SchliichtemerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
3^69^ ' " Mittwoch, den 30. August 1905. ” 56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Wie die Ostseezeitung meldet, hat die Stadt- verordneterversammlnng in Swinemünde einstimmig beschlossen, 3000 Mark für Festlichkeiten anläßlich des Besstches der englischen Flotte zu bewilligen.
— Mehrfache Fälle von Trunkenheit im Dienste haben der Generaldirektion der sächsischen Staatseisenbahnen Veranlassung gegeben, das Personal erneut darauf hinzuweisen, daß bei solchen Verfehlungen mit der größten Strenge verfahren und in der Regel die Dienstentlassung verfügt werden wird. Die Generaldirektion macht ferner darauf aufmerksam, daß die Dienstvorstände denjenigen Bediensteten, welche dem übermäßigen Alkoholgenusse zuneigen, rechtzeitig den Anschluß an die den Mißbrauch des Alkohols bekämpfenden und die Heilung von der Trunksucht anstrebenden Vereine, sei es den Verein enthaltsamer Eisenbahner für Dresden und Leipzig, sei es ähnliche Vereinigungen (Guttempler, Blaues Kreuz u. a.) zu empfehlen haben. Nach empfinden kann es zweckmäßig sein, die Vorsitzenden solcher Vereine unmittelbar auf Personen, die nach der Ueberzeugung der Dienstvorstände Trinker find und bei Fortdauer des Alkoholmißbrauch die Entfernung aus dem Staatseisenbahndienste zu gewärtigen haben, in diskreter Weise darauf hinzuwirken, daß Bedienstete, die sich behufs Heilung von ihrer Neigung zum Trunke verständigerweise jenen Vereinen angeschlossen haben, von ihren Mitbediensteten schonend behandelt werden, und daß letztere nicht etwa durch Sticheleien dazu beitrageu, daß Trinker von dem Beitritt zu Vereinen der gedachten Art abgehalten oder zum Wiederaustritt bewogen werden.
— Das soeben veröffentlichte Ergebnis eiuer vom Regierungspräsidenten in Celle angeordneten Untersuchung über die Zustände im Bauwesen erweckt eint gewisse Unruhe. Nach Mitteilungen der betreffenden Regierungskommission hat sich im allgemeinen ergeben, daß seitens einer Reihe von Bauunternehmern und Bauherren überaus leichtfertig und unter Nichtbeachtung der geltenden Regeln der Baukunst gebaut wird, und daß auch die technische Ausführung durch die Handwerker sehr viel zu wünschen übrig läßt. „Seitens der Bauunternehmer," so heißt es weiter, „liegt ganz augenscheinlich vielfach neben Unwissenheit und Unkenntnis das direkte Bestreben vor, die Vorschriften der Bauolizeiordnung zu umgehen, beziehungsweise denselben zuwider zuhandeln. Diese betrüblichen Erscheinungen rühren ohne Zweifel nicht zum wenigsten
daher, daß in ^deu letzteren Jahren sich immer niehr Bauhandwerker unter dem Namen von Bauunternehmern, Baugeschäftsinhabern rc. selbständig gemacht haben, obwohl ihnen nach ihrer Vorbildung die Fähigkeiten j dazu gänzlich mangeln. Eine weitere Folge davon ist, daß hier leider viele völlig geschmacklose Baulichkeiten .entstehen, ohne daß gegen sie aus baupolizeilichen Gründen eingeschritten werden kann". Fortan soll mit aller Strenge die Befolgung der Baupolizeivorschriften durchgesetzt werden.
— Die nach Ostafrika bestimmte Marinefeldkompagnie, bestehend aus 9 Offizieren und 222 Mann hat am 24. d. Mts. die Abreise nach Kiel angetreten, um sich über Berlin, Breslau, Wien nach Trieft zu begeben und von dort die Ueberfahrt nach Ostafrika anzutreten. In Kiel verabschiedete der stellvertretende Kontreadmiral Zehe die Truppen mit einer Ansprache, in der auch die Abschiedsgrüße Sr. Majestät des Kaisers und des Prinzen Heinrich übermittelt, und die mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser schloß. Die Stimmung der Truppen ist eine vorzügliche. Die Segenswünsche ganz Deutschlands begleiten sie, und es darf zuversichtlich gehofft werden, daß ihrem Heldenmute die baldige Unterwerfung der Aufständischen gelingen wird.
— Das preußische Staatsministerium hat verfügt, daß die Beamten und Lehrer sich in möglichst großer Zahl an der am 1. Dezember stattfindenden Volkszählung als Zähler beteiligen sollen. Den dazu erforderlichen Urlaub werden die Behörden in weitgehendem Umfange gewähren.
