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Erscheint Mittwoch und SamStag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 51h Mittwoch, den 26. Juli 1905. ' 56. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von
der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schüchterner ■ ”ötxlro Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schläch
tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.-Nr. 2256/58 K.-A. Für langjährige treue Dienstzeit sind den nachgenannten Dienstboten Prämien aus Kreismitteln bewilligt worden:
a) dem Dienstknecht Peter Schäfer in Diensten des Oekonom Heinrich Zinkhan zu Drasenberg 25 Mark, b) dem Dienstknecht Georg Kirchner bei Oberamtmann Kaiser in Steinau 10 Mark,
c) dem Dienstknecht Ernst Koschick bei Landwirt Karl Meyer in Steinau 10 Mark.
Schlüchtern, den 19. Juli 1905.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses:
I. V. B e r t a.
Deutsches Reich.
— Ueber den Entwurf eines Volksschulunterhal- tungs-Gesetzes schreibt die '„Nordd. Allgem. Ztg.": Ein irrtümlich in der Tagespresse als offiziös hingestellter Artikel der „Berliner Politischen Nachrichten" hat zu der Vermutung Anlaß geboten, daß der Plan, im Spätherbste dieses Jahres dem Landtage den Ent- Wurf eines Volksschulunterhaltungs-Gesetzes vorzulegen, aufgegeben sei. Diese Annahme ist eine unzutreffende. Die Königliche Staatsregierung hält nach wie vor an der Absicht fest, den Landtag der Monarchie im Spätherbst zu Dem fraglichen Zweck einzuberufen.
— Zum Essener Arbeitskampf wird mitgeteilt, daß sich eine größere Anzahl finanzkräftiger Unternehmer des Gebietes des Arbeitgeberbundes bereit erklärt hat, Unternehmer, die durch die Aussperrung in Schwierigkeiten geraten sollten oder in Prozesse verwickelt würden, mit Geld zu unterstützen. Es sei das hauptsächlich deswegen geschehen, weil Oberbürgermeister Zweigert in der bekannten Weise gegen die Unternehmer vorge
gangen sei. In der Essener Stadtverordnetenversammlung wurde mitgeteilt, daß die Unternehmer bisher die städtischen Bauten von der Aussperrung ausgeschlossen hätten.
— Die Bevölkerung des Deutschen Reiches hat nach der Schätzung des Kaiserlichen Statistischen Anits im laufenden Jahre 60 Millionen überschritten. Nach dem Statistischen Jahrbuch ist die mittlere Bevölkerung des Jahres 1905 auf 60164 000 Köpfe geschätzt gegen 59364000 im Jahre 1904 und 58579000 im Jahre 1903. Von 1903 zu 1904 hätte hiernach die Bevölkerung um 795000 und von 1904 zu 1905 um 800000 zugenommen. Die am 1. Dezember d. Js. stattfindende Volkszählung wird zeigen, wie weit das rechnungsmäßige Ergebnis von dem wirklichen abweicht. Erheblich wird der Unterschied nach den Erfahrungen bei den früheren Volkszählungen jedenfalls nicht sein. Die 50. Million überschritt die Einwohnerzahl Deutschlands im Jahre 1892; 1870 betrug die Bevölkerung des heutigen Deutschen Reiches 40,8 Millionen, 1855 36,1, 1816 24,8 Millionen. Man kann ungefähr rechnen, daß sich die Bevölkerung des Reiches seits 72 Jahren verdoppelt hat.
— In Berlin ist eine Zentralstelle zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels errichtet worden. In Artikel 1 des zwischen dem Reiche und anderen europäischen Staaten in Paris am 18. Mai 1904 unterzeichneten Abkommens über Verwaltungsmaßregeln zur Gewährung wirksamen Schutzes gegen den Mädchenhandel hat sich jede der vertragschließenden Regierungen verpflichtet, eine Behörde zu errichten oder zu bestellen, der es obliegt, alle Nachrichten über Anwerbung von Frauen und Mädchen zu Zwecken der Unzucht im Ausland an einer Stelle zu sammeln, und die das Recht haben soll, mit der in jedem der anderen vertragschließenden Staaten errichteten gleichartigen Verwaltung unmittelbar zu verkehren. Als solche Behörde ist für Deutschland das Königlich Preußische Polizeipräsidium in Berlin bestellt worden. Die Stelle führt ihren Geschäftsverkehrunter der Bezeichnung „Königlicher Polizei» Präsident Abteilung IV, Zentralpolizeistelle zur Be- kämpfung des internation. Mädchenhandels in Berlin".
