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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

32 64 Samstag, den 12. August 1905. . 56. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die

Kchlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt

von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner liSOvr Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auslage der im Kreise Schläch­tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Die Sedanfeier in den preußischen Schulen soll beibehalten werden. Der Kultusminister hat an sämt­liche Königliche Regierungen ein Schreiben gerichtet, in dem er darauf hinweist, daß es bisher in den preußischen Schulen allgemein guter Brauch gewesen ist, am Sedantage unter Ausfall des Unterrichts eine entsprechende Schulfeier zu veranstalten. Der Minister veranlaßt die Regierungen, dafür zu sorgen, daß in allen ihnen unterstellten Schulen dieser Brauch auch weiter beibehalten wird.

Zur Reichstagsnachwahl in Thorn-Kulm, die am 9. September stattfindet sind nunmehr sämtliche Kandidaten aufgestellt, nämlich als deutscher Kompro« mißkandidat Bankdirektor Ortel, als polnischer Kandidat der frühere Abgeordnete Brejski und als sozialdemo­kratischer Kandidat Sremski-Posen.

Einer Bekanntmachung des Kultusministers zufolge sollen nach Beschluß der ständigen Tarif­kommission der deutschen Eisenbahnen unbemittelte Taubstumme zum Besuch kleinerer Zusammenkünfte in den Taubstummenanstalten und eines behördlich ge­billigten oder überwachten Taubstummengottesdienstes in der dritten Wagenklasse der Personenzüge zu halben Fahrpreisen sowohl für gewöhnliche wie für Rückfahr­karten befördert werden.

Wie in den letzten Jahresberichten der preußischen Gewerbeaussichtsbeamten festgestellt wird, hat die Zahl der Uebertretungen von berufsgenossenschaftlichen Un­fallverhütungsvorschriften seitens der Arbeitgeber erheblich abgenommen; weit mehr trägt das Verhalten der Arbeiter zur Herbeiführung von Unfällen bei. So erwähnt der Beamte für Liegnitz, daß Leichtsinn, Nichtbenutzung oder Entfernung bewährter Schutzvor­

richtungen und Nichtbeachtung der Betriebsvorschriften der Gewerbeaufsichtsbeamten nur zu häufig bei den Revisionen aufstoßen. Eine große Zahl selbstver­schuldeter Unfälle, so fügt er hinzu, würde andernfalls nicht zu beklagen sein. Vor längerer Zeit setzte ein­mal eine Bewegung ein, welche die Entschädigung für selbstverschuldete Unfälle zwar nicht beseitigen, aber gegenüber der für andere herabsetzen wollte, um die Arbeiter zu größerer Aufmerksamkeit zu veranlassen. Die Bewegung hat keine Früchte getragen. Dafür ist aber auch die Gleichgültigkeit gegen die Betriebsge­fahren geblieben. Der Beamte für Magdeburg hat dieselbe Beobachtung wie der für Liegnitz gemacht. Er meint, die ständige Beschäftigung an gefährlichen Maschinen und Einrichtungen führe eben allzuleicht zur Gleichgültigkeit, daher empfehle es sich, daß bei gefährlichen Einrichtungen die Zahl der Arbeiter tun­lichst eingeschränkt wird. Genau die gleichen Beob­achtungen hat der Beamte für Hildesheim bezüglich der Arbeiter gemacht. Er erwähnt eine andere, gegen die Gleichgültigkeit in seinem Bezirk getroffene Ein­richtung. Danach werden in einigen Betrieben von Arbeitern Kommissionen frei gewählt, die allmonatlich einmal die zu überwachenden Betriebsabteilungen auf das Vorhandensein genügender Schutzvorrichtungen zu besichtigen haben. Die auf die Revision verwendete Zeit wird vergütet. Aehnliche Erfahrungen werden aus den Bezirken Arnsberg, Kassel und Koblenz mit­geteilt.

-- Ueber die in Koblenz und Rvhrort bestehenden beiden preußischen Schifferschulen hat der Rheinschiff- fahrts-Jnspektor Geh. Baurat Mütze folgende Mit­teilungen gemacht. Die Ruhrorter Schule wurde auf Wunsch der Regierung im Winter l 891/92 eingerichtet und zählte von da ab bis jetzt 324 Schüler, von denen 86 der Oberstufe angehörien; die im Jahre 1900/01 gegründete Koblenzer Schule wurde insgesamt von 153 Schülern besucht, von denen 56 aus der Ober­stufe abgingen. Danach verdankt eine recht erhebliche Zahl junger Schiffer den preußischen Rheinschiffer­schulen ihre fachliche Ausbildung. Die meisten Schüler werden den Anstalten durch die Reedereien zugeführt; erfreulicherweise jedoch benutzen auch die selbständigen Schiffer die Gelegenheit von Jahr zu Jahr mehr, ihr Söhne die Vorteile der Schule genießen zu lassen, die außer der gewährten weiteren Ausbildung auch darin bestehen, daß sie das Patent als Schiffsführer mehrere Jahre früher erlangen als andere Schiffer, die eine

Schifferschule nicht besucht haben. Außer den beiden Anstalten in Ruhrorl und Koblenz sind noch folgende, im Rheingebiete befindliche Schifferschulen zur Aus­stellung von Abgangszeugnissen berechtigt: am Neckar die Schulen in Haßmersheim, Eberbach und Neckar« steinach, am Main die Schule in Miltenberg und in den Niederlanden die Schifferschule in Rotterdam.

