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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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Mittwoch, den 23. August 1905.

56. Jahrgang.

Amtliches.

Auf die Bekanntmachung im Amtsblatt der Land­wirtschaftskammer Nr. 33 vom 13. August, betreffend Prämiirung ganzer Rindviehbestände, mache ich hiermit die Rindvieh-Züchter besonders aufmerksam.

Anmeldungen sind bis spätestens den 29. August dem Zuchtviehinspektor Herrn Kohlhepp zu Schwarzen- fels einzureichen.

Schlüchtern, den 18. August 1905.

Der Königl. Landrat: Graf zu Solnis.

Meltpolitilr.

Der Begriff der Weltpolitik war unsern Vätern unbekannt; nur wenige hochbegabte Geister der frühern Zeit vermochten ihre Bedeutung in undeutlichen Um­rissen zu erkennen. Die Weltpolitik ist das Ergebnis der weltwirtschaftlichen Entwicklung, in die uns die Gegenwart mit ihren vielverschlungenen internationalen Beziehungen hineingeführt hat. Was ist die Welt­wirtschaft? Die beste Antwort auf diese Frage finden wir in einer ebenso fesselnd wie belehrend geschriebenen Broschüre von Paul DehnKommende Weltwirt­schaftspolitik" (Berlin, Trowitzsch u. Sohn), in der es heißt:

Weltwirtschaft ist ein Zustand, der auf einer gewissen Solidarität der Staaten und Völker beruht. Diese Solidarität erweitert und vertieft sich noch fort­während. Kulturel: An allen Kulturfortschritten der Gegenwart sind alle Völker beteiligt. Sozial: Alle Kämpfe, Sorgen und Gefahren sind ihnen gemeinsam. Politisch: Fällt irgendwo ein Schuß, so erregt es allerwärts Alarm. Wirtschaftlich: Wenn es an der Börse von Kalkutta kracht, kracht es auch an den Börsen von London und Berlin. Eine Hungersnot in Indien oder China wird selbst in den enilegenpen Jndustriebezirken Europas, auch in Deutschland, wenn­gleich nur mittelbar als eine Verminderung der all­gemeinen Kaufkraft, empfunden."

An dieser weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Gemeinschaft der Kulturvölker hat auch das Deutsche Reich seinen gebührenden Anteil. Kolonien und Interessengebiete in allen Erdteilen nennen wir unser eigen. Viele Tausende deutscher Staatsbürger wirken als Pioniere deutschen Gewerbefleißes und Unter­nehmungsgeistes im Auslande und mehren durch ihre Tätigkeit den Ruhm des deutschen Namens und den deutschen Wohlstand. Eine Handelsflotte, welche die zweitgrößte der Welt ist, erobert dem deutschen Handel

ein Absatzgebiet nach dem andern. Wem kann es da noch zweifelhaft sein, daß wir Weltpolitik treiben müssen, im Interesse der Erhaltung unsers National­vermögens, unsrer Volkskraft und unsers Ansehens unter den Völkern und Staaten der Erde?

Keine Weltpolitik ist aber denkbar ohne Seewehr. Handel und Unternehmungsgeist eines Volkes können noch so glänzend, noch so voll von eigener Rüstkraft sein, sie werden auf die Dauer doch immer nur da sich festsetzen, wohin der bewaffnete Arm ihres Staates zu reichen und ihren friedlichen Wettbewerb erfolgreich zu schützen vermag. Darauf beruht der Erfahrungs­satz, daß der Handel der Motte folgt. Eine starke, eindrucksvolle, aktionsbereite Flotte ist daher geradezu als der Bahnbrecher der weltpolitischen Entwicklung eines Staates zu bewerten und für die Forderungen, welche die Gegenwart nach dieser Richtung stellt, so unentbehrlich, daß ihr Mangel mit der Herabdrückung einer Nation auf die Stellung einer Macht zweiten Ranges für gleichbedeutend erklärt werden muß.

Unsere öffentliche Meinung über die Gründe, welche die Schaffung einer starken Seemacht zu einer Lebensfrage für das Deutsche Reich machen, aufge­klärt und der Marine nebst den überseeischen Ver­hältnissen und Interessen zu einer wahrhaften Volks­tümlichkeit verholfen zu haben, ist ein Verdienst Kaiser Wilhelms II. Mit scharfem Blick hat der Schirmherr des Reiches früh erkannt, daßuns eine starke deutsche Flotte bitter not ist". Eine Riesenarbeit gehörte dazu, um das deutsche Volk, das doch eigentlich fast ganz aus geborenenLandratten" besteht, zu einer see­männisch-weltpolitischen Auffassung zu erziehen! Und doch ist die Lösung dieser Aufgabe, die zuerst an tausend und abertausend Ketten zu hängen schien, in verhältnismäßig kurzer Zeit und mit überraschende. Wirkung geglückt, dank der zielbewußten Anregung unsers Kaisers.

Deutsches Reich.