— Ein gemeinsamer Erlaß des Kultus- und Handelsministers und des Ministers des Innern erkennt die erfolgreichen Bemühungen der Regierungspräsidenten um die Fürsorge für die schulentlassene gerwerbliche männliche Jugend an nnd stellt mit Befriedigung fest, daß zur Zeit zahlreiche Veranstaltungen bestehen, die
in diesem Sinue für das Wohl der Jugend tätig sind- Dabei wird aber betont, daß bei dem Wunsche der Behörden, alle solche Fürsorgebestrebungen zu unterstützen, es nicht in deren Absicht liege, die vorhandenen kon- fessionellen Vereine durch konfessionslose Veranstaltungen zu ersetzen, um so weniger, als nach den eiugereichten Berichten die konfessionellen Vereine in der Fürsorge für die gewerbliche Jugend sich besonders ausgezeichnet haben. Derartige Veranstaltungen und Vereine sollen daher in erster Linie unterstützt und gefördert, keinesfalls aber in ihrer Weiterentwickelung beeinträchtigt werden.
— Den billigsten Eisenbahntarif nach der Durchführung wird Bayern erhalten. Das Königreich nimmt, wie in anderen Dingen, auch hierin insofern eine Sonderstellung ein, als es die IV. Klasse nicht übernehmen, sondern zwei verschiedene Sätze für die III. Klasse einrichten will. Einer Mitteilung der bayerischen Generaldirektion der Staatsbahnen entnehmen wir, wie Bayern diese beiden Klassen lila und IDb unterscheiden will. In der III. Klasse wird grundsätzlich der Satz von 2 Pfg. erhoben. Eine Ausnahme machen die sog. Eilzüge, worunter man in Süddeutschland Schnellzüge mit allen drei Wagenklassen und etwas mehr Aufenthalten als bei Schnellzügen versteht. Der Hauptunterschied besteht bisher darin, daß kein Zuschlag erhoben wird. Es wird also in Bayern dreierlei Fahrpreise III. Klasse geben: Schnellzüge zu 3 Pfg. das Kilometer mit Zuschlag, solche ohne Zuschlag, und endlich Personenzüge zu 2 Pfg. 3 Pfg. soll auch bei allen Lokal- und Vi- zinalbahnen in der III. Klasse erhoben werden.
Ausland.
— Zur Krisis in Ungarn wird aus Budapest ge- .aelbei, daß der dortige Bürgermeister erklärt habe, er halte die Verordnung des Ministers des Innern über die Ablieferung der freiwillig gezahlten Steuern an die Staatskasse für undurchführbar. Er werde den Beschluß des Gemeinderats, der die Ablieferung der Steuern verbiete, auch fernerhin aufrechterhalten.
— Aus London wird eine parlamentarische Niederlage des englischen Ministeriums gemeldet. Im Unterhause stellte Nebmond (Nationalist) einen Antrag auf Herabsetzung des Postens des irischen Budgets, der sich auf die Landeskommission bezieht, als Protest gegen die Verwaltung der irischen Landakte. Die Regierung sprach sich gegen diesen Antrag aus. Nach längerer Beratung wurde der Antrag mit 199 gegen 196
Der kleine Doktor.
Roman von W. Sartory. 36
„Weißt Du wirklich, Irma, daß eS Haß ist, was Du für ihn empfindest?"
Irma sah ihre alte Beschützerin fragend, verständnislos an. „Was soll es sonst sein?"
„Ich kenne ein Gefühl, man glaubt, eS sei Haß, e8 wühlt und bohrt, es brennt und kocht in der Brust, eS ist, als ob einem die Fäden des Herzens zerrissen werden."
„So geht eS mir, aber ich verstehe Dich nicht."
„Vielleicht wirst Du mich noch verstehen lernen."
Während Tante Gertrud den Rest der Sachen einpackte, nahm Irma ein Buch zur Hand und versuchte zu lesen. Es blieb nur bei diesem Versuch. Nach kurzer Zeit legte sie daS Bündchen wieder zur Seite.
Nach dem Essen, das die beiden Damen auf dem Zimmer einnahmen, wurde eS draußen in dem Kreuzgang wieder lebendig. Der Portier und der Hausdiener schafften die Koffer, Kisten und Schachteln hinaus auf den bereitstehenden Wagen. Tante Gertrud gab dann noch die nötigen Anweisungen dazu."
Gegen drei Uhr erschien Dr. Retlow, um die Damen abzuholen. Vor dem großen Portal stand schon ein Wagen bereit.
Nachdem alle drei in dem offenen Wagen Platz genommen hatten, ging eS in langsamen Trapp auf Umwegen dem Bahnhof zu.
Irma sprach während der ganzen Fahrt kein Wort, während Retlow sich eingehend mit Tante Gertrud unterhielt, wobei manch verstohlener Blick zu der schweigsamen Irma Hinüberglitt. Er hätte gerne mit ihr einige Abschiedsworte gewechselt, aber sie machte ein so abweisendes, kaltes Gesicht, daß er nicht wagte, sie anzureden.