Ausland.

Zu dem Aufstand in Deutsch-Südwestafrika wird amtlich mitgeteilt, daß nunmehr bestimmt festge­stellt ist, daß Hendrik Witboi mit starken Kräften am Tsacheib, einem zwischen dem Hudup und dem Keitsub nach dem Leberfluß führenden Revier, sitzt. General­leutnant v. Trotha gedenkt, ihn dort anzugreifen, und ist im Begriff, seine Truppen hierzu zu versammeln. Die Ausführung dieser Truppenverschickung wird mit Rücksicht auf die weiten Entfernungen erst in der zweiten Hälfte des August beendigt sein. Auch die unbedingt erforderliche Auffüllung der Magazine wird erhebliche Zeit beanspruchen. Morenga wird durch schwächere Kräfte beobachtet.

Nach einem Telegramm des Kaiserlichen Gou- verneurs sind Unruhen in Deutsch-Ostafrika unter den Eingeborenen der Matumbiberge nördlich von Kilwa ausgebrochen. In dem an der Küste gelegenen Orte Ssamanga sind verschiedene Jnderhäuser von den Ein­geborenen verbrannt worden. Zur Unterdrückung der Unruhen, deren lokaler Charakter von dem Gouverneur betont wird, sind die beiden Kompagnien aus Lindi und Daressalam nach Kilwa beordert.

In Stockholm ist folgender Erlaß des Königs Oskar von Schweden veröffentlicht worden:Da ich auf Anraten meines Arztes einige Zeit Ruhe, frische Luft unh Bäder aufsuchen muß, um mit Gottes Hülfe die Gesundheit und Kräfte wiederzugewinnen nach der für Körper und Seele so anstrengenden Zeit, welche ich infolge der Sorgen gehabt habe, die mich während der letzten Monate heimgesucht haben, und deshalb jetzt die Regierung meinem Sohne, dem Kronprinzen, Überträge, will ich, ehe ich von der Hauptstadt abreise, aufs neue den Dank bekräftigen, den ich bereits vorher meinem schwedischen Volke ausgesprochen habe. Ich kann nicht genug hervorheben, wie teuer mir die vielen, sprechenden Beweise der Liebe und Sympathie, die ich von verschiedenen Seiten erhalten habe als Trost für das gewesen sind, was ich durch den Abfall des Volkes verloren habe, das ich aus innerstem Herzen

Der kleine Doktor.

Roman von W. Sartory.

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Die Blonde, Schöne nickte ihm lächelnd zu und zog sich zurück.

Auch Retlow nahm wieder vor dem Fenster Platz. *

Irma stand da, wie festgebannt. Sie war in dem Au­genblick nicht fähig, sich vom Platze zu bewegen.

O, sie hatte ja geahnt, daß etwas vorgefallen war, da» war das ängstliche Gefühl, das bange Ahnen!

Wieder war es still geworden, dann erhob sich Retlow und trat nochmals ans Fenster, um der schönen Sängerin zu danken.

Irma hörte ein silberhelles Auflachen, wie ein Dolch­stich ging eS ihr ins Herz, mit einem Ruck wandte sie sich ab und zog Tante Gertrud mit sich.

Warum eilst Du denn so?" fragte diese, bis ihr Be­nehmen nicht verstand.

Hast Du Doktyr Retlow nicht gesehen?«

Doktor Retlow? Ah! Die Aehnlichkeit war mir auf« allend ! Meinst Du, daß er es wirklich war?"

Er war es! Ich täusche mich nicht!"

Darum die Aufregung? Kind, warum?"

Warum?" flüsterte Irma bitter.Hast Du die schöne Sängerin nicht gesehen, deren bezaubernde Stimme uns festhielt? Hast Du nicht gesehen, wie vertraulich die bei­den waren, rote sie mit ihm gelacht hat und wie sie auf sein Verlangen das Liebchen gesungen hat? O, ich bin nicht blind! Ich weiß, was da vorgegangen ist!"

