SchlüchtermrAitun g
Erscheint Mittwoch und Samstag. —, Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 66.
Deutsches Reich.
— Dtzm Präsidenten der Ansiedelungskommission ist ein Dank des Kaisers durch den Oberpräsidenten der Provinz Posen zugegangen, worin es heißt, daß der Kaiser in Gnesen seiner besonderen Freude darüber Ausdruck gegeben hat, sweil dort so zahlreiche deutsche Ansiedler den Monarchen begrüßt haben. Der Präsident der Ansiedelungskommission hat Veranlassung genommen, den Ansiedlern den herzlichsten Dank des Kaisers ;zu übermitteln. Den Teilnehmern an der Spalierbildung in Gnesen wird zur Erinnerung an den 9. August der Wortlaut der Kaiserlichen Rede in besonderen Abzügen zugestellt werden.
— Bei der Landtagsersatzwahl für den sechsten Wahlbezirk Liegnitz-Jauer-Bolkenhain-Landshut wurde der Landesälteste Webern-hohenfriedberg (kous.) für Freiherrn v. Richthofen-Mertschütz, der sein Mandat niedergelegt hat, gewählt.
— Zu den Vorwürfen gegen den Gouverneur von Samoa, Dr. Solf, die dieser Tage ein Berliner Blatt erhob, schreibt jetzt die „Nordd. Allg. Ztg.": Dem Gouverneur von Samoa, Solf, wurde in der fresse ungerechte und harte Behandlung des früheren Gouvernementsbeamten Eckenweber und seiner Familie vorgeworfen. Auf die erhobenen Beschuldigungen kann im einzelnen erst Auskunft erteilt werden, wenn der eingeforderte Bericht des Gouverneurs von Samoa eingegangen ist. Auf Grund des Materials, das an amtlicher Stelle hier vorliegt, ist indessen schon jetzt festzustellen, daß Eckenweber wegen verschiedener schwerer Vergehen gegen die Disziplin vom Gouverneur entlassen wurde, sowie daß der Gouverneur bereits Anfang April Eckenweber schriftlich angeboten habe, desfen Frau im Regierungshospital kostenlos ärztlich behandeln und verpflegen zu lassen, daß dies Anerbieten jedoch von Eckenweber wiederholt abgelehnt worden sei. Hierauf sei wohl zurückzuführen," daß seine Frau erst drei Tage vor dem am 1. Juni erfolgten Tode ins Hospital ausgenommen wurde.
— Der vierte Abgeordnetentag des preußischen Landeskriegerverbandes wurde am Montag in Kiel unter dem Vorsitz des Generals v. Spitz eröffnet. Die vom Verband vorgeschlagene Resorm des Unterstützungswesens wurde mit großer Mehrheit nach längerer Debatte angenommen. Ferner wurde beschlossen, die Kriegersanitätskolonnen behufs einheitlicher An- gliederung an die Organisation des Roten Kreuzes aufzugeben. Auf das Huldigungstelegramm des
Samstag, den 19. August 1905.
deutschen Kriegerbundes an den Kaiser traf aus Wilhelmshöhe eine Antwort ein, in der General v. Spitz ersucht wird, dem Abgeordnetentag den Dank des Kaisers für das erneute Gelübde unverbrüchlicher Treue, mit den besten Wünschen für einen weiteren segensreichen Erfolg der Bestrebungen des Kriegerverbandes, zu übermitteln.
— Der Befähigungsnachweis im Handwerk ist von dem 6. deutschen Handwerks- und Gewerbekammertag in Köln, als unter den heutigen Verhältnissen unerreichbar, mit 46 gegen 25 Stimmen abgelehnt worden.
Ausland.
— In Norwegen war der vergangene Sonntag, an dem die Volksabstimmung über die Auflösung der schwedisch norwegischen Union stattfand, ein allgemeiner Festtag, der an Glanz alles bisher Dagewesene über- lrifft. Das ganze Land prangte von der einen Grenze bis zu der anderen in Flaggenschmuck. Das Ergebnis fiel aus, wie erwartet wurde: mit fast an Einstimmigkeit grenzender Majorität hat das 'Volk sich für die Auflösung der norwegischen Union mit Schweden ausgesprochen.
— Aus Belgrad wird die Demission des serbischen Ministeriums gemeldet, die vom König angenommen wurde. Der König unterzeichnete einen Ukas betreffend die Bildung einer endgültigen parlamentarischen Regierung aus den Reihen der jungradikalen Partei. Hiernach ist das neue Kabinett folgendermaßen zusammengesetzt: Präsidium und Kultus: Ljuba Stojano- witsch, Aeußeres: Zujowitsch, Inneres: Pawicewitsch, Krieg: Oberst Autonitsch, Bauten: Fodorowitsch, Finanzen: Makowitsch, Justiz: Advokat Peritsch, Ackerbau: Rechtsanwalt Draskowitsch. Außer den letztgenannten beiden Ministern waren alle übrigen schon Mitglieder des alten Kabinetts.
