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Erscheint Mittwoch und .Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Deutsches Reich.
— Am Montag nachmittag ist der Kaiser in Kopen- Hagen auf seiner Jacht „Hohenzollern", begleitet von dem Kreuzer„Berlin" und demDepeschenboot„Sleipner", eingetrvffen. Die Forts sowie die Kriegsschiffe schössen Salut. Der Chef des dänischen Geschwaders, Prinz Waldemar, fuhr alsbald von seinem Flaggschiff „Olfert Fischer" aus zur Begrüßung des Kaisers an Bord der „Hohenzollern". Hierauf begab sich der Kaiser an Land und wurde an der Landungsbrücke von dem Könige empfangen. Beide Majestäten umarmten und küßten sich mehrere Male und fuhren alsdann in einem offenen Vierspänner nach Schloß Bernstorff, wo der Kaiser Aufenthalt nimmt. Die Bevölkerung brächte den Majestäten überall lebhafte Huldigungen dar. Abends fand im Königlichen Schlosse Tafel statt. Während der Tafel brächte der König Christian einen Trinkspruch auf den Kaiser Wilhelin aus, worauf die Musik die deutsche Nationalhymne spielte. Der Kaiser erwiderte mit einem Trinkspruch auf Köuig Christian: es folgte die dänische Nationalhymne. Nach der Tafel wurde der Kaffee im Gartensaal eingenommen.
— Die „Hohenzollern" mit dem Kaiser an Bord ist am Donnerstag, vormittags 10 Uhr nach Saßnitz in See gegangen.
— Eine Zusammenstellung über Schülerselbstmorde hat auf Grund amtlichen Materials Pros. Eulenburg in der „Umschau" veröffentlicht. Danach beträgt die Gesamtzahl dieser Selbstmorde in Deutschland für die Zeit von 1883 bis 1900 nicht weniger als 950. Eulenburg untersucht am Schlüsse seines Aufsatzes, welchen Anteil Haus und Schule an dem Zustandekommen der Schülerselbstmorde haben mögen, und
Samstag, den 5. August 1905.
kommt dabei zu dem Ergebnis, daß sich die Wagschale unzweifelhaft tief zu Ungunsten des Hauses herabsenken müsse. Gewiß sei auch die Schule mit ihren schematischen, in mancher Hinsicht veralteten und rückständigen Einrichtungen und mit ihrer viel zu geringen Berücksichtigung der Schülerindividualitäten nicht von der Mitschuld freizusprechen, aber das Uebel, das schließlich zu der traurigen Erscheinung der Schülerselbstmorde führt, liege doch hauptsächlich in den Mängeln des Familienlebens und der häuslichen Erziehung.
— Die Vorarbeiten für ein Reichsgesetz, betreffend die Krankenversicherung der Hausgewerbetreibenden, die das Reichsamt des Innern u. a. beschäftigen, haben die Vorlegung eines Fragebogens an die deutschen Bundesregierungen zur Folge gehabt, dessen Inhalt zwölf Punkte umfasst.
— Zur Organisation des Handwerks, die Ausschüsse für Gesellenprüfungen betreffend, hat der Minister für Handel und Gewerbe eine Handelskammer, die dem von ihr zu errichtenden Gesellenprüfungsausschuß für Maschinenindustrie das Recht verliehen sehen wollte, als staatliche Prüfungsbehörde gemäß § 129 Abs. 4 der Gewerbeordnung in Tätigkeit zu treten, dahin beschieden, daß den, nicht entsprochen werden könne. Ein Prüfungsausschuß, der vou einer Handelskammer eingesetzt würde und seine Tätigkeit auf Grund einer von ihr zu erlassenden Prüfungsordnung auszu- üben hätte, könne niemals den Charakter einer staatlichen Prüfungsbehörde erlangen, in deren Wesen es liegt, daß sie vom Staat eingesetzt wird, daß dem Staat allein die Bestimmung ihrer Zusammensetzung und die Einberufung ihrer Mitglieder zusteht, »ich daß der Staat in der Lage ist, die für sie maßgebende Prüfungsordnung sowie das Prüfungsverfahren jederzeit selbständig zu regeln.
