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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

6L Mittwoch, den 2. August 1905. 56. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

Incara-l-n finden in der Schlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Anflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Der Kaiser traf Montag Nachmittag zu einem höchstens zweitägigen Aufenthalt in Kopenhagen ein.

ImReichsanzeiger" ist das Gesetz, betreffend Aenderung der Grundbuchordnung vom 14. Juli d. J. veröffentlicht worden. Danach wird der § 55 Satz 1 der Grundbuchordnung durch folgende Vorschrift ersetzt: Jede Eintragung soll dem Antragsteller und dem eingetragenen Eigentümer sowie im übrigen allen aus dem Grundbuche ersichtlichen Personen bekannt gemacht werden, zu deren Gunsten die Eintragung eines Eigen­tümers auch denjenigen, für welche eine Hypothek, Grundschuld, Rentenschuw, Reallast oder ein Recht an einem solchen Rechte im Grundbuche eingetrage ist."

Der preußische Minister des Innern hat die Bestimmung über Erteilung von Heimatscheinen usw. folgendermaßen abgeändert:Die Erteilung von Aus­weispapieren ist, abgesehen von Personen, welche die preußische Staatsangehörigkeit nicht mehr besitzen, zu versagen: 1 Personen, die in Deutschland bestraft sind, sofern sie sich der Vollstreckung des Strafgerichts durch Auswanderung entzogen haben und die ^Strafe noch nicht verjährt ist, sowie Personen, welche steckbrieflich verfolgt werden usw."

-- Ueber gebührenfreie Benutzung der Post sind soeben verschiedene neue Bestimmungen in die Dienst­anweisungen aufgenommen worden. Die kaiserlichen Gouvernements und die ihnen unterstellten öffentlichen Behörden in den deutschen Schutzgebieten sind berechtigt, ihre dienstlichen Briefsendungen innerhalb der Schutz­gebiete sowie nach dem Mutterlande unter der Be­zeichnungPortopflichtige Dienstsache" zu versenden. Die gleiche Bezeichnung steht auch den öffentlichen Behörden für den Verkehr von Deutschland nach den

Schutzgebieten zu. Auf Portofreiheit haben auch An­spruch Brief- und Geldsendungen der Militärbehörden, die dadurch erforderlich werden, daß Militäranwärter im Interesse ihrer Zivilversorgung von ihrem Truppen­teile beurlaubt worden sind. Auch Sendungen mit Meßinstrumenten zwischen der Topographischen Ab­teilung der Landesaufnahme in Berlin und ihren Zivilvermessungsbeamten (Vermessungsdirigenten, Topo­graphen, Hilfstopographeu) können täglich bis zum Gewichte von 50 Kilogramm befördert werden.

Die mit örtlichen Erhebungen über die Durch­führung der Invalidenversicherung im Bezirk der Rheinischen Versicherungsanstalt betraute Reichs­rommission befaßt sich auch mit der Prüfung der Frage, ob die Beitragsleistung der Invalidenversicherung im Anstaltsbezirke ordnungsmäßig erfolgt. Ueber diese Frage haben mehrfache Verhandlungen mit den be­teiligten Juteressenkreisen stattgefunden. Unter anderen hat" im Ruhrort in der Schifferbörse die Kommission mit den in Betracht kommenden Persönlichkeiten eine Besprechung über die Leistung von Jnvalidenbeiträgen für die auf ausländischen Binnenschiffen zumeist Holländern beschäftigten Versicherten gehabt. Diese Beitragsleistung stößt noch vielfach auf Widerstand, ihre Durchführung ist mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Dem Vernehmen nach werden weitere Maßnahmen zur Herbeiführung einer ordnungsmäßigen Beitragsentrichtung für diese Versicherten in Aussicht genommen.

Wie in vielen deutschen Staaten macht sich auch im Königreich Sachsen die Zunahme der polnischen und der tschechischen Einwanderer fühlbar, hier infolge der Nähe Böhmens ganz besonders. Da beide slawische Völkerschaften in Sachsen schon größere geschlossene Kolonien bilden und je stärker desto weniger geneigt sind, im herrschenden Deutschtum aufzugehen, ja sich gern in einen nationalen Gegensatz zu diesem stellen, so war es von Belang, Zahl und Verteilung dieser Slawen innerhalb Sachsens genau kennen zu lernen. Eine Abhandlung in der Zeitschrift des Kgl. sächsischen Statistischen Bureaus" stellt nun eine starke Zunahme jener Fremden fest; denn im Jahre 1871 zählte man in Sachsen nur 924 Tschechen und 537 Polen, die zusammen 0,57 auf 1000 Einwohner des Königreichs auSmachten, während im Jahre 1900 ihr Anteil an der Bevölkerung schon auf 5,47 vom tausend gestiegen war.

