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IZ 7L " Mittwoch, den 6. September 1905. 56. Jahrgang.
Der Friede.
Durch die Sicherung der Friedenspräliminarien von Portsmouth ist eine Wahrheit enthüllt worden, die schärferen Augen schon seit mehreren Wochen nicht verborgen war: Japan sieht sich außer stande, seine wichtigste Forderung, den Anspruch auf Ersatz der Kriegskosten ganz 'oder zum Teil gegen die beharrliche Ablehnung Rußlands durchzusetzen. Es verzichtet deshalb auf die Bezahlung seiner Ausgaben durch den Gegner, begnügt sich mit seinen Eroberungen in Korea und der Mandschurei, gibt die Hälfte Sachalins ohne Entgelt zurück. Der Friede wird mehr im Zeichen beffen geschloffen, was Rußland freiwillig zugesteht, als dessen, was Japan hätte verlangen können.
Aus klarer Erkenntnis der gegenwärtigen strategisch und finanziell für den Angreifer verschlechterten Lage und aus Besorgnis um die künftige Gestaltung der russisch-japanischen Beziehungen sind die in Tokio zum Kronrat zusammengerufenen Staatsmänner zu dieser Entsagung gelangt, die dem Stolz des japanischen Volkes schmerzlich sein mag, der politischen Einsicht seiner Leiter aber die Anerkennung aller Friedensfreunde sichert und früher oder später gute Früchte tragen wird. Japan tut jetzt freiwillig, wozu es vielleicht in einigen Monaten durch die Umstände gezwungen worden wäre. Ueberdies sichert es sich von Rußland durch einen festen Friedensvertrag die Zustimmung zu wertvollen Besitzverschiebungen und die Aussicht auf dauerndes ruhiges Zusammenleben mit dem bisherigen Feind im fernen Osten. Rußland hat seinerseits von neuem bewiesen, wieviel dazu gehört, um den „Zusammenbruch" wirklich herbeizuführen, den in Westeuropa liberale und sozialdemokratische Schwätzer so eilfertig Voraussagen. Kaiser Nikolaus wurde nicht wankend, Graf Lamsdorff bot allen Einschüchterungsversuchen Trotz, Witte schwang sich in Portsmouth zum führenden Geist der Verhandlungen, zu einem großen Staatsmann auf, dessen Ansehen der für den Friedensschluß so dankenswert tätig gewesene Präsident Roosevelt willig gelten läßt, General Lenewitsch hat eine Armee organisiert, gegen die mit Aussicht auf sicheren Erfolg vorzugehen der Marschall Oyama wohl bald Bedenken getragen hätte. Rußlands Kredit auf dem internationalen Geldmarkt, seine diplomatische Stellung bei den Großmächten ist aufrecht geblieben.
Deutschland kann diesen Ausgang nur begrüßen. Das Vertrauen unserer Diplomatie auf Rußlands zähe Widerstandskraft sieht sich glänzend gerechtfertigt.
Denn Japan selbst beugt sich vor der Erkenntnis der Unbezwingbarkeit des Riesenreiches. Der Friede, den unter Mithülfe Kaiser Wilhelms Amerika vermittelt hat, ist uns lieber als ein Friede, den in der Haltung von Wohltätern Rußlands Frankreich und England herbeigeführt hätten, um das Zarenreich fernerhin von ihren Wünschen abhängig zu machen. Herr Delcaffö hatte die Karten zu diesem Spiel so schön gemischt; es kam aber anders. Als blamierter Europäer steht der „Vorwärts" am Grabe seiner Hoffnungen auf Rußlands Untergang und murmelt etwas von „großer Revolution", die aber im weiten Slavenreich so unmöglich ist, wie es die militärische Niederzwingung des russischen Kaisertums durch Japan war.
Deutsches Reich.
— Die Ergebnisse des Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1904 sind soeben veröffentlicht worden. Im ganzen sind danach an ordentlichen Einnahmen, soweit sie dem Reiche verbleiben, 9,8 Millionen Mark gegen den Etat niehr aufgekommen. Da der über den Etat hinausgehende Bedarf, eingerechnet die vorläufig aus ordentlichen Mitteln des Reichs gedeckte Ueber- schreitung beim Reichsinvalidenfonds von 10,05 Mill. Mark, im ganzen 18,4 Mill. Mark beträgt, so ergibt sich für das Rechnungsjahr 1904 ein Fehlbetrag von 8,6 Mill. Mark. Wäre für die Zwecke des Reichsinvalidenfonds der Vorschuß von 10,05 Mill. Mark nicht zu leisten gewesen, so würde der Reichshaushalt von 1904 statt mit jenem Fehlbeträge mit einem Uebcrschusse von rund 1,5 Mill. Mark abgeschlossen haben.
— Der frühere Oberpräsident von Posen, Exzellenz v. Willamowitz-Möllendorf, der vor einigen Tagen vom Pferde stürzte, ist an den Folgen der Verletzungen, zu denen sich eine Lungenkomplikation gestellte, auf seinem Gute Kobelnik gestorben. Der Heimgegangene war allezeit ein treuer Diener seines Königs und ein trefflicher, tüchtiger Beamter von altpreußischer Art.