— Der Petersburger „Regierungsbote" meldet, daß er unter dem Vorsitz des Kaisers beratene Entwurf, betreffend die Beteiligung von Volkvertretern in Rußland an der Ausarbeitung und Vorberatung der Gesetzentwürfe, die nach den Grundgesetzen durch den Reichsrat an den Kaiser gelangen, entsprechend den Absichten des Kaisers abgeändert und in dieser veränderten Form dem Kaiser auf seinen Befehl zur Bestätigung vorgelegt werden wird.
— Die russische Polizei hat in einem Gasthofe zu Tiflis ein Verschwörungsquartier entdeckt und die Anwesenden verhaftet. Bei den Verschworenen wurde
56. Jahrgang.
ein Gruppenbild der Mitglieder der Konferenz über die Einführung der Seuistwos im Kaukasus und die Portraits des Statthalters und Polizeichefs Schirikin sowie ein von der Kampforganisation und der Partei der Sozialrevolutionäre unterzeichnetes Todesurteil Schirikins gefunden. Im Ofen lagen sieben große und mittlere Bomben des sogenannten mazedonischen Typs, von denen zwei geladen waren, ferner Dynamit usw.
— In Chautauqua (Staat New-Pork hielt Präsident Roosevelt eine Rede, in der er unter Hinweis auf die Monroedoktrin erklärte, die südamerikanischen Republiken dürften nicht Schutz auf Grund dieser Doktrin erwarten, falls sie sich der Bezahlung regulärer Schulden entziehen wollten. Er sei dagegen, daß sich fremde Nationen zu Herren südamerikanischer Zoll« ämter machten, aber die Vereinigten Staaten würden keinen Krieg anfangen, um europäische Nationen zu verhindern, die Befriedigung gerechtfertigter Forderungen zu erlangen, vorausgesetzt, daß es dabei nicht zu einer Okkupation von Land kommt.
— Nach der vollständigen Besetzung der Insel Sachalin durch die Japaner haben, wie von zuverlässiger Seite verlautet, die Japaner den in der Strafabteilung befindlichen russischen politischen Gefangenen erlaubt, wenn sie es wünschen sollten, nach anderen Ländern auszuwandern.
— Es sind ernste Anzeichen für Unruhen in China vorhanden. Einem Telegramm aus Peking zufolge brächte eine große Anzahl buddhistischer Priester zwölf Katholiken um und tötete und verwundete mehrere französische Missionare in der Provinz Honan. Von französischer Seite sind aus diesem Anlaß ernste Vorstellungen bei der chinesischen Regierung erhoben worden.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchteru, 18 August 1905.
—* Am 15. d. M. begann der zweite Teil der Gerichtsferien. Die bis jetzt im Amte weiter tätig gewesenen Beamten werden durch ihre aus der ersten Ferienhälfte heimgekehrten Kollegen abgelöst, sodaß auch nunmehr für sie eine vierwöchige Erholungspause herbeigekommen ist.
*— Durch spielen mit Streichhölzer verbrannte sich gestern Morgen das 2jährige Kind der Familie Fritz Eckhardt von hier, derart am Körper, daß dasselbe nach Hanau in das Landkrankenhaus verbracht werden
Der kleine Doktor.
Roman von W. Sartory.
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Dr. Retlow unterhielt sich verzweifelt mit Tante Gertrud, während Jda Bonee neben Ihnen herging und ab und zu bei einem mißlungenen Versuch, diese in Unterhaltung zu bringen, einen lächelnden Blick auf da» Schwarzköpfchen warf.
Sie als gänzlich unbeteiligte hatte schnell den Grund zu Irmas abstoßendem Benehmen gefunden. Sie hatte den Blick wohl gesehen, den Irma ihr zuwarf, als sie Ihrer ansichtig wurde und sie hatte auch gesehen, wie sich ihre Züge verfinsterten. Offenbar hielt sie Jda für eine Nebenbuhlerin.
Lange blieb man nicht zusammen. Irma schützte plötzlich Kopfschmerzen vor und veranlaßte Tante Gertrud, mit ihr nach dem Kurhaus zurückzugehen.
Beim Abschied übersah Irma ganz die Hand, die Dr. Retlow ihr hinstreckte.
Retlow war stehen geblieben und blickte den beiden nach. Also alle seine Hoffnungen und Wünsche dahin?"
„Sie sind verliebt, Dokterchen," hörte er plötzlich Jda» Stimme hinter sich.
Der scherzende Ton behagte ihm diesmal nicht, wie Hohn klang es ihm in den Ohren wieder. Er hatte sich nach der Sprecherin gewandt und blickte diese fast wütend an.
Jda trat fast erschreckt einen Schritt zurück. „Au.. freffen Sie mich nicht auf, Doktor!"
