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^ 73. Mittwoch, den 13. September 1905. 56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz, Prinz Eitel Friedrich, Prinz Adalbert sind Sonntag Nach- mittag im Sonderzuge 3 Uhr 10 Min. von Homburg v. d. H. nach Koblenz abgereist. Die Kronprinzessin bleibt auf dem hiesigen königl. Schlosse wahrscheinlich bis zum 27. d. Mts.
— Se. Königl. Hoheit der Großherzog Friedrich von Baden beging am 9. d. Mts. seinen 79. Geburtstag. Der allverehrte deutsche Bundesfürst hat die Schwelle seines neuen Lebensjahres in gesegneter Rüstigkeit überschritten, nachdem er aus St. Moritz in der Schweiz neugekräftigt in sein Land zurückgekehrt ist. Mit Baden bringt man überall im Deutschen Reiche dem Großherzog Friedrich die aufrichtigsten Wünsche für sein dauerndes Wohlbefinden dar.
— Die Reichstagersatzwahl in Thorn-Kulm hat einen Sieg des nationalen Kandidaten Ortel ergeben. Es wurden abgegeben für Bankdirektor Ortel (Natl.) 14803, für Redakteur Brejski (Pole) 13558 und für Redakteur Sremski (Soz.) 460 Stimmen. Bemerkenswert ist auch hier wieder der Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen gegenüber der Hauptwahl von 1903 um mehr als die Hälfte. Das Fleischnotgeschrei hat also in diesem Falle die Zugkraft, die der Umsturz sich von ihm für seine Zwecke versprach, nicht bewährt.
— In Anbetracht vielfach verbreiteter unrichtiger Nachrichten über die Kompetenz- usw. Angelegenheiten der für Ostafrika bestimmten Marinestreitkräfte sei nachstehend auf die betreffende Allerhöchste Kabinettsorder Hingewiesen. Dieselbe lautet: „Es sind als überetatsmäßige Besatzungsteile der Seestreitkräfte der ostafrikanischen Station hinauszusenden: ein Detach"- ment Marineinfanterie von 150 Mann mit Chargen und 4 Maschinengewehren mit doppelten Bedienungsmannschaften der Matrosendivisionen. Ihre Verteilung regelt der älteste Seeoffizier der ostafrikanischen Station". Demnach hat weder eine Mobilmachung der Marinefeldkompagnie stattgefunden, noch gilt sie als im Kriegs« zustand befindlich. Auch S. M. S. Bussard befindet sich nicht im Kriegszustande, ebensowenig die andern mich dem Aufstandsgebict beorderten Schiffe. Jnfolge- ^ffen sind auch Kriegsgebührnisse für die Beteiligten nicht zuständig, wie auch die Portovergünstigungen der der Feldpost nicht eingetreten sind.
— Vor dem Landgericht 1 in Berlin stand kürzlich ein interessanter Prozeß wegen unlauteren Wett
Gut a^ebmmen
Eine Manische Militär-Humoreske von Bert hold Gaben.
I.
Ehrhardt von Barberg war einer der hübschesten und schneidigsten Offiziere des in einem ostpreußischen Städtchen garnisonierenden Jnfanterie-Rcgiments — trotzdem aber ein ausgesprochener Weiberfeind, wie er sich mit Stolz zu nennen pflegte.
Woher seine Scheu vor dem zarten Geschlecht eigentlich stammte, konnten selbst seine besten Freunde nicht in Erfahrung bringen, denn „Erhardt der Eiserne" hüllte sich in diesem Punkte stets in ein mystisches Schweigen, gewiß ein stichhaltiger Grund, um die Mütter zahlreicher heiratsfähiger Töchter wahre Schauerromane über ihn erfinden zu lassen.
Unser Kamerad hat nur ein mitleidiges Lächeln wenn ihm von uns die „wahren" Ursachen seiner Fischkaltblütigkeit den Damen gegenüber wiedererzählt wurden und meinte, es müßte auch „solche" geben, denen das Schwert an der Linken, dem ja der erste Treueschwur im Leben gegolten, für alle Zeit als Braut genügte.
Da er ein paar Jahre hindurch unentwegt seinem Grundsätze treu geblieben, so schworen auch wir auf seine Unverletzlichkeit durch hübsche Mädchenaugen und der „eiserne" Ehrhardt wurde in den Salons als eine Art Rarität gezeigt, die in keinem zweiten Exemplar im heiligen deutschen Reich unter den Marssöhnen vorhanden war.