— Die Generalversammlung des Stettiner Vulkan hat den Antrag des Vorstandes bezüglich der Niederlassung in Hamburg angenommen. Dafür stimmte 5200000 Mark Kapital, dagegen 2100000 Mark Kapital. Proteste wurden nicht eingebracht.
— Durch russische Flößer ist die Cholera auf der Weichsel nach Westpreußen eingeschleppt worden. Im Anschluß an den ersten, am 16. August bei Culm auf einem russischen Floße eingetretenen Choleratodesfall
sind vereinzelte weitere Choleraerkrankungen entlang des Weichselstromes und der mit ihm in Verbindung stehenden westlichen Wasserstraßen festgestellt. Neuerdings ist auch ein am 27. August in den Hamburger Auswandererhallen eingetroffener russischer Auswanderer an Cholera erkrankt und am 29. August gestorben. Seitens der Behörden ist sofort alles geschehen, um die vorgekommenen Fälle unschädlich zu machen und eine Weiterverbreitung des Krankheitsstoffes zu verhindern. Insbesondere ist die gesundheitspolizeiliche ständige Ueberwachung des gesamten Schiff- und Floßverkehrs auf der Weichsel, der Brahe, bem Bromberger Kanal und der Netze angeordnet worden.
— Eine Handwerksstatistik veröffentlicht das Preußische Statistische Bureau in seiner Korrespondenz nach den Mitteilungen, die ihm die Preußischen Handelskammern gemacht haben. Danach beträgt die Zahl der selbständigen Handwerker Preußens rund 67 7000, die Zahl der Gesellen 648000, die der Lehrlinge 292000.
— Prinz Friedrich Heinrich von Preußen hat das Protektorat des Ostdeutschen Jünglingsbundes (Geschäftsstelle: Berlin C, Sophienstr. 19) übernommen. Anläßlich des 25jährigen Jubelfestes des Berliner Kreisverbandes der evangelischen Jünglingsvereine hatte der Prinz das Protektorat für dieses Fest übernommen nnd dem Wirken der Vereine durch seinen Besuch Anerkennung, verliehen. Er richtete an die Versammlung freundliche Worte und gab zu den mannigfachen Darbietungen seinem lebhaften Beifall Ausdruck. Das Ziel der 465 ostdeutschen Jünglingsvereine ist: Auf dem Wege der Erbauung, Belehrung und Unterhaltung wahrhaft christliche Persönlichkeiten heranzubilden. Aus dieses Ziel wird durch zweckdienliche Einrichtungen, z. B. durch Gesellenheime und Soldatenheime, hingearbeitet.
— In Fortsetzung seiner früheren Berichte über die Organisation der Arbeitgeber und Arbeitnehmer bringt das letzte Heft des Reichsarbeitsblattes ausführlichere Angaben über die deutschen Gewerkvereine im Jahre 1904. Danach ist die Zahl der dem Verbände der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine ange« hörenden Ortsvereine von 2085 auf 2172 und die Zahl der Mitglieder von 110215 auf 111889 gestiegen; der Zuwachs betrug also 87 Vereine und 1784 Mitglieder (1,5 v. H.). Die Gesamteinnahmen der Verbände betrugen im Jahre 1904 rund 1,7 Mill. Mk. oder 140323 Mk. mehr als im Vorjahr. Verausgabt wurden insgesamt 888490 Mk. oder 84264 Mk. mehr
Per Kleine Doktor.
Roman von W. Sartory.
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Der Geschäftsinhaber betrachtete etwas bedenklich die kleine Figur des Doktors und meinte dann: „Ich glaube kaum, daß ich für Sie etwas Passendes auf Lager habe."
Retlow drang dennoch darauf, daß er wenigstens einen versuch machen solle.
Mindestens ein halbe» Dutzend Röcke hatte der Doktor schon angezogen, alle waren sie unpassend. Entweder zu lang oder zu völlig.
Der Geschäftsinhaberzuckte bedauernd die Achseln. „Ich kann Ihnen nicht helfen, oder Sie müssen einen nach Maß nehmen.
Dr. Retlow war ganz außer sich. Was blieb ihm am Ende übrig. Er mußte doch so wie er war, bei Irma von Hochheim vorsprechen oberer mußte warten, bis seine Sachen von Rüdesheim zurück kamen. Aber so lange noch warten, nachdem er wußte, daß Irma auf ihn wartete? Nein, daS hielt er nicht aus. Mit einem hastig gemurmelten: „Bedauere sehr!" verließ er den Laden und machte sich auf den Weg nach Marienberg. „Was liegt an dem Aeußern," suchte er sich zu entschuldigen. „Die Hauptsache ist doch, wenn das Herz spricht"
* *
Irma von Hochheim saß am Fenster und trommelte unruhig mit den kleinen rosigen Fingern auf der Fenster- bank. Ihr Blick 1— £-n ^^~ —£ :t---
unruyig mit den kleinen rosigen Fingern auf der Fenster- bank. Ihr Blick war fast beständig auf die kleine ihr gegenüber liegende Uhr gerichtet und so langsam auch die Zeiger fortschritten, wurde es doch immer später und der Ersehnte war immer noch nicht da.