Tante Gertrud suchte die Aufgeregte zu trösten ÜNd ihr die Befürchtungen güszuredeni

Als die beiden Damen in ihrer Wohnung angekom­men waren, brach Irma in krampfhaftes Weinen aus. Sie sah sich in all ihren geheimen Hoffnungen und Wünschen getäuscht, es war ihr so weh, so unendlich weh ums Herz. Warym war sie nicht früher gekommen, als er noch hier war. Er hatte ja gewartet. Mitten in dem Weinen und Schluchzen lachte Irma plötzlich wild auf. Wußte fit denn,

daß er auf sie gewartet hatte? Sie hatte ihn ja behan­delt, daß er gar keine Aussicht mehr haben konnte. Jetzt fühlte sie, daß sie ihr Glück mit Füßen getreten.

Die sanften, tröstenden Zureden Tante Gertruds konnte die Weinende nicht beruhigen. Lange, lange weinte sie, ehe der Tränenstrom versiegte.

AlS sie dann etwas ruhiger geworden war, ging sie schweigend nach ihrem Schlafzimmer.

Tante Gertrud folgte und half ihr beim Ablegen der Kleider.

Wie ein kleines Kind ließ Irma sich bedienen. Als sie in dem weichen Bettchen lag, zog die Tante die Decke hoch und bettete sie sorglich ein.

Schlaf gut, mein Liebling, ich bete für Dein Glück," flüsterte sie ihr bewegt zu und zog sich auch in ihr Schlaf- zimmer zurück.

Schlafest? Hätte sie gleich schlafen können und alles pergessen! Hätt? sie einschlafen können und dann nicht mehr erwachen, gar nichts mehr fühlen von dem wilden Schmerz in der Brust. Schon fiel der bleiche Schimmer des neuen Tages durch die Vorhänge, als Irma endlich in einen leichten Schlummer verfiel. Es war kein erquickenderSchlaf, unruhige, aufregende Träume hielten sie umfangen und als sie endlich erschreckt aufwachte, spielten schon die Sonnen- strahlen auf der blendend weißen, gestickten Bettdecke,

Hastig stand Irma auf und kleidete sich an. Als sie vor dem Spiegel stand, um die schwarze Lockenfülle zu ordnen, fuhr sie fast erschrecht zurück. Ein verweintes Gesichlchen mit roten Augen starrte ihr entgegen. Die Augenlider wa- Ven vor Weinen angeschwollen und die Wangen rot und erhitzt. Irma erschreckte über ihr eigenes Gesicht, sonst war es ihr noch gar nicht aufgefallen, aber jetzt merkte sie es auf einmal, es war ein richtiges Kindergesicht, sie war gar nicht schön. Ein trotziger Zug legte sich um ihren Mund. Für wen brauchte sie auch schön zu sein? Hastig beendete sie ihre Frisur, nur um nicht immer dieses ver! weinte Kindergesicht vor Augen haben zu müssen. Dann warf sie ein leichtes Morgengewand über und ging zu

Tante Gertrud, die am Fenster saß und die köstliche Mor-. genluft atmete.

Tante Gertrud war aufgestanden und nahm fit müt­terlich in Empfang.Hast Du gut geschlafen, Irma?" fragte sie und strich ihr liebkosend über die schwarzen Locken.

Danke, Tante Gertrud, nicht viel," entgegnetesie müde.

Nicht so traurig sein,Irma! Jch habefürDich gebetet und da ist es mir gewesen, als ob mir eine innere Stimm« zugeflüstert habe: Sei still, es wird alles gut werden."

Irma lächelte wehmütig. Im Geiste hatte sie einen Vergleich mit sich und der schönen blonden Sängerin ge­stellt und ihr eigenes Urteil fiel sehr zu ihren Ungunsten aus.Bin ich ichön, Tante Gertrud?" fragte sie, aus ihrem Nachdenken aufwachend.

Die alte Dame blickte sie lächelnd an.Liebe Irma, glaubst Du, die Männer sehen immer auf äußere Schönheit?" n Irma wandte sich wehmütig ab.Also auch Du meinst, ich sei nicht schön?"

Tante Gertrud zog sie sanft an sich.So war das nicht gemeint, Irma. Du bist schön nach Deiner Art. Du bist reizend, Irma, warum zweifelst Du auf einmal daran? Sieh hier doch Dein Bild im Spiegel an; jeder muß Dick lieh haben."

Irma schüttelte traurig den Kopf.Hast Du die Sän- geringeschen? Die ist schön, ich sehe aus, wie ein dum­mes Kind."

Sei nicht töricht, Irma. Gerade da» Kindliche ist da» Schone an Dir."

* *

Dr Retlow stand am Fenster und blickte über die Bäume der Allee weg auf den Rhein. Eben überlegte er wieder, ob er seinem Gepäck nachreisen sollte. Vier Tage war er tchon hier in dem HotelSpiegel" und immer war er noch zu keinem Entschluß gekommen. Wenn er die Be- tanntichaft dieser Sängerin nicht gemacht hätte, wäre er wohl schon abgereist, so hatte er wenigstens etwas, was seine Gedanken ablenkte von dem Traumbild, welchem er nachjagte. 112,19