Der Kaiser wird am 23. Aug. zur Besichtigung nach derSenne" reisen, am 25. August erfolgt dann die Rückkehr des Kaisers nach Wilhelmshöhe, von wo die Majestätten am anderen Tage vormittags nach Potsdam abreisen. Nach der Besichtigung auf der Senne wird der Kaiser noch die Saalburg besuchen.

Eine Studienreise nach Amerika werden in den nächsten Tagen mehrere höhere Beamte und Guts­verwalter von der Königlichen Ansiedlungskommission

unternehmen, um die Ansiedlungsverhältnisse bei den Farmern an Ort und Stelle kennen zu lernen.

Vom 5. Oktober bis 8. November d. I. wird an der Landwirtschaftsschule in Liegnitz, wie in den Vorjahren, ein Fortbildungskursus für Volksschullehrer zur Ausbildung in der Erteilung des Unterrichts an ländlichen Fortbildungsschulen abgehalten werden. Dazu sollen geeignete Lehrer aus Ostpreußen, West­preußen, Pommern, Posen, Schlesien und dem Re­gierungsbezirk Frankfurt a. O. unter Zubilligung angemessener Beihülfen aus den Fonds des Land­wirtschaftsministeriums einberufen werden. Der Kursus wird Chemie, Landwirtschaft (Ackerbau und Betriebs­lehre), Zoologie (Anatomie und Physiologie) und landwirtschaftliches Unterrichtswesen nebst Uebungen umfassen. Vorschläge über die einzuberufenden Lehrer sind von den zuständigen Regierungen bis Ende August dem Ministerium vorzulegen.

Vom Kultusminister ist an die Provinzialschul- kollegien nachstehende Verfügung ergangen:Die in den Listen der Königlichen Provinzialschulkollegien eingetragenen Kandidaten können gemäß der Bestimmung in Ziffer H der Ordnung, betreffend die Verhältnisse der anstellungsfähigen Kandidaten für das Lehrant an höheren Schulen vom 15. Mai d. J. an solche Privatanstalten beurlaubt werden, deren Erhaltung im staatlichen Interesse liegt. Für die Zukunft soll davon ausgegangen werden, daß die an militärbe- rechtigten Privatanstalten erfolgte Beschäftigung auf das Besoldungsdienstalter der Oberlehrer gleich einer öffentlichen höheren Lehranstalt geleisteten Hülfslehrer- dienstzeit angerechnet werden kann. Auch für die Vergangenheit bin ich mit deur. Herrn Finanzminister bereit, in eine Prüfung der , Anregung solcher Be- schäftigung auf das Besolgungsdienstalter einzutreten, stelle demzusolge dem Königlichen Provinzialschul- kollegium anheim, gegebenenfalls unter Benutzung des für Anrechnungssachen vorgeschriebenen Formulars entsprechende Anträge zu stellen, wobei ich jedoch zur Vermeidung von Mißständnissen bemerke, daß die Neuordnung nicht von Amts wegen, sondern lediglich auf Antrag der Beteiligten in Angriff zu nehmen ist. In dem Begleitberichte sind die Umstände anzugeben, aus welchen das staatliche Interesse an der Erhaltung der betreffenden Privatanstalt gefolgert wird."

Zur Verhütung von Gasexplosionen in den Personenwagen der Eisenbahn erinnert Minister von Budde in einem Erlasse an die Bestimmungen der

Der Kleine Doktor.

Roman von W. Sartory.

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Mit einem Satz war der kleine Doktor an der Mauer» kante, warf den Rock ab und stürzte sich kopfüber in den Rhein. Im letzten Augenblick glaubte er vom Ufer aus einen Schrei zu hören, doch es blieb ihm jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Als er aus dem Wasser auftauchte, sah er vielleicht fünf Meter von sich entfernt, den Jungen ebenfalls auftauchen und gleich darauf wieder verschwin- den. Mit ein paar mächtigen Stößen war Retlow an der Stelle. Jetzt tauchte der Junge wieder auf und es gelang Retlow seine Hand zu fassen.

In der Todesangst klammerte der Ertrinkende sich mit beiden Armen um Retlows Hals fest und zog diesen mit inS Wasser zurück.

Retlow mußte all' seine Kräfte anspannen, um nicht selbst mit zu ertrinken. Zu seinem Glück verlor der Junge vaS Bewußtsein. Die Hände lösten sich von seinem Halse und sanken schlaff zurück. Jetzt erst konnte Dr. Retlow daran denken, mit seiner Last daS Land zu gewinnen.

Durch daS Ringen mit dem Ertrinkenden war eine ge­raume Zeit verflossen und die beiden ein gutes Stück den Rhein abwärts getrieben.

Retlow sah sich nach einer Stelle um, wo er landen konnte, aber er mußte noch ein gutes Stück abwärts bis zu einer Rampe schwimmen, bis dahin hob sich die Mauer senkrecht aus dem Wasser.