Der Wagen hielt an der großen Freitreppe zum Bahnhof.
. Dr. Retlow sprang heraus. Als er Irma behilflich die Hand reichen wollte, zuckte diese bei seiner Berührung zu
sammen, als ob glühendes Eisen ihrer Hand zu nahe gekommen sei und hastig zog sie die Hand zurück.
Dr. Retlow war blaß geworden bei dieser Abweisung. Verletzt trat er zurück.
Irma sprang leichtfüßig aus dem Wagen und ging die Treppe hinauf. Auf dem Perron wanderte sie allein hin und her, während Retlow bei Tante Gertrud stand.
„Wenn ich mir erlauben dürfte, Sie auf Ihrem Gute einmal zu besuchen?" fragte Retlow Tante Gertrud.
„Aber gewiß, Herr Doktor, es wird mich sehr freuen!"
„Und Irma? Was hab' ich ihr getan?"
„Herr Doktor, sie ist noch jung, noch kindlich fast. Sie müssen ihr ihr Benehmen nicht übel nehmen."
„Es schmerzt mich tief, daß sie mich verkennt," fuhr Retlow leise fort.
Tante Gertrud lächelte geheimnisvoll. „Herr Doktor, ich weiß nicht, aber ich glaube, ich irre mich nicht, wenn ich annehme, daß Sie für Irma ein tieferes Gefühl hegen, als das der Freundschaft."
Dr. Retlow wurde rot wie ein Schuljunge. „Und wenn Sie mit Ihrer Vermutung recht hätten?" fragte er etwas zögernd.
„Ich könnte ihr nur dazu raten."
„Wirklich, FräuleinGertrud! Sie würden das tun, trotzdem ich nur ein ganz gewöhnlicher Retlow bin?"
„Pah, es ist doch kein Verdienst, adelig geboren zu sein. Sie sind noch jung und haben es schon zum Doktor gebracht, das ist Ihr Verdienst, da können Sie stolz darauf sein. Ich glaube auch nicht, daß dieses bei Irma inS Gewicht fallen wird."
„Sie nehmen mir einen schweren Stein vom Herzen, FräuleinGertrud!"
„Ich glaube schon die Versicherung zu haben, daßJrma an Ihrer Seite glücklich würde," entgegnete Tante Gertrud lächelnd.
Der Zug brauste in die kleine Halle ein.
Auf dem Trittbrett stehend, gelang eS Dr. Retlow noch, Irmas Hand zu haschen. Er drückte einen schnellen, inni
gen Kuß darauf und, war es Verwirrung oder Ueberra- schung bei Irma, sie zog die Hand nicht zurück.
„Fertig!" rief der Zugführer.
Erst jetzt ließ Retlow die Hand los. Seine Augen suchten die ihrigen, sie wandte den Blick ab. Retlow mußte zurücktreten. Die Wagen wurden zugeschlagen und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.
Während Tante Gertrud vom Fenster aus dem Zurückgebliebenen winkte, hatte Irma sich auf der anderen Seite des Wagenabteils in die Polster gedrückt und starrte zum Fenster hinaus auf die grünen Berge. Sie konnte sich keine Rechenschaft geben, wie ihr zu Mute war, am liebsten hätte sie sich Tante Gertrud in die Arme geworfen und ihren Schmerz auSgeweint. Es war etwas von ihr gegangen, etwas, was ihrem Herzen nahe stand.
War es der Doktor ? Dagegen streubte sie sich mit Gewalt, ie hatte sich immer dagegen gestreubt, warum? Sie fühlte, >aß der kleine Mann, trotzdem sie wußte, daß er sie liebte, hr überlegen war, überlegen in allem. Blut konnte er nicht sehen! Pah!. . Verächtlich zog sie die Lippen zusammen. Ein Feigling war er doch. Aber wo sollte auch bei einem solchen Bücherwurm der Mut Herkommen! Sie dachte sich in die Lage hinein, als ob der Baron sich mit Retlow duelliert hätte. Einer hätte daran glauben müssen, und auf jeden Fall Retlow. Wie sie da auf einmal zusammenzuckte, als ob eS sie inS Herz getroffen! Wa» ging sie denn der Doktor an!
So suchte Irma auf alle erdenkliche Weise die Stimm« ihres laut rufenden Herzens zu überschreien. WaS nutzte es ihr? Die Stimme wurde nur noch lauter und eindringlicher.
* * * 112,18
Dr. Retlow war mehr träumend als wachend nach Marienberg zurückgekehrt. DaS schöne Städtchen kam ihn, auf einmal so einsam, so verlassen vor. Die Bäume im Park schienen träumend die Aeste zu Boden zu neigen, die Blumen schienen die Köpfchen hängen zu lassen, der Bach, er murmelte traurige Melodien: „Es war einmal."«