SchlüchternerÄttung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 60 " Samstag, den 29. Juli 1905. 56. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Am Sonntag nachmittag hat eine Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit deni Zaren stattgefunden. Die besden Monarchen trafen sich auf See in den Schären bei Björkö. Abends fand auf der russischen Ka'serjacht „Polarstern" ein Galadiner statt. Montag nachmittag um zwei Uhr nahm der Kaiser von Rußland das Frühstück auf der Jacht „Hohenzollern" ein. Nach dein Frühstück verabschiedeten sich die Monarchen, woraus der „Polarstern" der „Hohenzollern" eine Strecke Weges das Geleit gab. Montag abend traf Kaiser Nikolaus wieder in Peterhof ein. In den leitenden russischen Kreisen wird die Zusammenkunft sehr freudig begrüßt und macht einen sehr günstigen Eindruck.
— Unter dem Geläut sämtlicher Kirchenglocken und dem Kanonendonner der Feste Koburg hat sich am Sonntag vormittag der feierliche Einzug des Herzogs Karl Eduard in Koburg vollzogen. Vom Schloß Callenberg kommend, fuhr der Herzog durch die reich geschmückten Straßen, in denen Schulen, Vereine um" Korporationen Spalier bildeten und eine nach Tausenden zählende Volksmenge den Landesherrn jubelnd begrüßte. Vor dem Schlosse Ehrenburg angelangt, schritt der Herzog die Front der Ehrenkompagnie ab und begab sich ins Schloß, wo er von den in Koburg anwesenden Fürstlichkeiten empfangen wurde. Hierauf wurde ein Festgottesdienst abgehalten. Nachmittags begab sich der Herzog, von der Menge stürmisch begrüßt, nach dem Marktplatze, wo Oberbürgermeister Hirschfeld den Landesherrn im Namen der Stadt Koburg begrüßte und bekannt gab, daß die Stadtvertretung zum Andenken an den feierlichen Einzug be- schloffen habe, einen Monumentalbrunnen zu errichten, dessen vom Bildhauer Professor Ferdinand Lepke-Berlin
gefertigtes Modell von dem Herzoge enthüllt wurde. Abends fand im Residenzschlosse große Galatafel statt.
— Die Bestimmungen über die Kaisermanöver des 8. Armeekorps sind nunmehr erschienen. Die Brigademanöver der 15. Division finden am 30. und 31. August und 1. September bei Sobernheim und Kaftellaun statt; die der Division am 1. und 2. Sept. bei Polch und Kaisersesch. Vom 2. bis 6. September wickeln sich die Manöver der 15. Division bei Simmern, der 16. Division bei Mayen ab, und am 7. und 8. September ist Divisionsmanöver gegen einen markierten Feind. Eine Luftschifferabteilung befindet sich bei der 15. Division. Vom 25. August bis 5. September werden in der Gegend bei Siegburg besondere Kavallerieübungen abgehalten; zu diesem Zwecke werden vereinigt die 14, 15. und 34. Kavalleriebrigade, das sind die Hüsarenregimenter 7 und 11, Ulanen 5 und 14, Kürassierregiment 8 und Dragoner Nr. 9. Die 16. Kavalleriebrigade bleibt bei der 16. Division. Zu den besonderen Kavallerieübungen werden noch zugezogen die reitende Abteilung des Feldartilkerieregiments Nr. 8 und die Maschinengewehrabteilung Nr. 10 und Nr. 11 Metz. Vom 7. bis 9 September setzt sich die ganze Truppenmacht in Bewegung nach Koblenz, wird in dieser Stadt und Umgebung am 10. September einquartiert und steht am 11. September in Parade auf dem Felde bei den Dörfern Mülheim-Kärlich-Kettig, Bahnstation Urmitz. Am 12. bis 15. September finden Märsche und Mänöver vor dem Kaiser statt. Vom 16. ab erfolgt die Rückkehr der Truppen in die Garnisonen.
— Die Aufsicht über die Trakehner Gestütsschulen, die bisher dem Landwirtschaftsminister oblag, ist jetzt auf den Unterrichtsminister übergegangen. Der letztere hat diese Aufsicht bom 1. Juli ab der Regierung in Gumbinnen, Abteilung für Kirchen- und Schulwesen, übertragen.
