung zu denPanzerreitern" mit dem Adlergeschmückten Helm, deren gelbweise Uniform auch der Kaiser gern trägt, soll dem eigenen Wunsche des Kronprinzen entsprechen, wie er auch gebeten haben soll, ihn noch nicht zum Major zu befördern, da er zunächst den Dienst als Hauptmann, jetzt Rittmeister, genau kennen lernen wolle.

Die Anarchosozialisten wollen sich wieder mit der sozialdemokratischen Partei vertragen. Wie Reichs­tagsabgeordneter Zubeil in einer Versammlung in Berlin erzählte, habe ihm Friedeberg in Jena freudig erregt die Hand gedrückt und erklärt, er sei hoch be­friedigt; denn er habe sein Ziel erreicht, daß der sozialdemokratische Parteitag sich eingehend mit der Frage des politischen Massenstreiks beschäftigen mußte. Auf die Frage Zubeils, ob Friedeberg nun noch immer den Parlamentarismus bekämpfen wolle, wurde ihm die Antwort:Nein, gewählt wird weiter auf der ganzen Linie!" Zubeil knüpfte an die Mitteilung dieses Gespräches die Bemerkung, daß die Bewegung der Anarchosozialisten damit keine Gefahr für die sozial­demokratische Partei mehr bedeute, nachdem ihr Führer sich mit der sozialdemokratischen Behandlung des General­streiks zufrieden erklärt und seinerseits die Agitation gegen den Parlamentarismus aufgegeben habe.

spottete der Baron, den Arm des Neffen ergreifend.

Aber,'ich bitte, lieber Onkel, eine Cousine ist doch kein Weib wie ein anderes, die ist doch Du weißt doch, Onkel--"

Na freilich weiß ich es," unterbrach ihn derselbe. Bitte, hier herein ins Speisezimmer!"

Hier sind sie der Fritze, der Karl und hier ist Lucie. Hier, Kinder, ist Euer Vetter, von dem ich Euch erzählt habe und gegen den Ihr Euch so unartig be­nommen habt," sagte er, als er Ehrhardt, den Eisernen, den fleißig kauenden Sprößlingen vorgestellt hatte; der Weiberhasser" würdigte sie jedoch nur eines halben Blickes, ergriff aber ohne weiteres die lieblich errötende Lucie, um ihr^in paar Küsse auf das RosenmUndchen zu brennen, die dem lächelnd zusehenden Papa fast intensiver erschienest, als es eigentlich für Geschwister­kinder schicklich ist.

Nun erst kamen die Götterknaben daran, die höch­lichst darüber erstaunt waren, daß die sonst so gestrenge Lucie sich so gutwillig von dem fremden Onkel oder Vetter abküssen ließ; da sie aber von der Eisenbahnfahrt her noch ein schlechtes Gewissen hatten, so fügten sie sich gutwillig in die weniger stürmische verwandtschaft­liche Begrüßung.

Na, nun ists gut," meinte der Onkel, der bereits die gelinde Besorgnis hegte, der Neffe möchte die Ve- grüßungsszene bei der sich völlig wehrlos stellenden Lucie von Neuem beginnen.Komm, Ehrhardt, kleide Dich um. Früher war ich auch so schmächtig, und da wird sich wohl noch etwas finden, was für Dich paßt. Lucie kann einstweilen für Deine Unterkunft unter unserem Dach sorgen."

Wohl oder übel mußte sich der eiserne Ehrhardt zur Folgeschaft bequemen, ohne zu vergessen, derlieben"

Der Konflikt in der Berliner Elektrizitäts" Industrie, dessen Beilegung nach Zugeständnissen der beteiligen Firmen vor kurzen! noch möglich erschien, wenn die streikenden Arbeiter sich zur Annahme der Zugeständnisse bereit erklärten, hat sich noch mehr zugespitzt. Die ausständigen Arbeiter haben die Zuge­ständnisse abgelehnt, worauf die beteiligten Firmen erklärt haben, sie sähen sich infolgedessen genötigt, demnächst sechs Fabriken zu schließen. _ Durch Aus­führung dieses Beschlusses werden etwa 33 000 Arbeiter brotlos werden.

