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SchlüchternerMun g

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

58. Samstag, den 22. Juli 1905. 56. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die Kchlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner

Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auftage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Seine Majestät der Deutsche Kaiser hat für die durch eine Flut zerstörte Stadt Guanajuato (Mexiko) einen Betrag von 1000 Mk. gespendet.

Auf dem Schlosse Friedenstein in Gotha vollzog sich am Mittwoch in feierlicher Weise der Regierungs­antritt des Herzogs Karl Eduard in Anwesenheit zahl­reicher Fürstlichkeiten. Der Herzog unterzeichnete im Audienzzimmer des Schlosses vor dem gesamten Mi- nisterium die Eidesurkunde. Hierauf betrat der Herzog begleitet von den anwesenden Fürstlichkeiten den Thron­saal und nahm vor dem Thronsessel Aufstellung. Der Regierungsverweser Erbprinz Hohenlohe-Langeburg hielt eine Ausprache in der er dem Herzog Fortdauer des guten Einvernehmens zwischen Fürst und Volk wünschte. Der Herzog verlas darauf die Thronrede.

Der Juli ist ein richtiger Hohenzollern-Geburts- monat. Am 7. Juli beging Prinz Eitel Friedrich seinen 22, Geburtstag und am II. Juli die Gemahlin des Prinz-Admirals Heinrich von Preußen, Prinzessin Irene, ihren 39. Geburtstag. Am 12. Juli feierte Prinz Friedrich Wilhelm, des Prinzregenten Albrecht jüngster Sohn, seinen 25., am 14. Juli Prinz Adal- bert, des Kaiserpaares drittältester Sohn, seinen 21. und am 15. Juli Prinz Friedrich Heinrich, des Prinz­regenten Albrecht ältester Sohn, seinen 3 l. Geburtstag. Des Kaisers älteste Schwester Charlotte, Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen, erblickte am 24. Juli 1860 das Licht der Welt, am 25. Juli 1860 die Prinzessin Luise Margarete von Preußen, Gemahlin des Prinzen Arthur, Herzogs von Connaught, und am 27. Juli 1888 Prinz Oskar, des Kaiserpaares fünsältester Sohn, zugleich der ersteKaiserprinz", da er während der Regierungszeit des Kaisers geboren wurde. Bemerkt sei noch nebenbei, daß von verstorbenen Hohenzollern

insgesamt elf im Monat Juli ihren Geburtstag hatten, und daß am 3. Juli die jüngste Schwester der Kaiserin, Prinzessin Feodora, ihren 33. Geburtstag feierte.

Am Montag beging Fürst Karl Günther von Schwarzburg-Sondershausen sein 25jähriges Dienst- jubiläum. Der Fürst trat am 17. Juli 1880 die Regierung an, nachdem sein Vater, Fürst Günther, auf die Regierung Verzicht geleistet hatte. Fürst Karl Günther, der im 75. Lebensjahre steht, ist seit 1869 mit der Prinzessin Marie von Sachsen-Altenburg ver­mählt; jedoch ist die Ehe ohne Kinder geblieben. Außer einem Bruder des Fürsten, dem unverheirateten, zwei Jahre jüngeren Prinzen Leopold, sind männliche Erben der Linie Sondershausen nicht vorhanden, so daß das Fürstentum später der Linie Schwarzburg- Rudolstadt zufallen wird. Hatte das Land gelegentlich der Feier der silbernen Hochzeit am 12. Juli 1884 dem Fürstenpaar ein aus allgemeinen Sammlungen ini Lande hervorgegangenes Geldgeschenk im Betrage von 34945 Mark zu einer (Stiftung überreicht, so ist diesmal aus den im Lande gesammelten Mitteln auf dem Marktplatze in Sondershausen ein herrlicher Monumentalbrunnen errichtet und in Gegenwart des Fürsten, der Fürstin, des Prinzen Leopold und der Spitzen der Behörden feierlich enthüllt worden. Er ist ein Werk des bekannten Bildhauers Professor Eber­lein und stellt eine Huldigung des Landes dar: er trägt am Mittelteil das Reliefbild des Fürsten. Nach der Enthüllung begann die Huldigung des Landes vor dem Fürstenpaar. Nach der Huldigung unternahm das Fürstenpaar eine Rundfahrt durch die festlich ge­schmückte Stadt. Der Fürst stiftete aus Anlaß der Feier seiner Residenzstadt Sondershausen 50000 Mk. für den Bau einer höheren Töchterschule.

