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Mittwoch, den 20. September 1905.
56. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Ueber die Regelung der Optanienfrage in Schleswig-Holstein wird der „Köln. Ztg." von dort neuerdings geschrieben: Daß eine vorsichtige Lösung der Optantenfrage im Interesse guter Beziehungen zwischen Deutschland und Dänemark liegt, ist unbestreitbar. Dabei soll und darf das Deutschtum der Nordmark, das einen schweren Kampf mit einem rrÄ- sichtslosen Gegner führt, keinen Schaden leiden. Unsere erste Meldung über die Vermehrung der Naturcfli- sationen der Kinder dänischer Optanten stieß auf Zweifel, ja scharfen Widerspruch. Sie wird jetzt von verschiedenen Seiten bestätigt. In der Ortschaft Gramm (Kreis Hadersleben) meldeten sich nach Maders. maalet acht Optantensöhne zur Aufnahme in den preußischen Staatsverband; sieben Gesuche wurden genehmigt. Die für die Nordmark so segensreiche Politik des jetzigen Oberpräsidenten bietet eine sichere Gewähr gegen Mißgriffe in der Optantenfrage.
— Die Teilnehmer des sozialdemokratischen Parteitages wollen den Mittwoch nachmittag einem Ausfluge nach der Leuchtenburg bei Kahla widmen, die auf Altenburger Grund und Boden liegt. Nun hat, wie die „Franks. Ztg." meldet, die dortige Regierung als Besitzerin der Leuchtenburg dem Wirt verboten, die Teilnehmer des Parteitages aufzunehmen, zu bewirten oder ihnen irgend etwas zu zeigen.
— Der Bromberger Magistrat hat auf die in Sachen der Fleischnot an ihn gerichteten Petitionen folgenden vernünftigen Bescheid ergehen lassen: „Der
Magistrat sieht sich nicht in der Lage, auf die gestellten Anträge einzugehen, weil sich zur Zeit nicht übersehen läßt, ob durch die Oeffnung der Landes- grenzen tätsächlich eine Beseitigung der als bestehend anerkannten Fleischnot ohne Gefährdung des deutschen Viehbestandes eintreten würde."
— Ueber bevorstehende Beamtenbeförderungen bei der Reichspost teilt die „Deutsche Verkehrszeitung" folgendes mit: Die charakterisierten Sekretäre, welche bis einschließlich 30. September 1903 die Sekretär- Prüfung bestanden haben, oder denen anderweit ein entsprechendes Rangalter beigelegt ist, werden zum 1. Oktober in etatsmäßige Sekretärstellen einrücken. Auch sollen diejenigen Assistenten aus der Klasse der Zivilanwärter, die bis einschließlich 30. März 1900 die Assistenprüfung bestanden haben, oder denen anderweit ein entsprechendes Rangalter beigelegt ist, werden zum 1. Oktober in etatsmäßige Sekretärstellen einrücken. Auch sollen diejenigen Assistenten aus der Klasse der Zivilanwärter, die bis einschlißlich 30. März 1900 die Assistenprüfung bestanden haben, oder denen anderweit das Dienstalter bis einschließlich 31. März 1900 beigelegt ist, zum 1. Oktober als Post- oder Telegraphenassistenten etatsmäßig angestellt werden.
— Die königlichen Anstalten zur Gewinnung tierischen Impfstoffes in Berlin, Königsberg, Stettin, Oppeln, Halle, Hannover, Cassel und Cöln führen in Zukunft die Bezeichnung Königlich preußische Jmpf- anstalt. Die Königlichen Jmpfanstalten sollen fortan jährlich einmal besichtigt werden. Die Besichtigung hat sich auf den baulichen Zustand und die Haltung der Räume der Anstalt, auf die Beschaffung des Inventars an Geräten und Wäsche, auf die Prüfung der Listen, Zählkarten und Bücher, sowie auf die Art der Impfung der Kälber, sowie der Gewinnung und Zubereitung des Impfstoffes zu erstrecken.
— In Cöln sind die Schlachtgebühren im städtischen Schlachthofe so hoch, daß sie 10 Prozent des Anlagekapitals betragen, d. h. also 2 Prozent gleich 200000 Mark mehr als das Gesetz zuläßt, das bekanntlich nur die Einsetzung von 8 Prozent des Anlagekapitals für Zinsen und Amortisationskosten in die Betriebskosten der Schlachthöfe zuläßt. Aus diesem Anlässe schwebt seit 2 Jahren ein Verwaltungsstreitverfahren, angestrengt von 107 Metzgermeistern, gegen die Stadt Cöln. Es wäre in der Tat gerechtfertigt, daß solche Gemeinden erst die selbstverschuldeten Ursachen der Fleischteuerung beseitigten, bevor sie andere der Fleischverteuerung beschuldigen.
