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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 12. Juli 1905.
56. Jahrgang.
Fortwährend
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finden in der Schliichterner Zeitung den meisten Erfolg,
der Expedition entgege
Inserate
da sie die größte Auflage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Der Kronprinz hat die Ehrenmitgliedschaft der Berliner Drechsler-Innung angenommen. Wie bekannt, hatte der Kronprinz, einem alten Brauche im Hohen- zollernhause entsprechend, ein Handwerk, und zwar die Drechslerei erlernt.
— Ein abermaliger Rückgang sozialdemokratischer Stimmen ist, wie bereits bei der Reichstags-Ersatzwahl in Hameln-Springe, jetzt bei den in Essen stattge- fundenen Gewerbegerichtswahlen zu konstatieren. Während die Stimmenzahl für die Kandidaten der christlichen Gewerkschaften von 7245 auf 7554 stieg, erhielten die Bewerber der freien Gewerkschaften nur 7099 gegen 7802 Stimmen im Jahren 1904. Die Wahl stellt sich für die Sozialdemokratie als eine üble Vorbedeutung für die demnächst stattfindende Reichstagsersatzwahl heraus, in welcher man glaubt, dem Zentrum den Sitz abnehmen zu können.
— Gegen den Mißbrauch von Krankenkassengeldern ist ein gerichtliches Urteil ergangen. In verschiedenen Krankenkassen war der Brauch eingerissen, den Vorstandsmitgliedern bezw. Delegierten diejenigen Kosten zu erstatten, die ihnen durch die Beteiligung an Veranstaltungen sozialpolitischer Art, so an Kongressen zur Bekämpfung der Tuberkulose, des Alkoholismus, von Volksseuchen zur Erörterung der Wohnungsfrage usw., erwachsen sind. Das preußische Oberverwaltungsgericht hat nunmehr kürzlich entschieden, daß die Träger der Krankenversicherung Kassenmittel für die Entsendung von Vertretern zu Beratungen von Verbänden, Kongressen und anderen Veranstaltungen, die sich nicht ausschließlich mit den gesetzlichen Aufgaben der Krankenkassen beschäftigen, nicht verwenden dürfen.
— Ein im „Staatsanzeiger" veröffentlichter könig
licher Erlaß regelt die Rangverhältnisse der etatsmäßigen Lehrer der tierärztlichen Hochschulen und der Departements- und Kreistierärzte. Danach gehören die etatsmäßigen Lehrer der tierärztlichen Hochschulen der vierten Raitgklasse an. Die etatsmäßig angestellten Departementstierärzte sind den technischen Mitgliedern der Regierungen mit dem^Rang der Räte fünfter Klasse mit dein Stimmrechte der Regierungsaffessoren zuzu- zählen. Sie können, sofern sie sich in ihrer Stellung bewährt haben, zur Verleihung des Charakters als „Veterinärrat" vorgeschlagen werden. Veterinärräten, die diesen Charakter mindestens zehn Jahre besitzen, jedoch nicht mehr als der Hälfte der Gesamtzahl der Departementstierärzte, kann auf Antrag der persönliche Rang der Räte vierter Klasse verliehen werden, auch können einzelne Veterinärräte, die den Rang der Räte vierter Klasse mindestens zehn Jahre besitzen, in besonderen Fällen durch die Verleihung des Charakters als „Geheimer Veterinärrat" ausgezeichnet werden. Die Kreistierärzte (Bezirkstierärzte in den Hohen- zollernschen Landen) erhalten den Rang zwischen der fünften Rangklasse und der Klasse der Referendarien der Landeskollegien. Als Auszeichnung kann für ältere Kreistierärzte die Verleihung des Charakters als „Veterinärrat" mit dem persönlichen Range der Räte fünfter Klasse beantragt werden.
— Eine Neuerung bezüglich der Beurlaubung von Mannschaften zur Hülse bei den Erntearbeiten wird in diesem Jahre beobachtet. Bisher stellten die Landwirte ihre Anträge auf gut Glück bei den Truppenkomman- dos. Wahrscheinlich geschah dies nun oft so spät, daß die Gesuche nicht berücksichtigt werden konnten- Jetzt erinnert die Militärbehörde durch Bekanntmachungen selbst daran, möglichst früh die Kommandierung von Mannschaften zu beantragen, da sonst infolge festgesetzter Dispositionen keine Mannschafts- gefteitungen erfolgen könne. Hinzugefügt wird: „Die Landwirte müssen sich verpflichten, den Leuten gutes Unterkommen und gute ausreichende Beköstigung zu gewähren, ihnen ferner eine der Arbeit entsprechende Entschädigung in Geld zu zahlen und ihnen Gelegenheit zum Besuche des Sonntagsgottesdienstes zu bieten."
