SchlüchtemrMtun g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Mittwoch, den 5. Juli 1905.
56. Jahrgang.
Fortwährend
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finden in der Schlüchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Deich.
— Der Kaiser wird Ende August dem Truppenübungsplatz Weißenburg in der Provinz Posen einen ^ mehrtägigen Besuch abstatten. Aus diesem Anlässe werden daselbst schon umfangreiche Vorbereitungen getroffen. • Der Monarch wird in dem in der Nähe befindlichen ehemaligen herrschaftlichen Schlosse Aufenthalt nehmen, während für das Gefolge und die Dienerschaft Baracken und ähnliche Baulichkeiten errichtet werden.
— Am vorigen Dienstag ist das preußische Herrenhaus wieder zusammengetreten. Es wurden einige Petitionen erledigt, von denen nur die der rheinisch- westfälischen Gefängnisgesellschaft in Düsseldorf um gesetzliche Regelung der Fürsorge-Einrichtungen für Wanderarme von Bedeutung ist. Im Sinne der Petenten beschloß daß Haus, die Regierung zu ersuchen, dem Landtage einen Gesetzentwurf vorzulegen, duM welchen die Fürsorge für arbeitsuchende mittellose Wanderer mittels Errichtung von Wanderarbeitsstmie» in Verbindung mit Arbeitsnachweisen geregelt wird, — i jedoch nur für diejenigen Provinzen, deren Vertretungen dies beschließen. — In der Mittwochsitzung wurde zunächst die Bergarbeiterschutz-Novelle unter Ablehnung aller Abänderungsanträge nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses mit groser Mehrheit angenommen. Gegen die Vorlage sprachen außer dem Grafen Tiele- Winkler nur Oberbürgermeister Schmieding-Dortmund. Minister Möller befürwortete in längerer Rede noch , einmal die Vorlage. Auch Fürst Bülow griff in die Debatte ein. Er führte aus, der Gesetzentwurf sei vom Abgeordnetenhause so gestaltet worden, daß die Staatsregierung noch damit einverstanden sein könne, eine weitere Abschwäckung würde das Scheitern der
Vorlage bedeuten. Ferner wurde eine Resolution v. Burgsdorff angenommen, in welcher die Regierung um gesetzliche Maßnahmen gegen den Kontraktbcu.ch der Arbeiter und zum Schutze der Arbeitswilligen ersucht wird. Der Gesetzentwurf, betr. die Stillegung der Zechen, wurde vom Minister Möller zurückgezogen mit Rücksicht darauf, daß die Kommission die Bestimmung über den Zwangsbetrieb gestrichen hat. Der Gesetzentwurf, betreffend zeitweises Mutungsverbot, wurde nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses angenommen. — Am Freitag wurde eine kleine Sitzung abgehalten in der nur Petitionen erledigt wurden.
— Im preußischen Abgeordnetenhause wurde am Freitag zunächst der Gesetzentwurf betr. die Gebühren der Medizinalbeamten beraten. Die Vertreter des Zentrums und der Konservativen erklärten, dem Gesetzentwürfe nicht zustimmen zu können, da die Gefahr vorläge, daß die kleinen Gemeinden zu sehr durch das Gesetz belastet werden würden. Kultusminister Studt erklärte, die Regierung sei überrascht über die Stellungnahme der Mehrheitsparteien, um so mehr, da die Kommission den Gesetzentwurf einstimmig angenommen habe. Auf Antrag des Zentrumsabgeordneten Herold wurde der Gegenstand von der Tagesordnung abgesetzt. Das Ausführungsgesetz zum Reichsseuchengesetz wurde ohne Debatte nach den Beschlüssen des Herrenhauses angenommen, ebenso der Gesetzentwurf betreffend Verhütung von Hochwassergefahren. Der Antrag des nationalliberalen Abg. Engelsmann, betreffend die Ueberwachung von Nahrungs- und Genußmitteln, insbesondere von Wein, wurde in der von der Kommission beschlossenen Fassung angenommen, worin die Regierung ersucht wird, im Bundesrat dahin zu wirken, daß durch gesetzliche Vorschriften die Ueberwachung des Verkehrs mit Nahrungs- und Genußmitteln nach einheitlichen Grundsätzen und durch Bestellung besonderer Landesbeamten im Hauptamt geregelt wird. Ein Regierungskommissar erklärte, daß ein Entwurf über die einheitliche reichsgesetzliche Regelung der Nahrungsmittel-Kontrolle bereits ausgearbeitet sei, daß aber noch umfangreiche Erhebungen über den gegenwärtigen Stand der landesgesetzlichen Nahrungsmittel-Kontrolle notwendig geworden und noch nicht abgeschlossen seien. Hierauf wurde noch eine Reihe von Petitionen erledigt.