— In Posen einen Mittelpunkt deutscher Bildung zu schaffen, ist bekanntlich mit der Gründung der Akademie und der Kaiser Wilhelm-Bibliothek beab' sichtigt. Durch Einrichtung von Kreiswanderbibliotheken, die von Posen aus geleitet werden, ist dafür gesorgt, daß die neuen Schöpfungen möglichst der ganzen Provinz zugute kommen. Jetzt soll der „Ostd. Corresp." zufolge in konsequenter Weiterbildung dieser Gedanken eine „Zentralstelle für Volksunterhaltung in der Provinz Posen" mit der Kaiser Wilhelm-Bibliothek verbunden werden. Aufgabe der neuen Zentralstelle wird es sein, die Veranstalter von Volksunterhaltungsabenden in der Provinz durch Beschaffung von Projektionsapparaten und Lichtbildern zu unterstützen, ihnen zu Aufführungen geeignete Theater- und Musikstücke nachzuweisen oder zu verschaffen usw.
Ausland
— In Ungarn teilte Präsident Baron Fejervary dem Abgeordnetenhause die Demission des Ministeriums und zugleich die Vertagung des Hauses mit. Abge> ordneter Kossuth erhob hierauf Protest gegen die Vertagung, während der Ministerpräsident Fejervary wiederum gegen diesen Protest Verwahrung einlegte. Die Minister verließen hierauf den Saal. Nach längerer Debatte, an der Redner verschiedener Parteien teil- nahmen, wurde ein Beschlußantrag Kossuths, in dem dieser gegen eine Vertagung Einspruch erhebt, angenommen, und hierauf die Sitzung unter großer Bewegung geschlossen.
— Der russisch-japanische Waffenstillstand ist mit dem 16. d. M. in Kraft getreten, alle feindseligen Handlungen werden eingestellt; es wird eine neutrale Zone von 4 - Kilometer Breite zwischen den Armeen »<:i Schahotsu in der Mitte und ebenso für die Eisenbahn eine neutrale Zone bestimmt. Nur Zivilisten dürfen die neutrale Zone betreten; der Verkehr zwischen den Armeen findet nur auf der Schahotsustraße statt. Des weiteren sollen besondere Marinedelegierte auf dem Wasser in der Nähe von Wladiwostock zusammenkommen und für die Zeit des Waffenstillstandes eine neutrale Zone auf See festsetzen. Der Waffenstillstand an der Grenze von Korea wird durch ein Sonderab- kommen zwischen den beiden Höchstkommandierenden am Orte auf ähnlicher Grundlage abgeschlossen werden.
— Zu den jüngsten Balkan-Vorgängen bemerkt ein Telegramm aus Belgrad: Die Regierung hat den serbischen Gesandten in Konstantinopel beauftragt, bei
Gut ab$etommen.
Eine littauische Militär-Humoreske von Bert hold Gaben.
, Da unser Weiberfeind mit gutem Gewissen sagen konnte, des Vatergülcks noch nicht teilhaftig geworden ch zu sein, tat er es mit dem Lächeln jener Glücklichen, welche die Ehre nur dem Namen nach kennen, was bei der dicken Reisegesellschafterin ein erstauntes Kopf- ‘ schütteln hervorrief.
„Waat?" meinte sie. „Sie junge Heärre und keene Fru? Hei is wöhl oack eener, der den Mädels blot den Kopp verdreht." — Dabei drohte sie schelmisch mit dem Finger und drückte dann „Koarl" mit solcher Ve- Hemenz auf die Bank nieder, daß er in ein lautes Ge- en heul ausbrach.
en Bei einer anderen Gelegenheit hätte unseren Leutnant einen derartigen Vorwurf geärgert, jetzt aber, wo _ | er sich der „Wissenschaft" halber in die Gefahr begeben | mußte er lächelnd diese Anschuldigung über sich er- 1 gehen lassen.
