SchlüchternerZeUm g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,
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Bn^Aa«£a*8-a finden in der Schlüchterner IlldCI M Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Durch das Hinscheiden des prakt. Arztes Königlichen ^nitätsrats
Herrn Dr. med. Manns
M Schlächtern hat der Kreis Schlächtern einen schweren Verlust erlitten.
Seine rastlose, umfangreiche Tätigkeit, seine hervorragende ärztliche Begabung, sein Wohlwollen für die Kranken, die sich seiner Fürsorge anvertrauten, sichern ihm in den Herzen der Kreisinsassen ein dauerndes Andenken. Insbesondere ist ihm auch die Kreisverwaltung, der er seit langen Jahren als Arzt der Krankenkasse, als Jmpfarzt und als Sachverständiger der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft seine Dienste zur Verfügung gestellt hatte, zu tiefem Dank verpflichtet.
Mit ihm schied aus unserer Mitte ein Ehrenmann.
Schlächtern, 4. Juli 1905.
Der Königliche Landrat;
J. V. Berta.
Deutsches Deich.
-- In Kolding unternahm der Kaiser am 6. Juli einen Spaziergang. Die Hohenzollern und die Begleitschiffe lichteten um 11 Uhr die Anker und fuhren südwärts.
Samstag, den 8. Juli 1905.
— Am Sonnabend ist der Schluß des preußischen Landtages erfolgt. Das Herrenhaus hatte nur noch Rechnungssachen zu erledigen. Den Dank an den Präsidenten stattete Reichsbankpräsident Dr. Koch ab Der Präsident schloß mit einem Hoch auf den König. — Das Abgeordnetenhaus beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit der Interpellation der Abgg. Dr. Friedberg (nl.) und Frhr. v. Zedlitz (frk.) betr. die geplante Reform der Personen- und Gepäcktarife. Minister von Budde legte in längerer Rede die Grundsätze der Reform vor. Danach sollen die Sonntags- karten und Feriensonderzüge bestehen bleiben. Insbesondere suchte der Minister die Aufhebung des Freigepäcks und den Zuschlag für Schnellzüge zu rechtfertigen. Ohne diese beiden Konzessionen würde der Einnahme- ausfall so groß sein, daß die ganze Reform scheitern würde. Der Minister wies ferner die in der Presse erhobene Befürchtung zurück, daß 88 v. H. aller Reisenden teurer fahren würden, und erklärte, daß nach seinen Berechnung 80 v. H. der Reisenden zu den gleichen Preisen wie bisher, 12 v. H. zu ermäßigten Preisen und 8 v. H. unter Umständen etwas teurer fahren würden. Der Minister ging ausführlich auf alle einzelnen Reformschläge ein, verwahrte schließlich bte Eisenbahnverwaltung gegen den Vorwurf der Plusmacherei und des Bureaukratismus und rühmte die Vorzüge der Reform, die vor allem eine einheitliche Gestaltung der Tarife herbeiführen würde. Abg. Dr. Wiemer (frs. Vp.) gab der Hoffnung Ausdruck, daß es dem Minister gelingen werde, die Reform auch ohne Erschwerung und Verteuerung des Verkehrs durchzuführen. Die Abgg. Gamp (freik.), Graf Praschma (Z.) und Frhr. von Ersfa (kons.) stimmten den vom Minister dargelegten Grundsätzen zu, auch Abg. Münsterberg <freif. Vg.) erklärte sich im wesentlichen mit der Reform einverstanden. Der Abg. Dr. Friedberg (natl.) erklärte es noch als zweifelhaft, ob die Nationalliberalen für eine derartige Reform stimmen würden. Nach der Beratung der Interpellation wurden noch einige Petitionen erledigt. Mit dem üblichen Dreimaligen Hoch auf den König wurde die letzte Sitzung der Session geschlossen. — In der gemeinsamen Schlußsitzung der beiden Häuser des Landtages verlas Ministerpräsident Fürst Bülow die königliche Botschaft und erklärte die Sitzungen des Landtages für geschlossen. Das Hoch auf den König brächte der Präsident des Herrenhauses aus.
— Ein politisches Ereignis brächte noch der letzte Tag der abgelaufenen Landtagssession: der langjährige
56. Jahrgang.
konservative Fraktionschef Graf Limburg-Stirum hat sein Mandat zum Abgeordnetenhause ohne Angabe von Gründen niedergelegt.