— Eine Gesellschaftsfahrt nach den Schlachtfeldern um Metz veranstaltet der „Verein ehem. Kameraden des dritten Garde-Regiments z. F." in Berlin zur 35. Wiederkehr der Schlachtentage des 16.—18. August 1870. Preis der Rückfahrkarten Berlin - Metz ca. 35 Mark. An dieser Fahrt sind Kanleraden aus ganz Deutschland mit ihren Damen herzlich willkommen. Auf der Hinfahrt wird das Kyffhäuser-Denkmal und Kassel mit Wilhelmshöhe besichtigt, auf der Rückfahrt eine Rheinfahrt bis Rüdesheim (Niederwalddenkmal) veranstaltet, doch kann die Fahrt auch direkt an allen
Orten Deutschlands zurückgelegt werden. Die Wagenfahrt von Metz über die Schlachtfelder nach St. Privat, Gravelotte, Mars la Tour, Vionville findet am 18. August 1 statt. Auf dem Schlachtfelde wird ein Feldgottesdienst abgehalten. Quartiere werden zu ermäßigten Preisen reserviert. Nähere Auskunft erteilt der Vorsitzende obigen Vereins, Herr Fabrikant Cäsar Kühn, Berlin, Wasserthorstraße 42.
— In Berlin ist ein auf das ganze deutsche Reich sich erstreckenderBoykottschutzverband deutscher Brauereien gegründet worden. Der neue, als „Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit" begründete Schutzverband verfolgt aus erweiterter Grundlage und unter Anpassung an die durch neuere Versicherungs-Gesetzgebung geschaffene Rechtslage dieselben Zwecke, wie der vor 10 Jahren begründete und seitdem bestandene Zentralverband deutscher Brauereien gegen Berufserklärungen. Dem Schutzverbande traten sofort nahezu 400, einen namhaften Teil der deutschen Biererzeugung auf sich vereinigenden Brauereien bei. Der satzungsmäßig aufzu- bringende Reservefonds wurde auf 1 Million Mark und der Gründungsfonds auf mindestens 200 000 Mark bemessen.
Ich fall
Ausland.
— Zum Besuch des deutschen Geschwaders in Kopenhagen wird gemeldet, daß sich König von Dänemark, der Kronprinz, die Prinzen Karl und Harald und der Marineminister Christensen in der Königlichen Schaluppe zum deutschen Admiralschiff „Kaiser Wilhelm II." begaben. An der Fallreeptreppe wurde der König vom Großadmiral v. Köster und vom Vizeadmiral Grafen Baudissin empfangen. Der König besichtigte darauf das Schiff und sprach seine Freude darüber aus, daß das deutsche Geschwader Kopenhagen besucht, und daß er diese schönen Schiffe gesehen. Beim Minister des Aeußern und im dänischen Seeoffizierverein fanden zu Ehren der deutschen Marineoffiziere Festessen statt.
— Zur englischen Kabinettskrisis wird aus London gemeldet, Premierminister Balfour sei vom Könige in Audienz empfangen worden und habe dem Könige erklärt, er und die übrigen Minister stimmten dahin überein, daß sie unter den gegenwärtigen Umständen nicht verpflichtet seien, zurückzutreten. Im englischen Unterhause gab Balfour eine entsprechende Erklärung ab und betonte, die gegenwärtige Regierung besitze das
Der kleine Doktor.
Roman von W. Sartory. 87
Am Fischweiher schienen die sonst so munteren Goldfisch, chen schläfrig geworden zu sein, träge bewegten sie sich da- hin. Der Bach, der sonst helljubelnd und plätschernd in den Teich gesprungen, er murmelte geheimnisvolle Me. lodien. Der Wind fuhr leise durch die Bäume. Ein geheimnisvolles, märchenhaftes Rauschen in den Wipfeln. Träumerische Melodien.
Die Phantasie spiegelte ihm im Wasser ein liebe» Kin- dergesichtchen vor. Neckisch schaute eS ihm mit den dunklen, geheimnisvollen Augen entgegen. Sie schien ihm zu winken: „Komm her zu mir." Das Bild verschwamm in dem grünen Wasser, ein sanfter Windhauch hatte die glatte Fläche in krause Bewegung versetzt, nur die schwarzen Locken schienen noch durchzuschimmern und etwas geheimnisvoll Funkelndes, zwei Augen.
Dr. Retlow wandte den Blick ab von der grünen, glitzernden Fläche mit dem Trugbild seiner Phantasie. Eine Nachtigall schlug über ihm an, in jauchzenden, jubelnden Tö- nen.
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Zwei Jahre waren dahingegangen. In dem Park von Marienberg hatte im verflossenen Jahre das durch das Kasselinger Tal fließende Wasser eines WolkenbrucheS arge Verwüstungen angerichtet.
DaS Bachbett war vollständig ausgerissen, der Teich zertrümmert und das Wasser war mit solcher Macht gegen die Parkmauer gedrungen, daß es diese samt den schweren Brückensteinen mit sich riß.
Ein Wolkenbruch in den Bergen ist zwar nichts Selte- neS, aber mit solcher Heftigkeit wie dieser, war doch lange keinermehraufgetreten. Das ganze Kasselingkal war über- schwemmt. Das Wasser riß alles mit sich, was ihm in den Weg kam.