Nach einem Erlaß des Eisenbahnministers sind

Bahnhofswirtschaften, welche innerhalb der Bahnsteig­sperre liegen, oder bei denen ein Verkehr des nicht- reisenden Publikums durch andere besondere Einrich­tungen ^ausgeschlossen ist, als Teile der Eisenbahn« > Unternehmung anzusehen, unterliegen daher der werbeordnung nicht und bedürfen insbesondere Konzession. ' Alle übrigen Bahnhofswirtschaften s soweil sie dem Verkehr des nichtreisenden Publikr dienen, wie andere Schankwirtschaften zu behand und bedürfen namentlich auch der Konzession.

Für die am 1. Dezember d. Js. stattfinden Volkszählung beabsichtigt das Statistische Landesar für das preußische Staatsgebiet in seine Zählkarte br. Ergänzungsfragen aufzunehmen: nach der Geburtsg meinde (für außerhalb des jetzigen preußischen Staati gebietes auch nach dem Geburtsland) nach dem Vo^ handensein von Gebrechen) blind auf beiden Auger', taubstumm? geisteskrank? geistesschwach?) unb fdjliej^ nach der Muttersprache: ob Deutsch, Holländisi Friesisch, Dänisch, Wallonisch, Polnisch usw.; falls d Muttersprache nicht Deutsch ist, ist mitzuteilen, ob di Inhaber der Zählkarte der deutschen Sprache voll kommen mächtig ist.

Ueber die Berechtigung öffentlicher Behörden, insbesondere der Sparkassen zur Führung eines Siegelt (Stempels) hat das Kammergericht eine Entscheidung getroffen, daß es nicht dem mindesten Bedenken unter» liegt, daß die Verwaltungen kommunaler Sparkassen; soweit die Eigenschaft öffentlicher Behörden haben, zur Führung eines Amtssiegels befugt sind, ohne daß ihnen diese Befugnis durch Gesetz oder die Gemeindeorgane, welche die Sparkassenstatuten erlassen haben, besonders verliehen zu werden braucht. Auch über die Beschaffen­heit von Amtssiegeln bestehen keine allgemeinen Vor- 4 schriften. Es genügt deshalb, wenn das Siegel sich als solches der betreffenden Behörde bezeichnet. Weitere Zusätze, besonders die Beifügung von Wappen und Emblemen sind vielfach gebräuchlich, aber weder geboten noch unzulässig. Selbstverständlich ist die Vorgesetzte Dienstbehörde befugt, Anordnungen über die Art des Siegels und seinen Gebrauch zu treffen.

Ausland.

In Brüssel ist eine Abordnung der deutschen Kolonie vom Könige der Belgier in Gegenwart des Prinzen Albert empfangen worden, die ihm Glück­wünsche zur 75jährigen Jubelfeier der Selbständigkeit des Königreichs Belgien überbrachte.

Der Kleine Doktor.

Roman von W. Sartory. 38

Die Tage gingen vorüber und Retlow rüstete sich wie­der zur Abreise.

Als der letzte Tag bevorstand, ging er entschlossen zum Portier, er sollte morgen seine Sachen abholen. Der Tag kam, die Rechnung hatte er beglichen.

Unruhig lief er in dem Zimmer umher. Wenn sie nun gerade käme, wenn er abreiste?Herrgott, das wäre zum Verzweifeln!"

An der Tür klopfte eS.Herein!" rief Retlow nervös.

Der Hausdiener trat em.Ich wollte die Sachen ab- holen*

Retlow rannte umher und raufte sich die Haare, dann kam es fast wütend über feine Lippen:Hier steht alles!"

Er hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah zum Fenster hinaus.

Das Geräusch, was der Hausdiener durch daS Her- auSschleppen der Koffer verursachte, drang ihm durch Mark und Bein.

Stunde um Stunde verging. Mindestens zehnmal war Retlow zum Portier gerannt, um die Namen der Neuan­gekommenen zu erfahren und immer umsonst.

Die Koffer standen am Rhein nph Härteten auf das Schiff, das jeden Augenblick eintreffen müßte.

Retlow spazierte auf der Landungsbrücke auf und ab. Wie leicht konnte es möglich sein, daß sie mit dem Schiff gerade ankam, wo er mit gbreifte, über jetzt waren seine Sachen einmal hier und er konnte bpd) unmöglich nach Marienberg zurückkehren- Man mußte ihn dann D für wahnsinnig halten.

