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SchlüchternerZitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mit Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 57 Mittwoch, den 19. Juli 1905. 56. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenominen.

finden in der Schlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Die DuchtHohenzollern" mit dem Kaiser an Bord istvorHernösand eingetroffen. Der Kronprinz und die Kronprinzessin trafen gestern an Bord der NachtMeteor" in Aarhus ein und unternahmen Nachmittags einen Ausflug in die Umgegend. Heute beabsichtigt das Kronprinzenpaar, dem Prinzen und der Prinzessin Christian von Dänemark einen Besuch abzustatten.

Die Reichstagsersatzwahl im Kreise Oberbarnim hat eine Stichwahl zwischen dem freikonservativen Professor Pauli und dem Sozialdemokraten Bruns zum Ergebnis gehabt. Beide haben annähernd die gleiche Stimmenzahl erhalten. In der Hauptwahl 1903 erhielten Stimmen: Pauli"6829, Lruns 7202 und die Freisinnige Volkspartei 2904. In der Stich­wahl siegte der Freikonservative Pauli mit 9450 Stimmen gegen den Sozialdemokraten Bruns, auf den 8357 Stimmen entfielen. Hiernach haben die Frei­konservativen und die Sozialdemokraten eine Stimme;;« zahl verloren, letztere am meisten, nämlich gegen 1000.

Ein Erlaß des Kultusministers betreffs Ein­richtung besonderer Schulen für Schifferkinder weist auf die von den städlischen Schulverwaltungen zu Charlottenburg und Liebeniühl im Regierungsbezirk Königsberg bereits eingerichteten Schifferkinderschulen hin. Der Unterricht wird an diesen Schulen vom Spätherbst bis zur Eröffnung der Schifffahrt im Frühjahr von geeigneten städtischen Lehrern und Lehrerinnen unter Zugrundelegung eines vereinfachten, den Bedürfnissen der Schifferkinder angepaßten Lehr- planes erteilt. Da sich die Kinder von dem Gefühl ihrer Minderwertigkeit den Gemeindeschülern gegenüber befreit wissen, wächst ihre Arbeitsfreudigkeit. Sie

zeigen daher gleichmäßigen Fleiß, beteiligen sich auf­merksam am Unterricht und werden in ihrem Wissen schnell und sicher gefördert. Ebenso günstig sind die Erfahrungen in Betreff ihres Betragens, das nur in seltenen Fällen zu Bemängelungen Veranlassung gab. Da sich somit die Schifferkinderschule nach den vor­liegenden Berichten in unterrichtlicher und erziehlicher Hinsicht bewährt hat und ihr auch von den Eltern mit wenigen Ausnahmen eine erfreuliche Teilnahme ent­gegengebracht wird, lenkt der Minister die Aufmerk­samkeit der Königlichen Regierungen auf die obigen Veranstaltungen hin, indem er anheimgibt, dieselben solchen Stadtgemeinden, in denen ähnliche Verhältnisse obwalten, zur Beachtung zu empfehlen.

Ein recht unverschämtes Betragen polnischer Gymnasiasten hat sich dieser Tage im Kurgarten zu Zoppot gezeigt. Dort spielte bei einem Vormittags­konzerte die Kurkapelle u. a. ein Potpourri russischer Melodien. Am Schlüsse enthielt dieses die russische Nationalhymne. Schon lange jwaren einige polnische Gymnasiasten durch ihr ungezogenes Benehmen ausge­fallen; kaum erklangen die ersten Takte der Hymne, so sprangen sie von ihren Sitzen empor, schlugen mit Stöcken gegen die Orchestertribüne und auf die Tische, um auf diese Weise das Spielen der ihnen verhaßten Hymne zu stören. Ja, ein heißblütiger Jüngling wollte sogar in den Musikraum dringen, wurde jedoch durch einen handfesten Kellner daran verhindert. Bei etwaiger Wiederholung wurde mit Werfen mit Steinen gedroht. Natürlich wurde das Publikum über das flegelhafte Betragen äußerst entrüstet; fast wäre es zum Handgemänge gekommen. Daß so unreife Burschen schon in der häßlichen Tonart der Alten machen, ist wieder ein Beweis, welch traurige Blüten Fanatismus und Verhetzung zeitigt.

Die Senate der technischen Hochschulen in Preußen haben beschlossen, eine weitere Einschränkung des Studiums von Ausländern durch Erschwerung der Aufnahmebedingungen für das kommende Semester herbeizuführen. Die Verordnung richtet sich vor allem gegen die Ueberflutung der Hochschulen durch russische und polnische Studierende.