Aber auch ihm, dem einzig Glücklichen sollte seine Stunde schlagen. Wir waren ins Manöver gezogen, das in jenem Jahre in der Memelniederung abgehalten
bewerbes zur Verhandlung, der seiner weittragenden Bedeutung wegen an dieser Stelle erwähnt werden möge. Siegfried B. in Berlin, der ein Partiewaren» geschäft betreibt, stand wegen Verstoß gegen §§ 1 und 4 des Gesetzes zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes unter Anklage. B. erließ in verschiedenen Zeitungen Annoncen, in denen er Batistunterröcke mit Valencinnespitzen und -einsätzen, die einen Wert von 14 Mk. haben sollten, für 3,50 Mk. und Seidenröcke, die einen Wert von 120 Mk. haben sollten, für 55 Mk. anbot. Durch einen Sachverständigen wurde festgestellt, daß die ausgebotenen Sachen in reellen Geschäften zu den bezeichneten niederen Preisen von 3,50 und 55 Mk. zu haben, und daß die angegebenen höheren Preise unzutreffend seien. Der Gerichtshof folgte dem Gutachten der Sachverständigen und dem eigenen Augenschein, erblickte in dem Zusatz „Wert bis 14 respektive 120 Mark" die Merkmale des unlauteren Wettbewerbes und verurteilte den Angeklagten zu 500 Mark Geldstrafe und Veröffentlichung des Urteils in drei Berliner Blättern.
— Der Parteitag der Deutschsozialen, der diesmal vom 7. bis 9. Oktober in Leipzig tagt, bringt am 9. Oktober folgende Vorträge: 1. Die Aufgabe des Staates auf dem Gebiete des Kartellwesens. (Reichsund Landtagsabgeordneter Lattmann.) 2. Die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine. Wilhelm Schack, Mitglied der Hamburger Bürgerschaft). Abends 9 Uhr findet eine große öffentliche Versammlung im großen Saale des Zentraltheaters statt. Vorträge halten Reichstagsabgeordneter Liebermann von Sonnenberg über: Das Ausländertum im Deutschen Reiche, und Reichstagsabgeordneter Fr. Raab über: Warum und wie muß sich der Mittelstand auch politisch organisieren?
— Der preußische Kultusminister hat die Pro- vinzial-Schulkollegien und sämtliche Regierungen veranlaßt, dafür zu sorgen, daß der bisher in den preußischen Schulen betätigte allgemeine gute Brauch, am Sedantage unter Ausfall des Unterrichts eine entsprechende Schulfeier zu veranstalten, auch weiter beibehalten wird. Dasselbe hat auch der Minister des Innern für die staatlichen Erziehungsanstalten angeordnet und die Regierungspräsidenten ersucht, in geeigneter Weise darauf hinzuwirken, daß die ihnen unterstehenden Erziehungs- und Besserungsanstalten den denkwürdigen Tag auch für die Zukunft in gleicher Weise feiern.
— Ein im Polnischen Museum zu Bromberg ein-
wurde. Eines Morgens, es war gerade Rasttag, besam unser eiserner Ehrhardt eine mit festen Schriftzügen bemalte Postkarte, auf der ihn ein Onkel, welcher auf einem Gute unweit der Stadt Memel lebte, dringend bat, in einer Familienangelegenheit zu ihm zu kommen.
Da am nächsten Tag Sonntag war, nahm unser Leutnant Urlaub und ging schon um die Mittagszeit in einem nagelneuen Civilanzug von Heller Farbe und in eleganten Lackschuhen nach dem Bahnhof.
Wie in zarten Angelegenheiten, war Ehrhardt auch beim Reisen ein Sonderling.
Da er in seinen Mußestunden eifrigst den Pegasus ritt, hielt er sich als „Schriftsteller" verpflichtet, nach allen Seiten hin seine Menschenkenntnis zu bereichern, und glaubte heute dazu eine besonders gründliche Gelegenheit zu haben, in einem Nichtraucherkoupee dritter Klasse die littauische Bevölkerung in ihrer Sprache und ihren Manieren zu beobachten.
Gedacht — gethan, ja wäre er im bequemen Jagdanzug gewesen, er hätte es sogar fertig gebracht, sich in die vierte Klaffe zu drängen, so aber fürchtete er für seinen Hellen Anzug und die kostbaren Lackstiefel.
Als er etwa drei Minuten vor Abgang des Zuges den Abteil betrat und ihn völlig leer fand, besorgte er bereits auf das Lebhafteste, daß er der Wissenschaft das große Opfer umsonst gebracht habe, aber kurz vor der Abfahrt kam noch Zuwachs an.