— Die diesjährige Generalversammlung des Deutschen Vereins für Volkshygiene am 7., 8. und 9. Juli in München wird nicht ohne Interesse für die Landwirtschaft sein, da die Vermehrung des Obst- und Gemüsebaues ein Hauptthema darstellen wird. Es wird außerdem unter anderm durch Herrn Obermedizinalrat Professor Dr. Gruber auch die Wohnungsfrage eingehender Besprechung unterzogen werden, so daß die Arbeiten dieser Tagung für die Allgemeinheit von großer Bedeutung sind.
— Eine Warnung an die Fleischbeschauer wird in letzter Zeit mehrfach festgestellt oder doch der dringende Verdacht ausgesprochen worden, daß amtliche Fleischbeschaustempel von unbefugten Personen dazu benutzt worden sind, um Fleisch von nicht untersuchten Tieren, namentlich Von solchen, bei denen eine Beanstandung zu befürchten war, abzustempeln und demnächst in den Verkehr zu bringen. Dieser Mißbrauch ist meist dadurch ermöglicht oder begünstigt worden, daß die Fleischbeschauer die amtlichen Stempel nicht sicher genug aufbewahrt oder während des Gebrauches nicht genügend unter Obhut gehalten oder gar fahrlässigerweise dritten Personen ohne Aufsicht zum Zwecke der Stempelung untersuchter Tiere überlassen haben. Derartige Nachlässigkeiten bezeichnet der Minister als grobe Pflichtverletzungen und ersucht die Aufsichtsbehörde, sämtlichen bei der amtlichen Schlachtvieh- und Fleischbeschau, einschließlich der Trichinenschau tätigen Sachverständigen eine sorgfältige und sichere Aufbewahrung sowie während des Gebrauchs eine ununterbrochene Beaufsichtigung der ihnen anvertrauten amtlichen Beschaustempel zur Pflicht zu machen. Verletzungen dieser Pflicht würden, wie dies tatsächlich in einem Falle bereits angeordnet ist, den Verlust des Amtes als Fleischbeschauer oder Trichinenschauer für den Schuldigen zur Folge haben müssen.
Ausland.
— Der Berliner Spezialkorrespondent des Pariser „Malin" will ermächtigt sein, folgende ihm schriftlich zugegangene Erklärung des Reichskanzlers Fürsten Bülow zur Marokkofrage zu veröffentlichen: „Ich will niemand, wer es immer sei, Auskunft oder Andeutungen, betreffend den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen, liefern, über welche ausschließlich die Vertreter der beiden Regierungen unterrichtet sein dürfen. Jmmer-
Der Kleine Doktor.
Roman von W. Sartory. 31
Dr. Retlow stand auf, als die Damen auf seinen Tisch zukamen.
„Gestatten Sie, Herr Doktor, daß wir bei Ihnen Platz nehmen?" fragte Tante Gertrud.
„Wie können Sie fragen," beeilte sich Retlow zu erwidern und schob dienstbereit zwei Stühle zurecht. Dabei streifte ein mitleidiger Blick Irmas Gesichtchen. Ob sie ahnte, was vorgefallen war?
Kaum hatten die Damen Platz genommen, so ertönte au» dem Hause ein Schuß.
Retlow schnellte von seinem Sitze auf. Tante Gertrud wurde bleich und Irma schien plötzlich den Atem anzuhalten.
„Bleiben Sie, bitte," flüsterte der Doktor hastig. „Ich will selbst nachsehen, was vorgefallen ist."
Während Retlow wegeilte herrschte auf der Terrasse der reinste Aufruhr. Einige Herren eilten mit Retlow dem Hause zu und verschwanden darin.
Retlow war sofort nach der Seite de» Hauses geeilt, in der des Barons Zimmer lagen. Er versuchte die Tür aufzumachen, aber sie war verschlossen.
„Wer ist da?" erschollKrummbaums Stimme von innen.
„Ich bin's, mach auf!"
Die Tür wurde von innen aufgeschlossen, Krummbaum öffnete und flüsterte hastig: „Du hast den Schuß gehört? Beruhige die Leute, es ist nichts passiert. Er wollte sich erschießen."
Die Tür wurde wieder zugemacht.
Retlow teilte den übrigen Herren, die sich mittlerweile angesammelt, das mit, und kehrte nach der Terrasse zurück.
Tante Gertrud sah ihn fragend an, während Irmas Blick fast flehend an seinem Antlitz hing. Wie ein scharfer Stich ging ihm das ins Herz.
„Es ist nichts geschehen," erklärte Retlow und nahm seinen Platz wieder ein.