Unruhig lief es auf und ab, daS Schiff kam langsam aber sicher näher.

Herrgott, da war er schon an der Landebrücke! Die Leine flog in weitem Bogen durch die Luft auf die Brücke, wo sie voneinemBrückenwärtergeschickt ausgefangeirwurde; dann wurde das schwere Tau nachgezogen und um einen

eisernen Boller gelegt. Die Stege rasselten hinüber, die Glocke ertönte zum Zeichen, daß alles fertig zum Aus­steigen sei, Menschen strömten ans Land, meistens Fremde, Herren und Damen.

Retlow stand noch immer am Ufer, er meinte, er müßte unter den Aussteigenden Irma finden.

Einsteigen!" rief der Wärter.

Dr. Retlow hörte es nicht.

Wieder ertönte die Glocke, bie Räder schlugen insWafser.

?rft jetzt sahRetlow auf und bemerkte zu seinemSchrecken, das Schiff abdampfte mit seinen Koffern. Einen Augen­blick stand er ratlos da, dann kam es ihm in den Sinn, dies könne am Ende ein gutes Zeichen sein. Vielleicht kam Irma von Hochheim doch heute noch.

Vorläufig wußte Retlow nichts anderes zu tun, als sich auf eine Bank in der Allee zu setzen und auf die grü­nen Wellen des breiten, in der Sonne glitzernden Stromes zu sehen.

Die Sache mit den Koffern war doch unangenehm. Er hatte nur noch einen leichten Spazierstock bet sich, sonst gar nichts. Furchtbar unangenehm war es, aber was konnte er dagegen tun!

Langsam erhob er sichund begab sich zur Agentur. Dort gab er ein Schreiben nach Rüdesheim auf, haß seine Sa­chen vorläufig in der Agentur untergebracht werden soll­ten, bis er selbst erschiene. Dann ging er den Rhein auf-, wärts, kam wieder zurück und setzte sich in den Garten des HytelBellevue." Von hier aus konnte er die Lau» dungsbrucke überschauen und mußte jeden sehen, der aus- stieg.

Dr. Retlow dachte gar nicht daran, daß die so. sehnlich Erwarteten auch mit dem Zug ynkommen könnten. Wußte er denn überhaupt, ob sie kamen? Dr. Retlow glaubte es bestimmt, eine Ahnung sagte es ihm.

Der Tag war schon weit vorgerückt, es begann zu däm­mern. In der Allee bewegte es sich bunt hin und her, Fremde und Bürger suchten Erholung in der reinen, köst­

lichen Abendluft. In dem Garten wurde es lebendiger, Gasflammen zuckten auf.

Dr. Retlow rief den Kellner und bezahlte seine Zeche. Etwas schwerfällig erhob er sich dann und verließ den Garten. Als er so langsam durch die Allee schritt, über­legte er, was er anfangen sollte. Plötzlich blieb «lau­schend stehen.

Lieblicher Gesang erscholl ihm entgegen. Die glocken­reine Stimme klang wie von Wehmut durchhaucht, dann wieder jubelnd auffauchzend und sanft, träumerisch ver­klingend.

Der Gesang kam aus einem hellerleuchteten Fenster des HotelsSpiegel".

Retlow erkannte sofort, daß eS eine geschulte Sänge­rin war, vielleicht war eS eine Künstlerin, die ihre Er­holungsreise machte. Nicht er allein war es, der stehen geblieben war, die Passanten alle lauschten den zauher- y.gllen Tönen.

Jetzt verstummte der Gesang, ein paar zarte, leise der- klingende Akkorde, dann wurde es ganz still.

Dr. Retlow hatte sich an einen Baum gelehnt und rich- tete die Augen auf das hellerleuchtete, offenstehende Fen- ner. Eme Weile herrschte tiefe Stille. Da schlug eS in sanften Tönen wieder an und leise erhob sich die Stimme.

Wiy von einem schönen Traum umfangen, lauschte Ret- lyw,Hast Du ein Herz?" Q stille meinen Schmerz!' klang es in glockenhellen Tönen zu ihm herüber.

Als die Sängerin wieder schwieg, blieb Retlow noch einen Augenblick wie träumende stehen, dann ging er lang» sam gut das Hotel zu.

* *

WaS meinst Du, Irma?"

Du kennst ja meinen Grund, Tante Gertrud?*

Zwei Jahre sind ja schon darüber hingegangm,Jrm«.. Du siehst mir garnicht recht gesund aus. Dir schlt etwas Glaubst Du denn im Ernst, daß man jetzt noch an die Ge­schichte mit dem Baron denken würde? Das ist sicher lange­vergessen." ti2,i^