Eine Frau riß mit Ungestüm die Türe auf, setzte mit gewaltiger Anstrengung einen mächtigen Reisekorb mit Nachdruck auf des Leutnants bestes Hühnerauge und schob dann zwei Knaben vor sich hinein, um selbst schließlich pustend und stöhnend einzusteigen. „Nee so was, so was!" rief sie, als sie Platz nahm. „Nu war hei mi boald vorbifahren"--
berufene polnische Wählerversammlung wurde wegen Ueberfüllung des Saales zweimal aufgelöst, bei der zweiten Auflösung leistete das Militär Hülfe, welches die Menge auf der Straße mit aufgepflanztem Bajonett auseinandertrieb.
— Zur Optantenfrage in der Nordmark wird der Köln. Ztg. aus Schleswig-Holstein geschrieben: In der Optantenfrage ist in Nordschleswig neuerdings ein Verfahren eingeschlagen worden, das auf eine allmähliche Beseitigung des jetzigen Zustandes hinaus- läuft. Optantensöhne, die sich zur Aushebung melden, wurden bisher nur in wenigen Fällen in den preußischen Staatsverband ausgenommen. Jetzt kommt aus den drei nördlichsten Kreisen Hadersleben, Alpenrade und Sonderburg, die gleichlautende Nachricht, daß den meisten Optantensöhnen in diesem Jahre der Eintritt in den preußischen Militärdienst gestattet und die preußische Staatsangehörigkeit erteilt worden ist; in einem Bezirk sind alle Optantenkinder, die sich zum Militärdienst meldeten, naturalisiert worden.
Ausland.
W — In Japan hat die Mißstimmung über die Friedensbedingungen, die der großen Menge zu wenig günstig erscheinen, blutige Unruhen in der Hauptstadt Tokio zur Folge gehabt. Zahlreiche Personen sind teils getötet teils verwundet, Häuser eingeäschert, Straßenbahnwagen zerstört worden. Auch scheint sich der Fremdenhaß in bedenklichem Maße geltend zu machen. Die japanische Regierung sah sich genötigt, den Belagerungszustand zu verhängen und Truppen zur Unterstützung der Polizeimacht aufzubieten. Auf unsere Japanschwärmer dürften um jeden Preis diese Vorgänge wohl etwas ernüchternd wirken.
— Zu den gegenwärtigen Marokko-Verhandlungen in Paris meldet der „Temps", sie beträfen den Konferenzort, die Anleihe, die Mole von Tanger und die Grenzpolizei. Als Konferenzort stände Tanger und eine Stadt in Südspanien in Frage.
— Wie zur Lage in Ungarn aus Budapest mitgeteilt wird, hat der leitende Ausschuß der vereinigten Linken beschlossen, bei der Koalition zu beantragen, daß die derzeitige Regierung in Anklagezustand versetzt werde, und demgemäß ein Subkomitee von Mitgliedern zur Abfassung des Anklageantrages ernannt.
— Bei der Eröffnung einer in Desio (Prov. Mailand) veranstalteten Ackerbauausstellung hielt der italienische Minister des Aeußeren Tittoni eine Rede,
Ehrhardt hatte jetzt Zeit seine Reisegesellschaft eingehend zu betrachten.
Die Frau war auf den ersten Blick das, was man im ostpreußischen eine Perle zu nennen pflegt.
Sie trug ein blaues steifgeplättetes Kleid aus Hausmacherzeug, das ihrer rundlichen Form eine ganz gewaltige Dimension verlieh, und einen Hut, der wie ein Blumengarten auf dem erhitzten Kopfe hin und her wackelte.
Die beiden Knaben schienen nicht die ihrigen zu sein, sondern einem besseren Gesellschaftskreise anzugehören.
Der ältere mochte etwa vier Jahre zählen, während der jüngere nicht mehr wie zwei Frühlinge hinter sich haben konnte. Sie waren mit kleidsamen Matrosenanzügen angetan und trugen runde weiße Strohhüte mit blauen Bändern.
Das Eisenbahnfähren schien den Kleinen ein ganz besonderes Vergnügen zu sein.
Kaum hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt, als der Aeltere sich sofort des offenen Fensters bemächtigte während der kleine Bruder sich anschickte, eine Rekognoszierung des Wagens vorzunehmen, indem er auf den Knien unter den Bänken herumkroch.
Nun bekam unser wißbegieriger Ausflügler Gelegenheit, die Beredsamkeit der treuen Behüterin der Jugend bewundern zu können.
„Kaarl" — begann sie zu dem Aelteren gewendet, „seatz Dir! Wöllst wohl rutfalle? woat? Und du, Fritze wüllst wohl rut komme? Paß uff, der Härre werd Dir gleich mt die Pietsch verklöppen. Nee, ich segge schon. Ut twei Jungens könnt twintig Diebel möcht werdn. Seind ihre oak so rüdig, löver Härre?"
Fortsetzung folgt.