— Zu seiner diesjährigen Sommersitzung ist der Kolonialrat im Auswärtigen Amte unter dem Vorsitze des Kolonialdirektors Dr. Stuebel zusammengetreten Der Vorsitzende begrüßte die beiden neuernannten Mit
glieder, Wirkt. Geh. Oberbergrat Eskens und Rittmeister a. D. Bugge, und bedauerte, daß zwei um den Kolonialrat hochverdiente Mitglieder, Freiherr v. Richt- Höfen und Se. Durchlaucht Fürst v. Wied die Wiederwahl nicht angenommen hätten. Dem verstorbenen Gouverneur z. D. H. v. Wissmann widmete er einen warmen Nachruf. Hierauf wurde in die Verhandlungen eingetreten.
— In München ist die Große Ausstellung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in Gegenwart des Prinz-Regenten, sämtlicher Prinzen und Prinzessinnen des bayerischen Königshauses, des diplomatischen Korps, der Minister und zahlreicher Landwirte feierlich eröffnet worden. Anwesend waren auch der preußische Landwirtschaftsminister v. Podbielski mit dem Wirkl. Geh. Ober-Regierungsrat Thiel. Prinz Ludwig von Bayern eröffnete die Ausstellung mit einer längeren Rede, in der er des allgemeinen Interesses gemachte, welches sowohl der Prinz-Regent wie der Kaiser der Landwirtschaft stets entgegenbringen und schloß mit einem Hoch auf den Prinz-Regenten und den Kaiser.
— In den Ausführungsbestimmungen zu der neuen Ordnung über die Verhältnisse 'der anstellungs- fähigen Kandidaten für das höhere Schulamt, die der Kultusminister an die Provinzial-Schulkollegien ergehen läßt, behält er sich vor, die Kandidatenliste im Falle der Ueberfüllung für einzelne Provinzen und Fächer zeitweise zu schließen. Die Prüfung der Frage, ob die Erhaltung einer Privatschule im staatlichen Interesse liegt, bleibt der Zentralinstanz Vorbehalten.
— In Sachen der Sonderzüge mit ermäßigten Fahrpreisen hat der Eisenbahnminister dem Vorsitzenden des Riesengebirgsvereins Hauptvorstand aus dessen Eingabe folgende Antwort zukomn.en lassen: „Ew. Hochwohlgeboren glaube ich in Erwiderung auf die gefällige Zuschrift vom 21. d. M. die Versicherung geben zu können, daß von den in Aussicht genommenen Reformen der Personen- und Gepäcktarife eine Schädigung, Erschwerung oder Verminderung des Reiseverkehrs nach dem schlesischen jGebirge in keiner Weise zu befürchten ist. Insbesondere bestand nie die Absicht, die Feriensonderzüge und die Sonntagskarten aufzuheben oder alle Schnellzüge mit einem Zuschlag zu belegen. Ew. Hochwohlgeboren stelle ich ergebenst anheim, den Mitunterzeichneten Ihres Schreibens hiervon Kenntnis zu geben."
— Der Begründer und Anwalt der deutschen Ge- Werkvereine Dr. Max Hirsch ist int Alter von fast 73.
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Der Meine Doktor.
Roman von W. Sartory. 30
Auch jetzt stand er wieder auf, ging zwischen den Tischen einher und kam mit enttäuschter Miene zurück. „Ob der Mensch Lunte gerochen hat?" murmelte er ärgerlich vor sich hin.
„Was meinst Du?" fragte Retlow zerstreut.
„O nichts," entgegneteKrummbaum. „Ich glaube, ich habe etwas laut gedacht." Damit setzte er sein GlaS an und trank es mit einem Zuge leer.
Krummbaum hatte sich jetzt so gesetzt, daß er den AuS- gang des Kurhauses im Auge hatte. Plötzlich zuckte er zusammen und wie ein freudiges Aufleuchten ging eS über seine Züge.
In der Ausgangstür war der Baron erschienen. Er blieb einen Augenblick stehen, wobei sein Blick suchend über die Terrasse glitt, dann kam er herüber.
Ob er Dr. Retlow gesehen hatte? Sein Weg führte »uf den Tisch zu, an dem dieser mit Krummbaum saß. Petlow mußte unwillkürlich den Ankommenden ansehen.
Stotzler warf ihm einen verächtlichen Blick zu und 118 er dicht an ihm vorbeischritt, flüsterte er verächtlich: „Sie Feigling!"
Immerhin war e» so laut gesprochen, daß e» die an dem Nebentische sitzenden Herren hörten und sich jetzt nach den beiden Freunden umsahen.