— Eine Frequenznachweisung über den Personenverkehr auf den preußischen Staatsbahnen im September d. I. hat der Minister der öffentlichen Arbeiten angeordnet. Danach müssen die sämtlichen Fahrkartenausgabestellen des preußisch-hessischen Staatsbahnbereichs am 1. Oktober eine Aufstellung der verkauften Fahrkarten im Fernverkehr, und zwar der Stückzahl der ausgegebenen gewöhnlichen, einfachen und der Rückfahrkarten erster, zweiter und dritter Klaffe einreichen. Bei dieser Nachweisung soll zugleich eine Unterscheidung der Fahrkarten nach Entfernungszonen (bis 30, 100, 300, 600 und über 600 Kilometer) stattfinden. Fahrscheinhefte, Militär-, Kinder-, Sonntags- und Zeitkarten sollen dabei nicht berücksichtigt werden, ebenso bleiben die Fahrkarten des Stadt- und Vorortverkehrs außer Betracht.
Ausland.
— Der französische Ministerpräsident Rouvier erteilte dem französischen Gesandten in Marokko Taillendier Anweisung, die sofortige ^Freilassung des verhafteten Algeriers zu verlangen. Falls der Bescheid .abschlägig lautet, wird, wie verlautet, eine militärische Kundgebung vorgenommen werden und das gesamte Personal der französischen Gesandtschaft Marokko verlassen.
— Zu den russisch-japanischen Friedcns-Verhand- lungen wird gemeldet, daß Präsident Roosevelt ein Telegramm von 500 Worten vom amerikanischen Botschafter in Petersburg erhalten Hat, worin dieser über seine dreistündige Audienz beim Kaiser von Rußland berichtet. Obgleich der Inhalt dieses Telegramms geheim gehalten wird, ist doch bekannt geworden, daß der Präsident sich der Hoffnung hingibt, daß der Friede geschlossen werden wird.
— Nach einem am 15, d. Mts. in Apia aufgegebenen Telegram ist nach einer längeren Periode erhöhter Erdbebentätigkeit hinter Matautu (Nordseite der Insel Sawaii) ein neuer Vulkan entstanden. Gefahr scheint vorläufig nicht vorhanden zu sein, die einheimische Bevölkerung zeigt keine Panik.
— Zu der revolutionären Bewegung in Rußland liegt folgende Nachricht vor. In der Stadt Balaschow hatte sich eine Anzahl Kreisärzte, die den Dienst vor kurzem demonstrativ eingestellt hatten, zu einer Beratung versammelt, wobei es zu Ausschreitungen des Pöbels gegen sie kam. Das Polizeidepartement teilt nun mit, daß die Urheber der Ausschreitung dem Gericht übergeben worden sind. Wie der Regierungsbote meldet, machte der Kaiser auf den Bericht Trevows über diese Vorgänge den Vermerk: Revor lutionäre Erscheinungen dürfen nicht mehr geduldet, gleichzeitig aber auch nicht ein eigenmächtiges Vorgehen des Pöbels gestattet werden. — Hoffentlich wird dieser kaiserliche Befehl auch überall energisch durchgeführt.
— Im schwedischen Staatsrate erstattete Justizminister Berg Bericht über den letzten Storthingsbe- schluß und schlug gleichzeitig vor, daß der König dem Staatsrat übertragen wolle, mit der norwegischen Regierung zu den in dem Schreiben des Reichstages vom 28. Juli genannten Zwecke in Verhandlungen einzutreten, und die Regierung ermächtigte, daß deren Delegierte mit den norwegischerseits auserwählten Delegierten zusammenträfen. Auf Aufforderung der übrigen
Der kleine Doktor.
Roman von W. Sartory. 45
Lächelnd beugte Jda sich über die Erregte und drückte ihr einen Kuß auf die heiße Stirn.
Plötzlich schlang Irma die Arme um den Hals des schönen Mädchens und erwiderte innig den Kuß; ihre bebenden Lippen flüsterten leise: „Verzeihen Sie mir. Ich habe Ihnen Unrecht getan. Ich habe Sie hassen wollen, aber Sie sind so gut! Ich fühle es, Sie sind so gut.. so gut, wie sie schön sind 1"
„Kleine Schmeichlerin!" wehrteJda gerührt ab. „WaS habe ich denn gutes getan?"
„O, das können Sie gar Nichtwissen! Durch Sie habe ich erst so recht gefühlt, daß ich ihn liebte, durch Sie ist es mir erst recht zum Bewußtsein gekommen." Irma sah sie eine Weile schweigend an, man konnte ihr ansehen, daß sie noch etwas auf dem Herzen hatte, aber nicht recht mit der Sprache heraus wollte. „Fräulein Jda," begann sie dann zögernd. „Darf ich Sie meine Freundin nennen? Wollen wir Freundinnen sein auf ewig?"
„Wenn Sie meine Freundschaft annehmen wollen. Ich bin nur ein einfaches Mädchen, daß nichts hat als ihre Kunst und Sie!"
„Reden wir nicht darüber," wehrte Irma ab. „Mit Ihrer Kunst stehen Sie weit über mir. Ich bin nur ein dummes Mädchen. Willst Du mich Du nennen?"
«Ja, Irma, wir wollen Freundinnen sein."