„Na Fritze, kleenet Schwin, wöllste wohl da rut?" lig i wandte sich die Perle unterdessen an den kleinen Ent- r deckungsreisenden, indem sie ihn ohne weiteres bei dem i einen Beine hervorzog. „Na warte mal, Smeerfink!" " V schalt sie. „Ick werde bat Lucie seggen und die seegt t et dann Papa."
* „Nicht Lucie seggen!" brüllte jetzt der Hervorgeholte. 1 „Koarline, nich Lucie seggen, denn derk ick nimmer zu l de Soldatn —"
t , „Vor Lucie scheinen sie Wohl Angst zu haben" — _ ' weinte unser Kamerad mitleidig, den armen Sünder betrachtend. „Sadist doch wohl die Erzieherin der Kleinen."
„Aber nein — bei Swester!" rief Koarline „die Perle" aus. „Sie mötten wissen, der Heär Baron het tween Frun hat und Lucie is von bei erste. Sei is n Engel und könnt cen Mann glöcklick makn, aber sei woard wöhl oock ne Ollsche werdn wie ick. Uff m Land it bei Ulwahl bannig kleen for een Fräulein — Oaber wo fahre denn der Heärre hin?" — sprach sie plötzlich, auf ein anderes Tema übergehend geschäftig weiter.
Unser Weiberfeind nannte die Station, was bei ihr eine große Freude hervorrief.
„Ei, da wölle mir oock hin" meinte sie. „Doas is schöu. So ganz oadiinig mött ick nich sin. Man kann nich wissen, woat eener Fru uff bei Eisenbahn alles passire kann."
„Koarlin., ick heff Durft" — fing der Altere an. „Ick mött Bier."
„Woat Dursch!" versetzte die Perle. „Da mött woarten bis uff die nächste Statschion."
„Koarline, ick mölt Wasser!" schrie der kleine Entdeckungsreisende, dem bei dem Verlangen seines Bruders anch der Durst zu packen anfing.
„Nee oaber oack so woat!" sagte die gequälte Tür« Hüterin ärgerlich. „Is so woat schon da West! Halt Dei Müler, segg ick! — Vor de nächste Statschion göbt et nischt!"
Bis dahin war es nicht mehr weit und als der Bummelzug, der auf der eingeleisigen Bahn mit einem anderen Zug zu kreuzen hatte, stillhielt, wendet sich die „Perle" mit der Bitte an Ehrhardt, er niöchte doch so freundlich sein und die beiden Kleinen so lange beaufsichtigen, bis sie von der Bahnhofsrestauration mit dem Biere zurück sei.
Solch ein Ersuchen konnte der Leutnant einer Dame
gegenüber natürlich nicht abschlagen, und versprach, gewissenhaft über die Kleinen zu wachen.
Mißtrauisch blickten die Brüder auf den neuen Be- schützet und als „Koarline" außer Sehweite war, gingen sie sofort wieder zu ihrer Lieblingsbeschäftigung über, indem der eine zum Fenster hinaussah, während Fritz sich beeilte, schleunigst unter die Bank zu kriechen und einen großen Nagel hervorzuholen, in dessen Erlangung er vorher gestört worden war.
Ehrhardt, der Eiserne, ließ sie ruhig gewähren. War er doch froh, daß sie sich ruhig verhielten und nicht heulten; „Koarline" konnte ja zusehen, wie sie die Kleinen wieder zurechtsetzte.
Minute auf Minute verging, ohne daß die getreue „Koarline" mit dem Geträuk erschien. Schneckengleich hatte sich während dieser Zeit der entgegenkommende Zug in den Bahnhof hineingeschlichen und kaum hielt er, da machte der Train, in dem unser Ehrhardt saß, eine gewaltige Anstrengung, schleunigst aus der Ortschaft hinauszukommen und das ohne „Koarline", die sonderbarer Weise dieses Mal den Anschluß versäumt hatte.
„Himmlische Koarline, was ist nun?" — dachte der gutmütige Kinderwärter. Jetzt saß er in der Patsche, er der Weiberfeind, dazu ausersehen, ein paar verzogene Rangen zu beaufsichtigen.
Dem wackeren „Weiberhasser" ahnte ein Unheil und das ließ nicht lange auf sich warten.
Als der Zug den Bahnhof Hinauspustete, warf „Koarl" einen besorgten Blick auf den in Heller Be- ststrzung dasitzenden Beschützer, und er fing an mit aller Lungenkraft zu heulen: „Woo is Koarline?" als wenn er am Spieße steckte.
Fortsetzung folgt.