- - Der Minister für Handel und Gewerbe hat die Regierungspräsidenten aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, daß die am 1. Januar 1906 in Kraft tretenden Bundesratsbestimmungen zum Schutze der Arbeiterin Betrieben, in denen Maler-, Anstreicher-, Tüncber-, Weißbinder- oder Lackiererarbeiten ausgeführt werden, mehr in den beteiligten Kreisen allgemein bekannt werden. Insbesondere soll dafür gesorgt werden, daß die hierfür in Betracht kommenden Tageszeitungen nicht nur auf den Inhalt der Vorschriften Hinweisen, sondern deren Wortlaut zum Abdruck bringen. Außerdem empfiehlt der Minister, auch die beteiligten
56. Jahrgang.
Innungen zu veranlassen, daß sie ihre Mitglieder auf die neuen Vorschriften aufmerksam machen. '
— Den „Dresdn. Nachr." zufolge tritt die Verwaltung der sächsischen Staatseisenbahnen dem Eindringen der Sozialdemokratie in die Reihen ihrer Angestellten und Arbeiter im Interesse der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung in ihrem Betriebe entgegen. Vor einigen Wochen sind von der Generaldirektion vier Angestellte unter Vorausbezahlung eines Durchschnittslohnes entlassen worden, und zwar deshalb, weil sie sich trotz mehrfachen Verbotes dem sozialdemokratischen Verbände der Eisenbahner mit dem Sitz in Hamburg angeschlossen hatten. Die Generaldirektion der Staatseisenbahnen hat die Ueberzeugung, daß der genannte Verband fortgesetzt bestrebt ist, Mißstimmung und Unzufriedenheit in den Reihen der sächsischen Eisenbahner zu verbreiten. Verbote des Beitritts sind unter Androhung sofortiger Entlassung 1899 und 1903 erlassen worden. Die jetzigen Entlassungen erfolgten in und bei Dresden, in Chemnitz und in Leipzig.
Ausland.
— Ueber einen deutsch-französischen Zwischenfall in Süd-Kamerun ist jetzt die amtliche Meldung ringe» troffen. Danach ist an der deutsch-französischen Grenze die deutsche Faktorei in Missum-Missum von Senegalesen widerrechtlich aufgehoben und beraubt worden. Der Chef des Grenzdistriktes, Hauptmann Scheune» mann, der sich zur Zeit in dem südlichen Teile seines Bezirkes aufhält, wurde bei dem Einmarsch in Missum- Miffum beschossen. Bei der Abwehr wurden von seinen Leuten fünf Angreifer getötet und vier zu Gefangenen gemacht. Zwischen dem Gouverneur von Kamerun und dem Generalgouverneur von Französisch Kongo sind Verhandlungen singe? eitel, um weitere Grenz- streitigkeiten zu vermeiden.
— In Zürich hat die 50jährige Jubelfeier des eidgenössischen Polytechnikums stattgefunden. Ein gewaltiger Festzug mit den Vertretern des Bundesrats, der eidgenössischen und kantonalen Behörden, Universitäten und der Studentenschaft mit ihren Bannern bewegte sich nach der Festhütte, wo mehrere Professoren Ansprachen hielten. Die philosophische Fakultät der Universität ernannte 14 Ehrendoktoren, darunter Moritz Schröter von der Technischen Hochschule in München.
— In ganz Italien ist der fünfte Jährestag des Todes des Königs Humbert in feierlicher Weise begangen worden. Dem Trauergottesdienste im Pantheon
Der Meine Doktor.
Roman von W. Sartory. 39
„Tante, Du weißt gar nicht, wie ich mich nach dem idyllischen Städtchen sehne. Nach dem stillen Park mit dem murmelden Büchlein und den geheimnisvoll rauschenden Baumriesen. Aber wir können nicht mehr dahin gehen."
„Dr. Retlow war im verflossenen Jahr auch da," warf Tante Gertrud ein.
Ueber Irmas liebliche, jetzt etwas blasse Züge huschte ein roter Schein. Sie sah ins Buch, das vor ihr auf dem Schoße lag und entgegnete nichts. Das ungestüme Verlangen, ihn noch einmal zu sehen, konnte sie nicht unter- drücken und doch quälte sie eine bange Furcht. Ein Angstgefühl, daS sie sich nicht zu deuten wußte. Plötzlich stand sie auf, das Buch fiel zur Erde. Sie ließ es achtlos liegen. „Tante Gertrud, wir gehen." Fast hastig kamen diese Worte heraus.
Tante Gertrud sah überrascht auf. „DaS ist vernünftig von Dir, Irma, Du wirst Dich sicher erholen in der Herr- lichen Rheinluft."
Nun, da sie einmal den Entschluß gefaßt hatte, trieb Irma auch zur Eile an. Am nächsten Tag schon wollte man abreisen. Irma verging fast vor Ungeduld, sie konnte die Stunde der Abreise kaum erwarten.
Sie zitterte fast vor Aufregung, als der Wagen an dem großen Portal des Herrenhauses hielt und sie am Arm der Tante die große Treppe herunterstieg.