Eine neue Zollgebührenordnung wird nach Beschluß des Bundesrats am 1. August eingeführt. Nach wie vor dürfen im Zollverkehr für Amtshand­lungen, die an Amtsstelle innerhalb der festgesetzten Dienststunden ausgeführt werden, in der Regel weder Gebühren erhoben noch den Beamten Vergütungen aus

der Reichskasse bezahlt werden. Lösch- und Ladeplätze stehen den Amtsstellen gleich. Gebühren werden aber erhoben, wenn es sich um eine Entschädigung für den Aufwand an Beamtenkräften handelt, der verursacht wird durch die Verabsäumung einer dem Beteiligten Obliegenheit Verpflichtung oder durch die Gestattung von Erleichterungen oder Vergünstigungen in der Zoll­behandlung. Gebührenfrei bleibt die Abfertigung des Reisegepäcks, der Frachtgüter unter Wagenverschluß, die Schiffsleichterungen auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen tc. Für die Bewachung von Privatlagern unter amtlichem Mitverschluß werden je nach den Umständen Gebühren erhoben. Die Sätze sind im einzeln näher bestimmt.

Vom Kaiser sind Kriegsdekorationen an Post­beamte in Südwestafrika verteilt worden. Nicht selten nämlich haben bei den Unruhen in dem südwestafri- kanischen Schutzgebiete die mit der Aufrechterhaltung des, Post- und Telegraphenverkehrs betrauten Beamten behufs Abwehr des Feindes zur Waffe greifen müssen, während sie anderseits bei Ausführung der Arbeiten an den Telegraphenleitungen dem feindlichen Feuer auS- gesetzt gewesen sind. Wenn es trotzdem gelungen ist, einen geregelten Post- und Telegraphenverkehr in Süd­westafrika aufrecht zu erhalten, so ist dies der von den Beamten auch in den schwierigsten Lagen bewiesenen Umsicht und Tatkraft zu verdanken. In Anerkennung ihres mutigen und unerschrockenen Verhaltens während des Hereroaufstandes hat der Kaiser mehreren Be­amten und Unterbeamten der Reichspostverwaltung Kriegsdekorationen verliehen, in erster Linie dem früheren Postdirektor in Windhuk, Postrat Bischof, der jetzt erster Vorsteher der deutschen Postdirektion in Schanghai ist.

Ausland.

Im Gefle-Fjord in Schweden fand eine Be­gegnung zwischen Kaiser Wilhelm und König Oskar von Schweden statt. Zu Ehren des Königs Oskar fand auf der KaiserjachtHohenzollern" ein Diner statt. Nach dem Diner begab sich der König an Bord der KönigsjachtDrott", welche unter dem Salut der deulschen Schiffe nach der Reede von Gefle abging. Der Hafen war festlich beleuchtet. Am Freitag mittag gab der König von Schweden zu Ehren des Kaisers ein Frühstück auf der KönigsjachtDrott", woran der deutsche Gesandte in Stockholm, Müller, teilnahm. Um 2 Uhr lichtete die Königsjacht Aed inker, um den

Der kleine Doktor.

Roman von W. Sartory. 34

Al» er etwa» ruhiger geworden war, wandte er sich wieder zu Emma, die noch immer auf demselben Flecke stand. Seine Stimme klang etwas bewegt, eine Rührung zitterte hindurch, wie man es wohl noch nie von dem blasierten Lebemann gehört hatte.Emma, mach ein Ende. Geh! Verlaß mich!"

Da wachte Emma wie aus einem Traume auf.Du schickst mich fort? Was soll ich tun?"

Vergessen!"

Vergessen? Könnte ich vergessen!"

Und wie ein Jubelton kam es über seine Lippen: Emma .. Du willst?"

Warten will ich, oder, wenn Du nicht willst .."

Da konnte Rottling sich nicht mehr halten, er breitete seine Arme aus und zog das zitternde Mädchen an seine Brust, und innig und warm flüsterten seine Lippen:Emma, glaube mir, ich habe nicht gewußt, daß es solche Liebe gibt! Aber jetzt weiß ich's . . freilich, etwas spät kommt mir daS Bewußtsein .. spät." Er hatte sie wieder plötz­lich aus sei neu Armen gelassen und blickte sehnsüchtig durch das vergitterte Fenster.

Draußen vor der Tür rasselte der Riegel, der Wär­ter wollte offenbar andeuten, daß die Zeit um wäre.

Emma fuhr bei den: dumpfen Ton erschreckt zusam­men.

Rottling bewegte sich nicht.

Da trat sie auf ihn zu und faßte ihn am Arm.Ich will warten, glaubst Du mir," sagte sie möglichst ruhig.