Montag Mittag ist der russische Minister Hes Verkehrswesens, Fürst Chilikow, in Hamburg einge­troffen. Wie bestimmt verlautet, ist er nach Deutsch­land gekommen, um eine Reihe von Schiffen zu besichtigen, die von der russischen Regierung angekauft werden sollen. Eine ganze Dampfer- und Leichter- flottille ist im Auftrage des Ministers in Deutschland und Endland schon angekauft worden. Die Schiffe, die bereits russische Namen erhalten haben, liegen noch im hiesigen Hafen, einige werden auf der Werft von Blohm u. Voß noch Umbauten unterworfen. Die Fahrzeuge werden auf den Jeniffei in Sibirien gebracht, wo sie als Transportschiffe für Eisenbahnmaterial Verwendung finden. Die Anmusterung der Mann­schaften erfolgte heute.

Der deutsch evangelische Frauenbund hat sich durch kürzlich von Fräulein Anita Augspurg geäußerte 'Anschauungen über freie Ehe veranlaßt gesehen, seine Beziehungen zu der fortschrittlichen Frauenorganisation zu lösen.

Die Vorschriften über Dienst- und Ruhezeit der Staatsbahnbediensteten sind durch Erlaß des Ministers v. Budde an die Eisenbahukommission jetzt auch auf die Bediensteten der preußischen Privatbahnen und zwar auch auf das nicht zu den Eisenbahubetriebsbeamten zählende Personal ausgedehnt worden. Besondere Vorschriften gelten für die gelegentlich des Nachtdienstes mit dem Anheizen und Putzen der Lokomotiven usw. beschäftigten Bediensteten, die ja in der Hauptsache als Nachtwächter tätig sind. Die derartigen Angestellten während des Nachtdienstes übertragene Nebenbeschäftig­ung darf aber nicht zum eigentlichen Betriebsdienst gehören.

Ansland.

Das österreichische Herrenhaus hat den Handels­vertrag mit dem Deutschen Reiche sowie das Ermäch­tigungsgesetz, betreffend die provisorische Regelung der Handelsbeziehungen mit der Schweiz mib Bulgarien angenommen.

Zu dem Besuche des deutschen Kronprinzen­paares in Jütland schreibt das dänische regierungs­freundliche BlattKjobenhovn": Ein Besuch, wie der des deutschen Kronprinzenpaares in Jütland wird von einem Fürsten nur einem Lande gemacht, wenn er gute Nachbarn zu finden hofft, mit denen er immer mehr und mehr Freundschaft zu schließen wünscht. Gerade in denen für den Norden so schwierigen Zeiten müssen alle Dänen die freundlichen Gefühle gegen unser Volk und Land zu schätzen wissen, von denen der zwanglose Aufenthalt des deutschen Kronprmzenpaares in unserem Lande Zeugnis ablegt. Wir müssen alle dadurch danken daß wir dem jungen Paare unsere aufrichtige Sympathie zeigen, und es kann für uns eine große Freude sein wenn die beiden jungen Menschen, die dereinst den deutschen Thron innehaben sollen, dadurch, daß sie sich bei uns aufhalten und uns kennen lernen, Achtung vor unserer Arbeit und unseren Eigenschaften gewinnen. Der Besuch des deutschen Kronprinzenpaares be­deutet für uns eine Befriedigung und Sicherung um- somehr, als Dänemark das erste Land ist, das das Paar nach seiner Vermählung besucht. Wir alle werden ihm aufs herzlichste Willkommen bieten und danken.

Die Festlichkeiten aus Anlaß des 75. Jubiläums

Der kleine Doktor.

Roman von W. Sartory. 35

O, wie schade! Gerade jetzt ist eS ja am schönsten hier!"

Irma glaubt, nicht mehr bleiben zu können, nach dem peinlichen Vorfall mit dem Baron."

Aber mein Gott, Sie haben doch nichts damit zu tun!"

Woher wissen Sie das, Herr Doktor?" Die Frage klang scharf und abweisend von Irmas Lippen.

Retlow wußte nicht, was er darauf antworten sollte, aber einen schmerzlichen Stich hatte es ihm doch ins Herz gegeben, daß sie nicht einmal den Anschein vertuschen wollte, mit dem Baron von Stotzler in einem engeren Verhält­nis gestanden zn haben.

Eine peinliche Panse trat ein.

Irma gingdenWeg weiter. Tante Gertrud folgte und auch Dr. Retlow setzte sich mechanisch in Bewegung.

Irma zupfte nervös an den feinen Spitzen, mit denen die helle Sommerbluse garniert war. Sie ärgerte sich, daß sie in der Nähe des Doktors nicht die Gleichgültigkeit zei­gen konnte, wie sie wünschte, um ihn zu übersehen. Daß er aber nichts sprach! Wenn er doch nur etwas gesagt hätte, worauf sie ihm eine grobe Antwort hätte geben kön­nen, aber schweigsam ging er neben Tante Gertrud her.

Komm, Tante, wir gehen nach dem Kurhaus zurück," sagte endlich Irma.

Die Bemerkung war eigentlich überflüssig, denn man befand sich schon auf dem Rückweg, aber Irma hatte et­was sagen wollen.

