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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 52. Samstag, den 1. Juli 1905. 56. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
SchUichterurr Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Pvstanstalten, Landbriefträgern sewie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner
Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Bekanntmachung betreffend die Haftpflichtversicherungsanstalt der Hessen- Nassauischen landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft.
Gemäß § 50 Absatz 2 der Satzungen der Haftpflichtversicherungsanstalt der Hessen-Nassauischen landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft bringe ich hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß diese Anstalt mit Genehmigung des Neichs-Persicherungsamtes am 1. Juli d- I. eröffnet wird,
Ich bemerke dabei, daß die Beteiligung der Landwirte unseres Bezirks an dieser gemeinnützigen Einrichtung eine außerordentlich erfreuliche ist. Nach den Bestimmungen der Satzungen war die Eröffnung der Anstalt davon abhängig gemacht, daß 1500 Betriebs- Unternehmer mit einem Arbeitsbedarf von l Million Arbeitstagen ihren Beitritt erklärten, Diese Zahlen sind in überraschender Weise überholt worden: in dem kurzen Zeitraum von 3 Monaten haben 7500 Be- triebsunlernehmer mit einem Arbeitsbedarf von über 3.600.000 Arbeitstagen ihren Beitritt erklärt.
Unter Wesen Umständen ist auf eine gedeihliche Entwickelung der Anstalt mit Zuversicht zu rechnen. Diese Entwickelung wird um so günstiger sein, je mehr Mitglieder auch in Zukunft ihren Beitritt erklären. Es ergeht daher hiermit erneut die Aufforderung zu Weiterer zahlreicher Beteiligung,
Beitrittserklärungen sind an den unterzeichneten Landeshauptmann der Provinz Hessen-Nassau zu Cassel zu richten. Es empfiehlt sich, zu diesem Zwecke eine Postkarte mit folgender Erklärung zu benutzen: „Ich erkläre hiermit meinen Beitritt zur Haftpflicht- Versicherungs-Anstalt der Hessen-Nassauischen landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft. Mit den Satzungen der Anstalt bin ich bekannt und unterwerfe
mich ihnen. Ein Exemplar derselben bitte ich mir zuzusenden."
Vor- und Zunamen, Ort (Kreis) den . . . 1905.
Wenn sich die Versicherung auch auf Beschädigung durch Schußwaffen erstrecken soll, so ist dies besonders zu beantragen. (§§ 20 24 der Satzungen.)
Cassel, den 23. Juni 1905.
Der Landeshauptmann der Provinz Hessen-Nassau: Riedesel Freiherr zu Eisenbach.
Ueber heu Stand der Marokkofrage
wird berichtet, das Frankreich in seiner Note am vergangenen Mittwoch der deutschen Regierung den Text des französisch-englischen Abkommens mitgeteilt hat. Frankreich besteht aber darauf, daß ihm das vollständige Programm der internationalen Konferenz mitgeteilt wird, welche erst einberufen werden soll. Deutschland dagegen steht auf den Beschlüssen der Madrider Convention, welche von 13 Regierungen unterschrieben und nicht durch ein Sonderabkommen zweier derselben Übergängen werden könnte. Demnach existieren für Deutschland die Sonderabmachungen zwischen Frankreich und Marokko nicht, und die Anerkennung derselben ist für Deutschland ebenso unmöglich als die Mitteilung des Programms einer Konferenz, welche erst einberufen werden soll; ferner steht die deutsche Regierung auf dem Staudtpunkt, daß die Frage als eine internationale Angelegenheit nicht in einem Abkommen mit einem der Vertragsstaaten gelöst werden kann.
Es ist also nach wie vor die Aussicht vorhanden, daß die Angelegenheit auf dem Wege der Verhandlungen bei Verständigung aus der völkerrechtlichen Grundlage ganz gut auf friedlichem Wege erledigt werden kann. In diesem Sinne ist auch die offiziöse Presse der beteiligten Staaten tätig.
Die „Wiener Neue Freie Presse" sagt, es sei klar, daß alle Mächte und Oesterreich-Ungarn besonders die Einführung von Reformen in Marokko willkommen heißen und an der Aufrechterhaltung der Gleichheit aller Staaten ein großes Interesse haben.
Der Berliner Korrespondent des „Standard" berichtet, daß die deutsche Regierung von vornherein eine Regelung der Frage nur mit Zustimmung der Vertragsmächte der Madrider Convention von 1880 möglich findet.