Da riß Rottling sie stürmisch an seine Brust.Ver­zeih mir, Emma, kannst Du mir verzeihen?" flüsterte er.

Sie nickte stumm.

Noch eine Weile lagen sie sich stunim in den Armen, dann ein letzter Kuß . . die Tür öffnete sich und Emma Borgau verschwand in dem dunklen Gang.

Rottling lauschte, bis der letzte Ton ihrer Schritte ver­

klungen war.Ein Engel ist sie," flüsterte er fast andäch- tig vor sich hin.

* * *

Tante Gertrud packte die Koffer, Irma saß am Fen­ster und hielt das Spitzentuch gegen die feuchten Augen ge­drückt. Nach Hause wollten sie fahren, Irma glaubte nun einmal, sich hier nicht mehr sehen lassen zu können.

In den zwei Tagen, die seit der Verhaftung des Ba­rons vergangen waren, hatte sie fast keinen Schritt vor die Tür gewagt. Sie redete sich ein, die Leute würden sie alle bedauernd ansehen und sie bemitleiden.

Den kleinen Doktor hatte Irma auch nicht mehr ge­sehen. Dieser hatte zwar versucht, den Damen seine Auf­wartung zu machen, war aber abgewiesen worden. WaS konnte sie an ihm sehen? Höchstens eine schadenfrohe, tri­umphierende Miene.

So hatte Irma sich selbst abgeschlossen und heute mit­tag noch wollte sie abreisen.

Tante Gertrud hielt einen Augenblick mit ihrer Arbeit ein und blickte auf Irma.Irma, Du weinst schon fast den ganzen Tag, daß wir hier weggehen, warum bleiben wir denn nicht einfach hier," sprach sie in etwas vorwurfs­vollem Ton.

Wie gern würde ich das tun, Tante Gertrud," kam es verzweifelt zurück.Aber ich will mich nicht dem Mit­leid und dem Gespött der Leute hingeben. Heute mittag fahren wir."

Tante Gertrud schwieg und begann wieder von neuem zu packen.

Nach elf Uhr morgens war alles so ziemlich eingepackt, die zahlreichen Koffer und Kisten und die noch zahlreiche­ren Schachteln standen aufgetürmt vor der Tür und war­teten auf den Hausdiener, der sie nach der Bahn bringen sollte.

Noch einmal wollte Tante Gertrud mit Irma einen Spaziergang durch den kühlen, schattigen Park machen .. den letzten.

Schweigend gingen sie nebeneinander her, es war ihnen

beiden so unendlich schwer, te$t schon, wo alle» noch in vollster Blüte stand, Abschied von dem reizenden Fleckchen Erde zu nehmen.

Da kommt der Doktor," raunte Irma der Tante plötz­lich zu.Laß uns hier den Seitenweg abgehen» ich möchte nicht mehr mit ihm zusammen kommen.

Tante Gertrud folgte ihr, die schon abgebogen war.

Hastig schritt Irma weiter, so, daß die alte Dame Mühe hatte, an ihrer Seite zu bleiben. Erst al» sie ein gute» Stück von dem oberen Parkweg entfernt waren, wurde ihr Gang etwas ruhiger.

Was Du nur gegen Dr. Retlow hast?" meinte Tante Gertrud.

Ich weiß e» selbst nicht, aber ich glaube, bet Mensch freut pd), daß alles so gekommen ist. Ich könnte ihn nicht

Du tust ihm sicher unrecht, Irma!"

^Kann sein, aber ich kann ihn nun einmal nicht mehr

Irma hatte in der Aufregung den Weg aufwärt», auf der gegenüberliegenden Seite des Bache» eingeschlagen, sie ahnte nicht, daß Retlow sie gesehen, und al» er sie auf­wärts gehen sah, umkehrte, so daß er oben an der Bie­gung ihnen sicher noch einmal entgegentreten mußte.

Da ist er wieder!" fuhr Irma zusammen. Aergerlich blieb sie stehen und stampfte trotzig mit dem Fuße auf.

Dr. Retlow kam langsam, als ob e» sich um eine zu­fällige Begegnung handelte, auf die beiden Damen zu.

Irma beachtete seinen Gruß gar nicht und blickte ihn nur herausfordernd an. 1

Wie ich gesehen habe, wollen Sie schon abreisen?' fragte er. Aber trotzdem er sich bemüht hatte, einen gleich, gültigen. Ton anzuschlagen, klang e» doch wie eine bange Frage. Er sprach zu Tante Gertrud, aber sein Blick hing fragend an dem lieblich trotzigen Kindergesichtchen Irma».

Sie haben recht gesehen, Herr Doktor. Wir wollen heute nachmittag schon abreisen," antwortete Tante Ger­trud. 113,18