Krummbaum blickte Retlow etwa» verdutzt an. „War da» für Dich bestimmt?"
„Ich glaube," entgegnete Retlow gleichgültig.
„Und dabei bist Du so ruhig?"
„Was soll ich denn machen?"
„Wenn er mich gemeint hätte, weißt Du, waS ich dann machen würde?"
„Nun?"
„Ich wartete bis er sich gesetzt hätte. Dann ging ich zu ihm hin, und stellte mich ihm in aller Form handschrift
lich vor." Krummbaum machte dabei eine bezeichnende Handbewegung.
Dr. Retlow lächelte. „Ich bin nicht so hitzig und ein Mensch wie Baron von Stotzler kann mich nicht beleidigen."
„Damit magst Du recht haben. Sieh' mal, wie dieser Kerl so höhnisch herübergrinst!" Krummbaum stand auf, knüpfte den langen Gehrock fest zu, nahm dann das Angst- röhr in die Hand und machte alle Anstalten, Retlow zu verlassen.
Dieser sah seinem Gebühren verwundert zu.
Krummbaum zog jetzt bedächtig mit etwas nachdenklicher Langsamkeit die schwarzen Glaces an.
„Willst Du denn schon gehen?" fragte Retlow endlich verwundert.
Krummbaum bedachte sich einen Augenblick, dann ant- wartete er: „Ich habe etwas Wichtiges vor. Na, einen Augenblick gebe ich ihm noch."
„Wen meinst Du?"
„Den Baron von Stotzler."
„Du willst doch nicht etwa?" fuhr Retlow auf.
„Meinst Du von wegen dem Klapps? Da beruhige Dich nur. Er bekommt einen, aber anders Ich kann ihm nicht helfen."
Eben kam Tante Gertrud und Irma aus die Terrasse
Als Krummbaum sie sah, sprang er fast erschrocken auf „Donnerwetter! Jetzt wird's Zeit." Er stülpte den Zy- linder auf den Kopf und ging auf den Tisch zu, tno Baron von Stotzler eben beim Erblicken der beiden Damen sich erhoben Hptty.
Retlow wußte gar nicht, was Krummbaum im Sinne hatte.
Jetzt war dieser hinter dem Baron angelangt. Er be- rührte mit der Hand leicht dessen Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Dr Retlow konnte deutlich sehen, wie der Baron von Stotzler zusammenzuckte, als hätte er einen unvermuteten Schlag erhalten Sein Gesicht war bleich wie der Tod Dann zuckte seine Hand nach der hinteren Tasche.
Krummbaum aber hatte ihn beobachtet. Ein Griff und er hielt ihm die Hände fest
Herr von Ahlen, der an einem Nebentisch gesessen hatte, sprang auf und fuhr Krummbaum an
„Bitte'.Mein Name istKrummbaum, Geheimpolizist," sagte er kalt.
In der nächsten Nachbarschaft hatte man bal verstau- den Nun gab's eine kleine Verwirrung.
„Gehen Sie mit, Herr von Rottling," sagte der Beamte leise zu seinem Gefangenen „Aber versuchen Sie nicht, mir durchzubrennen, oder sonst etwa»!"
Der Baron, oder von Rottling, setzte sich mechanisch in Bewegung.
„Herr Baron?" rief Irma ihm zu. Sie glaubte, « wollte ihr entgegenkommen
Der Baron war sprachlos. Der Schlag war zu unver- hofft gekommen, er war ihm, als ob eine Lähmung feine ganzen Glieder befallen.
„Entschnldigen die Damen," entgegnete statt seiner Krummbaum. „Ich habe mit dem Herrn etwas Wichtiges zu reden."
Wie ein Betrunkener wankte der Baron auf da» Vor- tal zu.
Irma war verblüfft stehen geblieben, da mußte etwas Unerwartetes, etwas Außergewöhnliche» geschehen sein. Ein Angstgefühl beklemmte ihre Brust, am liebsten hätt« sie sich umgewandt, um in das HauS zurückzukehren War es Täuschung oder Wahrheit? Schauten sie nicht die Leut« alle an? Die einen mit mitleidigem Ausdruck, die andern nur mit neugierigen Gesichtern.
Auch Tante Gertrud fühlte das. Die alte Dame wußt« sich gar nicht zu helfen Fast ängstlich blickte sie über di« Menschen hin, war denn niemand da, zu dem sie flüchten konnte. Da entdeckte sie den kleinen Doktor.
„Komm," flüsterte sie Irma zu, die wie im Traum da- stand.
Irma ließ sich geduldig mitziehen. 11238