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SchlüchlemerMim g

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 9. September 1905.

56. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Die Schutzkommission der Berliner Gastwirts­vereinigungen hat sowohl dem Handelsminister Möller wie dem Landwirtschaftsminister v. Podbielski die Petition des deutschen Gastwirtsverbandes um Maß­nahmen zur Verringerung der Fleischnot persönlich überreicht. Die beiden Minister wiesen überzeugend

nach, daß von einer Fleischnot nicht die Rede sein könne, und daß eine Oeffnung der Grenzen einmal wegen der dringenden Seuchengefahr untunlich sei und andererseits auch den gewünschten Erfolg nicht habe könne, da auch im Ausland eine erhebliche Steigerun der Fleisckpreise eingetreten sei. Es wäre nun j wirklich an der Zeit, daß das Fleischnotgeschrei endlich verstummen möchte, zumal dieses selbst eine der ergiebigsten Quellen der Fleischteuerung ist und neben demagogisch-agitatorischen Parteizwecken nur dazu dient, dem Zwischenhandel auf Kosten der Konsumenten die Tasche zu füllen.

Ueber den Stand der Cholera gibt derReichs- Anz." folgendes bekannt: Vom 5. bis 6. September mittags sind 13 Erkrankungen und 2 Todesfälle an Cholera innerhalb des preußischen Staates amtlich gemeldet. Die Gesamtzahl beträgt bis jetzt 90 Er­krankungen und 26 Todesfälle. Die gesundheitliche Neberwachung des Schiffahrts- und Flößereiverkehrs ist außer an der Weichsel, Brahe, Netze, Warthe auch auf der Oder von Fürstenberg bis zur Mündung, auf dem Finowkanal bei Oderberg und auf der Spree bei Köpenick sowie auf dem Memelfluß bei Schmalleningkeu und Tilsit eingeführt worden. Im Ueberwachungsdienst tätig sind gegenwärtig 12 Sanitätsoffiziere, 3 Marine­sanitätsoffiziere, 2 Kreisärzte, 15 Kreisassistenzärzte und eine größere Anzahl von praktischen Aerzten. Der Dienst auf jeder Stromüberwachungsstelle wird von zwei Aerzten abwechselnd versehen. Der Ausschluß des Reichsgesundheitsrats für Seuchenbekämpfung wird zur Beratung über den Stand und Bekämpfung der Cholera im Deutschen Reiche am Sonnabend, dem 9. d. M., im Kaiserlichen Gesundheitsamte zusammen- treten.

In Magdeburg hat der 5. Verbandstag der deutschen Milchhändler-Vereine stattgefuuden. Der Vertreter der Regierung, Regierungsrat Auffarth, sprach den Bestrebungen des Verbandes seine Aner­kennung aus. Besonders hob er hervor, daß die Milchhändler dazu berufen seien, im Kampfe gegen den Alkoholismus eine Rolle zu spielen. Mit dem

Verbandstage war eine milchhygienische Ausstellung, und zwar die erste in Deutschland, verbunden.

Eine neue Entscheidung in der Frage des Boykotts ist soeben vom Landgericht in Stade ergangen. Aehnlich wie in Berlin waren die Einwohner Wilhelms- burgs vom Bäckergesellenverband aufgefordert worden, die Bäckereien zu meiden, welche die Forderungen der Gesellen nicht bewilligt haben. Das Gericht hat ein Verbot derartiger Boykotterklärungen ausgesprochen. Es heißt in der Entscheidung unter anderem:Eine solche Handlungsweise geht aber über den Rahmen des auch in Lohnkämpfen Erlaubten hinaus; sie verstößt gegen die guten Sitten und wird auch durch § 152 der Gewerbeordnung nicht geschützt, sofern eben den Gesellen ein Rechtsanspruch auf Erfüllung ihrer For­derungen nicht zustand. Dies ist aber nicht der Fall; die Anzeige ist lediglich veröffentlicht worden, um den nicht nachgebenden Bäckermeistern durch Verhängung einer mehr oder weniger vollständigen Geschäftssperre Schaden zuzufügen". Die Urheber seien als schaden­ersatzpflichtig anzusehen.

Ueber den Verkehr mit verflüssigten und ver­dichteten Gasen hat der Handelsminister den Regierungs­präsidenten den Normalentwurf einer Polizeiverordnung zugesandt, die möglichst unverändert in allen Bezirken der Monarchie erlassen werden soll. Die Verordnung erstreckt sich auf den Verkehr mit Kohlensäure, Ammoniak, Chlor, wasserfreier, schwefliger Säure Chlorkohlenoxid, Stickoxydul, Acetylen, Grubengas, Leuchtgas (auch Fettgas), Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und ver­flüssigter oder verdichteter Luft. Sie findet keine An­wendung auf kleine Mengen verflüssigter oder ver­dichteter Gase bis zu ICO Kubikzentimeter. Die Verordnung erthält genaue Bestimmungen über da zulässige Material für die Gasbehälter, die Anforder­ungen an deren Wandstärke, über Druckproben, Füllung und Beförderung der Behälter und eine Gebühren­ordnung für Materialprüfung, Abnahme neuer Behälter und regelmäßig wiederkehrende Untersuchungen.__

Auslands

Nach einem Privattelegramin aus Deutsch- Ostafrika schlug Oberleutnant von der Marwitz von der ostafrikanischen Schutztruppe die Rebellen im Hinter- lande von Kilwa gründlich. Der Feind hatte 40 Tote sowie zahlreiche Verwundete.