— Der Eisenbahnminister hat in einem längeren Erlaß Anordnungen betreffend Fürsorge für die an Tuberkulose erkrankten Bahnbediensteten und Angehörigen von solchen getroffen. Mitbestimmend ist außer der Rücksicht für die Erkrankten selbst auch die Möglichkeit, daß ein großer Teil der Eisenbahnbe
diensteten, insbesondere das Zugpersonal, auf seinen Fahrten die Ansteckungskeime weiterhin verbreitet und dadurch für weitere Kreise gefahrbringend werden kann.
— Die zweite hessische Kammer nahm den Staatsvertrag mit Preußen und den thüringisch-anhaltischen Staaten, wonach die hessisch-thüringischen Staatslotterie von Preußen übernommen wird einstimmig an. Ebenso nahm die zweite Kammer das Gesetz, betreffend das Spiel in außerhessischen Lotterien, der Regierungsvorlage entsprechend ohne Debatte an. Beide Gesetze treten gleichzeitig in Kraft.
— Die Verbreitung des Mädchenschwimmens läßt sich die Regierung jetzt besonders angelegen sein. Es soll jetzt den Turnlehrerinnen in ähnlicher Weise wie den Turnlehrern Gelegenheit gegeben werden, die Befähigung zur Erteilung von Schwimmunterricht nach- zuweisen. Die Prüfungskommissionen sollen zu diesem Zwecke durch Frauen ergänzt werden. Die praktische Prüfung der Bewerberinnen im Schwimmen und in den dazu gehörigen Fertigkeiten soll nur von weiblichen Mitgliedern der Kommission vorgenommen werden. In der praktischen Prüfung sollen für die Fertigkeiten und Eigenschaften, welche für das Retten im Wasser Verunglückter und ihre Behandlung bis zur Ankunft eines Arztes notwendig sind, an die Schwimm- lehrerinsen nicht weniger strenge Anforderungen gestellt werden als an die männlichen Schwimmlehrer.
Ausland.
— Zum Stande der deutsch-französischen Unter- Handlungen berichtet die Pariser „Agence Havas": „Die Unterredung Rouviers mit dem deutschen Botschafter Fürsten Radolin erstreckte sich auf die endgültige Form, die den Mitteilungen gegeben werden soll, welche zu der Zeit ausgetauscht werden, wo Frankreich den Beitritt zur marokkanischen Konferenz vollziehen wird. In offiziellen Kreisen wird erklärt, daß wiederum ein Schritt mehr zum Einvernehmen gemacht sei; es bleibe nur übrig, den endgültigen Wortlaut der Schriftstücke festzustellen, die das Ueber« einkommen festzusetzen, dessen Grundzüge jetzt schon endgültig festgelegt sind."—Im französischen Ministerrate machte Ministerpräsident Rouvier Mitteilung über den Stand der Verhandlungen mit Deutschland bezüglich Marokkos. Er äußerte, alles berechtigte zu der Hoffnung, daß ein endgültiges Uebereinkommen in kurzer Frist zustande kommen werde.
Der kleine Doktor.
Roman von W. Sartory. 32
Retlow begleitete Tante Gertrud und Irma bis an das Portal.
Irma sprach kein Wort, aber Dr. Retlow fühlte, daß sie ihm eher feindlich wie freundlich gesinnt war. Schweigend ging sie an Tante Gertruds Seite durch den Kreuz- gang. Auf ihrem Zimmer angekommen, ließ sie sich matt auf einen Stuhl fallen.
Besorgt beugte sich Tante Gertrud über den schwarzen Lockenkopf und zog ihn mütterlich an ihre Brust. Zärt- lich strich sie die krausen Löckchen aus der Stirn. „Traure nicht um ihn, er war nicht Deiner Liebe wert," flüsterte sie tröstend.
Irma hob den Kopf und sah ihre Tante eigentümlich an. „Ich glaube nicht, daß es Liebe war, was ich für ihn fühlte," flüsterte sie beschämt.
„Desto besser für Dich."
„So ganz plötzlich wurde es mir bewußt," fuhr Jrnia leise fort. „Oder kann die Liebe sich so schnell wenden?"
„Nein, Irma! Wenn Du ihn liebtest, Du würdest ihn flicht so schnell preisgegeben haben. Du hast Dich von Dei- nem Gefühl täuschen lassen."
Jrnia blickte wie träumend zum Fenster hinaus. Schon begann die Dunkelheit wie ein Mantel sich über die Natur zu breiten. Plötzlich aber fuhr sie erregt aus ihrer Träumerei auf. Zornig ballte sie die kleinen Hände. „Ein hinterlistiger Mensch, dieser Doktor," kam es dann er- regt über ihre Lippen.
„Sprichst Du von Doktor Retlow?"
„Ja, von ihm, dem Heimtückischen."
„Wir sollten ihm dankbar sein," meinte Tante Gertrud. „Er war es doch, der Dich schon früher vor dem Baron warnte. Jedenfalls wußte er um dessen Vergangenheit."