Der 16 Wochen andauernde Bauarbeiterstreik in Lübeck hat mit der Niederlage der Arbeiter geendet nach der Vereinbarung 'eines zweijährigen Lohntarifs auf Grund der vor dem Streik von den Arbeitgebern angebotenen fünfprozentigen Lohnerhöhung zum April 1906. Wieviel Elend ist also mit diesem Streik wieder einmal umsonst über zahlreiche Arbeiterfamilien heraufbeschworen worden, und wann endlich werden die Arbeiter einsehen lernen, daß mit unbesonnenem Streiten nur den Hetzern und Agitatoren der Umsturz­partei, nicht aber ihnen selber gedient ist!

DieSächsischen Politischen Nachrichten" ver­öffentlichen eine interessante Darlegung, die den Zweck verfolgt, der Meinung entgegenzutreten, daß die Land­wirtschaft im sächsischen Wirtschaftsleben nur noch eine ganz untergeordnete Rolle spiele. Nach einer Zu­sammenstellung der genannten Korrespondenz beträgt der Wert der gesamten landwirtschaftlichen Jahres- proktion in Sachsen ungefähr 540 Million Mark. Der Gesamtwert des sächsischen Viehstandes erreichte im Jahre 1900 die Höhe von 350 Millionen Mark, und das in Sachsen in Wald- und Forstwirtschaft an­gelegte Vermögen beziffert sich auf 4 Milliarden Mark.

Ausland.

Das österreichische Abgeordnetenhaus ist wieder zusammengetreten. In der ersten Sitzung gab Ministerpräsident Freiherr von Gautsch eingehende Erklärungen ab, die sich teilweise auch auf das Ver­hältnis Oesterreichs zu Ungarn bezogen. Er betonte hierbei, daß er nach wie vor unbedingt an deni Grund­sätze festhalte, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Ungarns einzumischen, gleichwie er sich dagegen ver­wahren müsse, daß seitens Ungarns in die inneren Angelegenheiten Oesterreichs in irgend einer Weise eingegriffen würde. An die Erklärungen des Minister­präsidenten schloß sich eine ausgedehnte Debatte.

Cousine zu versichern, daß er selbstverständlich sehr gerne bereit wäre, sie nach dem Umkleiden in den häuslichen Obliegenheiten, die er ihr verursache, zu unterstützen.

Eine halbe Stunde später saß Ehrhardt mit einem bequemen Jagdanzug angetan, bei seinem Onkel im Privatkabinet, wo der Gutsherr die wichtigsten Ange­legenheiten zu erledigen pflegte.

Nachdem man eine Flasche Rüdesheimer den Hals gebrochen nnd eine Havannah angezündet hatte, kam der Onkel zu dein Grunde der dringenden Einladung, welche er an den Leutnant hatte ergehen lassen.

Ehrhardt, Du weißt," fing er an,daß ich schon um meiner kleinen Kinder willen der Wirtschaft wegen gar nicht zu reden gezwungen bin, wieder zu heiraten. Nun will ich dies aber nicht eher, bis Lucie aus bem Hause und versorgt ist, denn sie soll keine zweite Stiefmutter niehr haben. Wüßtest Du nun einen unter Deinen Kameraden, der würdig und geeignet ist, um mein Kind zu erwerben? Lucie ist ein braves Mädchen, besitzt einige Hunderttausend mütter­liches disponibles Vermögen, und sie verdient daher einen braven Mann, der sie nicht nur des Geldes wegen nimmt, sondern auch liebevoll behandelt."

Der eiserne Ehrhardt war aufgesprungen und ging mit raschen Schritten das Kabinet aus und nieder. Ich ich soll also meine Hand dazu leihen daß Lucie--nein das kann ich nicht," rief er, mit sich känipfend.Aber etwas anderes kann ich," fuhr er fort, von einer unwiderstehlichen Leidenschaft fortgerissen, Dich für mich um ihre Hand bitten."

(Schluß folgt.)