Herr Doktor," sagte sie dann spitz, wobei ihr Gesicht hochrot überhaucht wurde,haben Sie dem Baron nur das Duell abgeschlagen, weil Sie um seine Vergangen­heit wußten?"

Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich ein prinzipieller Gegner des Duells bin, Fräulein Irma," kam es ruhig zurück.

»Aus Ueberzeugung oder Furcht?" fragte sie höhnisch.

Retlow tat, als ob er das nicht merkte und entgeg- nete ruhig:Aus Ueberzeugung und meine Religion ver­bietet es."

Irma lachte verächtlich auf.

Das letztere ist eine gute Ausrede für Feiglinge!"

Irma!" rief Tante Gertrud warnend.

Sie halten mich für einen Feigling?" fragte Retlow bitter.

Aber, Herr Doktor, beruhigen Sie sich," suchte Tante Gertrud einzulenken.Irma hat es sicher nicht so gemeint."

Warum nicht? Ich halte meine Behauptung aufrecht."

Die Worte kommen nicht aus Ihrem Herzen !"

Wie können Sie daran zweifeln, daß ich etwas spreche, was ich nicht fühle?" Herausfordernd mit blitzenden Augen sah sie ihn an.

Ich glaube einfach nicht, daß Sie unter jene Men- scheu zählen, die ein solch' barbarisches Gesellschaftsgesetz billigen."

Und wenn doch? Sie reden von einem barbarischen Gesellschaftsgesetz, für Feiglinge mag es das sein, ich nenne es einen ritterlichen Zug. Männer müssen Männer sein!"

Retlow zuckte die Achseln.Ich kann nicht gerade sa­gen, daß es ein ritterlicher Zug ist, wenn zwei gute Be- kannte, die sich vielleicht in etwas aufgeregtem, wenn nicht angeheitertem Zustande gegenseitig beleidigt haben, sich am anderen Tage auf Leben und Tod entgegentreten. Glau­ben Sie mir, die meisten Duelle würden unterbleiben, wenn die Menschen könnten, wie sie wollten. Aber dann kommt die Furcht vor der Blamage, keiner will der zuerst nachgebende Teil sein, um nicht als Feigling dazustehen. Und nehmen wir den Fall an, daß wirklich jemand mit kalter Ueberlegung meine Ehre angreift, ist sie damit ge- reinigt, daß ich ihn totschieße oder er mich? Gehen Sie mir mit der Ritterlichkeit, ein Unfug ist's und es ist eine Schande, daß in unserem Zeitalter der Bildung dieser Un- fug noch nicht ausgerottet ist. Könnten Sie einem Mann, von dem Sie wissen, daß seine Hand mit Menscheublut be­

fleckt ist, die Hand zum Lebensbunde reichen? Ich glaube es nicht!"

Irma wußte nicht, was sie antworten sollte, und um sie aus der Verlegenheit zu reißen, entgegnete Tante Ger­trud:Irma ist noch zu unerfahren, um hierüber ein ge- rechtes Urteil abgeben zu können, sie weiß nicht, wie viel Kummer und Elend durch das Duell hervorgebracht wird."

Man war an dem hinteren Portal des Kurhauses an­gelangt.

Darf ich die Damen nach der Bahn geleiten?" fragte Retlow, stehen bleibend.

Irma tvvllte kurzweg seine Begleitung abschlagen, schon hatte sie den Mund geöffnet, aber die Worte kamen nicht über die Lippen.

Sie sind sehr freundlich, Herr Doktor," meinte Tante Gertrud mit einem prüfenden Blick auf Irma.

Doktor Retlow lüftete seinen Hut und entfernte sich, während die beiden Damen durch das Portal eintraten.

Auf ihrem Zimmer angekommen, ließ sich Irma wie ermüdet auf einen Stuhl niedersinken. Ein unterdrückter Seufzer kam aus ihrer Brust.Wann fährt der Zug?" fragte sie nach einer Weile, wie aus einem Traum erwa- chend.

Um drei Uhr," entgegnete Tante Gertrud vom Fenster.

Ach Gott! Noch drei Stunden! Ich weiß nicht, eS ist mir so unsagbar zu Mute, ich meine, ich müßte vor ihm weglaufen!"

Du bist aufgeregt, Irma!"

Wer ist denn Schuld daran? Nur er!"

Dr. Retlow?" 112,18

. »Ja, dieser unscheinbare Mensch,^ entgegnetesie zor­nig.Wenn ich ihn sehe, steigt mir das Blut in denKopf." Zornig ballte sie die kleinen Hände und ihre Augen fun­kelten, als ob sie sich im nächsten Moment auf einen un* sichtbaren Feind stürzen wollte.Ich hasse ihn, ja, ich hasse ihn! Ich verachte ihn, er ist ein Feigling. In seinen- chern schreibt er von Helden, wie ein Zwerg von Riesen. 7