„Entweder hätte er uns alles sagen sollen, oder er sollte seine Warnungen für sich behalten. Er ist schuld, daß ich
mit dem Baron mehr verkehrte. Er hat mich gereizt, ich glaubte, er wollte ihn nur in meinen Augen herabsetzen."
„Sei ruhig, Irma," bat Tante Gertrud. „Vielleicht hat Doktor Retlow Gründe gehabt, die ihn zwangen, zu schweigen."
„Dann hätte er mich nicht warnen sollen. Ich bleibe dabei, daß er an allem schuld ist." Matt ließ sie sich wie- der in den Stuhl zurückfallen und halb verzweifelt kam es über ihre Lippen: „Wir können ja jetzt nicht mehr hier bleiben, wir müssen weg. Wir sind ja im höchsten Grade kompromittiert. Mit Fingern werden die Leute auf mich zeigen; ich darf mich ja nicht mehr sehen lassen!" Und plötzlich fing sie bitterlich an zu schluchzen.
Tante Gertrud hatte sich neben sie gesetzt und hielt ihre Hand fest. „Sei still, Irma," versuchte sie die Weinende zu trösten. „Ich glaube nicht, daß man uns etwas nachtragen wird."
„Doch, doch! Man wird eS tun. Ich war ja so unvorsichtig, mich so oft allein mit ihm zu zeigen."
* ♦
*
Dr. Retlow war in den Park gegangen. Er mußte allein sein mit seinen Gedanken.
Nur gedämpft drang von der Terrasse aus die Musik herüber. Die Gesellschaft hatte sich dort durch den Vorfall sehr gelichtet, aber das Konzert nahm doch seinen Fortgang.
Retlow ging zuerst den Parkweg hinauf und dann an dem Bach entlang wieder zurück. Still war es im Park. Die Blätter der Bäume rauschten leise vom Abeudwind bewegt, hier und da noch ein einsamer Sänger in den Wipfeln, der sein Abendlied der bleichen Mondsichel ent« gegenschickte. Zwischen den Bäumen hindurch huschten gespenstisch Fledermäuse. Hier und da fiel schon ein früh verwelktes Blatt flatternd auf den Rasenboden nieder.
Am Fischweiher blieb Retlow stehen und sah träumend auf die goldig leuchtenden Fische, die sich behend und flink in demklaren Wasser bewegten. Der murmelnde Bach sang
sein monotones Liebchen dazu, indem er sprudelnd in den Teich sprang.
Eine Zeitlang sah Retlow dem munteren Treiben bei Fische zu, dann wandte er sich nach der Grotte. ES war schon ziemlich dunkel, als er Schritte hinter derselben vernahm. Gespannt lauschte er. Wer konnte eS sein, der so spät noch die Einsamkeit suchte? Ob eS am Ende Irma war?
Der leichte Schritt kam näher; jetzt hielt er still und dann klang der Ton wieder zu ihm. Eine schlanke Mädchengestalt erschien in dem Eingang.
Retlow erhob sich überrascht. „Fräulein Borgau?"
„Herr Doktor!" kam es ihm verwirrt entgegen.
Ein wehmütiger Zug legte sich auf Retlow» Gesicht. Das arme Mädchen war zu bedauern.
„Haben Sie den Baron von Stotzler nicht gesehen, Herr Doktor?" fragte Emma Borgau mit etwa» unsicherer Stimme. Was brauchte sie vor ihm zu verheimlichen, was sie hier suchte, er wußte eS doch.
Retlow bedachte sich einen Augenblick. WaS sollte et ihr sagen? Die Wahrheit? „Ich glaube, Sie werden vergebens auf ihn warten," entgegnete er etwa» zögernd.
Emma Borgau schaute ihn verwundert und erschreckt an.
„Warum glauben Sie da», Herr Doktor?"
Retlow trat auf sie zu. „Fassen Sie sich, Fräulein Bor- gau. W,e schwer eS mir wird, Ihnen die Wahrheit au sagen!" 8
„Herr Doktor?" Mit weit aufgerissenen erschrecktes Augen starrte sie ihn an. „Ist er fort?"
„Fräulein Borgau, der Mann hat un» alle betrogen. Er ist gar kein Baron von Stotzler, sondern ein . ent. flohener Bankdirektor von Rottling, der von der Polizei steckbrieflich verfolgt wurde. Heute wurde er verhaftet."
Kein Ton drang über Emmas fest geschlossene Lippen. Wie zu einer Säule erstarrt stand sie da, die Augen gläsern. Aus ihrem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen. Da, endlich schien wieder Leben in sie zurückzukommen, wie ein dumpfer, qualvoller Laut kam eS au» ihrer Brust, dann wandte sie sich ab und lief wie gehetzt davon. 112,1$