Bom Lande aus hörte er ermunternde Zurufe, aber er nahm sich nicht Zeit, dorthin zu blicken, seine ganze Sorge galt dem Jungen und er befürchtete schon einen Toten aus Land zu bringen. Als er an der Rampe an­gelangt war, waren einige Männer ihm behilflich. Ret- low hätte auch allein nicht die Kraft gehabt, sich aus dem Wasser emporznziehen, der Arm, mit dem er den Jungen über Wasser gehalten hatte, war ihm ganz steif geworden.

Als der kleine Doktor sich etwas verschnauft hatte und

seine Umgebung musterte, sah er nicht weit von sich Irma von Hochheim, die halb ohnmächtig auf Jda Bonee und Tante Gertrud gestützt, ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.

Wie ein Blitzstrahl ging es ihm durchs Herz:Sie bangt um Dich!"

Er vergaß alle», was um ihn geschah, seine Müdig­keit, den Jungen, von dem er nicht wußte, ob er noch lebte, und eilte auf Irma zu, faßte ihre schlaff herabhän­gende Hand und sie an seine Lippen drückend, flüsterte er innig:Irma, meine Irma! Du hast um mich gebangt?"

Erst jetzt fand Irma von Hochheim ihre Kräfte wie­der, mit Gewalt raffte sie sich aus dem betäubenden Ge­fühl auf. Ihre Augen verloren den erschreckten Ausdruck, sie blickten ruhig, ernst.

Dr. Retlow sah befremdet diese Veränderung in ihrem Wesen. Hatte er sich doch getäuscht?

Herr Doktor, verzeihen Sie mir, daß ich Sie einen Feigling genannt," kam es halblaut von Irmas Lippen. Sie sind ein Held."

Dr. Retlow wollte wieder ihre Hand an seine Lippen führen.

Hastig zog sie dieselbe zurück mit den fast in flehendem Tone hervorgebrachten Worten:Richt, Herr Doktor, tun Sie das nicht!"

Aber, Herr Doktor! Wir stehen hier und bedenken gar nicht Ihren Zustand," fiel da Jda Bonee ein, die der Umgebung wegen es für Zeit fand, die Unterhaltung der beiden ganz abwesenden Menschen abzubrechen.

Wo ist der Junge?" fuhr Retlow zerstreut auf.

Auf den Rasen haben sie ihn hingelegt."

Retlow eilte die Rampe hinauf und sah oben auf dem Rasenplatz einen ganzen Kreis gaffender Menschen stehen. Als man ihn ankommen sah, wurde ihm bereitwilligst Platz gemacht.

Do kemmt deHeer," hörte er eine Frau sagen, die sich um den Jungen bemühte.

Ein Mann in Arbeitskleidern stand auf und reichte ihm,

eine Träne in den Augen, die schwielige Hand hin.Ihr seid en brave Mann! Gott wird es Euch lohnen!"

Machen Sie keine Umstände, ich hab' nur meine Pflicht Ist ja gar nicht der Rede wert," wehrte Retlow den ab. Dann beugte er sich zu dem Jungen nieder, der noch immer ohne Bewußtsein dalag.

Off de Kopp stelle, dat et Wasser 'erauSläft," meinte einer der Umstehenden.

Dummes Zeug," meinte Dr. Retlow ärgerlich,daß er sicher stirbt, was?"

Er legte den Jungen mit dem Kopf etwa» tiefer und begann die Arme auf- und abwärts zu bewegen. E» dauerte nicht lange, da gab der Junge ein Lebenszeichen von sich. Zuerst wär es ein schwaches Röcheln, das stärker wurde, dann kam plötzlich das Wasser aus dem Munde.

Als der Junge so weit die Besinnung wieder hatte, befahl Retlow, ihn nach Hause zu tragen und gleich inS Bett zu legen.

Der Mann in den Arbeitskleidern nahm sein Sühn- chen auf den Arm. Noch einmal trat er zu Retlow hin und drückte ihm dankbar die Hand.Ich weiß net, wie ich Euch danke soll," sagte er gerührt.Wollt Ihr mir net Euere Name sage?"

Dr. Retlow nannte ihm seinen Namen und entfernt« sich.

Nun kommen Sie aber, Doktor, schnell in» Hotel zu- rück. Sie werden sonst noch krank," sagte Jda Bonee ener­gisch und faßte ihn am Arm.

Dr. Retlow sah sich suchend um.

Irma von Hochheim ist weg," fuhr Jda Bonee fort, seine stumme Frage beantwortend. Lächelnd fügte sie hinzu. Sie glaubt, Sie seien bei mir in sicherer Hut und will mir nicht hindernd in den Weg treten."

Wohin ist sie?"

Lassen Sie das jetzt, Doktor. Sie haben dochgesehen, daß die Dame Sie liebt, oder Sie müßten ganz mit Blind­heit geschlagen sein. Das Uebrige werde ich besorgen. Ich bin ja sozusagen an diesem Seelenkonflikt schuld." 112,15