Auch in der Stadt hatte daS Wasser seine Spuren hin
terlassen. Die Bahnstränge waren hoch mit Schlamm bedeckt und der Zugverkehr infolge dessen gehindert.
Jetzt waren die Schäden in dem Park zwar wieder auS- gebesiert, das Bachbett war neu eingefaßt, der Teich lag wieder still und ruhig und die Goldfische trieben ihr munteres Wesen darin. Die Grotte hatte nichts zu leiden gehabt, sie war noch die alte.
Ein Salondampfer kam stromaufwärts um die Filse- ner Ecke gefahren.
„Kaiserin Friedrich" stand in goldenen Lettern über dem Radkasten des in weißem Ton gehaltenen Schiffe». Auf dem Sonnendeck stand Dr. Retlow und blickte durch einen Feldstecher über die Stadt auf Marienberg. Erst als das Schiff sanft schaukelnd an der Landungsbrücke hielt und die Landungs-Stege rasselnd hinübergeschoben wurden, setzte Retlow seufzend das Rohr ab, nahm den neben ihm auf der Bank stehenden leichten Lederkoffer zur Hand, den daraufliegenden Hellen Staubmantel auf den Arm und stieg die Treppe hinunter nach dem Deck, um das Schiff zu verlassen.
Vorn an der Landungsbrücke standen in zwei Reihen die Hausknechte mit dem Namenszug ihre» Hotels auf den Mützen.
Dr. Retlow gab dem Hausdiener von Marienberg seine Sachen und schlenderte langsam den Rhein aufwärts. Ob sie in diesem Jahre wiederkamen? Wie hatte er im vergangenen Jahre mit Schmerzen gewartet!
Im ersten Winter hatte Retlow einen Besuch auf Gut Hochheim gemacht, doch sehr enttäuscht war er zurückgekommen.
Ob Irma das ihm zum Trotz getan hatte? Als er auf vorherige Anmeldung ankam, fand er eine große Gesell- schaft vor und gar keine Gelegenheit, auch nur ein ein- ziges Wort mit ihr allein zu sprechen. Sie ging ihm ge- flisseiitlich aus dem Wege und kokettierte mit einem schneidigen Husarenleutnant ganz auffällig, so daß Retlow schließlich zu der Meinung kam, daß sie doch eine Kokette sein mußte. Er konnte eS aber nicht unterlassen, sich bei Tante
Gertrud über den Leutnant zu erkundigen und da erfuhr er dann zu seiner Freude, daß eS ein Vetter von Irma von Hochheim war. Also war e» nur ihm zum Trotz.
Bei der Tafel kam Retlow ziemlich in ihre Nähe und die kleine Hexe verstand eS geschickt, die Rede auf da» Duell zu bringen. Dabei hatte sie sich aber verrechnet, wenn sie dachte, daß Retlow hier seine Ansicht verteidigen würde. Er merkte wohl, daß sie nur seinetwegen bie Rede darauf gebracht hatte und zog e» vor, zu schweigen, nicht auS Furcht, als Feigling betrachtet zu werden, sondern aus Trotz tat er eS.
Noch an demselben Abend war er wieder abgereift mit dem festen Vorsatz, nicht mehr an sie zu denken. Im Sommer zog eS ihn wieder gewaltig nach Boppard und dem Bad Marienberg hin. Er suchte sich zwar vorzulü- gen, daß er nicht dahin ging, um sie zu suchen, al» er aber so einsam durch den Park wandelte, fühlte er, daß ihm etwas fehlte, um erst die Reize der Natur würdigen und voll genießen zu können, und wer e» war, gab er jetzt ruhig zu.
Aber die Saison ging zu Ende, welke Blätter bedeckten schon den Boden und immer war sein geheime» Hoffen noch nicht erfüllt.
Unzufrieden fuhr er wieder nach Hause und legt« sich den Winter über mit wahrer Wut auf die Arbeit. Jetzt konnte er schreiben, was sein eigene» Herz enwfanb, au» der Seele konnte er schreiben.
Nun war er wiedergekommen und e» bangte ihn förmlich, das Kurhaus zu betreten. Wie hatte ihm da» Hergeklopft, als er vom Schiffe aus den mächtigen Bau erkennen konnte und nun lief er unruhig in der Allee am Rhein auf und ab und fürchtete sich davor.
Auf Umwegen kam er hin. Langsam, nachdenklich mit klopfendem Herzen ging er den Weg zur Terraffe hinauf. Forschend schweifte sein Blick über die Gäste, die dort Platz genommen hatten, dann schritt er weiter. 112,18
Bei dem Portier ließ er sich die Liste der Kurgäste ge» ben. Er fand einige bekannteNamen, aber nicht, mal er suchte