Die erwähnte Mittwoch-Note Frankreichs hat nun, ohne daß von den seitdem in Paris und Berlin ge
pflogenen Verhandlungen bestimmtes verlautet, in Frankreich eine große Erregung hervorgerufen, jedenfalls dadurch, daß man begriffen, was man in derselben eigentlich für eine unerfüllbare Anforderung an Deutschland gestellt hat; diese Aufregung hat sich der Pariser Börse bemächtigt und eine Panik hervorgerufen, die sich im Sinken des Kurses der französischen Rente ausgedrückt hat. Man hat dort schon infolge der Gründlichkeit der Verhandlungen und des Fehlens von Nachrichten einen Schrecken bekommen. In Frankreich ist man eben das Ueberhastete in den Beschlüssen der Regierung gewohnt und das Gefühl, von einem unterschriebenen Vertrage abgegangen zu sein und nun von einem der Beteiligten zur Einhaltung desselben gehalten zu werden, ist besonders für Frankreich ein peinliches.
Ueber die Unterredung des deutschen Reichskanzlers Grafen Bülow mit dem französischen Gesandten Bihourd wird über Paris gemeldet, daß die Unterredung in keiner Weise einen kühlen Charakter trug, auch berechtigte nichts zu der Annahme, daß die diplomatische Besprechung der Angelegenheit nicht einen normalen Fortgang nehme. Es sei möglich, daß Deutschland eine leichte Enttäuschung darüber verspürte, daß Frankreich nicht sofort und ohne Vorbehalt sich mit der internationalen Konferenz einverstanden erklärt habe, aber Frankreich habe keine derartige Unversönlichkeit zur Schau getragen, daß die Besprechungen nicht zum Ziele führen könnten. Frankreich habe oft die Absicht betont, daß die Souveränität des Sultans unangetastet bleiben möge, sodaß darüber kein Zweifel obwalten könne. Frankreich hatte bei der Fortführung der Verhandlungen den lebhaften Wunsch, daß es zu einer Verständigung komme. Wie wir schon betont, herrscht in orankreich auch nach dieser Nachricht dieser Wunsch wirklich vor.
In Lyon erklärte der Sozialistenführer JaurSs in einer Versammlung, daß, wenn England glauben lasse, das englisch-französische Abkommen sei gegen Deutschland gerichtet, dann müsse Frankreich darüber wachen, daß der Sinn des Abkommens nicht entstellt werde. Diesen Sinn des Abkommens resümierte Jaurös in der Erklärung, daß das Abkommen keineswegs gegen Deutschland gerichtet sei. Die Sozialisten wünschten kein Mißverständnis zwischen Deutschland und Frankreich und Redner gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Schwierigkeiten gelöst werden, ohne daß der Stolz der Nation verletzt werde.
Der Kleine Doktor.
Roman von W Sartory. 29
„Herr von Ahlen! Bedenken Sie, daß Sie in meiner Wohnung sind."
„Das heißt so viel als: Sie werden von Ihrem Hansrecht Gebrauch machen?"
„Allerdings, so leid eS mir für Sie tun würde," ent- gegnete Retlow kalt.
Herr von Ahlen, der mindestens einen Kopf größer war, als der kleine Doktor, sah ihn mitleidig lächelnd von oben herab an, dann wandte er sich um und ging ohne Gruß fort.
„Bin doch neugierig, ob man jetzt den Bann über mich verhängen wird," lachte Dr. Retlow still vor sich hin. „Aber was kümmern mich die anderen Menschen, ich habe sie ja nicht nötig."
Am Nachmittag ging Dr. Retlow den Parkweg ent- lang. Um die obere Biegung gehend, bemerkte er plötzlich Tante Gertrud mit Irma vor sich, die langsam denselben Weg gingen.
Der kleine Doktor war bald an ihrer Seite.
Während Tante Gertrud freundlich seinen Gruß erwiderte, hatte Irma nur ein verächtliches Lächeln für ihn.
Dr. Retlow merkte es wohl und es tat ihm in der Seele weh.
Im Laufe der Unterhaltung, an der Irma sich nicht beteiligte, fragte sie plötzlich: „Herr Doktor, ich habe gehört, daß der Herr Baron von Stotzler Sie gefordert hat ?"
Ein verächtliches Zucken ging um Dr. Retlows Mund. „Er hat Ihnen wohl gleichzeitig auch mitgeteilt, daß ich die Forderung rundweg abgeschlagen habe?"