Eine innige Umarmung beschloß den so schnell gesaß- ten Freundschaftsbund.
Als Jda Bonee gegangen war, litt es Irma nicht mehr «.nBett. Sie fühlte sich wie neubelebt. Dann mußte Tante Aevtrud ihr helfen, sie schön machen, denn sie ahnte mit 8E daß er nun auch nicht mehr länge auf sich warten
^ Wohl hundertmal besah sie sich im Spiegel und fragte getonte, die ihr still lächelnd zusah: „Bin ich auch schön?
Einmal hatte Tante Gertrud nur darauf geantwortet. „Du hast ihm ja schon gefallen!" und wenn sie dann im- mer wieder fragte, nickte sie nur lächelnd.
* *
Als Jda Bonee im Hotel Spiegel ankam, saß Dr. Ret- low sinnend auf der Veranda.
Sie ging eiligst auf ihn zu. „Dokterchen, ich habe Ihnen etwas schönes zu sagen 1" Während sie das sagte, nahm sie ihm gegenüber Platz und als er sie stumm fragend an- blickte, fuhr sie leise fort. „Nun setzen Sie sich einmal recht fest auf den Stuhl, daß Sie nicht umfallen. Also jetzt!"
„Sie machen mich ja ganz erschreckt!"
„Wollen sehen! Wissen Sie, wo ich wahr?"
„Nun?"
„Bei meiner Freundin Jrmq von Hochheim."
Dr. Retlow fuhr überrascht auf,
„Aber Dokterchen, springen Sie doch nicht gleich weg! Ich bin ja noch gar nicht fertig!" lachte Jda.
„Irma, Ihre Freundin," kam es überrascht über seine Lippen.
„Nicht wahr ? Da staunen Sie? Ja, wir haben Freundschaft geschlossen auf ewig."
„Sonst haben Sie mir nichts zu sagen?" entgegnete Retlow etwas enttäuscht.
„Wenn Sie mich ruhig reden ließen, wüßten Sie jetzt schon alles."
„Sie machen mich rasend mit Ihrem Geplänkel," fuhr Retlow nervös auf
Die Künstlerin wandt« sich scheinbar schmollend, ab, aber heimlich lachte si^. DaS machte ihr Spaß, den Doktor so zappeln zu sehen.
„Verzeihen Sie meine Ungezogenheit," fuhr Doktor Retlow ruhiger fort. „Aber bitte, yun sagen Sie mir doch alles!"
„Nun, viel ist es nichts antwortete Jda fast gleichzeitig, „Nur das Irma rasend in Sie verliebt ist."
Mit einem Satz sprang Retlow auf.
»Das hat sie Ihnen gesagt!"
„Doktor, sind Sie doch ruhig! Die Leute glauben ja am Ende noch, wir zanken uns hier!" lachteJda.
„Was liegt mir an der ganzen Welt. Sagen Sie mir noch einmal, hat Irma Ihnen das wirklich anvertraut?"
„3a"
Retlow wollte hastig wegeilen.
„Wohin?" hielKJda Bonee ihn zurück.
„Das fragen Sie noch?"
„Jetzt dürfen Sie nicht zu ihr. Sie ist etwa» ttan! und lag noch im Bett, als ich bei ihr war."
„Aber ich kann nicht mehr warten. Ich werde wahnsinnig."
A na,, so schnell geht das nicht," scherzte Jda. „Warten Sie werngstens bis nach Tisch."
Nur schwer konnte Retlow sich darein finden, die wem- gen Stunden kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. Nach bet Tafel begab er sich schnell auf sein Zimmer, um sich zu dem wichtigen Gang anzuziehen, doch als er den Kleider- schränk auf;chloß, fuhr er etwas erschrocken vor dessen gäh- nender Leere zurück. Herrgott! Seine ganzen Sachen wa- “n 1“ stach in Rüdesheim er besaß nur das, was er am Leib hatte. Einen grauen Anzug und einen nicht mehr gerade neuen Strohhut. Verzweifelt blickte er seine Figur rm Spiegel an. Wenn er doch wenigstens einen schwarzen Anzug hatte, ein Hut war ja leicht zu kaufen.
Im Geiste hatte er sich schon in seinem tadellosen Geh- rock und dem glänzenden Cylinder gesehen. So, wie er letzt dastand,, konnte er doch unmöglich auf die Brautwer- bung gehen? Verzweifelt rannte er im Zimmer umher.
Sollte er sich in einem Kleidergeschäft ein solches Kleidungsstück leihen? Das war wohl das einzigste, was er machen konnte und am Ende Mars ja einerlei, Irma wußte ja nicht, daß der Bräutigamsrock gar nicht ihm gehörte. Gedacht, gethan! Hastig stülpte Dr. Retlow seinen alten: Deckel auf den Kopf, nahm den leichten Spazierstock und verließ das Hotel.
In das erste Garderobengeschäft dem er begegnete, trat er ein und brächte sein Anliegen vor. rrS.IH