Der russisch-japanische Friedensvertrag ist fertig- gestellt. Er besteht aus 17 Ariikeln und einer kurzen Einleitung. Ein Auszug aus dem Friedensvertrage

wird telegraphisch nach Petersburg und Tokio über­mittelt, während der tatsächliche Inlaut den Re­gierungen in den beiden Hauptstädten erst nach Rück­kehr der Friedensunterhändler bekannt wird. Die Ratifikationen müssen innerhalb eines Zeitraumes von 50 Tagen ausgetauscht werden.

- In Barcelona hat ein anarchistisches Bomben- attentat stattgefunden. Nach den letzten Zeitungs­meldungen sind mehr als 60 Personen verwundet worden, von denen die meisten schwer verletzt sind. Zwei Frauen wurden getötet. Nach den von der Polizei vorgenommenen Ermittelungen war die Höllen­maschine in einem Gipswürfel eingeschlossen. Die Nachforschungen sind bisher ohne Ergebnis geblieben.

Zur Marokkofrage meldet dieAgence Havas" aus San Sebastian: Der spanische Ministerpräsident Montero Rios erklärte bei einem Interview, er bedauere, daß bezüglich der Festsetzung des Programms der Marorko-Konferenz eine Verzögerung eingetreten ist. Der Ort, wo die Konferenz zusammentrete, sei noch nicht festgestellt. Es sei wahrhaft dringlich, daß in Marokko friedliche Zustände herbeigeführt werden, daß dort die Zivilisation herrscht und die fremden Staats­angehörigen in Sicherheit leben können. Spanien werde, falls erforderlich, kräftig dabei mitwirken, die Ausführung der Reformen, die die Marokko-Konferenz beschließen werden, sicherzustellen. Montero Rios hatte am Freitag mit dem französischen Botschafter Cambon eine lange Besprechung über die Marokkofrage.

Die fremden Gesandten zu Peking wohnten kürzlich einem Bankett bei, welches Prinz Tsching zum Abschied der chinesischen Kommission gab, die ihre Weltreise antritt, um die fremden parlamentarischen Regierungsformen zu studieren. Die Kaiserin-Witwe beabsichtigt, zu Neujahr eine Verfügung zu erlassen, nach welcher nach zwölf Jahren ein chinesisches Parla- ment errichtet werden soll. In der Zwischenzeit wird China ständig eine Anzahl von Beamten in fremden Ländern halten, welche durch ihre Studien das Land auf die parlamentarische Regierungsform vorbereiten sollen. Die Kommission wird einen Monat in Japan zubringen und dann über die Vereinigten Staaten von Amerika nach Europa reisen. Es haben Beratungen darüber stattgefunden, ob man nicht den Weg über Kanada wählen sollte, um die Vereinigten Staaten wegen der gegen die Chinesen erlassenen Ausschluß­gesetze zu vermeiden, doch wurde dieser Plan wegen des in Kanada herrschenden rauhen Klimas aufgegeben.

Der Kleine Doktor.

Roman von W. Sartory. 47

Die Grotte am Fischweiher schienen die beiden für sich allein gemietet zu haben; wenn man in den Abendstunden dorthin ging, konnte man sicher sein, sie dort zu finden.

Es war an einem solchen stillen, kühlen Abend. Ein leiser Wind fächelte die Blätter, wie geheimnisvolles Flü­stern klang es aus den Wipfeln der hohen Bäume. Die schlanken Aeste des Gesträuches nickten leise hin und her'

In der Grotte saß Dr. Retlow mit seinem Frauchen und hielt sie eng umschlungen. Still saßen sie da und lausch­ten dem geheimnisvollen Flüstern der Natur. Unten vom Fischweiher aus erklangen Schritte und dann wurde es wieder still.

Der weiche Klang einer Männerstimme scholl plötzlich von unten herauf. Der Sprecher ahnte nicht, daß Lauscher in seiner Nähe waren

Bei dem Ton hatte Dr. Retlow seine Irma plötzlich fragend angesehen und sie horchte überrascht auf. Etwas Bekanntes lag darin, aber sie konnte im Augenblick nicht darauf kommen, wo sie diese Stimme schon gehört hatte.

Dann wurden wieder Schritte hörbar, die auf die Grotte zukamen. Der kleine Doktor ärgerte sich etwas, daß man ihn hier störte.

Vor dem Eingang stand plötzlich ein Paar. Der Mann in schwarzem Vollbart und eine blonde Frauengestalt an seiner Seite.