„Sie haben gut scherzen!" kam eS ärgerlich über seine Lippen.
„Machen Sie keinen Unsinn, Doktor. ■ Soll ich Ihnen etwas sagen, etwas Wichtiges?"
Sie waren währenddessen den Weg zurückgegangen.
„Wa» hätten Sie mir Wichtiges zu sagen?"
„Die Dame hält mich für ihre Nebenbuhlerin."
Der kleine Doktor blieb stehen und sah die Sängerin. goß an, dann lachte er plötzlich auf, die Sache kam ihm zu misch vor.
„Sie lachen?" tat Jda scheinbar verletzt. „Wär ich Ihnen etwa nicht gut genug?"
Der kleine Doktor sah zuerst sich an und dann sein großes Gegenüber und entgegnete lächelnd: „Ein schönes Paar, im Gedränge könnten Sie mich ja auf den Arm nehmen, damit mich niemand stiehlt."
Jda lachte lustig auf. „Sehen Sie, Doktorchen, so gefallen Sie mir. Nur nicht gleich den Kopf hängen lassen."
„Sie meinen wirklich?"
„Lernen Sie mich ein Mädchenherz kennen, Doktor?"
„Was meinen Sie denn, was ich tun soll?"
„Zu ihr gehen und sie aufklären. Soll ich mit?"
„Um Gottes willen, das geht nicht," wehrte Dr. Retlow ab. „Ich weiß ja überhaupt nicht, ob sie mich will."
„Daran zweifeln Sie noch? Doktor, Sie sind dumm!"
„Sie haben gut reden."
„Sie müssen aber doch etwas tun."
„Ich warte lieber noch. Heute noch nicht, vielleicht morgen."
„Und dann gibts eine Verlobung. Laden Sie auch mich ein?"
„Natürlich. Wenn? I Dann müssen Sie mir noch einmal das Liebchen singen: Sieh'in die Augen mein!"
„O, ich singe dann noch mehr."
„Was denn zum Beispiel."
„Sie sind neugierig, Doktor! Warten Sie doch ab."
„Wird noch gute Weile haben," entgegnete Retlow schon wieder schwermütig.
Sie waren mittlerweile am Parktor angelangt. Dr. Retlow öffnete das Tor, das halb zu war und sie traten wieder hinaus auf die Straße.
♦ * ♦
Irma hatte auf dem Weg bis zum Kurhaus nichts mehr gesprochen, hastig war sie weiter geeilt, als ob sie fürchtete, Dr. Retlow würde ihr folgen.
Tante Gertrud konnte auf die Dauer nicht Schritt halten und blieb zurück.
Als sie aus dem Zimmer ankam, saß Irma am Fen
ster und starrte mit brennenden Augen in die dunklen Baumwipfel. Sie sah nicht das dunkle Grün, es flimmerte ihr vor den Augen. Millionen von glänzenden Sternen zuckten auf und verschwanden wieder. Tante Gertrud schritt leise aus sie zu und strich ihr liebkosend über daS glänzendschwarze Haar.
Nach einer Weile blickte Irma auf, eS war ein todeS- trauriger Blick, mit dem sie Tante Gertrud fragte: „Glaubst Du nun meiner Ahnung?"
„Du bist im Irrtum, Irma."
„Sei still, Tante, wehrte Irma traurig ab. „Ich hab' eS ja geahnt, daß es so kommen würde .. und .. an seiner Stelle hätte ich das auch getan."
Alles Zureden der alten Dame half nichts, Irma hielt an dem einmal gefaßten Gedanken fest.
Am anderen Tag sprach Irma kein Wort mehr davon, aber Tante Gertrud sah ihr an, daß sie noch darüber nach- grübelte.
Es war am Nachmittag, da äußerte Irma den Wunsch, einen Spaziergang nach dem Rhein zu machen.
Tante Gertrud war natürlich dazu bereit und so wurde gleich aufgebrochen.
Dr. Retlow ging eben mit Jda Bonee die untere Rhein- aller hinab. Vielleicht zehn Meter von dem Ufer entfernt schaukelte ein Kahn auf dem Wasser.
Drei junge Burschen, Schuljungen offenbar noch, saßen darin und zwei bemühten sich, den Kahn in immer stär- kere, schaukelnde Bewegung zu bringen, während der dritte sich krampfhaft an die Bank festhielt und aus Leibeskräf- ten schrie.
Die beiden blieben stehen und Retlow hob drohend den Stock empor.
Als die Burschen das gewahrten, lachten sie den kleinen Doktor hell aus und fuhren fort zu schaukeln, während der dritte immer lauter schrie.
Da plötzlich, als der Nachen sich wieder bedenklich au? die Seite legte, ließ der schreiende Knabe, wohl in der Angst, die Bank loS und stürzte in das Wasser. 112,1$