SchlüchternerMtlM g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 16. September 1905.
56. Jahrgang
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Die Krisis in Ungarn.
Der Kaiser und König Franz Josef steht vor einer schweren Entscheidung. Im Königreich Ungarn hat nach dem sogenannten Ausgleich von 1867, d. h. der Festsetzung der für beide Hälften des Donaureiches gemeinsamen Angelegenheiten (Auswärtiges, Kriegsmacht, Zölle) und des Anteils beider Hälften an den gemeinsamen Ausgaben, der Streit über das Maß der Selbständigkeit Ungarns niemals ganz geruht. Unter der Herrschaft der liberalen Partei aber kam es zu keinem ernsten Konflikt zwischen Krone und Parlament. Ungarn wird im Innern parlamentarisch regiert, die Minister werden aus der Mehrheit des Abgeordnetenhauses vom König ernannt. Es besteht jedoch nur lin direktes Wahlrecht, nicht das allgemeine Wahlrecht, zur Wahlurne wird nur zugelassen, wer ein gewissen Vermögen oder Einkommen besitzt (Zensus).
Das letzte liberale Ministerium Tisza hatte den Widerstand der Minderheitsparteien, die mit Erfolg Obstruktion trieben, nicht zu brechen vermocht und schließlich zu Anfang dieses Jahres zu dem Auskunftsmittel von Neuwahlen gegriffen. Die Neuwahlen versetzten aber die liberale Partei nach Jahrzehnte langer Herrschaft in die Minderheit, den größten Erfolg hatte die Unabhängigkeitspartei, die s. Z. gegen den Ausgleich gestimmt hatte und deren Ziel die vollständige Selbständigkeit Ungarns in reiner Personalunion mit Oesterreich ist. Zwischen ihr und anderen bisherigen Minderheitsparteien kam eine Koalition zu stände, die sich abgesehen von wirtschaftlichen Reformen auf die Forderung einigte, daß ungarische Fahnen und Embleme sowie die ungarische Kommandosprache für den ungarischen Teil des gemeinsamen Heeres eingeführt werden sollen. Diese „nationalen Konzessionen" bilden den Kernpunkt des Konflikts zwischen Krone und Parlament. Der König Franz Josef hält die inneren Einrichtungen des Heeres für ein vom Parlament unabhängiges Hoheitsrecht. Er konnte sich deshalb nicht entschließen, ein neues Ministerium aus der Koalition zu bilden, sondern setzte ein sog. Geschäftsministerium mit dem General Fejervary an der Spitze ein. Dieses Ministerium wird nun wieder von der Koalition nicht als gesetzmäßig erachtet, und man hat es sogar mit einer Agitation für Steuerverweigerung versucht, um die Krone zur Nachgiebigkeit zu zwingen.
Dieser für die innere Ordnung und den Staats« kredit schädliche Zustand drängt zu einer baldigen Lösung. Der General und Ministerpräsident Fejervary hat dem König Neuwahlen unter der Parole der Einführung des allgemeinen Wahlrechts vorgeschlagen. Gegenwärtig hat von den 20 Millionen Untertanen nur ungefähr 1 Million das Wahlrecht. Mit dem Vorschläge soll ein Keil in die Koalition getrieben werden, und tatsächlich hat sich auch schon die Unabhängigkeitspartei im Vertrauen auf die Zugkraft ihrer nationalen Forderungen für das allgemeine Wahlrecht erklärt. Die letzten Kronratssitzungen in Wien scheinen noch keine endgültige Entscheidung gebracht zu haben. Der Kaiser und König möchte wohl ein gewagtes Experiment vermeiden. Wir in Deutschland können im Interesse der uns verbündeten Gesamtmonarchie nur wünschen, daß die Schwierigkeiten -bald und glücklich gelöst werden.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser verlieh dem Reichskanzler Fürsten von Bülow den Charakter als Generalmajor, unter Belastung der Uniform des Husaren-Regiments König Wilhelm (1. Rheinisches) Nr. 7. Beim Parademarsch führte Fürst von Bülow das Husaren-Regiment bei Seiner Majestät vorbei.