„Herr Doktor, Sie waren doch hier draußen, was ist denn eigentlich vorgefallen?" fragte Tante Gertrud.
„Der Baron von Stotzler ist verhaftet worden."
„Ah!!" Der Ausruf kam über Irmas Lippen. Bleich sank sie in die Lehne des Stnhles zurück.
„Irma! Um Gottes willen, was ist Dir?" Besorgt beugte Tante Gertrud sich über ihren Liebling.
„O, nichts!" stammelte Irma und suchte sich zu fassen. Einen Moment schloß sie die Augen, dann richtete sie sich energisch auf. „Ich muß wissen, was geschehen ist, es kann nur ein Irrtum sein. Wer hat es denn gewagt, den Baron zu verhaften?" Irma sah den kleinen Doktor fast herausfordernd an.
„Bleiben Sie nur, Fräulein Irma. Ihm wird eS peinlich sein, Sie jetzt zu sehen."
„Ich muß wissen, was er getan haben soll. Der Baron von Stotzler ist doch kein Verbrecher, daß man ihn so behandelt." Irma sprach so aufgeregt und laut, daß ihre Worte auch an den anderen Tischen gehört wurden.
Einige Herren, darunter auch Herr von Ahlen, kamen herzu und stimmten ihr bei.
„Wir müssen den Mann sprechen, der die Dreistigkeit besessen hat, einen Ehrenmann, wie den Baron, mitten au» der Gesellschaft zu reißen," sprach er erregt.
Retlow stand ruhig auf. „Gedulden Sie sich einen Augenblick, meine Herren, ich werde den Geheimpolizisten rufen."
Ohne auf eine Entgegnung zu warten, entfernte er sich. Es dauerte nicht lange, so kam er mit Krummbaum zurück.
„Regen Sie sich nicht unnötig auf, meine Herren," sagte Krummbaum ruhig, indem er seine Legitimation her- vorzog. „Ich bin Ihnen zwar keine Rechenschaft über mein Tun schuldig, will Ihnen aber nichtsdestoweniger Erklärung geben. Der Herr, den ich soeben verhaftete, ist nicht etwa, wie er angegeben, ein Baron von Stotzler, sondern er ist ein entflohener Bankdirektor Namens Max von Rottling." Krummbaum machte eine Pause, wie um
die Wirkung seiner Worte zu beobachten, die so ziemlich auf alle die gleiche Wirkung hervorbrachten.
Man war ganz paff! Und selbst Irma von Hochheim fühlte nichts anderes in diesem Moment, al» daß sie von einem Schwindler hintergangen worden war.
„Eine Täuschung in der Person liegt nicht vor," fuhr Krummbaum fort. „Ich habe selbst den vermeintlichen Baron wochenlang beobachtet und, trotzdem ich sofort Berdacht auf ihn hatte, mit der Verhaftung bis heute gezögert. Ich wartete eben, bis ich greifbare Beweise in Händen hatte. Sind Sie zufrieden mit dieser Erklärung, mein« Herren?"
„Sie müssen entschuldigen," entgegnete Herr von Ahlen, „wir waren eben zu verblüfft."
„O bitte, ich kann mich in Ihre Lage wohl denken," antwortete Krummbaum.
„Sie sind mit Herrn Retlow bekannt?" fragte von Ahlen.
„Wir kennen unB von Jugend auf."
„So hat er wohl von Ihrem Verdacht gewußt?"
„Er wußte es."
„Auch, daßSie beauftragt waren, ihn zu verhaften ?"
„Verzeihen Sie, darüber kann ich Ihnen nichts sagen."
„Ah, ich verstehe. Entschuldigen Sie, aber für mich ist die Sache von großer Wichtigkeit." Damit trat er zu Dr. Retlow, der sich mit Tante Gertrud und Irma eben entfernen wollte. „Einen Augenblick, Herr Doktor."
„Sie wünschen, Herr von Ahlen?"
„Ich möchte Sie bitten, das zu vergessen, wa» zwischen un» vorgefallen ist. Ich konnte ja keine Ahnung ha- ben, daß Sie den Baron, oder was er sonst ist, befserkann- ten, als ich. Ich hielt ihn für einen Ehrenmann." 112,18
Doktor Retlow nahm die Hand und bemerkte lächelnd: „Ich wußte allerdings, daß der Baron kein Ehrenmann war, aber auch wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte ich das Duell nicht angenommen, aus Prinzip nicht! Allerdings wäre ich auch, wenn der Baron ein Ehrenmann war, nicht in die Lage gekommen, ihn zurechtzuweiseu."