„Ich hab's gehört!"
„Waren Sie etwa erstaunt darüber?"
„Allerdings, Herr Doktor . . sehr."
„Sie meinen, ich hätte die Forderung annehmen müs-
.Ein Mann von Ehre tut. das."
„So halten Sie mich wohl für keinen Ehrenmann?"
Irma zuckte die Achseln und entgegnete nichts.
Tante Gertrud hatte das alles mit Erstaunen angehört. Jetzt endlich schien sie Worte zu finden „WaS ist das? Was soll das heißen?" fragte sie erschrocken.
„Sie haben ja gehört," entgegnete Retlow mit trübem Lächeln. „Man verdammt mich, weil ich ein Duell ausgeschlagen habe."
„Aber um Gottes willen, Herr Doktor, was ist denn passiert?"
„Herr Retlow hat den Baron in meiner Gegenwart beleidigt," warf Irma ein.
„Fräulein Irma, Sie können mich nicht verstanden haben," entgegneteDr. Retlow ernst, „was ich getan habe, geschah in Ihrem Interesse."
„Bitte, Herr Doktor, ich bin kein Kind, das der Beaufsichtigung bedarf. Was ich im übrigen von solchen Per- fönen denke, die so handeln, wie Sie, Herr Doktor, daß hab' ich Ihnen schon bei anderer Gelegenheit gesagt." Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich nach der anderen Seite, als ob sie sagen wollte: „So, nun können Sie gehen!"
Doktor Retlow verstand den Wink, er grüßte kurz und blieb zurück.
Tante Gertrud wollte stehen bleiben, aber Jrnia zog sie mit fort.
Der Zurückgebliebene blickte den beiden Weggehenden wehmütig nach.
Irma hielt ihn für einen Feigling! Wie ihn das schmerzte, wie ihm das in der Seele weh tat. Was hätte ihm an der Meinung der anderen gelegen, wenn gerade sie nur nicht so gering von ihm gedacht hätte.
Als er so ganz in schmerzlichen Gedanken versunken, den Weg zurückging, hörte er seinen Namen rufen
Krummbaum kam ihm entgegen „Aber Freund! rief er. „Schon wieder einmal so tief in Gedanken. Du denkst wohl, die Welt ist nur zum träumen da?"
Retlow nahm die dargereichte Hand des Freundes und
blickte ihn fast traurig an. „Du hast gut reden," meinte ei und versuchte zu lächeln.
„Du siehst mich an, wie ein verwundete» Reh!" lacht« Krummbaum. „Ist da die kleine Irma von Hochheim dran schuld ? Mit der Dame muß ich doch einmal ein energisches Wort reden," fuhr er lachend fort. „Sie macht Dich ja tiefsinnig!" "
Retlow teilte dem Freund den Grund seine» Kummer» mit, als er mit seinem Bericht zu Ende war, pfiff Krumm- baum leise ein Liebchen vor sich hin.
„Tröste Dich, Undank ist der Welt Lohn!" vielleicht wird'S bald ander»."
„Wo warst Du denn die ganze Zeit über ?" fragte Retlow.
„Geheimnis I* lächelte Krummbaum.
♦ ♦
Die Sonne hatte schon so ziemlich ihren Rundgang beendet, die letzten Strahlen fielen auf die Terrasse von dem Kurhaus. Ein angenehmer lauher Wind strich durch die Blätter.
Aus demMusikpavillondrangendieKlänge eine» Strauß- schen Walzers sanft in schmeichelden Akkorden. Fast sämtliche Tische auf der Terrasse waren besetzt.
Dr Retlow saß mit seinem Freund Krummbaum allein an einem kleinen runden Tisch, sie hatten eine Flasche Rü- desheimer vor sich stehen, aber der perlende Wein schien heute die beiden Freunde nicht befriedigen zu können.
Retlow hatte das zierliche Glas schon ein paarmal angesetzt, ohne daß man recht sehen konnte, daß der aol- big gelbe Inhalt sich verringert hätte. Er saß still brütend da und blickte sich nur selten und dann fast mit einer nervösen Unruhe um.
Krummbaum hatte sich gemütlich in den Stuhl zurück- gelehnt und ließ seinen Blick suchend über die Lerrass« schweifen. Aber was er suchte schien er nicht zu finden» schließlich wurde er ganz nervös. Zweimal war er schon ausgestanden um einen Rundgang zu machen. 1121|