— Ueber den Umfang, die Ursachen und die Wirkungen der an vielen Orten beobachteten Steigerung der Fleischpreise namentlich der des Schweinefleisches, sowie über die Aussichten für die weitere Preisbildung hat das preußische Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten die Landwirtschaftskammern und die Regierungspräsidenten zum Bericht aufgefordert. Die Landwirtschaftskammern sollen sich darüber äußern, ob seit der Viehzählung vom 1. Dez. 1904 ein allgemeiner oder örtlicher Rückgang der Viehhaltung, insbesondere bei Schweinen, nach Zahl, Gewicht oder sonstiger Beschaffenheit zu beobachten ist. Ferner soll über die Gründe der Preissteigerung und auch darüber berichtet werden, in welchem Verhältnisse die Preise, die für das Vieh am Produktionsorte, für das Vieh auf den Schlachtviehmärkten und für das Fleisch gezahlt werden, gestiegen sind. Endlich ist zu erörtern, ob bald ein stärkerer Auftrieb von Schlachtvieh u.nd im Zusammenhänge damit auch ein Fallen der Preise erwartet werden kann. Dieselben Fragen sind den Regierungspräsidenten unter Hervorhebung mehrerer Punkte vorgelegt worden, über die sie sich vorzugsweise zu äußern haben. Außerdem sollen sie für 60 ihnen namentlich bezeichnete Städte die Zahl der Schlachtungen in den öffentlichen Schlachthäusern und, soweit dort Schlachtviehmärkte abgehalten werden, auch die Auftriebszahlen auf diesenIllärkien feststellen.
1— In Sachsen hat die ®eneralber|ammlung des konserv. Landesvereins für Sachsen stattgefunden In den Verhandlungen stellte der Vorsitzende Generalmajor z. D. Sachse eine erfreuliche Erstarkung der Organisation fest. Ueber den Stand der Landtagswahlen berichtete Geheimer Hofrat Mehnert und gab zum Schluß seines Berichts der Meinung Ausdruck, daß die konservative Partei trotz des heftigen Kampfes den Wahlen mit Zuversicht entgegensehen könne.
— In der Besprechung mit dem Landwirtschaftsminister wünschte der Vorstand des deutschen Fleischerverbandes u a. die Zulassung von mindestens 2000 Schweinen aus Holland. Der Minister entgegnete, daß Holland bei seinem geringen Schweinebestand nicht viel abgeben könne. Daß er hierin Recht hat, zeigt die Tatsache, daß in der holländischen Provinz Lim- burg die Preise für Schweinefleisch in den letzten Monaten um 25 v. H. gestiegen sind.
Ausland.
— Zur Lage in Japan wird gemeldet, daß in Tokio die Ruhe jetzt wieder vollkommen hergestellt ist Viele tausend Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten sind über die ganze Stadt verteilt. Vor der Wohnung der Minister stehen Schildwachen, vor den staatlichen und Regierungsgebäuden, auf den öffentlichen Plätzen und vor allen Gesandtschaften sind Polizeiposten auf gestellt. Die Vorübergehenden werden scharf beobachtet. Infanterie- und Kavalleriepatrouillen durchziehen die Straßen. Aus den Provinzen dagegen laufen Nachrichten von zahlreichen gegen die Polizei verübten Ausschreitungen ein. In 'dem ganzen Lande werden Versammlungen abgehalten, in denen scharfe Reden gehalten und die Unzufriedenheit ausdrückende Be- Beschlüsse gefaßt werden. Die Zensur wird noch immer an allen nach dem Auslande gehenden Telegrammen aust,eübt.
— Aus Kaukasien wird berichtet, daß in Suchum die Landarbeiter unruhig sind. Der Statthalter hat angeordnet, daß bei der geringsten Ausschreitung gegen die Gutsbesitzer energische Maßnahmen ergriffen werden sollen. In Schuscha ist die Aussöhnung zwischen Armeniern und Tartaren zu stande gekommen; die Einwohner wurden entwaffnet und die fremde Elemente nach ihrer Heimat fortgeschafft. Patrouillen bewachen die Stadt. General Takaischwili telegraphiert von Schuscha, die ihm vorliegenden Meldungen berechtigten zu der Annahme, daß die Bevölkerung sich beruhige. In Baku aber ist die Lage hoffnungslos. Die Brandstiftungen dauern an. Es herrscht Mangel
an Wasser und Brot; die Arbeiterbevölkerung hungert. Der Generalgouverneur von Baku beauftragte den Polizeichef Schirinki, die energischsten Maßnahmen zum Schutze der Banken zu ergreifen.