Dr. Retlow war überrascht aufgesprungen und starrte die beiden an.

Irma konnte den Mann des Bartes wegen nicht gleich erkennen, als aber Retlow überrascht ausrief:Herr von Rottling?" Da schnellte auch sie empor.

In Rottling» Augen zuckte es einen Moment auf wie Haß, aber die blonde Frau an feiner Seite mußte eine grotze Wirkung auf ihn ausüben. Sie flüsterte ihm et-

Rottling schien mit sich zu kämpfen, dann plötzlich trat er mit Emma auf die Ueberraschten zu.Meine Frau," stellte er sie vor, dann trat er zu Irma.Wenn ich nicht irre, Frau Dr. Retlow? Ich gratuliere Ihnen von Her­zen, gnädige Frau und" seine Stimnie sank zum Flüstern herabverzeihen Sie mir. Ich habe ein anderes Leben angefangen, das Schicksal hat mich zu fassen geivußt. Den­ken Sie nicht verächtlich von dem armen Bankdirektor, der im Strudel des Lebens den Halt verloren hat."

Irma war zu überrascht, um etwas entgegnen zu kön­nen, die Begegnung war zu unverhofft gekommen.

Max von Rottling verbeugte sich und ging mit seiner Frau, die einige Worte mit Retlow gewechselt hatte, den Weg zurück.

Als die beiden gegangen waren und die Schritte in der Ferne verklangen, standen Retlow und Irma sich noch eine Weile schweigend gegenüber, dann trat Retlow auf Irma zu und zog sie liebevoll an seine Brust und drückte ihr einen heißen Kuß auf die Lippen.Siehst Du, Irma," flüsterte er,der Gott da droben weiß doch alles zum Gu­ten zu lenken."

Ende.

Schlaflosigkeit der Kinder.

Sie haben ja noch keine Sorgen, keinen Gram und Kummer die jungen Menschlein in dem glücklichen Kindes­alter, warum sollen sie da nicht schlafen können? Später freilich, da wird das anders, da sind so mancherlei, nicht nur körperliche Ursachen, welche den erquickenden Schlum­mer von den Lidern scheuchen.

Stellen erst Sorgen um das Lager sich her, Kindchen, dann schläft sich's so ruhig nicht mehr.

Aber vorläufig brauchen sie an all das Schwere des Lebens nicht zu denken, ja sie kennen, ahnen es noch nicht einmal. Da kann also nur irgend ein körperliches Un­behagen den Schlaf fern halten. Die Ursachen eines sol­chen können, abgesehen von Krankheiten, nur Fehler in

der Lebensweise sein. Die Mutter sorge, daß das Kinder- zimnier luftig, geräumig und sonnig sei, daß das Kinder- bett täglich gründlich gelüftet, und mit der Bettwäsche nicht gespart werde. Ein reines Bett fördert den Schlaf ungemein und ausgezeichnet ist es, wenn die Kinder vor dem Schlafengehen gründlich von Kopf bis zu Fuß ge­waschen werden und ein reines Nachtkittelchen bekommen. Giebt es doch keinen reizenderen Anblick als solch einen rein gewaschenen Unschuldsengel im schneeigen Bettchen, und Die Kühle des Bettchens wirkt mit der erniedrigten Körpertemperatur wohlig einschläfernd auf die kleinen, müden Körperchen.

Ein vom Spielen und Umhertollen erhitztes Kind in ein schlecht gelüftetes, dumpfes Bett gebracht, wird große Mühe haben einzuschlafen, und ihm der Schlaf erst nach stundenlangem, ruhelosen Umherwälzen kommen. Die der- nünftige Mutter wird auch schon die Spiele so zu regeln wissen, daß sie ein bis zwei Stunden vor dem Schlafen­gehen nicht zu aufregend sind, und daß das Kind regelmäßig um dieselbe Stunde zu Bett gebracht wird.

Ein wichtiger Faktor, um Schlaflosigkeit zu verhin- dern, ist die Ernährung des Kindes. Schwer verdauliche Speisen oder gar alkoholische Getränke sind die ärgsten Feinde der Nachtruhe der Kinder. Leichte Milchspeisen, Eierspeisen, weich gekochte Eier, Butterbrot oder Brot mit Marmelade und Milch, für besonders schwächliche Kin­der gekochter, weicher, geschabter Schinken sind die zuträg­lichsten Speisen vor Dem Schlafengehen; selbstverständlich sollen diese, selbst Suppen, eine Stunde vor dem Zubett­gehen gereicht werden.

Beachtet die junge Mutter diese Regeln, so werden, ihre Kinder nie an Schlaflosigkeit und schwerem Einschla­fen leiden.

Voraussicht. Der Herr Feldwebel schimpft auf einige Rekruten, ist einen Augenblick still und sagt dann: Danke gleichfalls!" Leutnant:Warum sagen Sie: Danke gleichfalls?" Feldwebel:Das ist die Antwort auf das, was Die Kerls sich denken!" 112,18