Irma sah reizend aus in dem hellen, lichtblauen Kleid. Wie aus Marmor gemeißelt, hob sich der schön geformte Hals aus der schneeweißen Spitzenkrause hervor. Das etwas bräunliche Gesichtchen war rosig angehaucht und die Augen glänzten so voll Sehnsucht und Unruhe und schie- ncn ^mer die ängstliche Frage auszusprechen: „Kommt
Der Zeiger der Uhr war auf halb drei vorgerückt, als eS leise an der Tür anklopfte. Irma zuckte heftig zusammen, heiß schoß ihr das Blut in den Kopf, ihr Herz schien einen Moment still zu stehen in banger, seliger Erwar- tung.
Tante Gertrud war zur Tür gegangen und hatte diese geöffnet.
Wie ein trüber Nebelschleier legte eS sich plötzlich vor Irmas Augen. Sie wußte nicht, was geschah und fühlte nur, wie jemand ihre Hände faßte.
Dann hörte sie seine Stimme: „Irma! Irma, sag' es mir, liebst Du mich?" Da schlug sie die Augen auf und sah ihn vor sich auf der kleinen Fußbank knien. Sie sah seine Augen flehend auf sie gerichtet. Antworten konnte sie nicht, kein Wort konnte sie über die Lippen bringen, sie nickte nur lächelnd mit dem Köpfchen.
Da sprang der kleine Doktor auf und zog sie jubelnd an seine Brust und Irma schmiegte ihr Köpfchen an ihn und wehrte ihm nicht, daß er sie immer und immer wieder auf die Lippen, die ihm so lange Trotz geboten, küßte.
Dann standen sie noch lange am Fenster und blickten glückselig lächelnd in die grünen Baumwipfeln. Wie ihnen die schöne Welt auf einmal wieder so wonnig nnd lachend entgegenblickte. Drüben in dem hohen Wipfel einer alten Tanne schlug eine Nachtigall jubelnd an. Die beiden glücklichen Menschenkinder lauschten und träumten.
„Wo ist Tante Gertrud?" wandte Irma sich plötzlich suchend um.
Tante Gertrud war nicht in dem Zimmer, sie war, gleich nachdem sie den Doktor eintreten ließ, in das Nebenzimmer geschlüpft und wartete dort geduldig, bis man sie nötig hatte.
Hatte sie am Ende doch gelauscht? Als sie auf Irmas Bitten zurückkam, glänzte es feucht in ihren Augen. Stumm reichte sie dem Doktor die Hand, und der Blick, mit dem sie ihn ansah, schien ihm zu sagen: „Ich weiß, daß Sie meinen Liebling glücklich machen."
Als man darauf einen gemeinschaftlichen Spaziergang durch den Park machte, gab Retlow seine Kleidernot zum besten und Irma mußte herzlich darüber lachen.
Zwei Tage daraus zog Dr. Retlow wieder auf Marienberg ein, ob man ihn für wahnsinnig hielt, war ihm jetzt furchtbar egal. Acht Tage später hielt man eine kleine Berlobungsfeier, zu der nur Jda Bonee eingeladen war.
Da sang sie wieder das Lied: „Blick in die Augen mein," dem Doktor Retlow sooft, in stille Träumerei versunken, gelauscht.
Und der kleine Doktor blickte ihr in die dunklen Augen, deren Schein er nie so recht zu deuten wußte. Jetzt leuch- tete ihm etwas entgegen, so bekannt, so süß: „Der Liebe Schein!"
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Meine Erzählung ist hier eigentlich zu Ende, aber ich kenne den Wunsch der Leser, sie möchten noch gerne wissen, was aus Emma Borgau und dem Bankdirektor Max von Rottling geworden ist?
Rottling ist nicht etwa, wie so viele, in dem Gefängnis noch tiefer gesunken. Das Bewußtsein, daß ein Mädchenherz ihm, dem Gesunkenen, in Liebe gehörte, hielt ihn aufrecht und ließ ihn sein hartes LoS mit dem Bewußtsein der Schuld ruhig tragen. Und doch bangte ihm vor dem Tag, an dem er wieder frei werden sollte. Nicht für sich hegte er diese Furcht, für Emma.
Daß sie an einen Mann mit einer solchen Vergangenheit gekettet war, mußte das doch nicht später wie ein Wurm an ihrem Herzen nagen, und ihr da» Dasein ver- bittern?
Wieder war ein Winter über das Land gezogen, des Frühling kam mit seiner jungfräulichen Pracht und ihm folgte ein üppiger Sommer.
Auf Marienberg ist fast alles besetzt. Unter den Kurgästen befindet sich auch ein kleines junge» Ehepärchen. Man brauchte die beiden nur anzusehen, die Verliebtheit blickte ihnen aus den lachenden Augen heraus. 112,18