Der Verwalter des Hauses, ein in den mittleren Jahren stehender Mann mit freundlichen, offenen Zügen, trat an den Wagen und war den beiden Damen beim Einsteigen behilflich. „Haben gnädiges Fräulein keine Wünsche mehr?" fragte er dann.
„Vorläufig nicht, lieber Hausmann. Machen Sie nur! Adieu!" Grüßend nickte sie ihm zu.
Hausmann schloß den Wagen und dann ging eS fort, dem Bahnhof zu.
Der Portier von Marienberg saß in seiner Wärter- stnbe und studierte in dem Lokalblättchen. Gewissenhaft las er alle die Neuigkeiten, schüttelte hier und da bedenklich den Kopf und murmelte vor sich hin: „Ja, ja, die neue Welt, eS wird immer moderner, die Zeit schreitet vor, die Leute werden immer moderner, aber leider nicht besser. Scheint fast so, als ob die Kultur den Menschen das Gewissen wegfrißt?"
Durch ein Klopfen an der Tür wurde der Portier jäh auS seinem tiefsinnigen Gedankengang gerissen. „Herein," rief er und ging auf die Tür zu.
Eine junge Dame trat ein. Irma von Hochheim war es.
Der Portier machte einen Bückling und fragte nach dem Begehr des gnädigen Fräuleins.
„Ich möchte die Liste der Gäste durchsehen."
Der Portier ging in seine Stube zurück und brächte daS Verlangte.
Hastig flog Irmas Blick darüber. Ihr Gesichtchen wurde auf einmal blaß, als sie hinter dem Namen Dr. Retlow „abgereist" las.
„Wann ist Doktor Retlow abgereist?" fragte sie, sich fassend.
„Vorgestern, gnädiges Fräulein."
Irma dachte einen Augenblick nach. „Hat er vielleicht angegeben, wohin?" fragte sie dann.
„Davon ist mir nichts bekannt. Der Herr schien auf etwas zu warten," plauderte der Portier weiter in der Annahme, Irma damit einen Dienst zu erweisen.
„Ich danke Ihnen," flüsterte Irma, drückte dem Mann ein gutes Trinkgeld in die Hand und eilte fort auf ihr Zimmer.
Tante Gertrud saß am Fenster, als Irma hastig ein- tratund sich mit einem schweren Seufzer auf einen Stuhl niedersinken ließ.
„Er ist fort!" kam eS ganz trostlos über ihre Lippen.
Tante Gertrud sah überrascht auf. „Dr. Retlow? Wie schade! Vielleicht kommt er wieder zurück," tönte Tante Gertruds sanfte Stimme an ihr Ohr.
„Vielleicht?" fragte sie traurig. „Ich glaube e» nicht, Tante."
„Sehnst Du Dich nach ihm?"
Irma schlang die Arme um den Hals der alten Dame, wie weinend barg sie den Kopf an der Schulter der alten treuen Lebensgefährtin.
„Sei still, Irma," suchte Tante Gertrud ihren Lieb- ling zu trösten. „Es wird noch alles gut werden. Ich habe ja schon lange gewußt, daß der Haß, den Du gegen den Doktor zu hegen glaubtest, kein Haß war. Du hast Dein eigenes Herz nicht gekannt, Du hast die Stimme Deine» Herzens nicht verstanden."
„ Meinst $u, daß er wiederkommen wird?" fragte Irma unter Tränen.
»Ja, Irma. Ich ahne es, und meine Ahnungen haben mich noch selten getäuscht."
Am Abend machten die beiden einen Spaziergang nach dem Rhein. Als sie in die Nähe des Hotels „Spiegel" ka- men, tönte ihnen lieblicher Gesang entgegen. Es war dieselbe Stimme, die auf Dr. Retlow einige Abende vorher eine so bezaubernde Wirkung ausgeübt hatte.
Auch Irma und Tante Gertrud blieben unwillkürlich stehen, um den schmelzenden Tönen zu lauschen.
Der Gesang verstummte und gleich darauf erschien an dem hellerleuchteten Fenster eine schlanke, blonde Mädchen- gestalt. *
Auf der Veranda vor dem Hotel war eS dunkel, nur ein einziger Herr hatte dort Platz genommen, die übrigen Gäste promenierten noch alle in der Allee auf und ab. Der Herr erhob sich und trat zu der Blonden.
Irma mckte heftig zusammen. Sie hatte Dr. Retlow erkannt. „Woher kannte er die schöne Sängerin?" fuhr es ihr wie ein Stich durch's Herz.
Mit weit aufgerissenen Augen sah sie, wie Dr. Retlow der Dame die Hand reichte und wie diese lächelnd etwa» entgegnete. Was hätte sie darum gegeben, wenn sie das Flüstern verstanden! LL»,1^
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