— Zu Ehren des jetzt in dänischen Gewässern weilenden englischen Geschwaders fand auf Schloß Amalienborg bei Kopenhagen eine Galatafel statt, an welcher der König von Dänemark, die königliche Familie, die Minister, die englischen Admirale und Schiffskommandanten und der englische Gesandte teil- nahmen. Der König brächte einen Trinkspruch auf den König und die Königin von England aus, den Admiral Wilson mit einem Trinkspruch auf den König und die Königliche Familie erwiderte.
— An der türkisch-serbischen Grenze kam es zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen einer serbischen Grenzwache und albanischen Nizams, wobei auf serbischer Seite ein Hauptmann und mehrere Soldaten getötet, viele andere verwundet wurden. Die Albanesen hatten ein Blockhaus besetzt, wurden jedoch aus demselben herausgedrängt.
— In Tanger finden fortdauernd Straßenkämpfe statt. Man dffürchtet daselbst, daß der jetzt herrschende Zustand der Gesetzlosigkeit noch Engere Zeit andauern wird, da die Regierung nicht die Macht besitzt, ihm ein Ende zu machen. Der diplomatische VerUrtLr der Vereinigten Staaten und eine Anzahl Europäer, die in der Umgebung von Tanger wohnen, haben auf Verlangen der marokkanischen Behörden wegen der dort herrschenden Unsicherheit ihre Wohnungen verlassen. Zur Wiederherstellung der Ordnung sind indessen keine Maßnahmen getroffen.
Lokaler und Provinzielles.
Schlächtern, 15 September 1905.
—* Im heutigen Kreisblatt ist eine Bekanntmachung des Herrn Regierungspräsidenten vom 16. August d. Js. betreffend die Entwertung der Marken und die Einführung eines neuen Formulars zu Quittungskarten für die Invalidenversicherung abgedruckt, worauf hiermit besonders hingewiesen wird.
—* Herr Gerichtsvollzieher Wiegand dahier ist au das Amtsgericht in Großalmerode, Herr Runge in Großalmerode an das Amtsgericht in Schlüchternchersetzt.
—* Achtung, Herbstzeitlosen. Auf den feuchten Bergwiesen stehen jetzt die rötlichlila schimmernden Herbstzeitlosen in voller Blüte und ihr hübsches krokus- artiges Aeußere veranlaßt besonders Kinder sehr leicht, dazu, sich dieselbe!zum Strauße zu pflücken. Da nun aber die Herbstzeitlose bekanntlich ein schweres Gift, das sogenannte Golchicin, in sich birgt, ist es gegenwärtig Pflicht aller Eltern und Erzieher, die Kleinen aufs nachdrücklichste vor jener Pflanze zu warnen, ihnen die gefährlichen ^Eigenschaften derselben klar zu machen und ihnen das Pflücken dieser Blume strengstens zu verbieten. Das Gift der Herbstzeitlose, die der Volksmund Lichtblume oder Wiesensaftan nennt, wirkt .besonders auf die Nieren und die Verdauungsorgane. Es kann heftigen Durchfall, Erbrechen, Magen- und Darmentzündungen, ja sogar eine Lähmung des Zentralnervensystems hervorrufen und in nicht seltenen Fällen zum Tode führen. Kühe, die Herbstzeitlosen gefressen haben, geben blutige Milch und man vermeidet es daher in Gegenden, wo diese Pflanze stark auftritt, die Tiere hungrig auf derartige Weideplätze zu treiben, denn im gesättigten Zustande rührt das Vieh aus richtigem Instinkt keine Herbstzeitlose an. Die Arzeneiwissenschaft bedient sich übrigens des Colchicins als Heilmittel gegen die verschiedensten Krankheiten.
Am 6. und 7. Oktober d. Js. findet in Hersfeld die 10. Hauptversammlung des Sparkassenverbandes für die Provinz Hessen-Nassau und Waldeck statt. Und zwar kommen die Mitglieder am 6. Oktober, abends 8 Uhr zu einer freien Vereinigung im Hotel Stern in Hersfeld zusammen, während am zweiten Tage am 7. Oktober, vormittags 10 Uhr die Hauptversammlung im kleinen Saale der Gesellschaft „Verein" stattfindet. An diesem Tage werden sehr interessante und lehrreiche Vorträge gehalten. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden, Herrn Oberbürgermeister Dr. Gebeschuß- Hanau. 2. Erstattung des Geschäftsberichts durch den Herrn Stadtrat Boedicker-Cassel. 3.J Haushaltsplan,